Lucem demonstrat umbra

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Auf einer Burg im Finsterkamm begibt man sich auf die Spur eines Fluches, der die Jahrhunderte überdauert hat.

Orte:
Stadt Anderath (Baronie Pandlaril)
Stadt Nordhag und Junkergut Lichtwacht (Baronie Nordhag)

Dramatis Persaonae:
Trautmann von Gugelforst (Junker von Lichtwacht)
Assunta von Auraleth (Geweihte des Praios)
Heliopais von Anderath (Hochgeweihte des Praios-Tempels zu Anderath)
Greifhild Fälklin (gefallene Geweihte des Praios)

Die Vorgeschichte findet sich hier zusammengefasst.


Reichsstraße II, nördlich von Anderath
Baronie Pandlaril, 1041 BF

Das hinter sanften Wolken durchbrechende Licht des aufgehenden Praiosmals ließ Trautmann von Gugelforst blinzeln. "Wie passend", dachte sich der Junker, war er doch gerade auf dem Weg zu einem der bedeutendsten Häuser des Götterfürsten in Weiden. Er lächelte. Fast schien es ihm, als ruhe das Auge Praios’ auf ihm - bildete sich der Gugelforster zumindest ein. Und es war ein tolles Gefühl. Denn in SEINEM Sinne war er vor einigen Wochen auch von der heimischen Burg aus aufgebrochen.

Einst eine Bastion der Bannstrahler, in welcher vor allem gefährliches Wissen weggeschlossen wurde, war Burg Lichtwacht nach dem Sturz der Herzogenwahrer beschädigt und wohl auch geschändet worden. Nur so war für Trautmann erklärbar, dass sich in den heiligen Hallen ein untoter Feldherr einnisten konnte, den er erst vor beinahe zwei Wintern und unter tatkräftiger Mithilfe einiger Streiter bezwungen hatte.

Seit eben jener Befreiung war einiges geschehen. Erst wurde Trautmann mit eben jenem Gemäuer inmitten der Einöde des Finsterkamms belehnt, dann – recht bald nachdem er sich eingelebt hatte und erste Aufräumarbeiten erledigen ließ – nahm er Kontakt zu einer durch die Heldentrutz reisenden Praiosdienerin auf, die den verfemten Fälklins abstammte und ihm anfangs in spirituellen Angelegenheiten half. Denn der im Traviatempel aufgewachsene und am Grafenhof ausgebildete Junker hatte nicht wirklich viel Ahnung vom Glauben an den Götterfürsten. Eben jener Kontakt war jedoch einzig und allein aus der Not geboren und schon recht bald ging der Gugelforster dazu über, sich nach Alternativen umzusehen. Gerade auch, weil ihm dies von seiner Familie geraten wurde.

Genau aus dem Grund brach Trautmann schließlich in Richtung Altentrallop auf, um dort einen ihm schon länger bekannten Geweihten zu treffen. Es war eben jener junge Mann, der ihm schon bei seiner damaligen Suche nach Lichtwacht geholfen hatte. Der Gugelforster hoffte allerdings, diesmal davonzukommen, ohne einen dieser Choräle anstimmen zu müssen.

Die Choräle blieben dem Junker dann zwar tatsächlich erspart, aber es konnte ihm in Altentrallop auch nicht weitergeholfen werden. Erst wurde Trautmann gemaßregelt, warum er denn erst jetzt diese so ernste Sache in kundige Hände lege, dann wollte man ihn mit seinem Bittgesuch sogleich an den Inquisitor verweisen. Der Gugelforster musste beim Gedanken daran immer noch lächeln. Allem Anschein nach konnte er einzig und allein mit seinem bemitleidenswerten Gesichtsausdruck in eben diesem Moment den Geweihten dazu verleiten, ihm eine Alternative vorzuschlagen.

So sollte ihn sein Weg weiter nach Anderath führen, zu der weithin geachteten Custoda Lumini Heliopais. „Wenn Euch jemand außer dem Inquisitor helfen kann, dann sie“, meinte der Geweihte.

„Hoo ... Hoooo ...“, es sollte nicht lange dauern, bis der Gugelforster mit seinen Gedanken wieder ins Hier und Jetzt befördert wurde. Beinahe wäre ihm ein kleiner Junge vor das Pferd gelaufen. Trautmann beließ es bei einem mahnenden Blick, dann hob er seinen Kopf und bemerkte, wie nahe er der Stadt bereits gekommen war. Auch die kupferne Kuppel des Praiostempels konnte er bereits ausmachen. Der Junker war gespannt, was ihn erwartete.

Fürs Erste war das allerdings nicht viel. Nach seiner Ankunft und nachdem er zumindest Fragmente seines Anliegens zu Gehör gebracht hatte, wurde Trautmann von einem jungen Geweihten vertröstet. Höflich, aber bestimmt. Die Tempelvorsteherin, so hieß es, habe wichtige Aufgaben zu erledigen und sei daher bis auf Weiteres unabkömmlich. Er solle es gegen Mittag noch einmal probieren. Um die Zeit zu überbücken, schlug der Priester ihm einen Besuch im „Alten Säufer“ oder dem „Alten Sünder“ vor. In beiden Tavernen gebe es vorzügliche Pferdewurst, versicherte er, nur um im gleichen Atemzug als Alternative einen Ausritt auf einem getreuen Ross entlang des Pandlarilsufers vorzuschlagen, das zu dieser Jahreszeit besonders schön anzuschauen sei. Dass der Gugelforster im Tempel bleiben könnte, um die Zeit im Gebet zum Götterfürsten zu verbringen – auf den Gedanken schien der Praiosdiener gar nicht erst zu kommen.

Er erwähnte noch, dass die Andacht gegen die zwölfte Stunde stattfinden würde, dass Hochwürden Heliopais sie selbst leiten und danach voraussichtlich Zeit für Trautmann haben würde. Anschließend schien der junge Kerl gedanklich schon wieder ganz woanders.

Trautmann tat wie ihm geheißen. Der Ritter verließ das Gotteshaus und machte sich auf die Suche nach dem „Alten Sünder“. Es war sein erstes Mal in Anderath und so einfach der Tempel des Götterfürsten mit seiner glänzenden Kuppel zu finden war, so schwer sollte es werden, besagte Kaschemme auszumachen. Er dachte zumindest, dass es eine sein würde, doch wider Erwarten handelte es sich bei besagtem Etablissement um das beste Haus im Ort. Trautmann musste über diese Tatsache innerlich lächeln. Der "Alte Sünder" hier in einer Hochburg des Praiosglaubens in Weiden – er hatte es im ersten Moment für einen Scherz gehalten.

Eine alternde Marktfahrerin konnte ihm den Weg zum Gasthaus zu weisen. Dort angekommen suchte er sich einen Tisch und orderte zwei Bier sowie die ihm vom Priester anempfohlene Pferdewurst. Der Trutzer Ritter war nicht unbedingt darauf aus gewesen, hier neue Bekanntschaften zu schließen und wirkte in diesem Moment wohl so zugänglich wie ein Lindwurm. Deshalb wurde er, bis auf ein paar knappe Worte von Wirt und Schankmaid, nicht weiter behelligt. Dies sollte sich auch nicht ändern bis Trautmann einige Stundengläser später dem Wirt einen Taler für Bier, Pferdewurst und Aufwand auf den Tisch legte und dann satt und zufrieden das Haus verließ.


Anderath
Baronie Pandlaril, 1041 BF

Ein halbes Stundenglas später war der Gugelforster wieder beim Tempel angekommen. Pünktlich zur Mittagsandacht. Nun galt es, nachher mit Heliopais ins Gespräch zu kommen. Er war gespannt. Letztlich erwies sich sein Vorhaben als gar nicht so kompliziert, aber das stellte sich natürlich erst nach dem Gottesdienst heraus. Der wiederum fiel unerwartet kurz und knackig aus. Vielleicht, weil die Priesterin ihre Schäfchen nicht überfordern wollte? Der Fürst der Götter hatte einen schweren Stand in den Weidenlanden, da empfahl es sich für einen Geweihten nicht, so aufzutreten, wie es die Brüder und Schwester in Garetien oder den Nordmarken vielleicht taten – nicht einmal in einer der mittnächtlichen Hochburgen.

Trautmann fiel jedenfalls auf, dass Heliopais in einfachen Worten sprach und mit der Geschichte eines Tagesheiligen ein ziemlich allgemeinverständliches und damit wohl volksnahes Thema gewählt hatte. Sie brachte die Parabel mit klarer, ruhiger Stimme vor, während ihr wacher Blick über die Schar der Gläubigen wanderte. Die war nicht besonders groß, denn der Praiosglaube mochte in Anderath ausgeprägter sein als anderswo in den Bärenlanden, unter der Woche hatten die Menschen gleichwohl Besseres zu tun. Das galt sogar für die, die leidenschaftlich an Rondra, Travia und Peraine glaubten, wie viel mehr musste es noch für die gelten, die das mehr pflichtschuldig mit Praios hielten? Der Gott des Adels hatte eben nicht viele anregende Botschaften für einfache Leute.

Gemeinhin jedenfalls. Trautmann stellte fest, dass Heliopais dieses Dilemma geschickt umschiffte und die versammelte Schar in die Pflicht nahm, als sie schließlich bei der Pointe ihrer Geschichte ankam. Danach forderte sie die Leute zum gemeinsamen Beten auf und spendete allen einen Segen. Der Trutzer Ritter nahm – durchaus andächtig – wahr, wie der Altar hinter der Geweihten kurz von güldenem Licht erleuchtet wurde. Dann war das Ganze auch schon wieder vorbei. Trautmann beobachtete, wie die die meisten Besucher sich umgehend trollten, einige aber noch nach vorn gingen, um ein paar Worte mit der Geweihten zu wechseln.

Während sie das taten, überlegte er, wie er sein Anliegen am besten an die Frau herantragen sollte. Durch Zufall sah sie just in diesem Moment in seine Richtung, lächelte kurz und bedeutete ihm mit einer nahezu unmerklichen Geste, auch schon mal näherzutreten. Er stellte sich also an und kam als Letzter an die Reihe. Er schaffte allerdings nicht mehr, als der Hochgeweihten einen ehrfürchtigen Gruß zu entbieten und seinen Namen zu nennen. Mit einem sachten Neigen des Hauptes bedeutete sie ihm, ihr zu folgen und gleich darauf fand er sich in einem kleinen, aber feinen Raum mit Stühlen und einem niedrigen Tischlein wieder.

Heliopais bedeutete ihm, sich zu setzen, wies mit einer beiläufigen Geste auf einen Krug und zwei Becher, die bereitstanden und ließ sich dann ebenfalls nieder.

„Junker Trautmann von Gugelforst zu Lichtwacht aus dem fernen Nordhag“, hob sie dann an, als wäre zwischen eben und jetzt nur ein Atemzug vergangen. „Freut mich, Euch in unseren Hallen willkommen heißen zu dürfen. Da Ihr den Weg hierher auf Euch genommen habt, muss ich wohl davon ausgehen, dass es sich um eine Sache von einiger Wichtigkeit handelt?“

Trautmann lächelte der Geweihten zu. „Habt Dank, dass Ihr mich empfangen habt, Hochwürden.“ Schon hunderte Male hatte sich der Ritter innerlich jene Worte vorgesagt, mit denen er vor Heliopais treten wollte. Doch nun hier angekommen verwarf er diese wieder – mit Folgen. Anstatt ihr nun sein auswendig gelerntes Anliegen vorzutragen, schwieg er. Mehr noch: In seinem Kopf war in diesem Moment nur Leere zu finden. Einzig die Standpauke des Geweihten in Altentrallop hallte in ihm, und die Sorge vor einer weiteren zollte allem Anschein nach ihren Tribut.

