Lucem demonstrat umbra - Im Haus des Herrn

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Anderath
Baronie Pandlaril, 1041 BF

Ein halbes Stundenglas später war der Gugelforster wieder beim Tempel angekommen. Pünktlich zur Mittagsandacht. Nun galt es, nachher mit Heliopais ins Gespräch zu kommen. Er war gespannt. Letztlich erwies sich sein Vorhaben als gar nicht so kompliziert, aber das stellte sich natürlich erst nach dem Gottesdienst heraus. Der wiederum fiel unerwartet kurz und knackig aus. Vielleicht, weil die Priesterin ihre Schäfchen nicht überfordern wollte? Der Fürst der Götter hatte einen schweren Stand in den Weidenlanden, da empfahl es sich für einen Geweihten nicht, so aufzutreten, wie es die Brüder und Schwester in Garetien oder den Nordmarken vielleicht taten – nicht einmal in einer der mittnächtlichen Hochburgen.

Trautmann fiel jedenfalls auf, dass Heliopais in einfachen Worten sprach und mit der Geschichte eines Tagesheiligen ein ziemlich allgemeinverständliches und damit wohl volksnahes Thema gewählt hatte. Sie brachte die Parabel mit klarer, ruhiger Stimme vor, während ihr wacher Blick über die Schar der Gläubigen wanderte. Die war nicht besonders groß, denn der Praiosglaube mochte in Anderath ausgeprägter sein als anderswo in den Bärenlanden, unter der Woche hatten die Menschen gleichwohl Besseres zu tun. Das galt sogar für die, die leidenschaftlich an Rondra, Travia und Peraine glaubten, wie viel mehr musste es noch für die gelten, die das mehr pflichtschuldig mit Praios hielten? Der Gott des Adels hatte eben nicht viele anregende Botschaften für einfache Leute.

Gemeinhin jedenfalls. Trautmann stellte fest, dass Heliopais dieses Dilemma geschickt umschiffte und die versammelte Schar in die Pflicht nahm, als sie schließlich bei der Pointe ihrer Geschichte ankam. Danach forderte sie die Leute zum gemeinsamen Beten auf und spendete allen einen Segen. Der Trutzer Ritter nahm – durchaus andächtig – wahr, wie der Altar hinter der Geweihten kurz von güldenem Licht erleuchtet wurde. Dann war das Ganze auch schon wieder vorbei. Trautmann beobachtete, wie die die meisten Besucher sich umgehend trollten, einige aber noch nach vorn gingen, um ein paar Worte mit der Geweihten zu wechseln.

Während sie das taten, überlegte er, wie er sein Anliegen am besten an die Frau herantragen sollte. Durch Zufall sah sie just in diesem Moment in seine Richtung, lächelte kurz und bedeutete ihm mit einer nahezu unmerklichen Geste, auch schon mal näherzutreten. Er stellte sich also an und kam als Letzter an die Reihe. Er schaffte allerdings nicht mehr, als der Hochgeweihten einen ehrfürchtigen Gruß zu entbieten und seinen Namen zu nennen. Mit einem sachten Neigen des Hauptes bedeutete sie ihm, ihr zu folgen und gleich darauf fand er sich in einem kleinen, aber feinen Raum mit Stühlen und einem niedrigen Tischlein wieder.

Heliopais bedeutete ihm, sich zu setzen, wies mit einer beiläufigen Geste auf einen Krug und zwei Becher, die bereitstanden und ließ sich dann ebenfalls nieder.

„Junker Trautmann von Gugelforst zu Lichtwacht aus dem fernen Nordhag“, hob sie dann an, als wäre zwischen eben und jetzt nur ein Atemzug vergangen. „Freut mich, Euch in unseren Hallen willkommen heißen zu dürfen. Da Ihr den Weg hierher auf Euch genommen habt, muss ich wohl davon ausgehen, dass es sich um eine Sache von einiger Wichtigkeit handelt?“

Trautmann lächelte der Geweihten zu. „Habt Dank, dass Ihr mich empfangen habt, Hochwürden.“ Schon hunderte Male hatte sich der Ritter innerlich jene Worte vorgesagt, mit denen er vor Heliopais treten wollte. Doch nun hier angekommen verwarf er diese wieder – mit Folgen. Anstatt ihr nun sein auswendig gelerntes Anliegen vorzutragen, schwieg er. Mehr noch: In seinem Kopf war in diesem Moment nur Leere zu finden. Einzig die Standpauke des Geweihten in Altentrallop hallte in ihm, und die Sorge vor einer weiteren zollte allem Anschein nach ihren Tribut.

Trautmann hatte nie viele Berührungspunkte mit der Kirche des Praios gehabt. Als Sohn einer Tempelvorsteherin der Eidmutter Travia und eines Ritters wurden ihm von klein auf die Gebote Rondras und Travias vermittelt. Auch am Grafenhof der Heldentrutz, wo er ausgebildet worden war und danach einige Jahre Dienst tat, sollte sich das nicht ändern.

„Eure Brüder und Schwestern in Altentrallop haben mich zu Euch geschickt ...“, kam es dann doch über seine Lippen, als die Hochgeweihte ihn aufmunternd anlächelte. Wie lange er davor schwieg, konnte er nicht sagen. Er hoffte lediglich, dass es nicht annähernd so lange war, wie es sich anfühlte. „Es geht um Burg Lichtwacht, die wir vor einiger Zeit befreit haben. Die Gemäuer und die Kapelle waren geschändet und Ihre Gnaden Greifhild Fälklin, die mir die erste Zeit dabei half, den Ort wieder zu einem Haus des Götterfürsten zu machen, bis ... naja …“, der Ritter kaute nervös an seiner Unterlippe. „Mir wurde von mehreren Personen zugetragen, dass sie vielleicht nicht die ... Richtige ... dafür ist. Deshalb führte mich mein Weg zuerst nach Altentrallop und dann eben weiter zu Euch.“

„Greifhild Fälklin?“ Als Heliopais den Namen wiederholte, wirkte sie irgendwie abwesend – den Blick in weite Ferne gerichtet, als müsse sie in ihrem Gedächtnis erst noch nach einem passenden Gesicht und einer passenden Vita kramen. Da war allerdings etwas in ihrer Stimme gewesen, das Trautmann an dieser Einschätzung zweifeln ließ. Er glaubte auch ein leichtes Zucken im rechten Augenlid der Hochgeweihten zu gewahren, das irgendwie verdächtig wirkte.

Gleich wie: Er glaubte nur und wusste nicht. Sollte die Frau etwas Negatives mit dem Namen der Trutzer Priesterin verbinden, dann verstand sie es ziemlich gut, sich davon nichts anmerken zu lassen. Ihre Züge blieben klar und ebenmäßig, als seien sie aus Marmor gemeißelt, und auch das Lächeln schwand nicht von ihren Lippen.

„Nein, nach allem, was Ihr da gerade angedeutet habt, ist sie wahrlich nicht die Richtige, um Euch zu helfen. Es waren allerdings nur Andeutungen. Damit ich begreifen kann, worum es hier geht, müsstest ihr schon präziser werden. Also: Was hates mit dieser Burg auf sich? Wer hat sie geschändet? Und wie? Wann hat sich das abgespielt? Wie seid Ihr darauf aufmerksam geworden und woher wisst Ihr von der Schändung? In welchem Zustand befindet sich der Ort jetzt? Und letztlich: Was ist bisher unternommen worden, um ihn zu reinigen und zu läutern?“

Trautmann verkrampfte abermals. Diese vielen Fragen, und es war ihm jetzt schon bewusst, dass er diese nur unzureichend beantworten können würde. Tief atmete er durch.

„Es ist nun schon fast zwei Götterläufe her. Damals sind eine kleine Gruppe Adeliger und ein Geweihter der Hesinde vom Zinsgrafen ausgesandt worden, um ein altes Schriftstück zu bergen, welches laut unseren Nachforschungen im Tempel Götterfürsten zu Altentrallop in Burg Lichtwacht, einer vergessenen Ordensburg der Bannstrahler, lagerte.“ Der Ritter blickte Heliopais aus fragenden Augen an, ganz so, als wolle er eine Bestätigung, dass sie wusste, wovon er sprach. Als sie ihm mit einer leichten Handbewegung bedeutete fortzufahren, nahm er den Faden wieder auf.

„Uns Trutzern waren die alten Gemäuer bloß als ‚Toter Turm‘ bekannt, den es meiden galt. Woher der Name kommt, erschloss sich uns dann beim Betreten der Anlage.“ Trautmann schlug ein Schutzrad. „In Lichtwacht wimmelte es von Untoten unter der Führung eines Feldherren, der wohl irgendwann einmal, wahrscheinlich zur Zeit der Herzogenwahrer, ein geweihter Ritter der Bannstrahler gewesen sein muss. Leider konnten wir nicht herausfinden, warum auf den Burgbewohnern dieser entsetzliche Fluch lag.“

Der Gugelforster versuchte aus den Gesichtszügen der Geweihten schlau zu werden, gab es jedoch nach einigen Herzschlägen auf und fuhr fort.

„Nachdem die Untoten besiegt waren, wurde mir die Burg zum Lehen gegeben und es war mir von Anfang an ein Anliegen, die Wehranlage wieder aufzubauen, den Tempel des Herrn Praios reinigen zu lassen und diesen dann den kundigen Händen eines oder einer Geweihten zu überantworten.“ Kurz zögerte Trautmann. „Mangels Alternativen habe ich mich an Greifhild Fälklin gewandt, die dann auch einige Monde im Tempel zubrachte. Was genau sie tat oder eben nicht tat, erschloss sich mir nicht.“ Der Gugelforster hob die Schultern. „Ich bin nur ein einfacher Rittersmann und Diener der Götter. Das war in meinen Augen Geweihtensache.“

„Da habt Ihr wohl Recht, Trautmann“, erwiderte Heliopais ohne Zögern und er glaubte zum ersten Mal einen Hauch von Missbilligung aus ihrer Stimme heraushören zu können. „Wenn Ihr von einem bösen Fluch redet, so gehe ich davon aus, dass Ihr das Unleben dieser armen Seelen meint? Der Untoten, die in dem Gemäuer hausten? Was haben sie dort getan? Über die Unterlagen gewacht, die Ihr gesucht habt? Oder etwas anderes?“

Die Geweihte hob fragend die Brauen, setzte aber noch einmal an, bevor sie Trautmann zu Wort kommen ließ: „Und Ihr habt von einer Schändung gesprochen. Könnt Ihr mir dazu etwas Näheres sagen? Wie wurde dieser Tempel geschändet? Hat der Bruder in Hesinde etwas darüber herausfinden können? Hat er Euch etwas dazu gesagt?“

Trautmann versuchte sich äußerlich nichts anmerken zu lassen. Innerlich seufzte er ob des neuerlichen Schwalls an Fragen. Verlegen kratzte er sich an der Schläfe. „Ähm ja Fluch ...“, hob er zögerlich an, „... warum sollten die Toten denn sonst umgegangen sein? Die Bannstrahler waren doch fromme Leute ... denke ich.“

In seiner abermals aufkommenden Unsicherheit versuchte der Ritter sich irgendwo festzuhalten. In Ermangelung an Alternativen tat er das, indem er seinen Wappenrock glatt strich und dann seine Hände darauf ablegte. „Warum die Toten umgewandelt sind, weiß ich nicht. Kann sein, dass sie die dorthin verbrachten Schriften und Artefakte bewachten.“ Er hob seine Schultern. „Sie haben es uns nicht gesagt. Wir wurden sogleich angegriffen.“

Kurz stoppte der Junker, ging in sich, ob er denn eine der vielen Fragen vergessen hatte, entsann sich und hob dann kurz seine Rechte um einer etwaigen Nachfrage Heliopais’ zuvor zu kommen. „Die Schändung. Ja, das haben wir angenommen und auch Greifhild hat das bestätigt. Die Toten hätten doch unmöglich auf geweihtem Boden wandeln können, oder?“

Nachdem das gesagt war, blickte die Geweihte den Ritter einen Moment lang schweigend an. Irgendwie schaffte sie es, eine neutrale Miene zu wahren, während sie sich seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Trautmann war sich jedoch ziemlich sicher, dass sie ihm innerlich einen Vogel zeigte – und die darauffolgenden Worte bestärkten ihn in der Vermutung.

„Ich muss das unbedingt richtig verstehen, Trautmann, also verzeiht mir bitte, dass ich weiter bohre. Es geht nicht anders“, hob sie mit ruhiger Stimme an. „Ihr seid vor bald zwei Wintern in dieses verfluchte Gemäuer, das eine geschändete Weihestätte des Gleißenden beherbergt, eingezogen und lebt dort seither? Ohne dass der Hesindegeweihte, der Euch einst beauftragte, die Lage vor Ort genauer untersucht hat? Ohne zu wissen, ob von dem Gemäuer noch eine Gefahr für Euch oder Euer Gefolge ausgeht und wenn ja, welcher Art die ist? Und letztlich auch ohne zu wissen, wie der Ort seiner Heiligkeit beraubt wurde? Haltet Ihr das für eine gute Idee?“

Heliopais runzelte die Stirn und ihr Gesichtsausdruck hatte plötzlich etwas von einer gestrengen Lehrerin, auch wenn der Blick weiterhin gütig wirkte. Abermals stellte sie noch ein paar letzte Fragen, bevor sie den Gugelforster zu Wort kommen ließ: „Hat Schwester Greifhild Euch denn auch nichts zum Zustand des Gemäuers gesagt? Oder irgendetwas dazu, ob man darin überhaupt leben sollte? Und in wessen Zuständigkeit liegt das Ganze? Wer hat Euch diese Ruine überantwortet – ohne Rücksprache mit einem Diener des Götterfürsten zu halten?“

Trautmann schüttelte energisch den Kopf. „Hochwürden nein, ich und die Meinen bewohnen nicht jene Bereiche, in welchen die Toten wandelten...“, der Gedanke daran verleitete ihn dazu ein Schutzrad zu schlagen, „... nein, wir haben den Wohnturm wieder instandgesetzt und meine Base Travegund hat ihn im Namen der Eidmutter gesegnet.“

Er legte seine Stirn in Falten, wohl wissend, nun noch einmal seine Fehleinschätzung breittreten zu müssen. „Der Hesindegeweihte brach bald wieder auf und ging zurück nach Tobrien. Sein Rat an mich war, diese ... Sache ... in die Hände der Praioskirche zu legen.“ Kurz zögerte der Ritter. „Ich dachte, dass ich das mit der Konsultierung Ihrer Gnaden Greifhild getan hätte. Sie hat sich eingehend mit dem Gemäuer beschäftigt. Was genau sie getan hat, weiß ich nicht – es war meiner Meinung nach eine Sache der Geweihten.“ Der Gugelforster hob seine Augenbrauen. „Wäre es gefährlich für uns gewesen, hätte sie es mir doch gesagt?“

Er wartete keine Antwort der Hochgeweihten ab. „Es lag mir sehr viel daran, das Gemäuer wieder zu einem Platz des Götterfürsten zu machen, doch war mir bewusst, dass es mein Wissen und meine Kompetenzen überschreiten würde, mich hierbei einzumischen. Ich kann dabei nur auf die Hilfe der Kirche hoffen. Dass Ihre Gnaden Greifhild dafür nicht die richtige Wahl war, habe ich inzwischen erkannt. Deshalb sitze ich heute hier vor Euch und bitte um Eure Hilfe.“

„Leudane von Finsterkamm“, als Trautmann ihr die letzte Antwort, die sie gefordert hatte, nicht gab, übernahm Heliopais das einfach selbst. Schwer zu sagen, ob sie während seiner ganzen Rede nur über diesem Rätsel gebrütet oder ihm nebenher auch noch zugehört hatte. Jetzt jedenfalls fasste sie den Ritter wieder ins Auge und ihr Blick hatte etwas eindeutig Tadelndes. Ob der Unwille nun ihm oder seiner Lehnsherrin galt, konnte Trautmann wiederum nicht letztgültig beurteilen. Gleich wie: Als Heliopais fortfuhr, klang ihre Stimme freundlich.

