Lucem demonstrat umbra - Präludium - der Lichtsucher

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Reichsstraße II, nördlich von Anderath
Baronie Pandlaril, 1041 BF

Das hinter sanften Wolken durchbrechende Licht des aufgehenden Praiosmals ließ Trautmann von Gugelforst blinzeln. "Wie passend", dachte sich der Junker, war er doch gerade auf dem Weg zu einem der bedeutendsten Häuser des Götterfürsten in Weiden. Er lächelte. Fast schien es ihm, als ruhe das Auge Praios’ auf ihm - bildete sich der Gugelforster zumindest ein. Und es war ein tolles Gefühl. Denn in SEINEM Sinne war er vor einigen Wochen auch von der heimischen Burg aus aufgebrochen.

Einst eine Bastion der Bannstrahler, in welcher vor allem gefährliches Wissen weggeschlossen wurde, war Burg Lichtwacht nach dem Sturz der Herzogenwahrer beschädigt und wohl auch geschändet worden. Nur so war für Trautmann erklärbar, dass sich in den heiligen Hallen ein untoter Feldherr einnisten konnte, den er erst vor beinahe zwei Wintern und unter tatkräftiger Mithilfe einiger Streiter bezwungen hatte.

Seit eben jener Befreiung war einiges geschehen. Erst wurde Trautmann mit eben jenem Gemäuer inmitten der Einöde des Finsterkamms belehnt, dann – recht bald nachdem er sich eingelebt hatte und erste Aufräumarbeiten erledigen ließ – nahm er Kontakt zu einer durch die Heldentrutz reisenden Praiosdienerin auf, die den verfemten Fälklins abstammte und ihm anfangs in spirituellen Angelegenheiten half. Denn der im Traviatempel aufgewachsene und am Grafenhof ausgebildete Junker hatte nicht wirklich viel Ahnung vom Glauben an den Götterfürsten. Eben jener Kontakt war jedoch einzig und allein aus der Not geboren und schon recht bald ging der Gugelforster dazu über, sich nach Alternativen umzusehen. Gerade auch, weil ihm dies von seiner Familie geraten wurde.

Genau aus dem Grund brach Trautmann schließlich in Richtung Altentrallop auf, um dort einen ihm schon länger bekannten Geweihten zu treffen. Es war eben jener junge Mann, der ihm schon bei seiner damaligen Suche nach Lichtwacht geholfen hatte. Der Gugelforster hoffte allerdings, diesmal davonzukommen, ohne einen dieser Choräle anstimmen zu müssen.

Die Choräle blieben dem Junker dann zwar tatsächlich erspart, aber es konnte ihm in Altentrallop auch nicht weitergeholfen werden. Erst wurde Trautmann gemaßregelt, warum er denn erst jetzt diese so ernste Sache in kundige Hände lege, dann wollte man ihn mit seinem Bittgesuch sogleich an den Inquisitor verweisen. Der Gugelforster musste beim Gedanken daran immer noch lächeln. Allem Anschein nach konnte er einzig und allein mit seinem bemitleidenswerten Gesichtsausdruck in eben diesem Moment den Geweihten dazu verleiten, ihm eine Alternative vorzuschlagen.

So sollte ihn sein Weg weiter nach Anderath führen, zu der weithin geachteten Custoda Lumini Heliopais. „Wenn Euch jemand außer dem Inquisitor helfen kann, dann sie“, meinte der Geweihte.

„Hoo ... Hoooo ...“, es sollte nicht lange dauern, bis der Gugelforster mit seinen Gedanken wieder ins Hier und Jetzt befördert wurde. Beinahe wäre ihm ein kleiner Junge vor das Pferd gelaufen. Trautmann beließ es bei einem mahnenden Blick, dann hob er seinen Kopf und bemerkte, wie nahe er der Stadt bereits gekommen war. Auch die kupferne Kuppel des Praiostempels konnte er bereits ausmachen. Der Junker war gespannt, was ihn erwartete.

Fürs Erste war das allerdings nicht viel. Nach seiner Ankunft und nachdem er zumindest Fragmente seines Anliegens zu Gehör gebracht hatte, wurde Trautmann von einem jungen Geweihten vertröstet. Höflich, aber bestimmt. Die Tempelvorsteherin, so hieß es, habe wichtige Aufgaben zu erledigen und sei daher bis auf Weiteres unabkömmlich. Er solle es gegen Mittag noch einmal probieren. Um die Zeit zu überbücken, schlug der Priester ihm einen Besuch im „Alten Säufer“ oder dem „Alten Sünder“ vor. In beiden Tavernen gebe es vorzügliche Pferdewurst, versicherte er, nur um im gleichen Atemzug als Alternative einen Ausritt auf einem getreuen Ross entlang des Pandlarilsufers vorzuschlagen, das zu dieser Jahreszeit besonders schön anzuschauen sei. Dass der Gugelforster im Tempel bleiben könnte, um die Zeit im Gebet zum Götterfürsten zu verbringen – auf den Gedanken schien der Praiosdiener gar nicht erst zu kommen.

Er erwähnte noch, dass die Andacht gegen die zwölfte Stunde stattfinden würde, dass Hochwürden Heliopais sie selbst leiten und danach voraussichtlich Zeit für Trautmann haben würde. Anschließend schien der junge Kerl gedanklich schon wieder ganz woanders.

Trautmann tat wie ihm geheißen. Der Ritter verließ das Gotteshaus und machte sich auf die Suche nach dem „Alten Sünder“. Es war sein erstes Mal in Anderath und so einfach der Tempel des Götterfürsten mit seiner glänzenden Kuppel zu finden war, so schwer sollte es werden, besagte Kaschemme auszumachen. Er dachte zumindest, dass es eine sein würde, doch wider Erwarten handelte es sich bei besagtem Etablissement um das beste Haus im Ort. Trautmann musste über diese Tatsache innerlich lächeln. Der "Alte Sünder" hier in einer Hochburg des Praiosglaubens in Weiden – er hatte es im ersten Moment für einen Scherz gehalten.

Eine alternde Marktfahrerin konnte ihm den Weg zum Gasthaus zu weisen. Dort angekommen suchte er sich einen Tisch und orderte zwei Bier sowie die ihm vom Priester anempfohlene Pferdewurst. Der Trutzer Ritter war nicht unbedingt darauf aus gewesen, hier neue Bekanntschaften zu schließen und wirkte in diesem Moment wohl so zugänglich wie ein Lindwurm. Deshalb wurde er, bis auf ein paar knappe Worte von Wirt und Schankmaid, nicht weiter behelligt. Dies sollte sich auch nicht ändern bis Trautmann einige Stundengläser später dem Wirt einen Taler für Bier, Pferdewurst und Aufwand auf den Tisch legte und dann satt und zufrieden das Haus verließ.