Trautmann hatte nie viele Berührungspunkte mit der Kirche des Praios gehabt. Als Sohn einer Tempelvorsteherin der Eidmutter Travia und eines Ritters wurden ihm von klein auf die Gebote Rondras und Travias vermittelt. Auch am Grafenhof der Heldentrutz, wo er ausgebildet worden war und danach einige Jahre Dienst tat, sollte sich das nicht ändern.

„Eure Brüder und Schwestern in Altentrallop haben mich zu Euch geschickt ...“, kam es dann doch über seine Lippen, als die Hochgeweihte ihn aufmunternd anlächelte. Wie lange er davor schwieg, konnte er nicht sagen. Er hoffte lediglich, dass es nicht annähernd so lange war, wie es sich anfühlte. „Es geht um Burg Lichtwacht, die wir vor einiger Zeit befreit haben. Die Gemäuer und die Kapelle waren geschändet und Ihre Gnaden Greifhild Fälklin, die mir die erste Zeit dabei half, den Ort wieder zu einem Haus des Götterfürsten zu machen, bis ... naja …“, der Ritter kaute nervös an seiner Unterlippe. „Mir wurde von mehreren Personen zugetragen, dass sie vielleicht nicht die ... Richtige ... dafür ist. Deshalb führte mich mein Weg zuerst nach Altentrallop und dann eben weiter zu Euch.“

„Greifhild Fälklin?“ Als Heliopais den Namen wiederholte, wirkte sie irgendwie abwesend – den Blick in weite Ferne gerichtet, als müsse sie in ihrem Gedächtnis erst noch nach einem passenden Gesicht und einer passenden Vita kramen. Da war allerdings etwas in ihrer Stimme gewesen, das Trautmann an dieser Einschätzung zweifeln ließ. Er glaubte auch ein leichtes Zucken im rechten Augenlid der Hochgeweihten zu gewahren, das irgendwie verdächtig wirkte.

Gleich wie: Er glaubte nur und wusste nicht. Sollte die Frau etwas Negatives mit dem Namen der Trutzer Priesterin verbinden, dann verstand sie es ziemlich gut, sich davon nichts anmerken zu lassen. Ihre Züge blieben klar und ebenmäßig, als seien sie aus Marmor gemeißelt, und auch das Lächeln schwand nicht von ihren Lippen.

„Nein, nach allem, was Ihr da gerade angedeutet habt, ist sie wahrlich nicht die Richtige, um Euch zu helfen. Es waren allerdings nur Andeutungen. Damit ich begreifen kann, worum es hier geht, müsstest ihr schon präziser werden. Also: Was hates mit dieser Burg auf sich? Wer hat sie geschändet? Und wie? Wann hat sich das abgespielt? Wie seid Ihr darauf aufmerksam geworden und woher wisst Ihr von der Schändung? In welchem Zustand befindet sich der Ort jetzt? Und letztlich: Was ist bisher unternommen worden, um ihn zu reinigen und zu läutern?“

Trautmann verkrampfte abermals. Diese vielen Fragen, und es war ihm jetzt schon bewusst, dass er diese nur unzureichend beantworten können würde. Tief atmete er durch.

„Es ist nun schon fast zwei Götterläufe her. Damals sind eine kleine Gruppe Adeliger und ein Geweihter der Hesinde vom Zinsgrafen ausgesandt worden, um ein altes Schriftstück zu bergen, welches laut unseren Nachforschungen im Tempel Götterfürsten zu Altentrallop in Burg Lichtwacht, einer vergessenen Ordensburg der Bannstrahler, lagerte.“ Der Ritter blickte Heliopais aus fragenden Augen an, ganz so, als wolle er eine Bestätigung, dass sie wusste, wovon er sprach. Als sie ihm mit einer leichten Handbewegung bedeutete fortzufahren, nahm er den Faden wieder auf.

„Uns Trutzern waren die alten Gemäuer bloß als ‚Toter Turm‘ bekannt, den es meiden galt. Woher der Name kommt, erschloss sich uns dann beim Betreten der Anlage.“ Trautmann schlug ein Schutzrad. „In Lichtwacht wimmelte es von Untoten unter der Führung eines Feldherren, der wohl irgendwann einmal, wahrscheinlich zur Zeit der Herzogenwahrer, ein geweihter Ritter der Bannstrahler gewesen sein muss. Leider konnten wir nicht herausfinden, warum auf den Burgbewohnern dieser entsetzliche Fluch lag.“

Der Gugelforster versuchte aus den Gesichtszügen der Geweihten schlau zu werden, gab es jedoch nach einigen Herzschlägen auf und fuhr fort.

„Nachdem die Untoten besiegt waren, wurde mir die Burg zum Lehen gegeben und es war mir von Anfang an ein Anliegen, die Wehranlage wieder aufzubauen, den Tempel des Herrn Praios reinigen zu lassen und diesen dann den kundigen Händen eines oder einer Geweihten zu überantworten.“ Kurz zögerte Trautmann. „Mangels Alternativen habe ich mich an Greifhild Fälklin gewandt, die dann auch einige Monde im Tempel zubrachte. Was genau sie tat oder eben nicht tat, erschloss sich mir nicht.“ Der Gugelforster hob die Schultern. „Ich bin nur ein einfacher Rittersmann und Diener der Götter. Das war in meinen Augen Geweihtensache.“

„Da habt Ihr wohl Recht, Trautmann“, erwiderte Heliopais ohne Zögern und er glaubte zum ersten Mal einen Hauch von Missbilligung aus ihrer Stimme heraushören zu können. „Wenn Ihr von einem bösen Fluch redet, so gehe ich davon aus, dass Ihr das Unleben dieser armen Seelen meint? Der Untoten, die in dem Gemäuer hausten? Was haben sie dort getan? Über die Unterlagen gewacht, die Ihr gesucht habt? Oder etwas anderes?“

Die Geweihte hob fragend die Brauen, setzte aber noch einmal an, bevor sie Trautmann zu Wort kommen ließ: „Und Ihr habt von einer Schändung gesprochen. Könnt Ihr mir dazu etwas Näheres sagen? Wie wurde dieser Tempel geschändet? Hat der Bruder in Hesinde etwas darüber herausfinden können? Hat er Euch etwas dazu gesagt?“

Trautmann versuchte sich äußerlich nichts anmerken zu lassen. Innerlich seufzte er ob des neuerlichen Schwalls an Fragen. Verlegen kratzte er sich an der Schläfe. „Ähm ja Fluch ...“, hob er zögerlich an, „... warum sollten die Toten denn sonst umgegangen sein? Die Bannstrahler waren doch fromme Leute ... denke ich.“

In seiner abermals aufkommenden Unsicherheit versuchte der Ritter sich irgendwo festzuhalten. In Ermangelung an Alternativen tat er das, indem er seinen Wappenrock glatt strich und dann seine Hände darauf ablegte. „Warum die Toten umgewandelt sind, weiß ich nicht. Kann sein, dass sie die dorthin verbrachten Schriften und Artefakte bewachten.“ Er hob seine Schultern. „Sie haben es uns nicht gesagt. Wir wurden sogleich angegriffen.“

Kurz stoppte der Junker, ging in sich, ob er denn eine der vielen Fragen vergessen hatte, entsann sich und hob dann kurz seine Rechte um einer etwaigen Nachfrage Heliopais’ zuvor zu kommen. „Die Schändung. Ja, das haben wir angenommen und auch Greifhild hat das bestätigt. Die Toten hätten doch unmöglich auf geweihtem Boden wandeln können, oder?“

Nachdem das gesagt war, blickte die Geweihte den Ritter einen Moment lang schweigend an. Irgendwie schaffte sie es, eine neutrale Miene zu wahren, während sie sich seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Trautmann war sich jedoch ziemlich sicher, dass sie ihm innerlich einen Vogel zeigte – und die darauffolgenden Worte bestärkten ihn in der Vermutung.

„Ich muss das unbedingt richtig verstehen, Trautmann, also verzeiht mir bitte, dass ich weiter bohre. Es geht nicht anders“, hob sie mit ruhiger Stimme an. „Ihr seid vor bald zwei Wintern in dieses verfluchte Gemäuer, das eine geschändete Weihestätte des Gleißenden beherbergt, eingezogen und lebt dort seither? Ohne dass der Hesindegeweihte, der Euch einst beauftragte, die Lage vor Ort genauer untersucht hat? Ohne zu wissen, ob von dem Gemäuer noch eine Gefahr für Euch oder Euer Gefolge ausgeht und wenn ja, welcher Art die ist? Und letztlich auch ohne zu wissen, wie der Ort seiner Heiligkeit beraubt wurde? Haltet Ihr das für eine gute Idee?“

Heliopais runzelte die Stirn und ihr Gesichtsausdruck hatte plötzlich etwas von einer gestrengen Lehrerin, auch wenn der Blick weiterhin gütig wirkte. Abermals stellte sie noch ein paar letzte Fragen, bevor sie den Gugelforster zu Wort kommen ließ: „Hat Schwester Greifhild Euch denn auch nichts zum Zustand des Gemäuers gesagt? Oder irgendetwas dazu, ob man darin überhaupt leben sollte? Und in wessen Zuständigkeit liegt das Ganze? Wer hat Euch diese Ruine überantwortet – ohne Rücksprache mit einem Diener des Götterfürsten zu halten?“

Trautmann schüttelte energisch den Kopf. „Hochwürden nein, ich und die Meinen bewohnen nicht jene Bereiche, in welchen die Toten wandelten...“, der Gedanke daran verleitete ihn dazu ein Schutzrad zu schlagen, „... nein, wir haben den Wohnturm wieder instandgesetzt und meine Base Travegund hat ihn im Namen der Eidmutter gesegnet.“

Er legte seine Stirn in Falten, wohl wissend, nun noch einmal seine Fehleinschätzung breittreten zu müssen. „Der Hesindegeweihte brach bald wieder auf und ging zurück nach Tobrien. Sein Rat an mich war, diese ... Sache ... in die Hände der Praioskirche zu legen.“ Kurz zögerte der Ritter. „Ich dachte, dass ich das mit der Konsultierung Ihrer Gnaden Greifhild getan hätte. Sie hat sich eingehend mit dem Gemäuer beschäftigt. Was genau sie getan hat, weiß ich nicht – es war meiner Meinung nach eine Sache der Geweihten.“ Der Gugelforster hob seine Augenbrauen. „Wäre es gefährlich für uns gewesen, hätte sie es mir doch gesagt?“

Er wartete keine Antwort der Hochgeweihten ab. „Es lag mir sehr viel daran, das Gemäuer wieder zu einem Platz des Götterfürsten zu machen, doch war mir bewusst, dass es mein Wissen und meine Kompetenzen überschreiten würde, mich hierbei einzumischen. Ich kann dabei nur auf die Hilfe der Kirche hoffen. Dass Ihre Gnaden Greifhild dafür nicht die richtige Wahl war, habe ich inzwischen erkannt. Deshalb sitze ich heute hier vor Euch und bitte um Eure Hilfe.“

„Leudane von Finsterkamm“, als Trautmann ihr die letzte Antwort, die sie gefordert hatte, nicht gab, übernahm Heliopais das einfach selbst. Schwer zu sagen, ob sie während seiner ganzen Rede nur über diesem Rätsel gebrütet oder ihm nebenher auch noch zugehört hatte. Jetzt jedenfalls fasste sie den Ritter wieder ins Auge und ihr Blick hatte etwas eindeutig Tadelndes. Ob der Unwille nun ihm oder seiner Lehnsherrin galt, konnte Trautmann wiederum nicht letztgültig beurteilen. Gleich wie: Als Heliopais fortfuhr, klang ihre Stimme freundlich.