„Ich weiß nicht, ob Ihre Gnaden Greifhild Euch umfassend über etwaige Gefahren aufgeklärt hätte, Wohlgeboren“, meinte sie schlicht. „Eure Wahl war keine Gute, das habt Ihr ja mittlerweile selbst erkannt. Da ich in meinem Amte und meinem Glauben der Wahrheit verpflichtet bin, kann ich Euch auch diese nicht ersparen: Ich zweifle daran, dass just diese … Schwester im Glauben in der Lage ist, derart alte und vermutlich diffizil zu erspürende Gefahren zu erkennen und ihre Beschaffenheit bis in den Kern zu durchdringen. Ich habe hier niemals eine Meldung von Greifhild erhalten, obwohl dies eine Angelegenheit von einiger Bedeutung ist. Vielleicht hilft Euch dieses Wissen, die Situation aus eigener Kraft zu bewerten.“

Heliopais sah Trautmann tief in die Augen, während sie innehielt. Um die Worte einsickern und die Erkenntnis reifen zu lassen? Oder vielleicht, weil sie irgendwie in ihn hinein blicken wollte? Hinter seine Stirn? In seine Gedanken? Wer wusste das schon? Schließlich seufzte sie leise.

„Über Lichtwacht ist mir bisher nichts bekannt, Trautmann. Aber vermutlich ist die Ruine nicht groß genug, dass die Distanz zwischen dem geschändeten Ort und dem Wohnturm – möge er auch gesegnet sein – für einfache Geister unbedenklich wäre. Ohne je vor Ort gewesen zu sein, würde ich meinen, dass Ihr Euch alle zwei Winter lang einer potenziellen Gefahr ausgesetzt habt. Sagt das einem nicht der gesunde Menschenverstand? Dass man nicht an einen verfluchten Ort ziehen sollte, wenn man sich der Art des Fluchs nicht gewiss ist? Und wenn man sich nicht sicher sein kann, dass er gebrochen wurde? So dass definitiv keine Gefahr mehr besteht?“

Klammes Unwohlsein Ergriff Besitz vom Herz des Junkers. In ihm tobte ein Kampf zwischen dem nun einsetzenden Fluchtinstinkt und der Sorge vor dem, was der Ort wohl die letzten beiden Götterläufe aus ihm und seinem Gefolge gemacht hatte. „Hochwürden ... ich ...“, kam es nur sehr zögerlich über seine Lippen. Trautmann war ein einfacher Mann – ein Ritter, der es zuvorderst mit der Herrin Rondra hielt. Er hatte sein Vertrauen in die einzige ihm bekannte Praiosgeweihte der Trutz gesetzt und darein, dass sie schon wissen würde, was sie tat. Dass dies nun allem Anschein nach ein Trugschluss war, erschütterte ihn.

„Ich dachte, dass ihre Gnaden Greifhild wüsste, was sie tut, dass von diesem Ort keine Gefahr mehr ausgeht und der Segen der Eidmutter mich und mein Gefolge zu schützen vermag ...“, er hob seine Schultern und ließ den Kopf hängen. „Was schlagt Ihr nun vor? Was soll ... was kann ich tun?“

„Selbstverständlich kann der Segen der Eidmutter Schutz vor der Einflussnahme übelgesonnener Geister bieten und es war ein guter Gedanke von Euch, ihn einzuholen“, meinte Heliopais und machte eine beschwichtigende Geste. „Ich nehme jedoch stark an, dass die Bewohner des Turms sich regelmäßig außerhalb seiner Mauern aufgehalten haben – und da liegt die Sache dann schon nicht mehr so klar.“ Die Hochgeweihte hielt inne, um Trautmanns zerknirschte Miene zu studieren, und schien ihren Ärger in deren Angesicht nicht länger aufrechterhalten zu wollen oder zu können. Ihr Lächeln wirkte mit einem Mal erstaunlich warm und verbindlich und sie neigte den Kopf leicht zur Seite, während ihr Blick unablässig auf dem Ritter ruhte.

„Ihr könnt gar nichts tun, Trautmann, es liegt nun an uns. Mir will scheinen, als hätte die Kirche des Gleißenden Euch und sich selbst in dieser Sache bisher keinen allzu guten Dienst erwiesen“, für die Dauer eines Lidschlags bildete sich eine steile Falte zwischen Heliopais’ schmalen Brauen und brachte das sonst vorherrschende Ebenmaß ins Wanken. Sie hatte sich aber schnell wieder im Griff und fuhr mit fester Stimme fort:

„Dass Ihre Gnaden nicht die Richtige für die Aufgabe war, bedeutet nicht, dass unsere Kirche hier in Weiden über gar niemanden verfügt, der dem Rätsel auf den Grund gehen könnte. Wir haben alle unsere Fähigkeiten und die sind sehr verschieden.“ Sie überlegte kurz. „Ich denke, das Beste wird sein, jemand, der über das nötige Wissen verfügt, begleitet Euch nach Lichtwacht und sieht sich die Sache an. Da wirft sich mir übrigens gleich die nächste Frage auf: Wie kommt es, dass Ihr bei mir seid und nicht bei Ehrwürden Patras in der Herzogenstadt? Wenn ich das richtig verstanden habe, wart Ihr doch schon in Trallop? Da hätte sich dieser Weg ja geradezu aufgedrängt.“

Trautmann atmete tief durch. Beinahe schien es, als fiele in diesem Moment eine große Last von seinen Schultern. Ja, kurz zeigte sich gar ein Lächeln auf seinen Lippen. „Habt Dank, Hochwürden.“ Er nickte Heliopais dankbar zu. „Was Trallop angeht, vermutet Ihr richtig. Ich war erst in der Herzogenstadt beim dortigen Tempel, den wir ja, wie eingangs erwähnt, auch bei unserer damaligen Suche nach Lichtwacht, konsultiert hatten.“

Der Junker verzog beim Gedanken an seinen Besuch im Tempel von Trallop vor ein paar Tagen kurz die Lippen. Ein Ausdruck dessen was ihm dort wiederfahren war. Anders als von Heliopais, die zumindest äußerlich beherrscht blieb, war er von ihrem Bruder aus dem Tralloper Tempel nicht so sanft behandelt worden. Mit großem Zorn hatte der ihm dargelegt, dass es unverantwortlich sei, so lange auf eine anständige Lösung zu warten und dass man – sinngemäß – doch nicht so blöd sein könne, so eine heikle Sache einer dahergelaufenen Predigerin anzuvertrauen, die dem Weg der Kirche des Götterfürsten schon lange den Rücken gekehrt hatte. Schlussendlich hatte ihn der Geweihte mit resignierendem Kopfschütteln nach Anderath verwiesen.

„Ich war dort ...“, fuhr Trautmann nach einigen Herzschlägen fort. „Euer Bruder, dessen Name mir entfallen ist, meinte, dass hier in Anderath die fähigsten Leute sitzen, sich dieses Problems anzunehmen.“

„Schwer vorstellbar“, Heliopais zuckte nicht mal mit der Wimper, als sie Trautmanns Worte in Zweifel zog. „Kein Diener des Götterfürsten – ob nun von hier in Anderath oder von anderswo in Weiden – ist für diese Aufgabe auch nur ansatzweise so geeignet wie der Inquisitor. Deshalb bin ich offen gesprochen milde verwundert darüber, dass mein Bruder im Glauben Euch auf direktem Wege hierher geschickt haben soll. Seid Ihr sicher, dass es so war? Oder habt Ihr in Eurem Bericht vielleicht etwas vergessen?“

Der Junker wirkte ob der Nachfrage etwas verstört. „Öhm ...“, er kratzte sich am Kinn und Heliopais konnte ihm ansehen, dass es in seinem Kopf arbeitete. „Ja ...“, meinte er dann schuldbewusst. „Hochwürden, zunächst wurde ich tatsächlich an die Inquisition verwiesen.“ Er schluckte und wirkte äußerst unsicher. „Euer Bruder hat Euch erst dann beim Namen genannt und mich nach Anderath geschickt, als ich nach einer Alternative fragte.“

„Nach einer Alternative?“ Trautmann war nicht sicher, ob es Belustigung war, was er da mit einem Mal in den Augen der Priesterin funkeln sah, oder doch eher Missbilligung. Erneut. Schließlich fuhr sie sich mit einer nachdenklichen Geste über die Schläfe und musterte ihn prüfend. „Ihr habt Euch die Inquisition lieber nicht ins Haus holen wollen, nehme ich an? Aus Furcht vor allzu harschen Urteilen und strikten Methoden? Kennt Ihr Ehrwürden Patras denn, Wohlgeboren?“

Trautmann schwieg einige Momente lang. Er musste an ein paar weise Frauen denken, die er kannte, und von denen er wusste, dass sie in der Heldentrutz, nicht fern seiner Burg, lebten und den Menschen halfen. Er dachte an Adelshäuser, die das Erscheinen der Inquisition in den falschen Hals bekommen würden – insbesondere die windschiefen Böcklins. Nicht, dass ihm viel an einer Freundschaft zu diesem Haus lag, aber unheilbar zerrütten wollte er die Beziehung zu einem Nachbarn auch nicht. Der Junker seufzte leicht.

„Ja, Hochwürden. Ich muss Euch gestehen, dass der Gedanke an die Inquisition in meinem Haus mir Bauchweh bereitet ...“", er stoppte und machte eine abwehrende Handbewegung, „... ich hoffe, Ihr versteht mich nicht falsch. Ich bin ein götterfürchtiger Mensch. Meine Mutter, eine Hochgeweihte, hat mich stets im Sinne der Eidmutter aufgezogen. Meine Ausbildung erfuhr ich am Grafenhof, wo die Herrin Rondra hoch in Ehren gehalten wird ...“, der Gugelforster reckte sein Kinn und hoffte, dass dies genug der verteidigenden Worte waren, auch wenn er mitten in seiner Ausführung abbrach.

„Mit seiner Ehrwürden hatte ich allerdings noch nicht das Vergnügen", fügte Trautmann abschließend hinzu.

„Das liegt nahe, anderenfalls wärt Ihr höchstwahrscheinlich nicht so abgeneigt.“ Heliopais nahm das gereckte Kinn des Ritters zur Kenntnis, ohne eine Miene zu verziehen. „Nun denn“, meinte sie nach einer kurzen Pause. „Ich schicke jemanden, der sich Euer ... Anwesen genauer besieht und herausfindet, ob von dem Ort noch eine Gefahr ausgeht oder nicht. Sollte sich erweisen, dass tatsächlich ein Fluch auf Lichtwacht lastet, oder dass andere Dinge vorgehen, die götterungefällig sind, werden wir eine Lösung finden.“

Sie legte die Fingerspitzen aneinander, während sie Trautmann ein letztes Mal prüfend musterte. „Eine Lösung finden kann in diesem Fall aber auch bedeuten, dass Ehrwürden Patras hinzugezogen werden muss. Wir werden nicht zögern, das zu tun, wenn sich abzeichnet, dass wir das Problem nicht selbst beheben können. Ich nehme an, dagegen habt Ihr als Sohn einer Hochgeweihten und Zögling der Reichsender Knappenschule nichts einzuwenden?!“

Das schien eher eine Feststellung als eine Frage, denn die Praioranerin fuhr ohne Zögern fort: „Wie lange beabsichtigt Ihr Euch in Anderath aufzuhalten, Trautmann? Und werdet Ihr von hier aus auf direktem Wege zurück in die Heimat reiten, oder habt Ihr noch irgendwelche Schlenker geplant? Familienbesuche?“

Der Angesprochene durchlief während der letzten Herzschläge ein Wellental der Gefühle: erst Unsicherheit und auch ein wenig Scham darüber, dass er Ehrwürden Patras womöglich falsch eingeschätzt und ihm damit Unrecht getan hatte. Dieser erste Impuls wurde gefolgt von einem Gefühl der Neugier, wie der Inquisitor denn wirklich sein mochte, hin zu Demut und Dankbarkeit für Heliopais’ klare Worte. Der Junker nickte leicht mit dem Kopf – eine Geste, die mehr ihm selbst und weniger seinem Gegenüber galt.

„Ich denke, dass mein Gefolge keinen Tag länger als nötig in der Burg nächtigen sollte ...“, erklärte Trautmann, „... deshalb werde ich sogleich aufbrechen und sehen, dass ich so schnell wie möglich nach Lichtwacht komme. Meine Base Gwidûhenna wird meinen Schutzbefohlenen mit Sicherheit Gastung und Schutz gewähren, bis die Kirche des Götterfürsten meint, es sei ungefährlich für die Bewohner der Burg.“ Der Gugelforster nickte Heliopais zu. „Ich danke Euch für Eure Hilfe, Hochwürden.“

„Nicht so schnell, Wohlgeboren!“, Heliopais lächelte schief und hob beschwichtigend die rechte Hand. Der plötzliche Eifer des Junkers hatte sie offenbar auf dem falschen Fuß erwischt, doch ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. „Gebt mir zwei Tage“, sagte sie dann. „Lasst mich sehen, was ich auf die Schnelle veranlassen kann. Günstigstenfalls werdet ihr übermorgen nicht allein, sondern in Begleitung eines meiner Glaubensgeschwister reisen. So müsstet Ihr Euer Gesinde nicht auslagern, denn es wäre jemand da, der für seinen Schutz sorgen kann. Jedenfalls wenn sich nicht erweist, dass wir es wirklich mit einer übermächtigen Gefahr zu tun haben.“

Einen Moment hing sie ihren Gedanken schweigend nach und fasste Trautmann anschließend wieder ins Auge: „Was sagt Ihr dazu?“

Trautmann, der sich gerade zum Aufstehen bereit gemacht hatte, entspannte sich wieder etwas und lehnte sich in seinen Sessel zurück. Kurz sann er über das Angebot der Hochgeweihten nach – irgendetwas in ihm mahnte zur eiligen Rückkehr nach Lichtwacht, doch war dies vielleicht auch nur der Nachhall der Worte Heliopais’, oder das damit verbundene, in ihm keimende schlechte Gewissen. Wer war er demnach, dieses großzügige Angebot abzulehnen?

„Ich danke Euch ...“, nickte der Junker, „... das ist mehr, als ich zu hoffen vermochte. Gern nehme ich Euer Angebot an.“ Trautmann war sichtlich erleichtert und schwor sich, in den kommenden zwei Tagen dem Herrn Praios hier im Tempel noch den einen oder anderen Besuch abzustatten.

„Schön“, Heliopais nickte und erhob sich nun ihrerseits. „Dann haben wir eine Abmachung. Bitte kommt morgen Abend gegen die sechste Stunde noch einmal hierher. Dann könnt ihr den Chorälen lauschen und vielleicht sogar das eine oder andere Lied mitsingen. Ich gehe davon aus, dass ich bis dahin Resultate habe und wir anschließend das weitere Vorgehen besprechen können.“

am Tag darauf...