„Ich weiß nicht, ob Ihre Gnaden Greifhild Euch umfassend über etwaige Gefahren aufgeklärt hätte, Wohlgeboren“, meinte sie schlicht. „Eure Wahl war keine Gute, das habt Ihr ja mittlerweile selbst erkannt. Da ich in meinem Amte und meinem Glauben der Wahrheit verpflichtet bin, kann ich Euch auch diese nicht ersparen: Ich zweifle daran, dass just diese … Schwester im Glauben in der Lage ist, derart alte und vermutlich diffizil zu erspürende Gefahren zu erkennen und ihre Beschaffenheit bis in den Kern zu durchdringen. Ich habe hier niemals eine Meldung von Greifhild erhalten, obwohl dies eine Angelegenheit von einiger Bedeutung ist. Vielleicht hilft Euch dieses Wissen, die Situation aus eigener Kraft zu bewerten.“

Heliopais sah Trautmann tief in die Augen, während sie innehielt. Um die Worte einsickern und die Erkenntnis reifen zu lassen? Oder vielleicht, weil sie irgendwie in ihn hinein blicken wollte? Hinter seine Stirn? In seine Gedanken? Wer wusste das schon? Schließlich seufzte sie leise.

„Über Lichtwacht ist mir bisher nichts bekannt, Trautmann. Aber vermutlich ist die Ruine nicht groß genug, dass die Distanz zwischen dem geschändeten Ort und dem Wohnturm – möge er auch gesegnet sein – für einfache Geister unbedenklich wäre. Ohne je vor Ort gewesen zu sein, würde ich meinen, dass Ihr Euch alle zwei Winter lang einer potenziellen Gefahr ausgesetzt habt. Sagt das einem nicht der gesunde Menschenverstand? Dass man nicht an einen verfluchten Ort ziehen sollte, wenn man sich der Art des Fluchs nicht gewiss ist? Und wenn man sich nicht sicher sein kann, dass er gebrochen wurde? So dass definitiv keine Gefahr mehr besteht?“

Klammes Unwohlsein Ergriff Besitz vom Herz des Junkers. In ihm tobte ein Kampf zwischen dem nun einsetzenden Fluchtinstinkt und der Sorge vor dem, was der Ort wohl die letzten beiden Götterläufe aus ihm und seinem Gefolge gemacht hatte. „Hochwürden ... ich ...“, kam es nur sehr zögerlich über seine Lippen. Trautmann war ein einfacher Mann – ein Ritter, der es zuvorderst mit der Herrin Rondra hielt. Er hatte sein Vertrauen in die einzige ihm bekannte Praiosgeweihte der Trutz gesetzt und darein, dass sie schon wissen würde, was sie tat. Dass dies nun allem Anschein nach ein Trugschluss war, erschütterte ihn.

„Ich dachte, dass ihre Gnaden Greifhild wüsste, was sie tut, dass von diesem Ort keine Gefahr mehr ausgeht und der Segen der Eidmutter mich und mein Gefolge zu schützen vermag ...“, er hob seine Schultern und ließ den Kopf hängen. „Was schlagt Ihr nun vor? Was soll ... was kann ich tun?“

„Selbstverständlich kann der Segen der Eidmutter Schutz vor der Einflussnahme übelgesonnener Geister bieten und es war ein guter Gedanke von Euch, ihn einzuholen“, meinte Heliopais und machte eine beschwichtigende Geste. „Ich nehme jedoch stark an, dass die Bewohner des Turms sich regelmäßig außerhalb seiner Mauern aufgehalten haben – und da liegt die Sache dann schon nicht mehr so klar.“ Die Hochgeweihte hielt inne, um Trautmanns zerknirschte Miene zu studieren, und schien ihren Ärger in deren Angesicht nicht länger aufrechterhalten zu wollen oder zu können. Ihr Lächeln wirkte mit einem Mal erstaunlich warm und verbindlich und sie neigte den Kopf leicht zur Seite, während ihr Blick unablässig auf dem Ritter ruhte.

„Ihr könnt gar nichts tun, Trautmann, es liegt nun an uns. Mir will scheinen, als hätte die Kirche des Gleißenden Euch und sich selbst in dieser Sache bisher keinen allzu guten Dienst erwiesen“, für die Dauer eines Lidschlags bildete sich eine steile Falte zwischen Heliopais’ schmalen Brauen und brachte das sonst vorherrschende Ebenmaß ins Wanken. Sie hatte sich aber schnell wieder im Griff und fuhr mit fester Stimme fort:

„Dass Ihre Gnaden nicht die Richtige für die Aufgabe war, bedeutet nicht, dass unsere Kirche hier in Weiden über gar niemanden verfügt, der dem Rätsel auf den Grund gehen könnte. Wir haben alle unsere Fähigkeiten und die sind sehr verschieden.“ Sie überlegte kurz. „Ich denke, das Beste wird sein, jemand, der über das nötige Wissen verfügt, begleitet Euch nach Lichtwacht und sieht sich die Sache an. Da wirft sich mir übrigens gleich die nächste Frage auf: Wie kommt es, dass Ihr bei mir seid und nicht bei Ehrwürden Patras in der Herzogenstadt? Wenn ich das richtig verstanden habe, wart Ihr doch schon in Trallop? Da hätte sich dieser Weg ja geradezu aufgedrängt.“

Trautmann atmete tief durch. Beinahe schien es, als fiele in diesem Moment eine große Last von seinen Schultern. Ja, kurz zeigte sich gar ein Lächeln auf seinen Lippen. „Habt Dank, Hochwürden.“ Er nickte Heliopais dankbar zu. „Was Trallop angeht, vermutet Ihr richtig. Ich war erst in der Herzogenstadt beim dortigen Tempel, den wir ja, wie eingangs erwähnt, auch bei unserer damaligen Suche nach Lichtwacht, konsultiert hatten.“

Der Junker verzog beim Gedanken an seinen Besuch im Tempel von Trallop vor ein paar Tagen kurz die Lippen. Ein Ausdruck dessen was ihm dort wiederfahren war. Anders als von Heliopais, die zumindest äußerlich beherrscht blieb, war er von ihrem Bruder aus dem Tralloper Tempel nicht so sanft behandelt worden. Mit großem Zorn hatte der ihm dargelegt, dass es unverantwortlich sei, so lange auf eine anständige Lösung zu warten und dass man – sinngemäß – doch nicht so blöd sein könne, so eine heikle Sache einer dahergelaufenen Predigerin anzuvertrauen, die dem Weg der Kirche des Götterfürsten schon lange den Rücken gekehrt hatte. Schlussendlich hatte ihn der Geweihte mit resignierendem Kopfschütteln nach Anderath verwiesen.

„Ich war dort ...“, fuhr Trautmann nach einigen Herzschlägen fort. „Euer Bruder, dessen Name mir entfallen ist, meinte, dass hier in Anderath die fähigsten Leute sitzen, sich dieses Problems anzunehmen.“

„Schwer vorstellbar“, Heliopais zuckte nicht mal mit der Wimper, als sie Trautmanns Worte in Zweifel zog. „Kein Diener des Götterfürsten – ob nun von hier in Anderath oder von anderswo in Weiden – ist für diese Aufgabe auch nur ansatzweise so geeignet wie der Inquisitor. Deshalb bin ich offen gesprochen milde verwundert darüber, dass mein Bruder im Glauben Euch auf direktem Wege hierher geschickt haben soll. Seid Ihr sicher, dass es so war? Oder habt Ihr in Eurem Bericht vielleicht etwas vergessen?“

Der Junker wirkte ob der Nachfrage etwas verstört. „Öhm ...“, er kratzte sich am Kinn und Heliopais konnte ihm ansehen, dass es in seinem Kopf arbeitete. „Ja ...“, meinte er dann schuldbewusst. „Hochwürden, zunächst wurde ich tatsächlich an die Inquisition verwiesen.“ Er schluckte und wirkte äußerst unsicher. „Euer Bruder hat Euch erst dann beim Namen genannt und mich nach Anderath geschickt, als ich nach einer Alternative fragte.“

„Nach einer Alternative?“ Trautmann war nicht sicher, ob es Belustigung war, was er da mit einem Mal in den Augen der Priesterin funkeln sah, oder doch eher Missbilligung. Erneut. Schließlich fuhr sie sich mit einer nachdenklichen Geste über die Schläfe und musterte ihn prüfend. „Ihr habt Euch die Inquisition lieber nicht ins Haus holen wollen, nehme ich an? Aus Furcht vor allzu harschen Urteilen und strikten Methoden? Kennt Ihr Ehrwürden Patras denn, Wohlgeboren?“

Trautmann schwieg einige Momente lang. Er musste an ein paar weise Frauen denken, die er kannte, und von denen er wusste, dass sie in der Heldentrutz, nicht fern seiner Burg, lebten und den Menschen halfen. Er dachte an Adelshäuser, die das Erscheinen der Inquisition in den falschen Hals bekommen würden – insbesondere die windschiefen Böcklins. Nicht, dass ihm viel an einer Freundschaft zu diesem Haus lag, aber unheilbar zerrütten wollte er die Beziehung zu einem Nachbarn auch nicht. Der Junker seufzte leicht.

„Ja, Hochwürden. Ich muss Euch gestehen, dass der Gedanke an die Inquisition in meinem Haus mir Bauchweh bereitet ...“", er stoppte und machte eine abwehrende Handbewegung, „... ich hoffe, Ihr versteht mich nicht falsch. Ich bin ein götterfürchtiger Mensch. Meine Mutter, eine Hochgeweihte, hat mich stets im Sinne der Eidmutter aufgezogen. Meine Ausbildung erfuhr ich am Grafenhof, wo die Herrin Rondra hoch in Ehren gehalten wird ...“, der Gugelforster reckte sein Kinn und hoffte, dass dies genug der verteidigenden Worte waren, auch wenn er mitten in seiner Ausführung abbrach.

„Mit seiner Ehrwürden hatte ich allerdings noch nicht das Vergnügen", fügte Trautmann abschließend hinzu.

„Das liegt nahe, anderenfalls wärt Ihr höchstwahrscheinlich nicht so abgeneigt.“ Heliopais nahm das gereckte Kinn des Ritters zur Kenntnis, ohne eine Miene zu verziehen. „Nun denn“, meinte sie nach einer kurzen Pause. „Ich schicke jemanden, der sich Euer ... Anwesen genauer besieht und herausfindet, ob von dem Ort noch eine Gefahr ausgeht oder nicht. Sollte sich erweisen, dass tatsächlich ein Fluch auf Lichtwacht lastet, oder dass andere Dinge vorgehen, die götterungefällig sind, werden wir eine Lösung finden.“

Sie legte die Fingerspitzen aneinander, während sie Trautmann ein letztes Mal prüfend musterte. „Eine Lösung finden kann in diesem Fall aber auch bedeuten, dass Ehrwürden Patras hinzugezogen werden muss. Wir werden nicht zögern, das zu tun, wenn sich abzeichnet, dass wir das Problem nicht selbst beheben können. Ich nehme an, dagegen habt Ihr als Sohn einer Hochgeweihten und Zögling der Reichsender Knappenschule nichts einzuwenden?!“

Das schien eher eine Feststellung als eine Frage, denn die Praioranerin fuhr ohne Zögern fort: „Wie lange beabsichtigt Ihr Euch in Anderath aufzuhalten, Trautmann? Und werdet Ihr von hier aus auf direktem Wege zurück in die Heimat reiten, oder habt Ihr noch irgendwelche Schlenker geplant? Familienbesuche?“

Der Angesprochene durchlief während der letzten Herzschläge ein Wellental der Gefühle: erst Unsicherheit und auch ein wenig Scham darüber, dass er Ehrwürden Patras womöglich falsch eingeschätzt und ihm damit Unrecht getan hatte. Dieser erste Impuls wurde gefolgt von einem Gefühl der Neugier, wie der Inquisitor denn wirklich sein mochte, hin zu Demut und Dankbarkeit für Heliopais’ klare Worte. Der Junker nickte leicht mit dem Kopf – eine Geste, die mehr ihm selbst und weniger seinem Gegenüber galt.