Heliopais hatte sich die Sache nicht leicht gemacht. Sie hatte lange überlegt, war in sich gegangen, hatte abgewogen, meditiert und gebetet. Nach alledem, als der Morgen schon graute, entschied sie, ihrem ersten Impuls zu folgen. Sie war nach wie vor nicht sicher, ob es ein Zeichen darstellte, dass der Trutzer sein Glück bei ihr versuchte und nicht bei Patras. Es konnte durchaus ein Wink des Gleißenden sein – oder eben auch nicht.

In einem aber war sie sicher: Es wurde Zeit, dass eins der Greiflein, die sie hier in Anderath um sich geschart hatte, einen wohlmeinenden Stups erhielt, um es aus dem Nest zu befördern. Die Schwester hielt sich nun schon mehr als einen Götterlauf in Heliopais’ Tempel auf, hatte dessen schützende Mauern jedoch kaum einmal verlassen. Und wenn, gab es vorher einen Kampf. Sie wehrte sich stets mit Händen und Füßen und fand – leider meist gute – Gründe, warum es besser war, dass sie zurückblieb, während sich alle anderen regelmäßig hinaus in die Welt begaben.

Sie hatte sich vergraben, die junge Dame. Schien nicht wirklich Wert auf die Gesellschaft anderer Menschen zu legen – es sei denn, sie gehörten ihrer Glaubensgemeinschaft an. Geweihte des Praios, ja, mit denen befasste sie sich gern. Priester, die sich dem Dienst an den hohen Geschwistern des Götterfürsten verschrieben hatten, begegnete sie immerhin noch mit Neugier und vorsichtiger Offenheit. Sobald sie sich aber mit Personen auseinandersetzen sollte, die keine Geistlichen waren, zog sich die Sichlerin in ihr Schneckenhaus zurück, wurde wortkarg, krampfig und nervös. Als wisse sie nicht, wie sie mit diesen merkwürdigen Wesen umgehen sollte.

Dabei wusste sie das eigentlich ganz genau. Heliopais hatte die Schwester dem Stress häufiger ausgesetzt und aufmerksam beobachtet, wie sie sich schlug. Das Urteil lautete: gut. Sehr gut sogar, wenn das Eis einmal gebrochen war und sie eine Verbindung zu dem Menschen vor sich gefunden hatte. Ihre Gnaden besaß eine natürliche Autorität. Sicher nicht zuletzt weil sie von hoher Geburt war und es nicht anders kannte, als dass man ihr gehorchte. Das Interesse an ihren Mitmenschen war aufrichtig, wenn auch leider schmerzhaft unbeholfen, da sie sich meist wie auf rohen Eiern bewegte. Es lag ihr im Blut, Verantwortung zu übernehmen. Zu raten und zu führen. Diese Gabe schritt mit einer zurückhaltenden, unaufgeregten Herzenswärme einher, die aber vermutlich schwer zu spüren war für jemanden, der sie nicht sehr gut kannte.

Alles in allem war Heliopais zufrieden mit ihrem Neuzugang, dem gegenüber sie sich in der Pflicht fühlte, denn in der Vergangenheit hatte die Kirche des Götterfürsten die Frau verraten. Sie hatten sie, im Mädchenalter bereits, im hintersten Winkel der Sichelwacht allein gelassen. Niemand hatte bemerkt, wie sie unter den Einfluss eines Fanatikers geriet, der sie die falschen Lehren lehrte, als sie sich ratsuchend an den Praiostempel in Salthel wandte. Der Grund dafür war einfach: Sie hatten das Mädchen – ihres Zeichens Baronstochter sowie Gemahlin eines solchen und bei der Heirat noch viel zu jung, um von der Gemeinschaft des Lichts selbstbewusst die Aufmerksamkeit einzufordern, die ihr gebührte – schlicht und ergreifend aus den Augen verloren.

Sie war aus dem Netz gefallen. Wohl vor allem, weil sie ihr Noviziat nicht in Weiden bestritt, sondern im fernen Garetien und Darpatien. Vor der Hochzeit hatte offenbar keiner der Geweihten von dort dem Vater der Braut die mehr als berechtigte Frage gestellt, wie er auf die überaus merkwürdige Idee kam, eine junge Priesterin an einen alten Busenfreund zu verramschen, dessen Lehen fernab jedes Praiostempels lag und in dem auch niemand lebte, der sich ihrer hätte annehmen können. Es hatte überdies keine vernünftige Absprache zwischen Auraleth und Trallop gegeben, deshalb fühlte sich nach der Hochzeit leider niemand mehr zuständig.

Das mochte sein, wie es war. Im Endeffekt hatten sie allesamt gefehlt und so zum Sturz einer jungen, unerfahrenen Priesterin beigetragen, die dieses Schicksal sicher nicht verdiente. Ebenso hatten sie jedoch in den vergangenen vier Götterläufen allesamt geholfen, das Mädchen wieder aufzurichten. Es zurück auf den rechten Weg zu bringen und ihm neue Stärke zu verleihen. Mit tatkräftiger Unterstützung der Kirche Borons eingangs, denn ihr Zustand war verheerend gewesen. Als es wieder halbwegs ging, hatte Heliopais die junge Schwester erst einmal aus Weiden hinaus geschafft. Zu den Instanzen ihrer Kirche, die Menschen wie ihr am besten helfen konnten.

Nun war sie wieder da. Seit einem Jahr. Und versteckte sich vor der Welt. Am liebsten im Scriptorium des Tempels, in das sie Ordnung zu bringen trachtete. Das war auch bitter nötig, denn bisher hatte sich niemand verantwortlich gefühlt. Die Aufgabe hatte sich die Sichlerin selbst übertragen. Wohl in dem Bestreben, sich an einem Ort einzuigeln, an dem es nun wirklich gar keinen Publikumsverkehr gab. Heliopais ließ sie gewähren. Irgendwann hatte sie mit milder Belustigung zur Kenntnis genommen, dass die junge Dame die Schriftstücke nicht nur sortierte, sondern auch las. Jedes einzelne. Vielleicht in der Hoffnung, dass das genug Arbeit für den Rest ihres Lebens sein würde?

Aber so hatten sie nicht gewettet! Die Schwester war gefallen, ja. In jungen Jahren bereits. Allein, sie war wieder aufgestanden und immer noch jung. Sie selbst hatte es bislang wohl nicht begriffen, aber ihre Geschichte machte sie zu etwas Besonderem. Sie eröffnete ihr Blickwinkel, die nicht jeder Geweihte ohne Weiteres einnehmen konnte. Sie hatte Dinge gesehen und gefühlt, die vielen anderen – glücklicherweise – erspart blieben, und so Einsichten gewonnen, die anders nur schwer zu erlangen waren. Sie wusste, wie es war, falsch zu glauben. So falsch, dass der Gott, der sie einst für den Dienst an sich erwählt hatte, ihr Flehen nicht mehr erhörte und die Verbindung zu ihm gänzlich abriss. Sie wusste, wie es war, zu zweifeln und den Glauben ganz zu verlieren. Sie wusste, wie es war, nackt allein in Finsternis zu stehen. Und wie es war, zurück auf den rechten Weg zu finden. Praios war ihr gnädig gewesen: Als sie wieder in sein Licht trat, nahm er sie auf.

So hatte Heliopais’ Schützling schon früh nahezu alles gelernt, was es über Scheitern und Demut, Schuld und Vergebung zu lernen gab. Das waren zweifelsohne wichtige Lektionen für jemanden, der sein Leben dem Himmlischen Richter verschrieben hatte. Jemanden mit diesem Wissen und diesen Erfahrungen konnte man nicht guten Gewissens in einer dunklen Kammer versauern lassen. Der musste raus und die Botschaft des Gleißenden verkünden – mit Milde und Verständnis. So sah Heliopais das jedenfalls. Und hier bot sich nun eine Gelegenheit, das Greiflein hinaus in die Welt zu schicken, aber doch nicht zu weit weg. In ihren Augen war die junge Schester so weit, es gab also keinen Grund, die Sache noch weiter vor sich her zu schieben.

Deshalb trat die Hochgeweihte jetzt auch ohne Zögern in das Scriptorium ein und ließ ihren Blick suchend durch das Rund gleiten. Nichts. Erst einmal. Aber das war nicht ungewöhnlich. Die Lichtverhältnisse waren schwierig, die Kammer war verwinkelt und die Frau, nach der sie suchte, alles andere als groß und laut. In dem Chaos ging sie oftmals völlig unter.

„Sunna!“, rief Heliopais daher ohne Umschweife in das Durcheinander hinein. „Hättest du die Güte? Ich muss kurz mit dir sprechen.“

„Einen Moment“, die Antwort kam prompt, aber es dauerte eine Weile, bis die Frau, die zu der klaren Stimme gehörte, zwischen zwei Regalen hervortrat. Sie trug einen staubigen Kittel über dem Ornat, wie immer, wenn sie in ihrem Reich waltete. Das lange Haar reichte in einem dicken Zopf bis zur Hüfte hinab und sie sah aus großen grauen Augen neugierig zu Heliopais auf.

„Praios zum Gruße, Schwester“, hob die nun an. „Wie kommst du voran?“

„Dem Gleißenden zum Gruße“, erwiderte ihr Gegenüber und deutete ein Schulterzucken an. „Ich kann nicht klagen. Gerade habe ich einen Traktat gefunden, bei dem ich mich wirkli…“

„Nicht heute“, Heliopais hob die rechte Hand und lächelte entschuldigend. „Merk dir den Gedanken, wir werden ihn später wieder aufgreifen. Heute aber bleibt uns keine Zeit für solcherlei. Wir müssen Vorbereitungen für eine Reise treffen.“

„Selbstverständlich. Wohin reist Ihr denn? Und wie kann ich Euch helfen?“

„Nein, meine Liebe. Nicht ich verreise. Du verreist. Wie steht es noch gleich um deine Reitkünste?“

„Ich verreise?“, in den Augen Ihrer Gnaden leuchtete Verwirrung auf. „Wohin denn, Hochwürden?“

„In die Heldentrutz.“

„In die … wie bitte?“

„Du hast mich schon richtig verstanden: in die Heldentrutz.“

„Aber ... wieso? Was mache ich denn da? Soweit ich weiß, gibt es dort gar keinen Tempel, der dem Fürsten der Götter geweiht ist.“

„Hach“, Heliopais gab ein unwirsches Schniefen von sich. Das war ein wunder Punkt. Etwas, woran sie schon seit Langem arbeitete, womit sie jedoch bisher keinen Schritt weitergekommen war. Nicht, dass sie aufzugeben gedachte, das wäre nun wirklich das Letzte gewesen, was ihr in den Sinn kam. Dennoch: Über dieses Thema sprach sie nicht gern. Und so schüttelte sie schließlich energisch den Kopf. „Das ist richtig. Dort gibt es nur zwei Schreine und – wie mir gestern offenbart wurde – eine alte Kapelle, die jedoch entweiht ist. Das schließe ich jedenfalls aus den Schilderungen des Junkers, der bei mir vorgesprochen hat.“

„Des Junkers?“

 „Des Herrn von Lichtwacht. So heißt das Gut, über das er gebietet. Einst ist es offenbar ein Stützpunkt des Bannstrahls gewesen, doch dann sind Dinge geschehen. Der Mann hat von einem Fluch gesprochen, von Untoten und davon, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht.“

„Wie bitte?“

Heliopais wedelte mit der Hand in der Luft herum, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen – oder allzu verstörende Gedanken.

„Einen Fluch?“, beharrte ihre junge Glaubensschwester unterdessen. „Eine entweihte Kapelle? Untote? Wer vergibt denn so etwas als Lehen? Und wieso wurde dieser lästerliche Zustand nicht längst behoben?“

„Gut, dass du es ansprichst“, Heliospais lächelte ebenso freundlich wie unerbittlich. „Der Gedanke kam mir auch schon. Die Antwort lautet: Leudane von Finsterkamm, Baronin zu Nordhag. Mich würde brennend interessieren, was im Kopf dieser Frau vorgeht. Deshalb beauftrage ich dich nicht nur damit, herauszufinden, wie es um die Kapelle steht, sondern auch damit, sie aufzusuchen und in Erfahrung zu bringen, wie es zu diesem Schlamassel kommen konnte.“

Die Sichlerin sah sie einen Moment lang mit starrem Blick an und räusperte sich dann nervös. „Hochwürden“, hob sie an, „dabei handelt es sich um sehr wichtige und verantwortungsvolle Aufgaben. Gerade deshalb zweifle ich daran, dass ich die Richtige dafür bin. Warum bittet Ihr denn nicht lieber Bru...“

„Ssssst“, Heliopais stieß ein leises Zischen aus und hob abermals abwehrend die Hand. „Ich weiß, wie gut du reden kannst. Manchmal bringt deine Argumentationskunst selbst mich ins Schwanken. Aber auch dafür bleibt heute keine Zeit. Um das Ganze abzukürzen: Es handelt sich hierbei nicht um eine Bitte, sondern um einen Befehl.“

Sie machte eine kurze Pause, um die Ansage wirken zu lassen, dann fuhr sie sanft, aber sehr bestimmt fort: „Ich befehle, dass du mit diesem Junker in die Trutz reitest, seine Heimstatt auf schwarzmagischen Einfluss oder sonstiges Übel überprüfst und dass du mit der Baronin darüber sprichst, was die Gemeinschaft des Lichts davon hält, wenn potenziell gefährliche Lehen, die einst der Kirche des Königs der Götter gehörten, ohne Rücksprache vergeben werden. Ich schreibe auch einen Brief, also lastet das Gewicht nicht allein auf deinen Schultern. Haben wir uns verstanden?“

Ihr Gegenüber starrte noch immer. Heliopais konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die junge Frau gerade eine Spur blasser wurde. Es war nicht schwer, ihre Gedanken zu erraten. Der Widerwille stand ihr förmlich auf die Stirn geschrieben. Dennoch traute sie sich nicht zu widersprechen. Das gehörte sich nicht, in der Kirche des Praios, in der es klare Hierarchien gab.

„Wir diskutieren nicht, aber deine Bedenken darfst du teilen“, forderte Heliopais sie daher auf.

„Hochwürden, ich fürchte, dass ich scheitern werde. Es gibt hier bei uns im Tempel doch so viele fähige Brüder und Schw...“

„Du bist auch fähig, Sunna. Was das Aufspüren und Bannen von Magie betrifft, sogar besser als die meisten deiner Brüder und Schwestern hier. Nicht umsonst hast du die zweite Hälfte deines Noviziats auf Auraleth abgeleistet und bist dort geweiht worden.“ Heliopais warf ihrem Schützling einen tadelnden Blick zu, als er sich anschickte, den Kopf zu schütteln. „Und wenn es darum geht, mit einer Baronin zu sprechen, wer von uns wäre wohl besser geeignet als du, hum?“

„Ich bin fehlgegangen, Heliopais. Wer wird überhaupt noch mit mir reden wollen, wenn ruchbar wird, wen er da eigentlich vor si...“

„Du bist fehlgegangen, hast gesühnt und Vergebung gefunden, Mädchen. So hat der Herrscher der Götter entschieden und wenn ein weltlicher Herrscher allen Ernstes meint, sich ein anderes Urteil erlauben zu dürfen, verweise ihn gern an mich. Ich werde ihm dann erklären, wie sehr er sich versteigt! Es kann eh nicht schaden, wenn diese Weidener Kostverächter öfter mal was über den Götterfürsten zu hören kriegen.“

„Es ist schön, dass Ihr so viel Vertrauen in mich habt“, sagte die Sichlerin und meinte es wahrscheinlich auch genau so. „Allein, mir selbst mangelt es daran. Mir wird es ja schon zu viel, wenn Ihr einen einzigen Gläubigen auf mich loslasst. Und jetzt soll ich allein da raus und ... die Gemeinschaft des Lichts vertreten? Ich glaube, das kann ich nicht. Ich bin noch nicht so weit!“

„Doch, bist du. Ich habe deine Bedenken nun zur Kenntnis genommen. Ich teile sie nicht, kann sie dir aber offenbar auch nicht nehmen. Also prüfe dich selbst, indem du tust, was ich dir auftrage. Bis dahin sei nur eines versichert: Wir werden dich damit nicht allein lassen. Wir lassen dich diesmal nicht allein und auch in Zukunft nie wieder.“

Heliopais Stimme war von feierlichem Ernst erfüllt, klang zugleich aber auch sehr fest und sehr entschieden. Sie duldete keinen Widerspruch, und tatsächlich fügte sich ihr Gegenüber mit einem schlaffen Nicken. Innerlich atmete die Hochgeweihte erleichtert durch. äußerlich ließ sie sich davon jedoch nichts anmerken, sondern lächelte einfach nur ihr stählernes Lächeln.

„So“, fuhr sie in entspanntem Plauderton fort, „Wie war das jetzt noch mit dir und den Pferden?“


***


Trautmann musste sich eilen, um nicht zu spät zu den Abendsängen in den Tempel zu kommen. Als Dank für die zugesicherte Hilfe der Hochgeweihten Heliopais hatte er den Götterfürsten auch am heutigen Tag schon zum mittäglichen Gottesdienst beehrt und sich nicht nur wie verabredet in den Abendstunden in den Tempel begeben. Besonders wichtig war ihm gewesen, bei dem neuerlichen Treffen mir der Praioranerin optisch etwas herzumachen: Kettenhemd, Wappenrock und schwere Reitstiefel hatte er daher gegen ein sauberes Wams, lederne Hosen und ein leichteres Paar Stiefel eingetauscht. Ein Bad und eine Rasur hatte sich der Gugelforster zur Feier des Tages ebenfalls gegönnt. Mit nun vollem Magen – Trautmann war vor dem zweiten Besuch des Tempels abermals im „alten Sünder“ eingekehrt – durchschritt er das Portal.

Der Junker war neugierig gewesen, welchen Angehörigen der Praioskirche die Hochgeweihte denn wohl mit ihm heim in die Heldentrutz schicken würde und sah sich daher gleich bei seiner Ankunft neugierig im Tempel um. Dabei stellte er fest, dass die große Halle erstaunlich leer war. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass die abendlichen Gesänge, von denen Heliopais gestern gesprochen hatte, wohl keine öffentliche Veranstaltung wie die mittäglichen Andachten waren. Mit einem etwas beklommenen Gefühl trat er daher näher an den Altar, vor dem sich insgesamt fünf Geweihte des Götterfürsten versammelt hatten.

Mit einem Blick auf Heliopais wollte der Trutzer eine erste Antwort auf die Frage erheischen, wer sein Begleiter sein würde. Er hoffte auf eine angenehme Person, schließlich würde man zukünftig wohl viel Zeit miteinander verbringen ... müssen. Die Hochgeweihte hatte ihn schon bemerkt. Sie erwiderte seinen Blick und begrüßte ihn mit einem kaum merklichen Lächeln. Einen Hinweis darauf, mit wem er es zu tun bekommen würde, gab sie ihm allerdings nicht. Vielmehr nickte sie ihren Glaubensgeschwistern zu und machte eine auffordernde Geste.

Einen Moment später war der große Tempel von den Stimmen der Geweihten und denen der wenigen Gäste erfüllt. Trautmann stellte fest, dass ein jeder hier sowohl den Ablauf der abendlichen Veranstaltung als auch die Lieder zu kennen schien. Alle machten eifrig mit. Er war der Einzige, den die Lautstärke des Gesangs und die fröhliche Melodie im ersten Augenblick überraschten. Vielleicht hätte er sich in der Vergangenheit wirklich öfter einmal mit den Sitten und Gebräuchen anderer Götterdiener als denen von Travia und Rondra befassen sollen, dann wäre ihm dieser leicht unangenehme Moment erspart geblieben.

Vorsichtig bezog der Gugelforster irgendwo zwischen den weiter hinten stehenden Gläubigen Stellung und fragte sich, ob er vielleicht wenigstens so tun sollte, als ob er mitsingen würde. Er entschied sich dagegen. Auch und vor allem, weil die beschwingte Stimmung, die der Gesang erzeugte, ihn irgendwie gefangen nahm. Er wusste nicht, wie lange er da stand und zuhörte, nur, dass ihn diese „Abendsänge“ – Melodien voller Freude und Zuversicht – nicht kalt ließen.

Als der Chor irgendwann gegen Ende ein schlichtes Liedlein anstimmte, das ihn seine Mutter schon in frühester Kindheit gelehrt hatte, konnte Trautmann nicht anders, als mitzusingen. Es fühlte sich ganz natürlich an, in den Reigen der anderen einzufallen und als er einen sichernden Blick nach vorn warf, war die Stirn der Hochgeweihten nicht etwa kritisch gerunzelt, sondern sie wirkte sehr zufrieden mit seinem Einsatz. Kurz fragte Trautmann sich, ob dieses Lied just für ihn auf das heutige Programm gesetzt worden war – dann herrschte plötzlich Stille.

Die Sänger hielten inne und Heliopais hob segnend die rechte Hand. Anschließend gab es einen Moment der inneren Einkehr – und danach löste sich das Ganze für sonstige Verhältnisse in der Praioskirche spektakulär informell auf. Trautmann sah, wie die Geweihten durch eine große Tür verschwanden und fragte sich, ob er nun einfach hinter ihnen her gehen sollte.

Da trat auch schon ein stupsnasiger Novize auf ihn zu und piepste ein beseeltes: „Praios zum Gruße, Wohlgeboren. Ihr sollt mit mir kommen. Ich bringe Euch zu Hochwürden und Ihrer Gnaden.“

Es brauchte ein paar Herzschläge, bis sich Trautmanns Gedanken wieder zur Gänze im Hier und Jetzt befanden. Er straffte sich, nickte dem jungen Novizen zu und folgte ihm, wiewohl er den Weg in das Arbeitszimmer der Hochgeweihten noch vom Vorabend kannte. Während seines Weges durch den Tempel dachte er an das nun anstehende Gespräch. Der Novize sprach von „Ihrer Gnaden“, demnach musste es sich bei dem Mitglied der Gemeinschaft des Lichts, welches Heliopais mit ihm in die Heldentrutz schicken würde, um eine Frau handeln. Unterbewusst verleitete ihn diese Annahme dazu, sich sein Wams noch einmal zurecht zu ziehen und mit seiner Rechten durch seinen Haarschopf zu streichen, um die gekürzten Haare in eine ansehnliche Form zu legen.

An der Tür zu Heliopais’ Arbeitszimmer angekommen, bedankte er sich beim Novizen, atmete tief durch und klopfte dann vernehmlich.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Trautmann vernahm das Rascheln von schweren Gewändern. Dann ertönte auch schon die Stimme der Hochgeweihten, die ihn ins Zimmer bat. Er trat ohne zu zögern ein und fand alles wie am Vortag vor – bis auf die Tatsache, dass die Heliopais diesmal nicht allein vor ihm stand.

Während die üblichen Begrüßungsfloskeln ausgetauscht wurden, kam der Trutzer nicht umhin zu bemerken, wie verschieden die Praioranerinnen waren. Groß, stolz und stattlich die Lichthüterin, mit kurzem, gelocktem Blondhaar und markanten Gesichtszügen, die trefflich zu einer zyklopäischen Heiligenstatue gepasst hätten. Klein und schmal die Lichtbringerin, die rechts neben ihr stand. Wo das Haar der Hochgeweihten wie poliertes Gold glänzte, wirkte ihres eher ... fahl. Das Gesicht wurde von hohen, breiten Wangenknochen und wachen grauen Augen dominiert. Am auffälligsten aber war ihre Haltung. Sie strahlte nicht das gleiche Selbstbewusstsein wie ihre Vorgesetzte aus, sondern wirkte eher zurückhaltend und irgendwie ... zerbrechlich? Trautmann fragte sich unwillkürlich, ob das wirklich die Frau war, die Heliopais mit ihm schicken wollte. Bevor der Gedanke zu Ende gedacht war, wurde er jedoch aus ihm heraus gerissen.

„Euer Gnaden, dies nun ist Trautmann von Gugelforst, Junker zu Lichtwacht, Ritter der Wacht, ehemals Knappe Graf Emmerans von Löwenhaupt und Sohn der Vorsteherin des Weidenhager Traviatempels“, hob Heliopais seinem Empfinden nach völlig unvermittelt an.

„Wohlgeboren, ich stelle Euch meine Schwester im Glauben Assunta von Auraleth vor. Wie der Name schon verrät, hat sie ihre Weihe auf der Feste Auraleth erhalten. Nachdem Ihr mir gestern gestanden habt, dass die Gemeinschaft des Lichts nicht Euer Steckenpferd ist, füge ich vorsorglich an: Dabei handelt es sich um eine Ordenshochburg der Bannstrahler in der Rommilyser Mark. Von allen Geweihten, die hier in Anderath ihren Dienst versehen, ist Assunta meiner Meinung nach am besten für die Aufgaben gewappnet, die in Eurem Lehen warten.“

Nachdem das gesagt war, hielt Heliopais mit einem verbindlichen Lächeln inne, ließ ihren Blick nacheinander über den Ritter und die Geweihte gleiten und schien darauf zu warten, dass einer von beiden etwas sagte oder tat. Allein, es passierte erst mal nicht viel. Assunta sah dem Gast der Hochgeweihten zwar ohne Scheu und sehr aufmerksam in die Augen, lächelte dabei sogar verhalten, schien darüber hinaus aber nicht die Initiative ergreifen zu wollen – oder sich nicht entscheiden zu können, was denn nun eine angemessene Begrüßung gewesen wäre.

„Praios zum Gruße“, meinte sie schließlich knapp. „Freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Wohlgeboren.“  

Es dauerte ein paar Herzschläge, bis der Junker auf die Begrüßung der Lichtträgerin reagierte – oder besser: reagieren konnte. Er musterte die kleine, zierliche Frau mit dem etwas unsicheren Gebaren immer noch interessiert. Sie wirkte anders. Anders als die wenigen Praiosgeweihten, die er bis zum heutigen Tage kennenlernen durfte. Heliopais neben ihr war ein Bild von einer Frau: stark und Autorität ausstrahlend. Greifhild war noch einmal ein anderes Kaliber gewesen. Die Geweihte aus dem Trutzer Geschlecht der Fälklins akzeptierte keine anderen Meinungen als ihre und ließ dies ihr Gegenüber beständig spüren. Bei Assunta jedoch hatte der Gugelforster das Gefühl als stünde eine graue Maus vor ihm. Neben dem Ornat gab es an ihr eigentlich nichts, was er Dienern des Praios sonst andichtete. Umso überraschender war es für Trautmann, dass Assunta durch die wahrscheinlich sehr harte Schule in einer Niederlassung der Bannstrahler gegangen war. Die Geschichten, die er über den Fanatismus der Geißler kannte, gepaart mit seinen Erfahrungen aus den Katakomben Burg Lichtwachts, ließen ihn erschauern.

„Praios zum Gruße, Euer Gnaden“, grüßte nun auch der Gugelforster, begleitet von einer knappen Verbeugung, in die Richtung der unbekannten Geweihten. „Die Freude, Euch kennenlernen zu dürfen, ist ganz meinerseits." Ein kurzes Lächeln huschte über seine Züge. „Ich bin Hochwürden sehr dankbar dafür, dass sie mir fähige Hände zur Seite stellt. Ich weiß nicht, ob Ihr schon instruiert wurdet ...", der Junker brach ab. Selbstverständlich würde Heliopais ihre Glaubensschwester über die Umstände in Lichtwacht in Kenntnis gesetzt haben. „Wart Ihr denn schon einmal in der Heldentrutz?“, fragte er stattdessen.

Assunta hatte bereits dazu angesetzt, Trautmanns erste Frage zu beantworten, als er die zweite nachschob. Da schloss sie den Mund wieder, sah ihn einen Augenblick schweigend an und schien gründlich nachzudenken. „Nein“, meinte sie schließlich. „Nein, soweit ich es erinnere, war ich noch nicht in der Heldentrutz. Nahe dran, einmal. Bei einem Besuch auf der Grafenfeste in Olat und dem Rhodenstein drüben in der Hollerheide. Aber weiter nach Westen bin ich nicht gekommen.“ Sie hielt abermals inne und runzelte die Stirn. „Also ... natürlich bin ich weiter nach Westen gekommen, aber nicht ins östliche Weiden“, fügte sie pflichtschuldig an. „Ich war zum Beispiel schon in Greifenfurt. Allein, der Weg dorthin führte nicht durch die Trutz.“

„Ihr müsst Euch keine Sorgen machen, Wohlgeboren“, schaltete sich Heliopais wieder ins Gespräch ein. „Ihre Gnaden ist gebürtige Weidenerin und folglich mit den Sitten und Gebräuchen in der Mittnacht bestens vertraut, nicht nur durch ihren Aufenthalt hier bei uns. Mit Eurem Gesinde und anderen Trutzern, denen ihr begegnet, wird es daher sicher keine Verständigungsprobleme und auch sonst keine allzu merkwürdigen Missverständnisse geben.“

Die Hochgeweihte lächelte und es wirkte fast ein bisschen verschmitzt. Trautmann nahm stark an, dass es sich bei dieser Anmerkung um eine Spitze handelte, die auf seine Bedenken hinsichtlich des Inquisitors abzielte. Von denen wusste Assunta aber nichts und schien aufgrund der Rede ihrer Vorgesetzten leicht alarmiert.

„Warum fragt Ihr denn?“, erkundigte sie sich bei Trautmann. „Gibt es irgendetwas das ich wissen sollte, bevor ich mich dorthin aufmache?“

Trautmann lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Kurz ging sein Blick hinüber  zur Hochgeweihten. „Ich denke, worauf Hochwürden hinaus will ist, dass ich ihr gegenüber gestern meinte, die Menschen der Heldentrutz würden etwas unsicher reagieren, wenn ich den Inquisitor und eine Hand voll Bannstrahler um Hilfe ersuche ...“, er zögerte etwas und wog seine nächsten Worte ab, „... Ihr müsst wissen, dass Geweihte des Götterfürsten im Schatten des Finsterkamms leider kein alltäglicher Anblick sind."