„Ich denke, dass mein Gefolge keinen Tag länger als nötig in der Burg nächtigen sollte ...“, erklärte Trautmann, „... deshalb werde ich sogleich aufbrechen und sehen, dass ich so schnell wie möglich nach Lichtwacht komme. Meine Base Gwidûhenna wird meinen Schutzbefohlenen mit Sicherheit Gastung und Schutz gewähren, bis die Kirche des Götterfürsten meint, es sei ungefährlich für die Bewohner der Burg.“ Der Gugelforster nickte Heliopais zu. „Ich danke Euch für Eure Hilfe, Hochwürden.“

„Nicht so schnell, Wohlgeboren!“, Heliopais lächelte schief und hob beschwichtigend die rechte Hand. Der plötzliche Eifer des Junkers hatte sie offenbar auf dem falschen Fuß erwischt, doch ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. „Gebt mir zwei Tage“, sagte sie dann. „Lasst mich sehen, was ich auf die Schnelle veranlassen kann. Günstigstenfalls werdet ihr übermorgen nicht allein, sondern in Begleitung eines meiner Glaubensgeschwister reisen. So müsstet Ihr Euer Gesinde nicht auslagern, denn es wäre jemand da, der für seinen Schutz sorgen kann. Jedenfalls wenn sich nicht erweist, dass wir es wirklich mit einer übermächtigen Gefahr zu tun haben.“

Einen Moment hing sie ihren Gedanken schweigend nach und fasste Trautmann anschließend wieder ins Auge: „Was sagt Ihr dazu?“

Trautmann, der sich gerade zum Aufstehen bereit gemacht hatte, entspannte sich wieder etwas und lehnte sich in seinen Sessel zurück. Kurz sann er über das Angebot der Hochgeweihten nach – irgendetwas in ihm mahnte zur eiligen Rückkehr nach Lichtwacht, doch war dies vielleicht auch nur der Nachhall der Worte Heliopais’, oder das damit verbundene, in ihm keimende schlechte Gewissen. Wer war er demnach, dieses großzügige Angebot abzulehnen?

„Ich danke Euch ...“, nickte der Junker, „... das ist mehr, als ich zu hoffen vermochte. Gern nehme ich Euer Angebot an.“ Trautmann war sichtlich erleichtert und schwor sich, in den kommenden zwei Tagen dem Herrn Praios hier im Tempel noch den einen oder anderen Besuch abzustatten.

„Schön“, Heliopais nickte und erhob sich nun ihrerseits. „Dann haben wir eine Abmachung. Bitte kommt morgen Abend gegen die sechste Stunde noch einmal hierher. Dann könnt ihr den Chorälen lauschen und vielleicht sogar das eine oder andere Lied mitsingen. Ich gehe davon aus, dass ich bis dahin Resultate habe und wir anschließend das weitere Vorgehen besprechen können.“

am Tag darauf...

Heliopais hatte sich die Sache nicht leicht gemacht. Sie hatte lange überlegt, war in sich gegangen, hatte abgewogen, meditiert und gebetet. Nach alledem, als der Morgen schon graute, entschied sie, ihrem ersten Impuls zu folgen. Sie war nach wie vor nicht sicher, ob es ein Zeichen darstellte, dass der Trutzer sein Glück bei ihr versuchte und nicht bei Patras. Es konnte durchaus ein Wink des Gleißenden sein – oder eben auch nicht.

In einem aber war sie sicher: Es wurde Zeit, dass eins der Greiflein, die sie hier in Anderath um sich geschart hatte, einen wohlmeinenden Stups erhielt, um es aus dem Nest zu befördern. Die Schwester hielt sich nun schon mehr als einen Götterlauf in Heliopais’ Tempel auf, hatte dessen schützende Mauern jedoch kaum einmal verlassen. Und wenn, gab es vorher einen Kampf. Sie wehrte sich stets mit Händen und Füßen und fand – leider meist gute – Gründe, warum es besser war, dass sie zurückblieb, während sich alle anderen regelmäßig hinaus in die Welt begaben.

Sie hatte sich vergraben, die junge Dame. Schien nicht wirklich Wert auf die Gesellschaft anderer Menschen zu legen – es sei denn, sie gehörten ihrer Glaubensgemeinschaft an. Geweihte des Praios, ja, mit denen befasste sie sich gern. Priester, die sich dem Dienst an den hohen Geschwistern des Götterfürsten verschrieben hatten, begegnete sie immerhin noch mit Neugier und vorsichtiger Offenheit. Sobald sie sich aber mit Personen auseinandersetzen sollte, die keine Geistlichen waren, zog sich die Sichlerin in ihr Schneckenhaus zurück, wurde wortkarg, krampfig und nervös. Als wisse sie nicht, wie sie mit diesen merkwürdigen Wesen umgehen sollte.

Dabei wusste sie das eigentlich ganz genau. Heliopais hatte die Schwester dem Stress häufiger ausgesetzt und aufmerksam beobachtet, wie sie sich schlug. Das Urteil lautete: gut. Sehr gut sogar, wenn das Eis einmal gebrochen war und sie eine Verbindung zu dem Menschen vor sich gefunden hatte. Ihre Gnaden besaß eine natürliche Autorität. Sicher nicht zuletzt weil sie von hoher Geburt war und es nicht anders kannte, als dass man ihr gehorchte. Das Interesse an ihren Mitmenschen war aufrichtig, wenn auch leider schmerzhaft unbeholfen, da sie sich meist wie auf rohen Eiern bewegte. Es lag ihr im Blut, Verantwortung zu übernehmen. Zu raten und zu führen. Diese Gabe schritt mit einer zurückhaltenden, unaufgeregten Herzenswärme einher, die aber vermutlich schwer zu spüren war für jemanden, der sie nicht sehr gut kannte.

Alles in allem war Heliopais zufrieden mit ihrem Neuzugang, dem gegenüber sie sich in der Pflicht fühlte, denn in der Vergangenheit hatte die Kirche des Götterfürsten die Frau verraten. Sie hatten sie, im Mädchenalter bereits, im hintersten Winkel der Sichelwacht allein gelassen. Niemand hatte bemerkt, wie sie unter den Einfluss eines Fanatikers geriet, der sie die falschen Lehren lehrte, als sie sich ratsuchend an den Praiostempel in Salthel wandte. Der Grund dafür war einfach: Sie hatten das Mädchen – ihres Zeichens Baronstochter sowie Gemahlin eines solchen und bei der Heirat noch viel zu jung, um von der Gemeinschaft des Lichts selbstbewusst die Aufmerksamkeit einzufordern, die ihr gebührte – schlicht und ergreifend aus den Augen verloren.

Sie war aus dem Netz gefallen. Wohl vor allem, weil sie ihr Noviziat nicht in Weiden bestritt, sondern im fernen Garetien und Darpatien. Vor der Hochzeit hatte offenbar keiner der Geweihten von dort dem Vater der Braut die mehr als berechtigte Frage gestellt, wie er auf die überaus merkwürdige Idee kam, eine junge Priesterin an einen alten Busenfreund zu verramschen, dessen Lehen fernab jedes Praiostempels lag und in dem auch niemand lebte, der sich ihrer hätte annehmen können. Es hatte überdies keine vernünftige Absprache zwischen Auraleth und Trallop gegeben, deshalb fühlte sich nach der Hochzeit leider niemand mehr zuständig.

Das mochte sein, wie es war. Im Endeffekt hatten sie allesamt gefehlt und so zum Sturz einer jungen, unerfahrenen Priesterin beigetragen, die dieses Schicksal sicher nicht verdiente. Ebenso hatten sie jedoch in den vergangenen vier Götterläufen allesamt geholfen, das Mädchen wieder aufzurichten. Es zurück auf den rechten Weg zu bringen und ihm neue Stärke zu verleihen. Mit tatkräftiger Unterstützung der Kirche Borons eingangs, denn ihr Zustand war verheerend gewesen. Als es wieder halbwegs ging, hatte Heliopais die junge Schwester erst einmal aus Weiden hinaus geschafft. Zu den Instanzen ihrer Kirche, die Menschen wie ihr am besten helfen konnten.

Nun war sie wieder da. Seit einem Jahr. Und versteckte sich vor der Welt. Am liebsten im Scriptorium des Tempels, in das sie Ordnung zu bringen trachtete. Das war auch bitter nötig, denn bisher hatte sich niemand verantwortlich gefühlt. Die Aufgabe hatte sich die Sichlerin selbst übertragen. Wohl in dem Bestreben, sich an einem Ort einzuigeln, an dem es nun wirklich gar keinen Publikumsverkehr gab. Heliopais ließ sie gewähren. Irgendwann hatte sie mit milder Belustigung zur Kenntnis genommen, dass die junge Dame die Schriftstücke nicht nur sortierte, sondern auch las. Jedes einzelne. Vielleicht in der Hoffnung, dass das genug Arbeit für den Rest ihres Lebens sein würde?

Aber so hatten sie nicht gewettet! Die Schwester war gefallen, ja. In jungen Jahren bereits. Allein, sie war wieder aufgestanden und immer noch jung. Sie selbst hatte es bislang wohl nicht begriffen, aber ihre Geschichte machte sie zu etwas Besonderem. Sie eröffnete ihr Blickwinkel, die nicht jeder Geweihte ohne Weiteres einnehmen konnte. Sie hatte Dinge gesehen und gefühlt, die vielen anderen – glücklicherweise – erspart blieben, und so Einsichten gewonnen, die anders nur schwer zu erlangen waren. Sie wusste, wie es war, falsch zu glauben. So falsch, dass der Gott, der sie einst für den Dienst an sich erwählt hatte, ihr Flehen nicht mehr erhörte und die Verbindung zu ihm gänzlich abriss. Sie wusste, wie es war, zu zweifeln und den Glauben ganz zu verlieren. Sie wusste, wie es war, nackt allein in Finsternis zu stehen. Und wie es war, zurück auf den rechten Weg zu finden. Praios war ihr gnädig gewesen: Als sie wieder in sein Licht trat, nahm er sie auf.

So hatte Heliopais’ Schützling schon früh nahezu alles gelernt, was es über Scheitern und Demut, Schuld und Vergebung zu lernen gab. Das waren zweifelsohne wichtige Lektionen für jemanden, der sein Leben dem Himmlischen Richter verschrieben hatte. Jemanden mit diesem Wissen und diesen Erfahrungen konnte man nicht guten Gewissens in einer dunklen Kammer versauern lassen. Der musste raus und die Botschaft des Gleißenden verkünden – mit Milde und Verständnis. So sah Heliopais das jedenfalls. Und hier bot sich nun eine Gelegenheit, das Greiflein hinaus in die Welt zu schicken, aber doch nicht zu weit weg. In ihren Augen war die junge Schester so weit, es gab also keinen Grund, die Sache noch weiter vor sich her zu schieben.