Innerhalb weniger Herzschläge fiel jegliche Unsicherheit von ihm ab und der Gugelforster wechselte in einen ungezwungenen Plauderton. „Ich weiß auch nur von zweien, die durch die Lande der Trutz reisen. Seine Gnaden Praioslaus und Ihre Gnaden Greifhild. Ich bin Euch dankbar, Hochwürden, und auch Euch, Euer Gnaden, dass ich meine Heimat nun in den sicheren Händen einer Dienerin des Götterfürsten wissen kann.“ Der Blick des Junkers ging zwischen Assunta und Heliopais hin und her. „Auch wenn ich mir die wenig erfreuten Gesichter der Böcklins in meiner Nachbarschaft schon vorstellen kann.“

Fast schien es als wollte Trautmann damit enden, als ihm noch ein Gedanke in den Kopf schoss. Genauer gesagt eine Aussage, die die Hochgeweihte zuvor getätigt hatte. „Ihr seid gebürtige Weidenerin, Euer Gnaden? Woher denn genau?“

Zu Trautmanns Überraschung schien Assunta gar nicht mal so unglücklich darüber, dass er umstandslos ins Plaudern geriet. Als unangemessen empfand sie es augenscheinlich nicht. Im Gegenteil: Die „graue Maus“ wirkte geradezu  erleichtert. Vielleicht hatte sie gefürchtet, die Themen in diesem Gespräch setzen zu müssen, obwohl es ihr gemeinhin nicht lag? Sie hörte ihm aufmerksam und mit aufgeräumter Miene zu – bis er nach Ihrer Herkunft fragte. Da schien sie innerlich ein wenig ins Schlingern zu geraten und warf einen fragenden Blick zu Heliopais hinüber. Die machte jedoch keine Anstalten, das Wort zu ergreifen, sondern nur eine auffordernde Geste in Richtung ihres Schützlings.

„Ich komme aus der Grafschaft Sichelwacht“, hob Assunta daraufhin an. „Meine Wiege hat in der Baronie Drachenstein gestanden – also mehr oder minder am anderen Ende der Mittnacht. Von der Heldentrutz aus gesehen, meine ich.“ Sie lächelte höflich und schien das Thema damit als erledigt zu betrachten. „Die Namen Greifhild und Praioslaus sind mir durchaus geläufig“, fuhr sie dann fort. „Über Erstere sind viele haarsträubende Gerüchte bis hierher gedrungen, Zweiterer scheint ein Phantom zu sein. Wir warten alle noch darauf, ihn irgendwann einmal zu Gesicht zu bekommen. Er hat sich uns nie vorgestellt und weder in den Registern der Weidener Geweihtenschaft noch in denen der Greifenfurter steht sein Name.“ Sie schloss mit einem Heben des rechten Mundwinkels – nahezu unmerklich und dennoch sehr beredt.

„Was nun Eure Nachbarn betrifft ...“, die Gedanken der Lichtbringerin schienen abzuschweifen, ebenso wie der Blick aus sturmgrauen Augen. Doch der Moment verstrich rasch und sie richtete den Fokus wieder auf Trautmann: „Der Name Böcklin sagt mir auch etwas. Es würde mir sehr leidtun, wenn meine Anwesenheit auf Lichtwacht für Ärger mit der Familie sorgen würde. Pflegt Ihr denn einen regelmäßigen Kontakt?“

Der Angesprochene machte eine wegwerfende Handbewegung. Als ehemaliger Knappe am Grafenhof der Heldentrutz hatte er die Abneigung Emmerans in Bezug auf die Baronsfamilie von Schneehag in sich aufgesogen wie ein Schwamm.

„Sorgt Euch nicht. Es gibt weder regelmäßigen Kontakt mit dieser Familie noch gebe ich etwas auf deren Einwände.“ Trautmann lächelte schmal, während eine leise Stimme in seinem Inneren ihm dazu riet, seinen Ton vor den beiden Geweihten etwas zu mäßigen. „Mein Vetter Wilfred leistete seine Knappenschaft beim Familienoberhaupt der Böcklins ab, was mich zu der Annahme führt, dass meine Familie um gute Beziehungen bemüht ist, doch in diesem Fall ...“, der Junker runzelte die Stirn und machte eine bedeutungsschwangere Pause, „ ... ich denke, dass es wichtigere Dinge gibt als Politik und persönliche Befindlichkeiten. Die Sicherheit der Seelen meiner Schutzbefohlenen zuvorderst und dann natürlich auch die Wiedererrichtung der Kapelle und der Burg.“

Der Blick des Gugelforsters lag nun ausschließlich auf Assunta. Er merkte, dass ihr diese zwanglose Art der Kommunikation mehr lag und es war eine Erleichterung für den Ritter. Es wäre nämlich nicht auszudenken gewesen, würde er mit jener Vertreterin der Gemeinschaft des Lichts, die für ihn und Burg Lichtwacht temporär abgestellt wurde, auf keinen grünen Zweig kommen. Um das entstandene Momentum nicht verrauchen zu lassen, nutzte er die Herkunft der Lichtträgerin als Aufhänger.

„Meine Cousine Gwidûhenna, die Baronin von Weidenhag, pflegt übrigens Kontakte nach Drachenstein. Sie hat in der dortigen Baronin wohl eine Schwester im Geiste gefunden. Demnach ist mir die Baronie ein Begriff, auch wenn ich noch nie dort war.“ Ein verlegenes Lächeln erschien auf den Lippen des Junkers. „Ich kam selbst noch nie so weit gen Osten. Mein Dienst im Gefolge des Grafen und meine jetzige Verantwortung gegenüber meinen Schutzbefohlenen haben es bisher nicht zugelassen. Dennoch habe ich die Meldungen der letzten Jahre aus eben jenen Breiten verfolgt. Von Goblinstürmen, über bürgerkriegsähnliche Zustände und Räuberbarone ... da wird Euch die Heldentrutz als Insel der Seligen erscheinen.“

„Schwer vorstellbar, nachdem ich vier Götterläufe hier im beschaulichen Anderath verbracht habe“, entgegnete die Lichtbringerin. „Aber ich gebe der Trutz eine Chance. Vielleicht überrascht sie mich ja.“ Kleine Fältchen rund um ihre Augen ließen ein Lächeln erahnen, das sich auf den Lippen jedoch nicht widerspiegelte – und dann waren sie auch schon wieder verschwunden. „Die Sichelwacht, insbesondere ihr Osten, ist ein rauhes Land und beherbergt tatsächlich alles, was Ihr soeben aufgezählt habt“, meinte Assunta mit großem Ernst in der Stimme. „Noch dazu ist sie ein schwieriges Pflaster für Geweihte, denn je weiter weg von Salthel die Baronien liegen, desto weniger fühlen sich die Menschen dem Glauben an die Zwölf verbunden. Sindaja von Silkenau bildet da eine löbliche Ausnahme, könnte man fast sagen. Insofern hat sich Eure Base wohl genau die richtige ... Verbündete ausgesucht für ... einen regen Briefkontakt?“

Sie sah Trautmann fragend an, doch bevor der etwas erwidern konnte, hob Heliopais ihre Stimme.

„Sicherheit ist ein gutes Stichwort“, stellte die Hochgeweihte fest und bedachte Trautmann mit einem offenen, aber dennoch irgendwie ernsten Lächeln. „Ich werde meine Schwester ohne Bedeckung mit Euch reisen lassen, weil mir momentan kein Bannstrahler zur Verfügung steht, den ich mit der Aufgabe betrauen könnte. Ohnehin wäre das nicht in Eurem Sinn gewesen, nach allem, was ich gestern vernommen habe. Das bedeutet für Euch nun Folgendes, Wohlgeboren: Ich vertraue darauf, dass Ihr den Leib Ihrer Gnaden mit der gleichen Aufopferungsbereitschaft und dem gleichen Pflichtbewusstsein schützen werden, wie sie Eure Seele und die Seelen Eures Gesindes. Ich gehe davon aus, dass Ihr gegen eine solche Abmachung nichts einzuwenden habt?!“

Trautmann war kurz mit der Situation überfordert. Für die Dauer einiger Herzschläge ging sein Blick unstet zwischen den beiden Geweihten hin und her, unsicher, welcher der beiden er nun antworten sollte. Der, die ihm zuerst eine Frage gestellt hatte, oder der, die in der Rangordnung über der anderen stand. Er entschied sich für Letztere.

„Ja, das schwöre ich.“ Der Junker führte mit ernster Miene seine Schwertfaust zum Herzen. Ohne zu zögern war er bereit dazu, dies vor zwei Priesterinnen des Praios zu schwören. „Ich werde Ihre Gnaden mit meinem Leben verteidigen und sie wohlbehalten wieder hierher zurück bringen. Hoffentlich, nachdem die Gefahr beseitigt und Lichtwacht wieder ein Heim des Herrn Praios ist.“ Dann ging sein Blick weiter zu Assunta. „Euch wird nichts geschehen, das garantiere ich Euch.“ Der Gugelforster ließ eine leichte Verbeugung folgen.

„Und um auf Eure Frage zurück zu kommen: Ja“, Trautmann nickte knapp, „der Kontakt zwischen den Baroninnen beschränkt sich auf einen regelmäßigen Briefverkehr. Die Distanz zwischen Drachenstein und Weidenhag macht persönliche Treffen beinahe unmöglich. Dennoch verbindet Gwidûhenna und die Drachensteinerin der tiefe Glaube an die gütige Eidmutter.“

Assunta nickte zu seinen Worten, kam aber nicht dazu, etwas zu erwidern, da Heliopais abermals schneller war. „Sehr schön“, meinte die zufrieden. „Damit ist das Wichtigste für mich geklärt und ich entlasse Euch beide aus diesem meinem Zimmer. Ich denke, Ihr braucht keine Anstandsdame, die Euer Gespräch in Gänze überwacht?“

Trautmann sah, wie die jüngere Priesterin der älteren einen irritierten Blick zuwarf und die darauf mit einem Lächeln reagierte – auffordernd und ermutigend zugleich.

„Vielleicht möchte Seine Wohlgeboren den Tempel sehen? Oder einen Absacker im Alten Säufer trinken? Oder du gehst mit ihm in den Stall, auf dass er sich das Pferd und den Muli ansehe?! Als Ritter ist er in dieser Hinsicht bestimmt besser geschult als wir.“ Die Hochgeweihte hielt inne und schenkte Trautmann einen Blick, in dem nur ein minimales Fitzelchen Frustration blitzte, aber es reichte gerade so, um erkennbar zu sein: „Unsere Stallmagd liegt im Wochenbett und die restlichen Bediensteten kennen sich mit Pferden ebenso wenig aus, wie wir und unsere Geschwister im Glauben. Momentan verwalte ich einen Mangel und ich fühlte mich wohler, wenn sich jemand die Tiere noch einmal anguckt, bevor sie ihre Reise antreten. Wann wollt Ihr noch gleich aufbrechen? Morgen früh zur achten Stunde?“

Auf das Nicken des Gugelforsters hin breitete sie die Arme aus, um ihre Gäste auf eine sehr höfliche und gesittete Art aus ihrer Schreibstube zu komplimentieren. „Dann sehen wir und ein halbes Wassermaß vorher im Tempel, Wohlgeboren. Ich werde Euch einen Segen für die Reise spenden.“

Einen Herzschlag später standen sie auch schon vor der Tür und wechselten einen kurzen, leicht verwunderten Blick.

„Ja ... äh ...“, meinte Assunta und zögerte. „Zum Stall geht es dort entlang.“ Sie wies auf einen Trautmann bisher unbekannten Teil des Tempels und ging auch gleich los. Als er zu ihr aufschloss, lächelte die Praioranerin freundlich und nahm das Gespräch wieder auf. „Ihr habt Verwandtschaft in der Sichelwacht, oder nicht?“, hob sie an. Es klang ein bisschen so, als würde sie sich zwingen, um keine unangenehme Stille entstehen zu lassen. Aber immerhin: Sie bemühte sich. „Mir war als würde die Baronsgemahlin von Beonspfort ein Gugelforst im Namen tragen. Ist es eine große Familie, der Ihr entstammt?“

Trautmann wirkte ein wenig verstört über den schnellen Gesprächsabbruch durch die Hochgeweihten und die Tatsache, dass sowohl er als auch Assunta in den letzten Momenten bloß Passagiere gewesen waren. Dennoch sollte es nicht allzu lange dauern, bis sich wieder ein freundliches Lächeln auf seinem Antlitz zeigte. Er entspannte sich und bot der Geweihten auf dem Weg zum Stall seinen Arm an – was bei ihr überrascht gehobene Brauen heraufbeschwor. Sie sagte zwar keinen Ton, doch ihre Augen vermittelten ihm ein klares „Ernsthaft?“, bevor sie doch tatsächlich auf das Angebot einging. Vielleicht ja, weil sie hier im Tempel mehr oder minder unter sich waren? Oder auch, weil ihr die  umgängliche Art des Gugelforsters sehr entgegenkam und sie ihm nicht vor den Kopf stoßen wollte. Als der Junker in dem bereits bekannten, ungezwungenen Plauderton fortfuhr, war sie jedenfalls  schon wieder ganz bei sich.

„Ja, Ihr habt recht“, bestätigte Trautmann. „Meine Base Ullgrein ist in Beonspfort Baronsgemahlin. Eine von Tsa sehr gesegnete Verbindung.“ Der Lichtwachter hob seine Schultern und lächelte vielsagend. Er hätte sich nie träumen lassen, dass die kriegerische Ullgrein einmal zuvorderst Mutter und von einer Kinderschar umgeben sein würde. Keinen Heller hätte er darauf gewettet, wenn er an ihre gemeinsame Zeit am Grafenhof zurückdachte. Damals tat seine Base über Jahre Dienst als Heroldin des Grafen und war ihm vor allem mit ihrer Liebe zur und dem Streben nach dem Erhalt ihrer Freiheit sowie mit dem Reisen durch die Weidener Lande bekannt gewesen.

„Als groß würde ich meine Familie jedoch nicht bezeichnen.“ Trautmann verdrängte die aufkommenden Gedanken und ging stattdessen auf die Frage Assuntas ein. „Ich hoffe, Ihr verzeiht mir wenn ich weiter aushole?" Nach einem Nicken der Geweihtenhob er wieder an: „Wir sind ein eigentlich noch junges Haus aus dem ehemaligen Darpatien. Vor 200 Götterläufen wurde meine Ahnin Myria vom Fürsten Gerhelm von Rabenmund in den Adelsstand erhoben.“ Dass eben jene Myria nicht den besten Ruf genoss, sie gar als Hexe bezeichnet wurde, die den damals kinderlos gestorbenen Fürsten verzaubert und verflucht haben sollte, ließ er gegenüber der Praiosdienerin unerwähnt. Es war ein Gerücht gewesen und keinesfalls bewiesen.

„Unseren Stammsitz haben wir auch heute noch im Gugelforst am rahjawärtigen Hang der Trollzacken nahe der Ruine einer mächtigen Trollfestung.“ Die Augenbrauen des Junkers wanderten nach oben und Assunta konnte deutlich sehen, dass ihn diese Tatsache fesselte. „Ich war leider selbst nie dort. Unsere Ländereien in der Rabenmark wurden erst vor Kurzem wieder befreit. Das Gugelforster Familienoberhaupt Geppert verwaltet dort als Erbvogt das kaiserliche Allod Gugelforst und mein Vetter Perval herrscht als Junker von Trôlswaht über die Stammburg der Familie. Den Weg nach Weiden fand mein Geschlecht durch einen Traviabund vor gut 100 Sommern. Angehörige meiner Familie mögt Ihr demnach vor allem in den darpatischen Marken und Weiden, aber vereinzelt auch in Greifenfurt und Garetien finden.“

Nachdem er die Frage der Praiosdienerin beantwortet hatte, schwieg Trautmann für einige Herzschläge. Erst nach einer kurzen Verschnaufpause fuhr er fort. „Ich hoffe, ich trete Euch nicht zu nahe wenn ich jetzt nach Eurer Familie frage? Seid Ihr denn eigentlich verheiratet und habt Ihr Kinder? Ließe sich das mit Eurem Amt überhaupt vereinbaren?“

Assunta hatte dem Trutzer interessiert zugehört, als er über seine Familie berichtete und schien auch schon wieder die eine oder andere Frage zu haben. Dann schwenkte er jedoch auf ihre Familie um – und bekam sofort das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Er konnte das nicht an ihrer Miene festmachen, die vergleichsweise ungerührt blieb. Er spürte die plötzliche Anspannung mehr, da ihre Hand ja nun auf seiner ruhte und sie direkt neben ihm ging. Es dauerte einen Herzschlag, bis sie sich gefangen hatte und leicht nickte. Wobei nicht ganz klar war, worauf sich dieses Nicken bezog.

„Das ließe sich mit meinem Amt vereinbaren, Wohlgeboren“, hob sie dann mit fester Stimme an. „Es gibt keine Gesetze, die es Angehörigen der Gemeinschaft des Lichts verbieten, eine Ehe zu schließen. Allerdings besteht Uneinigkeit darüber, ob wir es tun sollten. Es gibt Priesterinnen und Priester, die finden, dass sich das mit dem Dienst am Fürsten der Götter nicht vereinbaren lässt, weil es eine Ablenkungen von der vorbehaltlosen Hingabe zu IHM und von unseren eigentlichen Aufgaben darstellt. Andersherum gibt es auch Menschen, die keinen Bund mit einem Priester eingehen mögen, weil ihnen klar ist, dass sie diese Person immer teilen müssten und dass es eine Verpflichtung gäbe, die noch über dem Eheversprechen steht. Es ist schwer, das zu verstehen und zu akzeptieren, weshalb wieder andere sagen, es wäre das Beste, wenn Geweihte nur Geweihte heiraten, damit zumindest ein gewisses Grundverständnis vorhanden ist.“

Assunta hielt kurz inne und runzelte die Stirn. „Was mich betrifft, so war ich verheiratet. Ich bin Witwe. Und ich hatte einen Sohn, der gestorben ist, als er acht Winter zählte.“ Da war kein Zögern mehr, bevor sie das sagte. Ihre Stimme zitterte auch nicht oder verriet auf sonst eine Art Anspannung. Dennoch stand außer Frage, dass es sie Überwindung kostete, sich zu dem Thema zu äußern. Und hilfreich für das weitere Gespräch war es auch nicht gerade – das schien ihr ebenso klar zu sein wie Trautmann. Vielleicht lächelte sie deshalb entschuldigend und hob die Schultern. „Wie ist es mit Eurer Mutter?“, fragte die Praioranerin, ohne sich groß aufzuhalten. Offenbar wollte sie sich nicht geschlagen geben und das Gespräch wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser lenken. „Ist sie mit einem Priester verheiratet? Und seid Ihr in einem Tempel aufgewachsen?“

Trautmann jedoch schwieg für einige Augenblicke. Sein Blick ging starr nach vorn und das Kauen an seiner Unterlippe verriet dem aufmerksamen Beobachter, dass es in seinem Kopf arbeitete. „Entschuldigt, Euer Gnaden, ich wollte nicht ...“, stammelte er sichtlich berührt und schalt sich innerlich dafür, diese doch sehr persönliche Frage so unüberlegt gestellt zu haben. Er blickte auf die klein gewachsene Geweihte neben ihm. Wie tapfer sie war – trotz der erlittenen Schicksalsschläge wahrte sie Ruhe und wirkte nach außen hin gefasst. Der Gugelforster hatte einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt und die sich ihm nun eröffnenden Einblicke in Assuntas Leben ließen sie für ihn in einem gänzlich anderem Licht erscheinen.

„Ihr müsste Euch nicht entschuldigen“, meinte die Lichtbringerin und schüttelte den Kopf. „Ich habe nach Eurer Familie gefragt, da war es nur logisch, dass Ihr Euch nach meiner erkundigt. Ihr konntet ja nicht wissen, dass es darüber nichts Erfreuliches zu berichten gibt. Lasst Euch davon nicht betrüben, lassen wir es stattdessen hinter uns.“

Trotz ihres ermunternden Blicks dauerte es noch gut zehn Schritte, bis Trautmann sich wieder so weit beruhigt hatte, dass er das Gespräch fortsetzen konnte – den Göttern sei es gedankt mit einem positiveren Thema.

„Meine Mutter ist mit einem Ritter verheiratet. Eher ungewöhnlich für eine Geweihte der Gütigen, ich weiß ...“, die Stimme des Lichtwachters war immer noch etwas gedämpft, aber auf seinen Züge zeigte sich nun wieder ein freundliches Lächeln. „Ihr müsst wissen, dass sich am Baronssitz Weidenhags, auf dem ich aufgewachsen bin, auch ein Tempel der Gütigen findet, dem meine Mutter vorsteht. Ich bin sozusagen sowohl im Tempel als auch auf einem Adelshof aufgewachsen.“

Abermals folgte ein Lächeln und der Junker verfiel wieder in seinen Plauderton: „Mein Vater ist ein Dienstritter am Hof der Barone und diente schon unter dem Großvater Gwidûhennas. Meine Pagen- und Knappenschaft habe ich dann am Grafenhof in Reichsend abgeleistet und durfte den Grafen Emmeran auch auf seiner berühmten Pilgerreise begleiten. Nach meinem Ritterschlag, verblieb ich als Dienstritter in seinem Gefolge, bis ich um Freistellung ersuchte, als ich um die Hand der Baronin von Nordhag warb.“ Der Gugelforster machte eine Pause und es schien Assunta, als würde er leicht seufzen. „Daraus wurde dann schlussendlich nichts und ich wurde stattdessen mit Burg Lichtwacht belehnt. Jenem Gemäuer, bei dem ich nun Eure Hilfe benötige.“

Wieder schwieg der Lichtwachter für einige Momente. „Ihr wurdet auf Auraleth ausgebildet?“, kam es dann in fragendem Ton und insgeheim hoffte er, mit dieser Frage nicht wieder in ein Fettnäpfchen zu treten. „Das ist interessant. Habt Ihr denn auch im Orden vom Bannstrahl gedient?“ Trautmann hatte die letzten Monde so einiges über die Geißler lernen dürfen, gebot er doch immerhin über eine ihrer ehemaligen Niederlassungen.

„Die ersten Jahre meiner Ausbildung habe ich in Gareth verbracht“, diesmal kam die Antwort ganz ohne Zögern, also gab es offenbar keine Fettnäpfchen. „Die Geweihten dort gelangten jedoch bald zu der Einschätzung, dass ich mit meinen Begabungen auf Auraleth besser aufgehoben sei. Also wurde ich dorthin geschickt, habe fast mein gesamtes Noviziat auf der Feste verbracht und wurde schließlich auf ihr geweiht. Ich habe allerdings nie im Orden des Bannstrahls gedient. Ich wurde dem Tempel der Feste zugeordnet, wo auch Geweihte ohne Ordenszugehörigkeit ihren Dienst versehen. Die Geißler haben mich nur in einigen Teilbereichen meiner Ausbildung unterwiesen.“

Assunta hielt kurz inne und warf dem Junker von Lichtwacht einen nachdenklichen Blick zu, ehe sie fortfuhr: „Ich weiß vielleicht mehr über den Bannstrahl als die meisten anderen Geweihten hier in Anderath, jedoch nicht so viel, wie es ein Angehöriger des Ordens täte. Vermutlich ist das auch gar nicht vonnöten, um Euch mit Eurem Problem zu helfen. Nach allem, was Hochwürden mir erzählt hat, scheint das nämlich anders gelagert zu sein. Ich werde Euch noch die eine oder andere Frage dazu stellen müssen, Wohlgeboren, fürs Erste will ich es aber bei einer belassen.“ Trautmann meinte ein interessiertes Funkeln in den Augen der Geweihten zu sehen, bevor sie weitersprach: „Verstehe ich das recht, dass Ihr um die Hand der Frau angehalten habt, die Euch später mit diesem verfluchten Flecken Land belehnte? Was waren denn ihre Beweggründe dafür?“

Kaum dass die Frage ausgesprochen war, löste die Praioranerin ihre Hand von Trautmanns, um beide für das schwere Tor frei zu haben, vor dem sie just angekommen waren. Der Junker hatte es nicht bemerkt, weil er zu sehr auf das Gespräch konzentriert gewesen war, doch offenbar hatten sie den gesamten Tempelkomplex durschritten und den Stall erreicht. Ehe er sich versah, hatte Assunta die Tür geöffnet und bedeutete ihm mit einer einladenden Geste, vorauszugehen.

Was er auch tat. Die dadurch entstandene Pause kam dem Junker mehr als gelegen, um seine Gedanken zu ordnen. Er dachte noch einmal an seine Werbung um die junge Baronin von Nordhag. Auch wenn seitdem viel Wasser den Dergel hinab geflossen war, hatte er immer noch daran zu nagen. Nicht etwa aus gekränktem Stolz, vielmehr wegen der ganzen Wünsche, Träume und Gedanken, die er bereits in diese Sache investiert gehabt hatte. Seit seiner Freistellung durch den Grafen wuchs in ihm der Wunsch nach der Geborgenheit einer eigenen Familie.

„Ja Ihr versteht richtig“, Trautmann nickte knapp, „Ich habe um ihre Hand geworben, sie hat mir einen anderen vorgezogen und mich dann mit einer verfluchten Ruine belehnt.“ Der Gugelforster musste sich eingestehen, dass sich dieser kurze Umriss eben jener Geschehnisse von vor zwei Wintern äußerst seltsam anhörte. Deshalb hob er sogleich beschwichtigend seine Hand. „Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass es unter anderem ich war, der das dort herrschende Unleben zuvor beendet hatte.“ Der Junker ließ ein vielleicht etwas unangebrachtes Schmunzeln folgen. „Leudane und ihr Vater wollten mich mit der Belehnung wohl belohnen, wenn mir schon ihre Hand verwehrt blieb.“

Der Lichtwachter wandte sich nun wieder zur Geweihten um und wartete auf einen Impuls der ihm signalisierte, welche Tiere er nun zu begutachten hatte.

Die war allerdings gerade in der Tür stehen geblieben und musterte ihn mit neugieriger Miene. „Tatsächlich? Dann stellt die Belehnung so etwas wie eine Entschädigung dar?“ Sie hob die Brauen und schien einen Moment verschärft nachzudenken. Hoffentlich nicht darüber, was für eine schreckliche Frau Baronin Leudane sein musste, wenn ihre Hand in verfluchten Ruinen aufgewogen wurde. Einen Moment schien es fast so, denn rund um Assuntas Augen zeichnete sich wieder das feine Geflecht aus Lachfältchen ab. Die Stimme war allerdings völlig frei von Spott, als sie sie wieder hob: „Wie viele Bewerber gab es denn damals? Haben die Lehen in Nordhag ausgereicht, um einen jeden von ihnen mit einem Gut zu bedenken?“

Sie sah Trautmann fragend an, als sie an ihm vorbei und tiefer in den erstaunlich lichten Stall hinein schritt. Wenn man bedachte, wie groß der Tempel war, wirkte das Gebäude erschreckend klein. Es gab vielleicht acht Stände darin und momentan waren nur drei belegt. Die Lichtbringerin hielt zielstrebig auf ein hellbraunes Muli zu und gab dem Trutzer den Impuls, auf den er gewartet hatte, indem sie das Tier heraus deutete.

„Ich bin sicher, dass sie sich beide bester Gesundheit erfreuen, aber vermutlich ist es wirklich vernünftiger, Ihr schaut noch einmal drauf“, meinte sie.

Trautmann ließ sich vom Anflug eines Lächelns bei der sonst eher zugeknöpft wirkenden Geweihten anstecken. Er begegnete ihm seinerseits mit einem breiten Lächeln, das es ihm vorerst unmöglich machte, ihre ersten Fragen zu beantworten. Erst nachdem sie an ihm vorbei zu dem Maultier gegangen war, fasste er sich wieder.

„Wie viele Werber es waren, kann ich Euch gar nicht mehr sagen“, führte der Junker dann schulterzuckend aus. „Am Ende fiel die Entscheidung zwischen mir und einem Koscher.“ Er strich über die Flanken des Maultieres, zog dessen Lippe hoch und warf einen prüfenden Blick ins Maul. Dann wandte er sich wieder Assunta zu. „Ich glaube nicht, dass die anderen Werber irgendeine Form der Kompensation erhalten haben. Es ging, denke ich, nur darum, die alte Burg an jemanden zu vergeben, der diese wieder aufbaut und instandsetzt.“ Der Gugelforster drehte sich wieder zu dem Tier um, hockte sich hin und begutachtete die Läufe. „Da muss der Hufschmied noch einmal ran“, bemerkte er dann mehr zu sich selbst als zur Praiosdienerin. „Wisst Ihr, ich gräme der Baronin ihre Entscheidung nicht. Es sollte eben nicht sein und man weiß nie, wofür es gut sein mag. Die Götter werden sich schon etwas dabei gedacht haben, und vielleicht war es von Anfang an der Plan der Zwölf, dass ich mich um Lichtwacht kümmern soll.“

Trautmann hob seine Schultern, wandte sich abermals Assunta zu und blickte sie aus fragenden Augen an: „Und Euer Pferd? Ihr werdet doch wohl nicht auf einem Maultier reiten wollen.“ Er lächelte frech, ließ jedoch vorerst keine Antwort zu. „Ich würde Euch sonst bei mir mitreiten lassen.“

Die Brauen der Geweihten schossen in die Höhe, als sie die letzte Anmerkung des Trutzers vernahm. Sie sagte jedoch nichts dazu, sondern schüttelte den Kopf und deutete auf eines der beiden Rösser, die ganz in der Nähe des Mulis standen.

„Nicht mein Pferd“, erklärt Assunta rasch. „Sie gehört dem Tempel, aber Hochwürden gibt sie für die Dauer der Queste in meine Obhut.“ Dann bedeutete sie Trautmann, ihr zu folgen und steuerte zielstrebig auf einen Falben zu – einen mausgrauen, ausgerechnet –, der ihnen aufmerksam entgegenblickte. Die Ohren des kräftigen Tiers spielten und seine Nüstern waren leicht gebläht, was den Trutzer zur Vorsicht gemahnte. „Das Muli habe ich als Packtier dabei“, meinte die Geweihte derweil. „Ein paar Bücher, Paraphernalien, Brieftauben, da ich dem Tempel regelmäßig Bericht erstatten soll ...“, sie hob die Schultern. „Ich werde nicht mit leichtem Gepäck unterwegs sein. Müsste das alles auf dem gleichen Rücken reisen wie ich, würde es dort oben etwas eng.“

Nachdem das gesagt war, trat Assunta näher an das Pferd heran und streckte ihm eine Hand entgegen – wohl damit ihm zuerst ein vertrauter Geruch in die Nase steigen möge und nicht der eines völlig Fremden. Das Tier schnupperte kurz, fasste Trautmann dann aber wieder ins Auge und schnaubte vernehmlich.