Deshalb trat die Hochgeweihte jetzt auch ohne Zögern in das Scriptorium ein und ließ ihren Blick suchend durch das Rund gleiten. Nichts. Erst einmal. Aber das war nicht ungewöhnlich. Die Lichtverhältnisse waren schwierig, die Kammer war verwinkelt und die Frau, nach der sie suchte, alles andere als groß und laut. In dem Chaos ging sie oftmals völlig unter.

„Sunna!“, rief Heliopais daher ohne Umschweife in das Durcheinander hinein. „Hättest du die Güte? Ich muss kurz mit dir sprechen.“

„Einen Moment“, die Antwort kam prompt, aber es dauerte eine Weile, bis die Frau, die zu der klaren Stimme gehörte, zwischen zwei Regalen hervortrat. Sie trug einen staubigen Kittel über dem Ornat, wie immer, wenn sie in ihrem Reich waltete. Das lange Haar reichte in einem dicken Zopf bis zur Hüfte hinab und sie sah aus großen grauen Augen neugierig zu Heliopais auf.

„Praios zum Gruße, Schwester“, hob die nun an. „Wie kommst du voran?“

„Dem Gleißenden zum Gruße“, erwiderte ihr Gegenüber und deutete ein Schulterzucken an. „Ich kann nicht klagen. Gerade habe ich einen Traktat gefunden, bei dem ich mich wirkli…“

„Nicht heute“, Heliopais hob die rechte Hand und lächelte entschuldigend. „Merk dir den Gedanken, wir werden ihn später wieder aufgreifen. Heute aber bleibt uns keine Zeit für solcherlei. Wir müssen Vorbereitungen für eine Reise treffen.“

„Selbstverständlich. Wohin reist Ihr denn? Und wie kann ich Euch helfen?“

„Nein, meine Liebe. Nicht ich verreise. Du verreist. Wie steht es noch gleich um deine Reitkünste?“

„Ich verreise?“, in den Augen Ihrer Gnaden leuchtete Verwirrung auf. „Wohin denn, Hochwürden?“

„In die Heldentrutz.“

„In die … wie bitte?“

„Du hast mich schon richtig verstanden: in die Heldentrutz.“

„Aber ... wieso? Was mache ich denn da? Soweit ich weiß, gibt es dort gar keinen Tempel, der dem Fürsten der Götter geweiht ist.“

„Hach“, Heliopais gab ein unwirsches Schniefen von sich. Das war ein wunder Punkt. Etwas, woran sie schon seit Langem arbeitete, womit sie jedoch bisher keinen Schritt weitergekommen war. Nicht, dass sie aufzugeben gedachte, das wäre nun wirklich das Letzte gewesen, was ihr in den Sinn kam. Dennoch: Über dieses Thema sprach sie nicht gern. Und so schüttelte sie schließlich energisch den Kopf. „Das ist richtig. Dort gibt es nur zwei Schreine und – wie mir gestern offenbart wurde – eine alte Kapelle, die jedoch entweiht ist. Das schließe ich jedenfalls aus den Schilderungen des Junkers, der bei mir vorgesprochen hat.“

„Des Junkers?“

 „Des Herrn von Lichtwacht. So heißt das Gut, über das er gebietet. Einst ist es offenbar ein Stützpunkt des Bannstrahls gewesen, doch dann sind Dinge geschehen. Der Mann hat von einem Fluch gesprochen, von Untoten und davon, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht.“

„Wie bitte?“

Heliopais wedelte mit der Hand in der Luft herum, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen – oder allzu verstörende Gedanken.

„Einen Fluch?“, beharrte ihre junge Glaubensschwester unterdessen. „Eine entweihte Kapelle? Untote? Wer vergibt denn so etwas als Lehen? Und wieso wurde dieser lästerliche Zustand nicht längst behoben?“

„Gut, dass du es ansprichst“, Heliospais lächelte ebenso freundlich wie unerbittlich. „Der Gedanke kam mir auch schon. Die Antwort lautet: Leudane von Finsterkamm, Baronin zu Nordhag. Mich würde brennend interessieren, was im Kopf dieser Frau vorgeht. Deshalb beauftrage ich dich nicht nur damit, herauszufinden, wie es um die Kapelle steht, sondern auch damit, sie aufzusuchen und in Erfahrung zu bringen, wie es zu diesem Schlamassel kommen konnte.“

Die Sichlerin sah sie einen Moment lang mit starrem Blick an und räusperte sich dann nervös. „Hochwürden“, hob sie an, „dabei handelt es sich um sehr wichtige und verantwortungsvolle Aufgaben. Gerade deshalb zweifle ich daran, dass ich die Richtige dafür bin. Warum bittet Ihr denn nicht lieber Bru...“

„Ssssst“, Heliopais stieß ein leises Zischen aus und hob abermals abwehrend die Hand. „Ich weiß, wie gut du reden kannst. Manchmal bringt deine Argumentationskunst selbst mich ins Schwanken. Aber auch dafür bleibt heute keine Zeit. Um das Ganze abzukürzen: Es handelt sich hierbei nicht um eine Bitte, sondern um einen Befehl.“

Sie machte eine kurze Pause, um die Ansage wirken zu lassen, dann fuhr sie sanft, aber sehr bestimmt fort: „Ich befehle, dass du mit diesem Junker in die Trutz reitest, seine Heimstatt auf schwarzmagischen Einfluss oder sonstiges Übel überprüfst und dass du mit der Baronin darüber sprichst, was die Gemeinschaft des Lichts davon hält, wenn potenziell gefährliche Lehen, die einst der Kirche des Königs der Götter gehörten, ohne Rücksprache vergeben werden. Ich schreibe auch einen Brief, also lastet das Gewicht nicht allein auf deinen Schultern. Haben wir uns verstanden?“

Ihr Gegenüber starrte noch immer. Heliopais konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die junge Frau gerade eine Spur blasser wurde. Es war nicht schwer, ihre Gedanken zu erraten. Der Widerwille stand ihr förmlich auf die Stirn geschrieben. Dennoch traute sie sich nicht zu widersprechen. Das gehörte sich nicht, in der Kirche des Praios, in der es klare Hierarchien gab.

„Wir diskutieren nicht, aber deine Bedenken darfst du teilen“, forderte Heliopais sie daher auf.

„Hochwürden, ich fürchte, dass ich scheitern werde. Es gibt hier bei uns im Tempel doch so viele fähige Brüder und Schw...“

„Du bist auch fähig, Sunna. Was das Aufspüren und Bannen von Magie betrifft, sogar besser als die meisten deiner Brüder und Schwestern hier. Nicht umsonst hast du die zweite Hälfte deines Noviziats auf Auraleth abgeleistet und bist dort geweiht worden.“ Heliopais warf ihrem Schützling einen tadelnden Blick zu, als er sich anschickte, den Kopf zu schütteln. „Und wenn es darum geht, mit einer Baronin zu sprechen, wer von uns wäre wohl besser geeignet als du, hum?“

„Ich bin fehlgegangen, Heliopais. Wer wird überhaupt noch mit mir reden wollen, wenn ruchbar wird, wen er da eigentlich vor si...“

„Du bist fehlgegangen, hast gesühnt und Vergebung gefunden, Mädchen. So hat der Herrscher der Götter entschieden und wenn ein weltlicher Herrscher allen Ernstes meint, sich ein anderes Urteil erlauben zu dürfen, verweise ihn gern an mich. Ich werde ihm dann erklären, wie sehr er sich versteigt! Es kann eh nicht schaden, wenn diese Weidener Kostverächter öfter mal was über den Götterfürsten zu hören kriegen.“

„Es ist schön, dass Ihr so viel Vertrauen in mich habt“, sagte die Sichlerin und meinte es wahrscheinlich auch genau so. „Allein, mir selbst mangelt es daran. Mir wird es ja schon zu viel, wenn Ihr einen einzigen Gläubigen auf mich loslasst. Und jetzt soll ich allein da raus und ... die Gemeinschaft des Lichts vertreten? Ich glaube, das kann ich nicht. Ich bin noch nicht so weit!“

„Doch, bist du. Ich habe deine Bedenken nun zur Kenntnis genommen. Ich teile sie nicht, kann sie dir aber offenbar auch nicht nehmen. Also prüfe dich selbst, indem du tust, was ich dir auftrage. Bis dahin sei nur eines versichert: Wir werden dich damit nicht allein lassen. Wir lassen dich diesmal nicht allein und auch in Zukunft nie wieder.“

Heliopais Stimme war von feierlichem Ernst erfüllt, klang zugleich aber auch sehr fest und sehr entschieden. Sie duldete keinen Widerspruch, und tatsächlich fügte sich ihr Gegenüber mit einem schlaffen Nicken. Innerlich atmete die Hochgeweihte erleichtert durch. äußerlich ließ sie sich davon jedoch nichts anmerken, sondern lächelte einfach nur ihr stählernes Lächeln.

„So“, fuhr sie in entspanntem Plauderton fort, „Wie war das jetzt noch mit dir und den Pferden?“


***


Trautmann musste sich eilen, um nicht zu spät zu den Abendsängen in den Tempel zu kommen. Als Dank für die zugesicherte Hilfe der Hochgeweihten Heliopais hatte er den Götterfürsten auch am heutigen Tag schon zum mittäglichen Gottesdienst beehrt und sich nicht nur wie verabredet in den Abendstunden in den Tempel begeben. Besonders wichtig war ihm gewesen, bei dem neuerlichen Treffen mir der Praioranerin optisch etwas herzumachen: Kettenhemd, Wappenrock und schwere Reitstiefel hatte er daher gegen ein sauberes Wams, lederne Hosen und ein leichteres Paar Stiefel eingetauscht. Ein Bad und eine Rasur hatte sich der Gugelforster zur Feier des Tages ebenfalls gegönnt. Mit nun vollem Magen – Trautmann war vor dem zweiten Besuch des Tempels abermals im „alten Sünder“ eingekehrt – durchschritt er das Portal.

Der Junker war neugierig gewesen, welchen Angehörigen der Praioskirche die Hochgeweihte denn wohl mit ihm heim in die Heldentrutz schicken würde und sah sich daher gleich bei seiner Ankunft neugierig im Tempel um. Dabei stellte er fest, dass die große Halle erstaunlich leer war. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass die abendlichen Gesänge, von denen Heliopais gestern gesprochen hatte, wohl keine öffentliche Veranstaltung wie die mittäglichen Andachten waren. Mit einem etwas beklommenen Gefühl trat er daher näher an den Altar, vor dem sich insgesamt fünf Geweihte des Götterfürsten versammelt hatten.

Mit einem Blick auf Heliopais wollte der Trutzer eine erste Antwort auf die Frage erheischen, wer sein Begleiter sein würde. Er hoffte auf eine angenehme Person, schließlich würde man zukünftig wohl viel Zeit miteinander verbringen ... müssen. Die Hochgeweihte hatte ihn schon bemerkt. Sie erwiderte seinen Blick und begrüßte ihn mit einem kaum merklichen Lächeln. Einen Hinweis darauf, mit wem er es zu tun bekommen würde, gab sie ihm allerdings nicht. Vielmehr nickte sie ihren Glaubensgeschwistern zu und machte eine auffordernde Geste.

Einen Moment später war der große Tempel von den Stimmen der Geweihten und denen der wenigen Gäste erfüllt. Trautmann stellte fest, dass ein jeder hier sowohl den Ablauf der abendlichen Veranstaltung als auch die Lieder zu kennen schien. Alle machten eifrig mit. Er war der Einzige, den die Lautstärke des Gesangs und die fröhliche Melodie im ersten Augenblick überraschten. Vielleicht hätte er sich in der Vergangenheit wirklich öfter einmal mit den Sitten und Gebräuchen anderer Götterdiener als denen von Travia und Rondra befassen sollen, dann wäre ihm dieser leicht unangenehme Moment erspart geblieben.