Trautmann quittierte das Gebaren des Gauls mit einem milden Lächeln. Er war schwierige Fälle gewohnt. Als unachtsamer Knappe hatte er sogar einmal einen Huf von Graf Emmerans Schlachtross in den Rücken gekriegt und Glück, dass ihm außer gebrochenen Rippen und äußeren Blessuren nichts passiert war.

„Ein schönes Tier ...“, bemerkte er und näherte sich der Stute, die mit jedem Schritt des Gugelforsters ihre Körpersprache zu ändern schien, langsam. Erst schwang sie sanft ihren Kopf, dann hob sie ihren rechten hinteren Huf und stampfte unwillig auf und zu guter Letzt legte das Tier seine Ohren an und bleckte drohend die Vorderzähne. „Sie mag mich wohl nicht“, kam es dazu beiläufig aus dem Mund des Junkers, dann legte er ihr sanft die Hand auf den Hals. Quittiert wurde der Annäherungsversuch mit einem unwilligen Schnauben, gefolgt von einem Wiehern und dem Versuch zu steigen, den Trautmann jedoch mit einem Griff nach dem Strick unterband.

In seinem Rücken – und damit vom Trutzer unbemerkt – zeigte sich unterdessen auch auf den Zügen der Praioranerin ein rascher Wandel. Erst beobachtete sie seine Annäherung an die schlecht gelaunte Stute nur interessiert. Als das Tier anfing, die Zähne zu blecken und sich schließlich gar auf die Hinterbeine stellen wollte, hob sie jedoch besorgt die rechte Hand und setzte zu einem Rettungsversuch an, den sie schweigend abbrach, als klar wurde, dass der Trutzer die Situation im Griff hatte. Da steckte sie die Hände in die weiten Ärmel ihres Ornats und verschränkte die Arme halbwegs gelassen vorm Bauch.

„Shhhh ... shhhh ...“, versuchte Trautmann das Ross zu beruhigen und legte ihm die Hand auf die Blesse. „Soooo ists gut ...“, kommentierte er die langsam einsetzende Entspannung des Tieres. „Na, dann lass dich mal ansehen, meine Hübsche.“ Der Lichtwachter begutachtete das immer noch etwas nervöse Pferd furchtlos und ließ währenddessen immer wieder Berührungen folgen, um dem Tier zu signalisieren, dass er noch da war, um es nicht zu erschrecken. Mit einem knappen „Sehr schön“ beendete er die Begutachtung schließlich und wandte sich wieder Assunta zu.

„Habt Ihr Frau Leudane gekannt, bevor Ihr ausgezogen seid, um sie für Euch zu gewinnen?“, griff die das Thema von eben unvermittelt wieder auf. „Wusstet Ihr bereits, wie sie ist? Oder wenigstens, wie sie aussieht?“ Die Geweihte ging kurz in sich und schien zu bemerken, dass das sehr private Fragen waren. „In der Sichelwacht hat der Baron von Herzogenthal seine Nichte vor nicht allzu langer Zeit sozusagen als Preis für den Waidmann ausgelobt, der es schafft, einen wildgewordenen Eber zur Strecke zu bringen“, fügte sie daher an. „Nach allem, was man hört, war die Frau darüber zunächst nicht sonderlich erfreut – und ist selbst mit auf die Jagd gegangen, um ihre Freiheit zu erringen. Ich schätze, in Nordhag sind die Dinge ein bisschen anders abgelaufen?“

Bei der Geschichte über die Herzogenthalerin huschte ein kurzes Schmunzeln über Trautmanns Lippen. „Ein Eber?“, fragte er amüsiert. Was wäre denn gewesen, wenn dieser von einem Bauern erlegt worden wäre? Es war eine Frage, die der Gugelforster nicht aussprach. „Ich kannte Leudane vom Sehen“, sagte er stattdessen. „Vor ihrer Belehnung war sie eine Bärenritterin am Herzogenhof. Ich diente im Gefolge des Grafen der Heldentrutz. Wir liefen uns einige Male über den Weg.“ Er ließ ein beinahe schüchternes Lächeln folgen. „Sie ist eine Löwin“, schwärmte er dann, „Eine kämpferische junge Frau, die es in der Heldentrutz und Nordhag jedoch nicht einfach hat. Umso wichtiger wäre es gewesen, in der Grafschaft Verbündete zu suchen – warum es ein Adeliger aus dem Kosch sein musste, der noch dazu um eines älter ist als sie selbst, weiß ich nicht. Es steht mir nicht zu, ihre Entscheidung zu hinterfragen.“

Als offizieller Grund wurde die Traviafrömmigkeit des Koschers genannt – ein Schlag ins Gesicht für den jungen Ritter, der nicht nur einem hochadeligen und der Travia gefälligen Haus abstammte, sondern gar der Sohn einer Hochgeweihten der Gütigen war und große Teile seines Lebens in ihrem Tempel verbracht hatte. Trautmann zuckte mit seinen Schultern. Die Praiosdienerin konnte ganz klar erkennen, dass er immer noch an der Sache zu knabbern hatte, deshalb wechselte er auch bereitwillig das Thema. „Wann möchtet Ihr denn aufbrechen? Kann ich Euch bei der Vorbereitung noch irgendwie helfen, oder möchtet Ihr vor dem Antritt der Reise noch etwas wissen?"

In dem Moment, in dem Trautmann die Nordhagerin mit begeistert funkelnden Augen Löwin hieß, schlich sich ein Lächeln auf Assuntas Züge – ein echtes, nicht eins von denen, die nur ihre Augen umtanzten. Das wurde zwar wieder schmaler, als sich offenbarte, dass die Situation dem Gugelforster nach wie vor zu schaffen machte, doch ihre Stimme klang überraschend warm und verbindlich, als sie sie hob. „Ihr solltet Euch wahrlich nicht grämen, Trautmann“, sagte sie. „Es ist, wie Ihr sagt: Die Götter haben einen Plan für jeden ihrer Gläubigen. Wenn der für Euch Frau Leudane nicht umfasst, wird sich an anderer Stelle ein neuer Weg auftun. Ihr scheint mir stark im Glauben und in Eurem Vertrauen auf die Zwölf. Dann vertraut Ihnen auch in dieser Sache. Ihr seid noch jung und wenn der Koscher es nicht mehr ist, hat er die Erfahrung, die Ihr jetzt macht, vielleicht schon ein paarmal in seinem Leben durchlitten? Womöglich hat das das Herz der Eidmutter erweicht, sodass sie die Dinge für ihn fügte.“

Die Bedrücktheit des Junkers schien von einem auf den anderen Herzschlag von ihm abzufallen. „Ihr habt recht, Euer Gnaden“, meinte er und kurz stahl sich gar ein Lächeln auf seine Züge. „Wer weiß, was die Götter alles mit mir vorhaben. Jetzt gilt es, den Blick nach vorn zu richten und mich meinen neuen Aufgaben zuzuwenden. Alles andere wird sich fügen.“

Nachdem das gesagt war, trat Assunta näher an den Verschlag der Stute heran, die dazu übergegangen war, nach Taschen im Wams des Gugelforsters zu suchen. Ohne Scheu griff sie nach der langen Nase des Tiers und drückte sie mit einem sehr entschiedenen „Ist gut jetzt!“ beiseite. „Ich würde sagen, wir richten uns nach den Koordinaten, die Hochwürden vorgegeben hat: Abreise zur achten Stunde, Treffen im Tempel ein halbes Wassermaß davor“, schlug sie dann vor. Sie wartete Trautmanns Nicken ab und überlegte kurz.

„Die erste Frage wäre, ob das Muli zum Schmied muss, bevor wir aufbrechen, oder ob Ihr denkt, dass wir das unterwegs erledigen können“, meinte sie dann. „Die zweite, ob es etwas gibt, das ich wissen sollte. Oder etwas, das ich für einen Aufenthalt auf Eurer Burg keinesfalls vergessen darf. Ich weiß, was ich brauche, wenn ich von Tempel zu Tempel reise. Aber das hilft mir in diesem Fall vermutlich nur bedingt. Und ich war wie gesagt noch nie in der Trutz. Wie liegt denn Eure Burg? Wie ist das Wetter dort zu dieser Zeit des Jahres?“

Kurz ließ der Gugelforster eben jener Frage einen kritischen Blick auf die Aufmachung der Geweihten folgen. Es war ein Blick, der Assunta im ersten Moment Sorgen bereitete. Doch dann begann er zu schmunzeln und meinte:  „Ihr werdet festes Schuhwerk brauchen. Und etwas Warmes zum Anziehen. Zur Burg hoch führt nämlich nur ein recht schwer gangbarer Pfad, weshalb wir die Tiere wohl am Zügel führen müssen und fester Stand vonnöten sein wird.“ Trautmann machte eine Pause und versuchte aus dem Gesicht der Geweihten zu lesen, was er aber nach einem kurzen Moment aufgab.

„Die Gemäuer selbst sind recht zugig. Der Augrimmer pfeift das ganze Jahr über an den Hängen des Finsterkamms. In der Kapelle, sollte sie einmal nutzbar werden, seid Ihr davor jedoch geschützt. Diese wurde, genauso wie der Giftschrank und die Kerker, in den Felsen des Bergs getrieben und wird mit Hilfe großer Kupferspiegel durch das Licht des Praios beleuchtet.“ Der Lichtwachter wollte nicht schon wieder eine Frage stellen, die seinem Gegenüber zu nahe ging, weswegen er darauf verzichtete nach der bisherigen Heimat ihrer Gnaden zu fragen. Er wusste, dass sie erst wenige Jahre in Anderath lebte. Trautmann nahm deshalb an, dass sie davor wo anders ihren Dienst getan hatte und in ihm keimte die leise Vermutung, dass der Wechsel des Tempels wohl mit ihrer verlorenen Familie zu tun hatte.

„Auch werde ich mein Gemach für Euch räumen, Euer Gnaden“, fuhr er stattdessen fort. „Es ist das einzige Gemach in der Burg, das durchgehend mit einem Kamin geheizt werden kann.“ Der Junker wollte der Praiosdienerin nicht zumuten, dass sie sich jeden Abend heiße Steine in Bett legen musste. „Ich werde das Gesinde anweisen, das Feuer über Nacht in Gang zu halten. Es kann oben im Finsterkamm nämlich fürchterlich kalt und ungemütlich werden.“

„Auf gar keinen Fall werdet Ihr das tun“, erwiderte Assunta leise, aber sehr bestimmt. „Ihr seid Herr auf Lichtwacht, Wohlgeboren, und deshalb gebührt es Euch, im herrschaftlichen Gemach zu nächtigen. Ich weiß, dass es nicht so aussieht, aber ich muss nicht mit Samthandschuhen angefasst werden: Ich bin Entbehrungen gewohnt. Sie waren Teil meiner Ausbildung, Teil meines Lebens in der Sichelwacht und Teil einer Pilgerreise, die ich unlängst unternommen habe. Kälte schreckt mich ebenso wenig wie Zugluft, und ich brauche auch kein großes Gemach. Mir reicht eine kleine, kahle Zelle.“ Damit war wohl eine Klosterzelle gemeint und keine im Karzer, aber das führte sie nicht weiter aus, sondern lächelte nur freundlich.

Trautmann entgegnete seinerseits mit einem Kopfschütteln, an dessen Ende sich ein schmales Lächeln auf seinen Lippen manifestierte. „Bitte zwingt mich nicht dazu, eine Dienerin des Götterfürsten in einer kalten Kammer nächtigen zu lassen.“ Er rieb sich sein Kinn und es schien Assunta als schweiften seine Gedanken dabei in weite Ferne. „Ich kann genauso gut in der Ritterhalle auf einer Bank nächtigen. Dort ist es wenigstens wohlig warm.“ Der Junker hob seine Schultern und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. „Wir werden schon eine Lösung finden. Aber dass Ihr bei mir auf der Burg nächtigt wie eine gemeine Magd, werde ich nicht zulassen.“

Assunta quittierte seine Worte mit einem Heben der schmalen Schultern und ließ sich anstandslos auf den Vorschlag ein. „Festes Schuhwerk und warme Kleidung“, meinte sie leichthin. Die Aussicht einer anstrengenden Kraxeltour am Berg schien sie fürs Erste nicht übermäßig zu beeindrucken. „Ist vermerkt. Ebenso die Tatsache, dass ich sehr gespannt auf Euer Gema...“, sie hielt inne, als ihr bewusst wurde, dass ihre Gedanken noch etwas hinter dem Gespräch her hinkten, sie daher just dabei war, sich auf recht missverständliche Weise zu verhaspeln und dringend nachbessern musste. „Euer Gemäuer“, korrigierte sie sich selbst und gab einen kleinen Räusperer von sich. „Ich bin sehr gespannt auf dieses alte Gemäuer, Wohlgeboren. Was Ihr da schildert, klingt nach einer interessanten Bauweise.“

Der Gugelforster nickte und kurz blitzte ehrliche Begeisterung in seinen Augen auf. „Das wohl! Ich habe mich sogleich in die Burg verliebt und es ist mir ein Herzenswunsch, sie wieder instandzusetzen. Die Reinigung von womöglich verbliebenem Übel soll dabei ja nur der erste Schritt sein.“ Trautmann lächelte bescheiden. „Die Archive der Burg sind nämlich voll mit alten Schriften, zusammengetragen in der Zeit der Priesterkaiser. Auch die möchte ich den Händen der Kirche des Götterfürsten überantworten. Es ist ja eigentlich auch deren Eigentum.“ Von den Artefakten im Giftschrank begann er jetzt gar nicht zu sprechen.

„Von ... alten Schriften?“, Assunta starrte ihn einen Augenblick lang fassungslos an. „Das ... äh ... hat mir Ihre Hochwürden gar nicht gesagt. Das wusste ich nicht.“ Sie schien aber nichts dagegen zu haben. Jedenfalls glaubte Trautmann das. Denn in ihren Augen funkelte mit einem Mal eine ähnliche Begeisterung wie die, die er beim Gedanken an sein Lehen empfunden hatte. „Wenn Ihr mir ...“, die Geweihte hielt inne und bedeutete ihm, mit ihr in Richtung Ausgang zu gehen. „Könnt Ihr mir irgendetwas Genaueres dazu sagen?“

Das konnte der Gugelforster eigentlich nicht, denn das meiste, was er gesehen hatte, war entweder in fremden Sprachen abgefasst oder zu allem Überfluss auch noch in Buchstaben, die er nicht kannte. Immerhin konnte er Assunta die Auskunft erteilen, dass es sich nur um wenige Bücher, dafür aber um einen reichen Vorrat an Pergamenten handelte. Das forderte noch mehr Fragen heraus, mit deren Beantwortung er mehr oder minder bis zum Eingangsportal des Tempels beschäftigt war.

Die Verabschiedung fiel zwar nicht ganz so hastig aus, wie die von Heliopais, aber Trautmann hatte das Gefühl, dass die Praioranerin nicht ganz bei der Sache war. Vielleicht, weil sie die Liste dessen, was sie mit nach Lichtwacht nehmen musste, in ihrem Kopf gerade um etliches erweiterte? Gleich wie: Sie verabschiedete ihn mit einem festen Händedruck und er hatte das Gefühl, dass sie mit dem Gedanken, morgen in die Trutz aufzubrechen, jetzt schon viel mehr anfangen konnte, als zu Beginn ihres Treffens. Ob nun, weil sie gut mit ihm zurechtkam oder weil sie sich auf all den Schreibkram freute – wer konnte das schon mit Gewissheit sagen?

am nächsten Morgen...

„Sic est!“

Mit eben jener Formel schloss Heliopais ihren Segen. Sie bedeutete Trautmann und Assunta, die vor ihr knieten, mit einem einfachen „Surgite“, sich wieder zu erheben und nahm zeitgleich ihre Hände von deren Stirn.

„Habt Dank, Hochwürden ...“, fühlte sich der Gugelforster bemüßigt zu sagen. Er verstand nicht viel von jenen Worten, die soeben aus dem Mund der Hochgeweihten gekommen waren, wusste sie aber dennoch zu schätzen. Der Segen der Götter konnte nie schaden, und schon gar nicht jener des Götterfürsten höchstselbst.

Der Junker bedachte die schlanke Gestalt Assuntas mit einem Seitenblick und ein leichtes Lächeln huschte über seine Züge, denn sie war heute deutlich legerer gekleidet als gestern – und irgendwie sagte ihm das zu. Die dunkelrote Robe wies vorn und hinten jeweils hüfthohe Schlitze auf, sodass sie an einen Waffenrock erinnerte, und darunter schien statt des typischen weißen Untergewands ein weiter Reitrock auf – wohl beides Zugeständnisse an die Tatsache, dass sie zu Pferd unterwegs sein würde und sich die traditionelle Tracht der Praioraner für so etwas eher nicht eignete. An einem breiten, mit goldenen Stickereien verzierten Gürtel hingen Assuntas Sphärenkugeln und ein paar lederne Taschen, die ihre Taille noch schmaler wirken ließ, als sie es ohnehin schon war.

Alles in allem sah die Lichtbringerin heute etwas mehr nach Frau und etwas weniger nach Priesterin aus. Im Angesicht dessen kam Trautmann der Gedanke, dass sie ihm ja vielleicht auch als solche guttun würde. Nicht, dass der Junker unzüchtige Gedanken hegte, doch hatte er in seinem direkten Umfeld auf Lichtwacht nur sehr wenig Kontakt zu Frauen. Das Gesinde neigte nur die Köpfe, wenn er vorüber schritt und sonst gab es auf der Burg bloß Trautmann selbst und seinen Knappen Bogumil. Ja, er kam nicht umhin, sich des Öfteren einsam zu fühlen. Eine Burg in der Einöde des Finsterkamms war doch etwas anderes als der Grafenhof der Heldentrutz.

Erst das fragende Gesicht der Hochgeweihten riss ihn aus seinem Gedankenschwall. Wurde ihm eine Frage gestellt? Wie lange war er da gestanden und hatte geschwiegen? Trautmann hoffte, dass er Assunta nicht zu auffällig angestarrt hatte. Seine Gedanken kreisten wie wild durch seinen Kopf, so dass es noch einmal einige Herzschläge lang dauerte, bis er seinen Mund aufmachte.

„Bitte entschuldigt, Hochwürden“, kam es dann begleitet von einem bescheidenen Lächeln. Eben jenem Lächeln ließ der Gugelforster sogleich einen fragenden Blick folgen.

„Ich hatte mich erkundigt, ob es Eurerseits noch irgendwelche Fragen gibt, oder ob Ihr direkt aufbrechen wollt, Wohlgeboren“, meinte die Geweihte und bedachte ihn mit einem milden Lächeln – ganz so, wie er es bereits von ihr kannte.

Der Angesprochene nickte ihr dankbar zu, dann bedachte er Assunta mit  einem Seitenblick – ganz so als wolle er ihre Meinung dazu hören. „Ich weiß nicht, was Ihre Gnaden denkt.“ Trautmann hob seine Schultern. „Wir werden die Alte Straße gen Rhodenstein nehmen, von dort dann firunwärts gen Altenfurten und den Alten Weg nach Nordhag“, erklärte er die angedachte Route. „Von der Stadt aus ist es  nur mehr eine Tagesreise.“ Sein Blick ging für einige Momente zwischen den beiden Frauen hin und her. „Wir werden gut vier Tage unterwegs sein. Ich denke, je früher wir aufbrechen desto besser.“ Er ließ eine knappe Verneigung vor der Hochgeweihten folgen. „Habt Dank, Hochwürden. Für alles. Ich hoffe, wir bleiben auf die eine oder andere Art in Kontakt.“

Anders als am Vortag hatte der Junker sich am heutigen Tage wieder gänzlich wie ein Ritter gekleidet und strahlte die für seinen Stand typische Wehrhaftigkeit aus: gewandet in ein langes Kettenhemd, das er vor wenigen Tagen erst reinigen ließ, darüber ein blutroter Wappenrock, ergänzt von dunkelbraunen Stiefeln, Handschuhen und einem Langschwert an der Seite, gab er darüber hinaus eine stattliche Erscheinung ab.

„Wir bleiben in Kontakt“, meinte Heliopais und nickte, derweil sie eine auffordernde Geste mit beiden Händen machte. In Richtung des Portals, durch das man aus dem goldverzierten großen Saal auf die Straße treten konnte. „Mit Ihrer Gnaden ist vereinbart, dass sie mir regelmäßig Bericht erstattet“, fuhr die Lichthüterin fort, als sie zu dritt zum Ausgang marschierten. „Wir wissen ja nicht, was auf Lichtwacht wartet. Möglicherweise erfordert die Situation ein schnelles Handeln. Auch für den Fall sind Vorkehrungen getroffen.“

Was damit gemeint war, begriff Trautmann, als sie ins Freie traten. Außer seinem treuen Ross warteten vor dem Tempel zwei Bedienstete mit den Tieren aus dem Tempelstall. Der Muli hatte in der Tat einiges zu tragen. Unter anderem thronte auf seinem Rücken ein kleiner Käfig, in dem offenbar mehrere Tauben saßen. Botenvögel wohl. Vermutlich für den äußersten Ernstfall. Die Stute, deren Bekanntschaft er gestern ebenfalls gemacht hatte, wurde von einem jungen Knecht gehalten. Der wirkte irgendwie unglücklich, was vielleicht mit dem angriffslustigen Blick der mausgrauen Tyrannin zusammenhing. Neben dem Knaben wirkte sie noch größer als am Abend im Stall. Zu groß für Assunta eigentlich, wie es Trautmann durch den Kopf schoss. An seiner Seite wandte sich eben jene gerade ein letztes Mal Heliopais zu. Die beiden wechselten ein paar Worte auf einer Sprache, die er nicht verstand, und fassten sich zum Abschied kurz an den Händen.

„Ihr passt gut aufeinander auf“, stellte die Hochgeweihte dann noch mal klar – und meinte damit beide Reisende. Sie sah Trautmann zwar nicht an, aber er begriff sofort, dass diese Worte nicht nur Assunta galten. Heliopais erinnerte ihn auf diese Art an seinen Schwur. Obwohl ihr Gesicht dabei gänzlich eben wirkte, glaubte er in ihrer klaren Stimme mit einem Mal leichte Sorge mitschwingen zu hören.

Assunta begegnete dem mit einem Nicken. „Selbstverständlich werden wir das tun“, versicherte sie, bevor sie ihre Hände von denen Heliopais’ löste. „Die Zwölfe mit Euch, Hochwürden. Praios ihnen allen voran“, ergänzte sie noch und wandte sich dann ihrem Falben zu.

„Und mit Euch“, erwiderte die Tempelvorsteherin feierlich. Sie sah der Lichtbringerin noch einen Moment nach und richtete das Ausgenmerk dann auf Trautmann, um ein abschließendes „Und mit Euch“ anzubringen.

Der Junker neigte noch einmal grüßend den Kopf. „Ich werde meinen Schwur nicht vergessen, Hochwürden. Mögen die Zwölf mit Euch sein. Praios und Travia voran.“  Als auch jener Formalität Genüge getan war, wandte sich der Ritter seinem Ross zu. Es war ein wunderschöner Teshkaler Glanzrappe mit wallender schwarzer Mähne und ebensolchem Schweif, einem muskulösen Körper und stolzen Blick. Während Assunta ein Packtier zur Verfügung hatte, war das Leben des Gugelforsters auf zwei Satteltaschen verteilt. Es ließ darauf schließen, dass seine Reise nach Trallop und weiter nach Anderath nicht lange geplant wurde und er überstürzt aufgebrochen war.

Die Wahl seines Reittieres bestätigte der Lichtbringerin das, was sie schon im Stall und dem Umgang mit ihrer bockigen Stute gesehen hatte: Der Junker hatte allem Anschein nach Geschick im Umgang mit Pferden. Teshkaler waren wunderschöne Pferde, aber man brauchte Geduld, um ihnen all ihre Schrullen auszutreiben und sie zu verlässlichen Reit- und Kriegspferden zu machen.

Eben dies – das Austreiben von Schrullen nämlich – hatte man bei der mausgrauen Stute offenbar versäumt. Sie war mittlerweile dazu übergegangen, den armen Jungen an ihrer Seite mit Tänzelei und aggressivem Kopfwerfen zu drangsalieren. Der kleine Kerl sah aus, als hätte er am liebsten das Weite gesucht, doch das kam natürlich nicht in Frage.

Da selbst auf dem Weg zu seinem Rappen, bekam Trautmann nicht mit, wie seine Begleiterin weitgehend unbeeindruckt an das Trauerspiel heran trat und einen prüfenden Blick auf den Steigbügel warf, der erschreckend weit über dem Boden hing. Mit gerunzelter Stirn sah sie zu dem Burschen hinüber, der wohl nicht viel Ahnung vom Reiten hatte und daher auch nicht auf den Gedanken gekommen war, dass ein Mensch in Assuntas Größe schon über beachtliche artistische Fähigkeiten  hätte verfügen müssen, um damit in den Sattel zu gelangen. Die Lichtbringerin sagte jedoch kein Wort, sondern griff nach dem Steigbügel, um ihn kurzerhand selbst zu verlängern. Am Ende zog sie einmal kräftig daran und der ganze Sattel wäre ihr entgegengekommen, hätte sie nicht geistesgegenwärtig zugepackt.

Während Trautmann – geschmeidig wie Ritter es nun mal so taten – aufsaß, bedachte Assunta den mittlerweile vor Scham tief erröteten Jungen mit einem halb ungläubigen, halb tadelnden Blick, nahm ihm die Zügel ab und führte die Stute zu einem steinernen Bänklein an der Wand des Tempels hinüber. Ganz so, als sei das von Anfang an geplant gewesen. Ohne ein Wort zu verlieren, erklomm sie die Aufsitzhilfe und schwang sich auf das schon wieder spielerisch tänzelnde Pferd. Den Sattelgurt ließ sie fürs Erste wie er war und erweckte so den Eindruck, es sei alles beim Besten. Der Bursche bekam einen letzten warnenden Blick zugeworfen, bevor sie die Stute in Gang setzte und zu dem anderen Bediensteten hinüber ritt, um den Führzügel des Mulis in Empfang zu nehmen. Dann erst lächelte Assunta Heliopais ein letztes Mal zu und steuerte ihren Falben in Richtung Trautmann.

Der wartete, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte, dann bedachte er sie mit einem Lächeln und tätschelte er den Hals seines Rappen. „Er war ein Geschenk meiner Base Gwidûhenna“, beantwortete er eine nicht gestellte Frage. „Habe ihn als Fohlen bekommen. Henna ... äh ... die Baronin reitet seine Schwester.“Der Gugelforster streichelte den muskulösen Hals des Tiers. „Es war eine Herausforderung ihn auszubilden, aber es hat sich ausgezahlt, wie ich meine.“

„Das glaube ich Euch sofort“, meinte Assunta mit einem anerkennenden Nicken. Ihr prüfender Blick über Nüstern, Augen, Nacken, Flanke und Beine des Rappen ließ Trautmann vermuten, dass sie selbst nicht ganz unkundig war. „Ein ausgesprochen schönes Tier. Wer hat ihn denn für Euch ausgebildet? Vielleicht hat derjenige ja noch ein bisschen Zeit für ein missratenes Tempelpferd, das ahnungslosen Priestern dereinst als lammfromm verkauft wurde?“, ergänzte sie dann noch mit einem amüsierten Lächeln und machte eine einladende Kopfbewegung in Richtung Ortsausgang. „Wollen wir?“

Trautmann nickte ihr knapp zu. Der Kommentar zum Gebaren der Stute zauberte ihm ein – wahrscheinlich unangebrachtes, aber dennoch ehrliches – Lächeln auf die Lippen. „Ihr habt Glück“, bemerkte der Gugelforster dann, „Geiserich lebt derzeit auf Lichtwacht und kümmert sich um meinen Stall und die Tiere. Er gehörte zu jenen Menschen, die Gwidûhenna mir zum Aufbau der Burg an die Seite gestellt hat. Er war es, der sich damals um Tharvino“, der Junker tätschelte den Hals seines Rappen, „und Sulvina gekümmert und sie zugeritten hatte, nachdem meine Base sie in Andergast erwarb.“

Daraufhin entspann sich ein kurzes Gespräch über Geiserich und die Namen Tharvino und Sulvina. Sehr weit waren Trautmann und Assunta noch nicht gekommen – kaum um die erste Ecke gebogen und damit außerhalb der Sichtweite des Tempels –, als die Praioranerin ein leises „Wartet bitte kurz“ von sich gab. Sie parierte ihre Stute und sah den Trutzer fragend an. „Wärt ihr so nett, kurz zu halten?“, bat sie und hielt ihm den Führzügel des Mulis hin. Nachdem er zugegriffen hatte, lenkte sie ihren Falben ein paar Schritte von ihm weg. Mit Interesse verfolgte Trautmann, wie die Geweihte erst den linken Steigbügel kürzte und dann den Sattelgurt nachzog, während ihre Stute ein lustiges kleines Tänzchen aufführte, weil sie beides nicht goutierte. Das Ganze geschah mit teils etwas verkniffenem Gesichtsausdruck vonseiten der Praioranerin, sie dachte aber gar nicht dran, um mehr Hilfe zu bitten, als sie es bereits getan hatte.

„Nun denn“, meinte sie, als sie obsiegt hatte. Trautmann kam nicht umhin, die Erleichterung auf ihren Zügen wahrzunehmen. „Jetzt können wir wirklich!“

Der Junker musste an sich halten, um keine unangebrachte Bemerkung zu machen. Als die Lichtbringerin von ihrem Sattel aufsah, war sie demnach bloß mit seinem Lächeln konfrontiert. „Sagt es einfach, wenn ich Euch irgendwie zur Hand gehen soll.“ Er hob interessiert seine Augenbrauen und das Lächeln schwand für einige Herzschläge: „Auch wenn das bedeutet, dass wir die Pferde wechseln. Tharvino ist wohl erzogen und würde sich, mit einer Dame auf seinem Rücken, bestimmt von seiner besten Seite zeigen.“

Wie auf Kommando, blickte der Teshkaler hinüber zur grauen Stute und gab ein leises Schnauben von sich. Assunta fiel auf, dass der Blick des Rappen in dem Moment etwas Abschätzigkeit ausstrahlte – so Pferde denn überhaupt dazu in der Lage waren, abschätzig zu schauen.

„Es geht schon“, meinte sie mit einem Lächeln und schüttelte den Kopf. „Solange der Sattel einigermaßen fest sitzt und ich keine Angst haben muss, mich im nächsten Gebüsch wiederzufinden, komme ich zurecht. Ich weiß Euer Angebot aber zu schätzen, Trautmann, und werde gegebenenfalls darauf zurückkommen.“