Vorsichtig bezog der Gugelforster irgendwo zwischen den weiter hinten stehenden Gläubigen Stellung und fragte sich, ob er vielleicht wenigstens so tun sollte, als ob er mitsingen würde. Er entschied sich dagegen. Auch und vor allem, weil die beschwingte Stimmung, die der Gesang erzeugte, ihn irgendwie gefangen nahm. Er wusste nicht, wie lange er da stand und zuhörte, nur, dass ihn diese „Abendsänge“ – Melodien voller Freude und Zuversicht – nicht kalt ließen.

Als der Chor irgendwann gegen Ende ein schlichtes Liedlein anstimmte, das ihn seine Mutter schon in frühester Kindheit gelehrt hatte, konnte Trautmann nicht anders, als mitzusingen. Es fühlte sich ganz natürlich an, in den Reigen der anderen einzufallen und als er einen sichernden Blick nach vorn warf, war die Stirn der Hochgeweihten nicht etwa kritisch gerunzelt, sondern sie wirkte sehr zufrieden mit seinem Einsatz. Kurz fragte Trautmann sich, ob dieses Lied just für ihn auf das heutige Programm gesetzt worden war – dann herrschte plötzlich Stille.

Die Sänger hielten inne und Heliopais hob segnend die rechte Hand. Anschließend gab es einen Moment der inneren Einkehr – und danach löste sich das Ganze für sonstige Verhältnisse in der Praioskirche spektakulär informell auf. Trautmann sah, wie die Geweihten durch eine große Tür verschwanden und fragte sich, ob er nun einfach hinter ihnen her gehen sollte.

Da trat auch schon ein stupsnasiger Novize auf ihn zu und piepste ein beseeltes: „Praios zum Gruße, Wohlgeboren. Ihr sollt mit mir kommen. Ich bringe Euch zu Hochwürden und Ihrer Gnaden.“

Es brauchte ein paar Herzschläge, bis sich Trautmanns Gedanken wieder zur Gänze im Hier und Jetzt befanden. Er straffte sich, nickte dem jungen Novizen zu und folgte ihm, wiewohl er den Weg in das Arbeitszimmer der Hochgeweihten noch vom Vorabend kannte. Während seines Weges durch den Tempel dachte er an das nun anstehende Gespräch. Der Novize sprach von „Ihrer Gnaden“, demnach musste es sich bei dem Mitglied der Gemeinschaft des Lichts, welches Heliopais mit ihm in die Heldentrutz schicken würde, um eine Frau handeln. Unterbewusst verleitete ihn diese Annahme dazu, sich sein Wams noch einmal zurecht zu ziehen und mit seiner Rechten durch seinen Haarschopf zu streichen, um die gekürzten Haare in eine ansehnliche Form zu legen.

An der Tür zu Heliopais’ Arbeitszimmer angekommen, bedankte er sich beim Novizen, atmete tief durch und klopfte dann vernehmlich.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Trautmann vernahm das Rascheln von schweren Gewändern. Dann ertönte auch schon die Stimme der Hochgeweihten, die ihn ins Zimmer bat. Er trat ohne zu zögern ein und fand alles wie am Vortag vor – bis auf die Tatsache, dass die Heliopais diesmal nicht allein vor ihm stand.

Während die üblichen Begrüßungsfloskeln ausgetauscht wurden, kam der Trutzer nicht umhin zu bemerken, wie verschieden die Praioranerinnen waren. Groß, stolz und stattlich die Lichthüterin, mit kurzem, gelocktem Blondhaar und markanten Gesichtszügen, die trefflich zu einer zyklopäischen Heiligenstatue gepasst hätten. Klein und schmal die Lichtbringerin, die rechts neben ihr stand. Wo das Haar der Hochgeweihten wie poliertes Gold glänzte, wirkte ihres eher ... fahl. Das Gesicht wurde von hohen, breiten Wangenknochen und wachen grauen Augen dominiert. Am auffälligsten aber war ihre Haltung. Sie strahlte nicht das gleiche Selbstbewusstsein wie ihre Vorgesetzte aus, sondern wirkte eher zurückhaltend und irgendwie ... zerbrechlich? Trautmann fragte sich unwillkürlich, ob das wirklich die Frau war, die Heliopais mit ihm schicken wollte. Bevor der Gedanke zu Ende gedacht war, wurde er jedoch aus ihm heraus gerissen.

„Euer Gnaden, dies nun ist Trautmann von Gugelforst, Junker zu Lichtwacht, Ritter der Wacht, ehemals Knappe Graf Emmerans von Löwenhaupt und Sohn der Vorsteherin des Weidenhager Traviatempels“, hob Heliopais seinem Empfinden nach völlig unvermittelt an.

„Wohlgeboren, ich stelle Euch meine Schwester im Glauben Assunta von Auraleth vor. Wie der Name schon verrät, hat sie ihre Weihe auf der Feste Auraleth erhalten. Nachdem Ihr mir gestern gestanden habt, dass die Gemeinschaft des Lichts nicht Euer Steckenpferd ist, füge ich vorsorglich an: Dabei handelt es sich um eine Ordenshochburg der Bannstrahler in der Rommilyser Mark. Von allen Geweihten, die hier in Anderath ihren Dienst versehen, ist Assunta meiner Meinung nach am besten für die Aufgaben gewappnet, die in Eurem Lehen warten.“

Nachdem das gesagt war, hielt Heliopais mit einem verbindlichen Lächeln inne, ließ ihren Blick nacheinander über den Ritter und die Geweihte gleiten und schien darauf zu warten, dass einer von beiden etwas sagte oder tat. Allein, es passierte erst mal nicht viel. Assunta sah dem Gast der Hochgeweihten zwar ohne Scheu und sehr aufmerksam in die Augen, lächelte dabei sogar verhalten, schien darüber hinaus aber nicht die Initiative ergreifen zu wollen – oder sich nicht entscheiden zu können, was denn nun eine angemessene Begrüßung gewesen wäre.

„Praios zum Gruße“, meinte sie schließlich knapp. „Freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Wohlgeboren.“  

Es dauerte ein paar Herzschläge, bis der Junker auf die Begrüßung der Lichtträgerin reagierte – oder besser: reagieren konnte. Er musterte die kleine, zierliche Frau mit dem etwas unsicheren Gebaren immer noch interessiert. Sie wirkte anders. Anders als die wenigen Praiosgeweihten, die er bis zum heutigen Tage kennenlernen durfte. Heliopais neben ihr war ein Bild von einer Frau: stark und Autorität ausstrahlend. Greifhild war noch einmal ein anderes Kaliber gewesen. Die Geweihte aus dem Trutzer Geschlecht der Fälklins akzeptierte keine anderen Meinungen als ihre und ließ dies ihr Gegenüber beständig spüren. Bei Assunta jedoch hatte der Gugelforster das Gefühl als stünde eine graue Maus vor ihm. Neben dem Ornat gab es an ihr eigentlich nichts, was er Dienern des Praios sonst andichtete. Umso überraschender war es für Trautmann, dass Assunta durch die wahrscheinlich sehr harte Schule in einer Niederlassung der Bannstrahler gegangen war. Die Geschichten, die er über den Fanatismus der Geißler kannte, gepaart mit seinen Erfahrungen aus den Katakomben Burg Lichtwachts, ließen ihn erschauern.

„Praios zum Gruße, Euer Gnaden“, grüßte nun auch der Gugelforster, begleitet von einer knappen Verbeugung, in die Richtung der unbekannten Geweihten. „Die Freude, Euch kennenlernen zu dürfen, ist ganz meinerseits." Ein kurzes Lächeln huschte über seine Züge. „Ich bin Hochwürden sehr dankbar dafür, dass sie mir fähige Hände zur Seite stellt. Ich weiß nicht, ob Ihr schon instruiert wurdet ...", der Junker brach ab. Selbstverständlich würde Heliopais ihre Glaubensschwester über die Umstände in Lichtwacht in Kenntnis gesetzt haben. „Wart Ihr denn schon einmal in der Heldentrutz?“, fragte er stattdessen.

Assunta hatte bereits dazu angesetzt, Trautmanns erste Frage zu beantworten, als er die zweite nachschob. Da schloss sie den Mund wieder, sah ihn einen Augenblick schweigend an und schien gründlich nachzudenken. „Nein“, meinte sie schließlich. „Nein, soweit ich es erinnere, war ich noch nicht in der Heldentrutz. Nahe dran, einmal. Bei einem Besuch auf der Grafenfeste in Olat und dem Rhodenstein drüben in der Hollerheide. Aber weiter nach Westen bin ich nicht gekommen.“ Sie hielt abermals inne und runzelte die Stirn. „Also ... natürlich bin ich weiter nach Westen gekommen, aber nicht ins östliche Weiden“, fügte sie pflichtschuldig an. „Ich war zum Beispiel schon in Greifenfurt. Allein, der Weg dorthin führte nicht durch die Trutz.“

„Ihr müsst Euch keine Sorgen machen, Wohlgeboren“, schaltete sich Heliopais wieder ins Gespräch ein. „Ihre Gnaden ist gebürtige Weidenerin und folglich mit den Sitten und Gebräuchen in der Mittnacht bestens vertraut, nicht nur durch ihren Aufenthalt hier bei uns. Mit Eurem Gesinde und anderen Trutzern, denen ihr begegnet, wird es daher sicher keine Verständigungsprobleme und auch sonst keine allzu merkwürdigen Missverständnisse geben.“

Die Hochgeweihte lächelte und es wirkte fast ein bisschen verschmitzt. Trautmann nahm stark an, dass es sich bei dieser Anmerkung um eine Spitze handelte, die auf seine Bedenken hinsichtlich des Inquisitors abzielte. Von denen wusste Assunta aber nichts und schien aufgrund der Rede ihrer Vorgesetzten leicht alarmiert.

„Warum fragt Ihr denn?“, erkundigte sie sich bei Trautmann. „Gibt es irgendetwas das ich wissen sollte, bevor ich mich dorthin aufmache?“

Trautmann lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Kurz ging sein Blick hinüber  zur Hochgeweihten. „Ich denke, worauf Hochwürden hinaus will ist, dass ich ihr gegenüber gestern meinte, die Menschen der Heldentrutz würden etwas unsicher reagieren, wenn ich den Inquisitor und eine Hand voll Bannstrahler um Hilfe ersuche ...“, er zögerte etwas und wog seine nächsten Worte ab, „... Ihr müsst wissen, dass Geweihte des Götterfürsten im Schatten des Finsterkamms leider kein alltäglicher Anblick sind."

Innerhalb weniger Herzschläge fiel jegliche Unsicherheit von ihm ab und der Gugelforster wechselte in einen ungezwungenen Plauderton. „Ich weiß auch nur von zweien, die durch die Lande der Trutz reisen. Seine Gnaden Praioslaus und Ihre Gnaden Greifhild. Ich bin Euch dankbar, Hochwürden, und auch Euch, Euer Gnaden, dass ich meine Heimat nun in den sicheren Händen einer Dienerin des Götterfürsten wissen kann.“ Der Blick des Junkers ging zwischen Assunta und Heliopais hin und her. „Auch wenn ich mir die wenig erfreuten Gesichter der Böcklins in meiner Nachbarschaft schon vorstellen kann.“

Fast schien es als wollte Trautmann damit enden, als ihm noch ein Gedanke in den Kopf schoss. Genauer gesagt eine Aussage, die die Hochgeweihte zuvor getätigt hatte. „Ihr seid gebürtige Weidenerin, Euer Gnaden? Woher denn genau?“

Zu Trautmanns Überraschung schien Assunta gar nicht mal so unglücklich darüber, dass er umstandslos ins Plaudern geriet. Als unangemessen empfand sie es augenscheinlich nicht. Im Gegenteil: Die „graue Maus“ wirkte geradezu  erleichtert. Vielleicht hatte sie gefürchtet, die Themen in diesem Gespräch setzen zu müssen, obwohl es ihr gemeinhin nicht lag? Sie hörte ihm aufmerksam und mit aufgeräumter Miene zu – bis er nach Ihrer Herkunft fragte. Da schien sie innerlich ein wenig ins Schlingern zu geraten und warf einen fragenden Blick zu Heliopais hinüber. Die machte jedoch keine Anstalten, das Wort zu ergreifen, sondern nur eine auffordernde Geste in Richtung ihres Schützlings.

„Ich komme aus der Grafschaft Sichelwacht“, hob Assunta daraufhin an. „Meine Wiege hat in der Baronie Drachenstein gestanden – also mehr oder minder am anderen Ende der Mittnacht. Von der Heldentrutz aus gesehen, meine ich.“ Sie lächelte höflich und schien das Thema damit als erledigt zu betrachten. „Die Namen Greifhild und Praioslaus sind mir durchaus geläufig“, fuhr sie dann fort. „Über Erstere sind viele haarsträubende Gerüchte bis hierher gedrungen, Zweiterer scheint ein Phantom zu sein. Wir warten alle noch darauf, ihn irgendwann einmal zu Gesicht zu bekommen. Er hat sich uns nie vorgestellt und weder in den Registern der Weidener Geweihtenschaft noch in denen der Greifenfurter steht sein Name.“ Sie schloss mit einem Heben des rechten Mundwinkels – nahezu unmerklich und dennoch sehr beredt.

„Was nun Eure Nachbarn betrifft ...“, die Gedanken der Lichtbringerin schienen abzuschweifen, ebenso wie der Blick aus sturmgrauen Augen. Doch der Moment verstrich rasch und sie richtete den Fokus wieder auf Trautmann: „Der Name Böcklin sagt mir auch etwas. Es würde mir sehr leidtun, wenn meine Anwesenheit auf Lichtwacht für Ärger mit der Familie sorgen würde. Pflegt Ihr denn einen regelmäßigen Kontakt?“

Der Angesprochene machte eine wegwerfende Handbewegung. Als ehemaliger Knappe am Grafenhof der Heldentrutz hatte er die Abneigung Emmerans in Bezug auf die Baronsfamilie von Schneehag in sich aufgesogen wie ein Schwamm.

„Sorgt Euch nicht. Es gibt weder regelmäßigen Kontakt mit dieser Familie noch gebe ich etwas auf deren Einwände.“ Trautmann lächelte schmal, während eine leise Stimme in seinem Inneren ihm dazu riet, seinen Ton vor den beiden Geweihten etwas zu mäßigen. „Mein Vetter Wilfred leistete seine Knappenschaft beim Familienoberhaupt der Böcklins ab, was mich zu der Annahme führt, dass meine Familie um gute Beziehungen bemüht ist, doch in diesem Fall ...“, der Junker runzelte die Stirn und machte eine bedeutungsschwangere Pause, „ ... ich denke, dass es wichtigere Dinge gibt als Politik und persönliche Befindlichkeiten. Die Sicherheit der Seelen meiner Schutzbefohlenen zuvorderst und dann natürlich auch die Wiedererrichtung der Kapelle und der Burg.“

Der Blick des Gugelforsters lag nun ausschließlich auf Assunta. Er merkte, dass ihr diese zwanglose Art der Kommunikation mehr lag und es war eine Erleichterung für den Ritter. Es wäre nämlich nicht auszudenken gewesen, würde er mit jener Vertreterin der Gemeinschaft des Lichts, die für ihn und Burg Lichtwacht temporär abgestellt wurde, auf keinen grünen Zweig kommen. Um das entstandene Momentum nicht verrauchen zu lassen, nutzte er die Herkunft der Lichtträgerin als Aufhänger.

„Meine Cousine Gwidûhenna, die Baronin von Weidenhag, pflegt übrigens Kontakte nach Drachenstein. Sie hat in der dortigen Baronin wohl eine Schwester im Geiste gefunden. Demnach ist mir die Baronie ein Begriff, auch wenn ich noch nie dort war.“ Ein verlegenes Lächeln erschien auf den Lippen des Junkers. „Ich kam selbst noch nie so weit gen Osten. Mein Dienst im Gefolge des Grafen und meine jetzige Verantwortung gegenüber meinen Schutzbefohlenen haben es bisher nicht zugelassen. Dennoch habe ich die Meldungen der letzten Jahre aus eben jenen Breiten verfolgt. Von Goblinstürmen, über bürgerkriegsähnliche Zustände und Räuberbarone ... da wird Euch die Heldentrutz als Insel der Seligen erscheinen.“

„Schwer vorstellbar, nachdem ich vier Götterläufe hier im beschaulichen Anderath verbracht habe“, entgegnete die Lichtbringerin. „Aber ich gebe der Trutz eine Chance. Vielleicht überrascht sie mich ja.“ Kleine Fältchen rund um ihre Augen ließen ein Lächeln erahnen, das sich auf den Lippen jedoch nicht widerspiegelte – und dann waren sie auch schon wieder verschwunden. „Die Sichelwacht, insbesondere ihr Osten, ist ein rauhes Land und beherbergt tatsächlich alles, was Ihr soeben aufgezählt habt“, meinte Assunta mit großem Ernst in der Stimme. „Noch dazu ist sie ein schwieriges Pflaster für Geweihte, denn je weiter weg von Salthel die Baronien liegen, desto weniger fühlen sich die Menschen dem Glauben an die Zwölf verbunden. Sindaja von Silkenau bildet da eine löbliche Ausnahme, könnte man fast sagen. Insofern hat sich Eure Base wohl genau die richtige ... Verbündete ausgesucht für ... einen regen Briefkontakt?“

Sie sah Trautmann fragend an, doch bevor der etwas erwidern konnte, hob Heliopais ihre Stimme.

„Sicherheit ist ein gutes Stichwort“, stellte die Hochgeweihte fest und bedachte Trautmann mit einem offenen, aber dennoch irgendwie ernsten Lächeln. „Ich werde meine Schwester ohne Bedeckung mit Euch reisen lassen, weil mir momentan kein Bannstrahler zur Verfügung steht, den ich mit der Aufgabe betrauen könnte. Ohnehin wäre das nicht in Eurem Sinn gewesen, nach allem, was ich gestern vernommen habe. Das bedeutet für Euch nun Folgendes, Wohlgeboren: Ich vertraue darauf, dass Ihr den Leib Ihrer Gnaden mit der gleichen Aufopferungsbereitschaft und dem gleichen Pflichtbewusstsein schützen werden, wie sie Eure Seele und die Seelen Eures Gesindes. Ich gehe davon aus, dass Ihr gegen eine solche Abmachung nichts einzuwenden habt?!“

Trautmann war kurz mit der Situation überfordert. Für die Dauer einiger Herzschläge ging sein Blick unstet zwischen den beiden Geweihten hin und her, unsicher, welcher der beiden er nun antworten sollte. Der, die ihm zuerst eine Frage gestellt hatte, oder der, die in der Rangordnung über der anderen stand. Er entschied sich für Letztere.

„Ja, das schwöre ich.“ Der Junker führte mit ernster Miene seine Schwertfaust zum Herzen. Ohne zu zögern war er bereit dazu, dies vor zwei Priesterinnen des Praios zu schwören. „Ich werde Ihre Gnaden mit meinem Leben verteidigen und sie wohlbehalten wieder hierher zurück bringen. Hoffentlich, nachdem die Gefahr beseitigt und Lichtwacht wieder ein Heim des Herrn Praios ist.“ Dann ging sein Blick weiter zu Assunta. „Euch wird nichts geschehen, das garantiere ich Euch.“ Der Gugelforster ließ eine leichte Verbeugung folgen.

„Und um auf Eure Frage zurück zu kommen: Ja“, Trautmann nickte knapp, „der Kontakt zwischen den Baroninnen beschränkt sich auf einen regelmäßigen Briefverkehr. Die Distanz zwischen Drachenstein und Weidenhag macht persönliche Treffen beinahe unmöglich. Dennoch verbindet Gwidûhenna und die Drachensteinerin der tiefe Glaube an die gütige Eidmutter.“

Assunta nickte zu seinen Worten, kam aber nicht dazu, etwas zu erwidern, da Heliopais abermals schneller war. „Sehr schön“, meinte die zufrieden. „Damit ist das Wichtigste für mich geklärt und ich entlasse Euch beide aus diesem meinem Zimmer. Ich denke, Ihr braucht keine Anstandsdame, die Euer Gespräch in Gänze überwacht?“

Trautmann sah, wie die jüngere Priesterin der älteren einen irritierten Blick zuwarf und die darauf mit einem Lächeln reagierte – auffordernd und ermutigend zugleich.

„Vielleicht möchte Seine Wohlgeboren den Tempel sehen? Oder einen Absacker im Alten Säufer trinken? Oder du gehst mit ihm in den Stall, auf dass er sich das Pferd und den Muli ansehe?! Als Ritter ist er in dieser Hinsicht bestimmt besser geschult als wir.“ Die Hochgeweihte hielt inne und schenkte Trautmann einen Blick, in dem nur ein minimales Fitzelchen Frustration blitzte, aber es reichte gerade so, um erkennbar zu sein: „Unsere Stallmagd liegt im Wochenbett und die restlichen Bediensteten kennen sich mit Pferden ebenso wenig aus, wie wir und unsere Geschwister im Glauben. Momentan verwalte ich einen Mangel und ich fühlte mich wohler, wenn sich jemand die Tiere noch einmal anguckt, bevor sie ihre Reise antreten. Wann wollt Ihr noch gleich aufbrechen? Morgen früh zur achten Stunde?“

Auf das Nicken des Gugelforsters hin breitete sie die Arme aus, um ihre Gäste auf eine sehr höfliche und gesittete Art aus ihrer Schreibstube zu komplimentieren. „Dann sehen wir und ein halbes Wassermaß vorher im Tempel, Wohlgeboren. Ich werde Euch einen Segen für die Reise spenden.“

Einen Herzschlag später standen sie auch schon vor der Tür und wechselten einen kurzen, leicht verwunderten Blick.

„Ja ... äh ...“, meinte Assunta und zögerte. „Zum Stall geht es dort entlang.“ Sie wies auf einen Trautmann bisher unbekannten Teil des Tempels und ging auch gleich los. Als er zu ihr aufschloss, lächelte die Praioranerin freundlich und nahm das Gespräch wieder auf. „Ihr habt Verwandtschaft in der Sichelwacht, oder nicht?“, hob sie an. Es klang ein bisschen so, als würde sie sich zwingen, um keine unangenehme Stille entstehen zu lassen. Aber immerhin: Sie bemühte sich. „Mir war als würde die Baronsgemahlin von Beonspfort ein Gugelforst im Namen tragen. Ist es eine große Familie, der Ihr entstammt?“

Trautmann wirkte ein wenig verstört über den schnellen Gesprächsabbruch durch die Hochgeweihten und die Tatsache, dass sowohl er als auch Assunta in den letzten Momenten bloß Passagiere gewesen waren. Dennoch sollte es nicht allzu lange dauern, bis sich wieder ein freundliches Lächeln auf seinem Antlitz zeigte. Er entspannte sich und bot der Geweihten auf dem Weg zum Stall seinen Arm an – was bei ihr überrascht gehobene Brauen heraufbeschwor. Sie sagte zwar keinen Ton, doch ihre Augen vermittelten ihm ein klares „Ernsthaft?“, bevor sie doch tatsächlich auf das Angebot einging. Vielleicht ja, weil sie hier im Tempel mehr oder minder unter sich waren? Oder auch, weil ihr die  umgängliche Art des Gugelforsters sehr entgegenkam und sie ihm nicht vor den Kopf stoßen wollte. Als der Junker in dem bereits bekannten, ungezwungenen Plauderton fortfuhr, war sie jedenfalls  schon wieder ganz bei sich.

„Ja, Ihr habt recht“, bestätigte Trautmann. „Meine Base Ullgrein ist in Beonspfort Baronsgemahlin. Eine von Tsa sehr gesegnete Verbindung.“ Der Lichtwachter hob seine Schultern und lächelte vielsagend. Er hätte sich nie träumen lassen, dass die kriegerische Ullgrein einmal zuvorderst Mutter und von einer Kinderschar umgeben sein würde. Keinen Heller hätte er darauf gewettet, wenn er an ihre gemeinsame Zeit am Grafenhof zurückdachte. Damals tat seine Base über Jahre Dienst als Heroldin des Grafen und war ihm vor allem mit ihrer Liebe zur und dem Streben nach dem Erhalt ihrer Freiheit sowie mit dem Reisen durch die Weidener Lande bekannt gewesen.

„Als groß würde ich meine Familie jedoch nicht bezeichnen.“ Trautmann verdrängte die aufkommenden Gedanken und ging stattdessen auf die Frage Assuntas ein. „Ich hoffe, Ihr verzeiht mir wenn ich weiter aushole?" Nach einem Nicken der Geweihtenhob er wieder an: „Wir sind ein eigentlich noch junges Haus aus dem ehemaligen Darpatien. Vor 200 Götterläufen wurde meine Ahnin Myria vom Fürsten Gerhelm von Rabenmund in den Adelsstand erhoben.“ Dass eben jene Myria nicht den besten Ruf genoss, sie gar als Hexe bezeichnet wurde, die den damals kinderlos gestorbenen Fürsten verzaubert und verflucht haben sollte, ließ er gegenüber der Praiosdienerin unerwähnt. Es war ein Gerücht gewesen und keinesfalls bewiesen.

„Unseren Stammsitz haben wir auch heute noch im Gugelforst am rahjawärtigen Hang der Trollzacken nahe der Ruine einer mächtigen Trollfestung.“ Die Augenbrauen des Junkers wanderten nach oben und Assunta konnte deutlich sehen, dass ihn diese Tatsache fesselte. „Ich war leider selbst nie dort. Unsere Ländereien in der Rabenmark wurden erst vor Kurzem wieder befreit. Das Gugelforster Familienoberhaupt Geppert verwaltet dort als Erbvogt das kaiserliche Allod Gugelforst und mein Vetter Perval herrscht als Junker von Trôlswaht über die Stammburg der Familie. Den Weg nach Weiden fand mein Geschlecht durch einen Traviabund vor gut 100 Sommern. Angehörige meiner Familie mögt Ihr demnach vor allem in den darpatischen Marken und Weiden, aber vereinzelt auch in Greifenfurt und Garetien finden.“

Nachdem er die Frage der Praiosdienerin beantwortet hatte, schwieg Trautmann für einige Herzschläge. Erst nach einer kurzen Verschnaufpause fuhr er fort. „Ich hoffe, ich trete Euch nicht zu nahe wenn ich jetzt nach Eurer Familie frage? Seid Ihr denn eigentlich verheiratet und habt Ihr Kinder? Ließe sich das mit Eurem Amt überhaupt vereinbaren?“

Assunta hatte dem Trutzer interessiert zugehört, als er über seine Familie berichtete und schien auch schon wieder die eine oder andere Frage zu haben. Dann schwenkte er jedoch auf ihre Familie um – und bekam sofort das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Er konnte das nicht an ihrer Miene festmachen, die vergleichsweise ungerührt blieb. Er spürte die plötzliche Anspannung mehr, da ihre Hand ja nun auf seiner ruhte und sie direkt neben ihm ging. Es dauerte einen Herzschlag, bis sie sich gefangen hatte und leicht nickte. Wobei nicht ganz klar war, worauf sich dieses Nicken bezog.

„Das ließe sich mit meinem Amt vereinbaren, Wohlgeboren“, hob sie dann mit fester Stimme an. „Es gibt keine Gesetze, die es Angehörigen der Gemeinschaft des Lichts verbieten, eine Ehe zu schließen. Allerdings besteht Uneinigkeit darüber, ob wir es tun sollten. Es gibt Priesterinnen und Priester, die finden, dass sich das mit dem Dienst am Fürsten der Götter nicht vereinbaren lässt, weil es eine Ablenkungen von der vorbehaltlosen Hingabe zu IHM und von unseren eigentlichen Aufgaben darstellt. Andersherum gibt es auch Menschen, die keinen Bund mit einem Priester eingehen mögen, weil ihnen klar ist, dass sie diese Person immer teilen müssten und dass es eine Verpflichtung gäbe, die noch über dem Eheversprechen steht. Es ist schwer, das zu verstehen und zu akzeptieren, weshalb wieder andere sagen, es wäre das Beste, wenn Geweihte nur Geweihte heiraten, damit zumindest ein gewisses Grundverständnis vorhanden ist.“

Assunta hielt kurz inne und runzelte die Stirn. „Was mich betrifft, so war ich verheiratet. Ich bin Witwe. Und ich hatte einen Sohn, der gestorben ist, als er acht Winter zählte.“ Da war kein Zögern mehr, bevor sie das sagte. Ihre Stimme zitterte auch nicht oder verriet auf sonst eine Art Anspannung. Dennoch stand außer Frage, dass es sie Überwindung kostete, sich zu dem Thema zu äußern. Und hilfreich für das weitere Gespräch war es auch nicht gerade – das schien ihr ebenso klar zu sein wie Trautmann. Vielleicht lächelte sie deshalb entschuldigend und hob die Schultern. „Wie ist es mit Eurer Mutter?“, fragte die Praioranerin, ohne sich groß aufzuhalten. Offenbar wollte sie sich nicht geschlagen geben und das Gespräch wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser lenken. „Ist sie mit einem Priester verheiratet? Und seid Ihr in einem Tempel aufgewachsen?“

Trautmann jedoch schwieg für einige Augenblicke. Sein Blick ging starr nach vorn und das Kauen an seiner Unterlippe verriet dem aufmerksamen Beobachter, dass es in seinem Kopf arbeitete. „Entschuldigt, Euer Gnaden, ich wollte nicht ...“, stammelte er sichtlich berührt und schalt sich innerlich dafür, diese doch sehr persönliche Frage so unüberlegt gestellt zu haben. Er blickte auf die klein gewachsene Geweihte neben ihm. Wie tapfer sie war – trotz der erlittenen Schicksalsschläge wahrte sie Ruhe und wirkte nach außen hin gefasst. Der Gugelforster hatte einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt und die sich ihm nun eröffnenden Einblicke in Assuntas Leben ließen sie für ihn in einem gänzlich anderem Licht erscheinen.

„Ihr müsste Euch nicht entschuldigen“, meinte die Lichtbringerin und schüttelte den Kopf. „Ich habe nach Eurer Familie gefragt, da war es nur logisch, dass Ihr Euch nach meiner erkundigt. Ihr konntet ja nicht wissen, dass es darüber nichts Erfreuliches zu berichten gibt. Lasst Euch davon nicht betrüben, lassen wir es stattdessen hinter uns.“

Trotz ihres ermunternden Blicks dauerte es noch gut zehn Schritte, bis Trautmann sich wieder so weit beruhigt hatte, dass er das Gespräch fortsetzen konnte – den Göttern sei es gedankt mit einem positiveren Thema.

„Meine Mutter ist mit einem Ritter verheiratet. Eher ungewöhnlich für eine Geweihte der Gütigen, ich weiß ...“, die Stimme des Lichtwachters war immer noch etwas gedämpft, aber auf seinen Züge zeigte sich nun wieder ein freundliches Lächeln. „Ihr müsst wissen, dass sich am Baronssitz Weidenhags, auf dem ich aufgewachsen bin, auch ein Tempel der Gütigen findet, dem meine Mutter vorsteht. Ich bin sozusagen sowohl im Tempel als auch auf einem Adelshof aufgewachsen.“

Abermals folgte ein Lächeln und der Junker verfiel wieder in seinen Plauderton: „Mein Vater ist ein Dienstritter am Hof der Barone und diente schon unter dem Großvater Gwidûhennas. Meine Pagen- und Knappenschaft habe ich dann am Grafenhof in Reichsend abgeleistet und durfte den Grafen Emmeran auch auf seiner berühmten Pilgerreise begleiten. Nach meinem Ritterschlag, verblieb ich als Dienstritter in seinem Gefolge, bis ich um Freistellung ersuchte, als ich um die Hand der Baronin von Nordhag warb.“ Der Gugelforster machte eine Pause und es schien Assunta, als würde er leicht seufzen. „Daraus wurde dann schlussendlich nichts und ich wurde stattdessen mit Burg Lichtwacht belehnt. Jenem Gemäuer, bei dem ich nun Eure Hilfe benötige.“

Wieder schwieg der Lichtwachter für einige Momente. „Ihr wurdet auf Auraleth ausgebildet?“, kam es dann in fragendem Ton und insgeheim hoffte er, mit dieser Frage nicht wieder in ein Fettnäpfchen zu treten. „Das ist interessant. Habt Ihr denn auch im Orden vom Bannstrahl gedient?“ Trautmann hatte die letzten Monde so einiges über die Geißler lernen dürfen, gebot er doch immerhin über eine ihrer ehemaligen Niederlassungen.

„Die ersten Jahre meiner Ausbildung habe ich in Gareth verbracht“, diesmal kam die Antwort ganz ohne Zögern, also gab es offenbar keine Fettnäpfchen. „Die Geweihten dort gelangten jedoch bald zu der Einschätzung, dass ich mit meinen Begabungen auf Auraleth besser aufgehoben sei. Also wurde ich dorthin geschickt, habe fast mein gesamtes Noviziat auf der Feste verbracht und wurde schließlich auf ihr geweiht. Ich habe allerdings nie im Orden des Bannstrahls gedient. Ich wurde dem Tempel der Feste zugeordnet, wo auch Geweihte ohne Ordenszugehörigkeit ihren Dienst versehen. Die Geißler haben mich nur in einigen Teilbereichen meiner Ausbildung unterwiesen.“

Assunta hielt kurz inne und warf dem Junker von Lichtwacht einen nachdenklichen Blick zu, ehe sie fortfuhr: „Ich weiß vielleicht mehr über den Bannstrahl als die meisten anderen Geweihten hier in Anderath, jedoch nicht so viel, wie es ein Angehöriger des Ordens täte. Vermutlich ist das auch gar nicht vonnöten, um Euch mit Eurem Problem zu helfen. Nach allem, was Hochwürden mir erzählt hat, scheint das nämlich anders gelagert zu sein. Ich werde Euch noch die eine oder andere Frage dazu stellen müssen, Wohlgeboren, fürs Erste will ich es aber bei einer belassen.“ Trautmann meinte ein interessiertes Funkeln in den Augen der Geweihten zu sehen, bevor sie weitersprach: „Verstehe ich das recht, dass Ihr um die Hand der Frau angehalten habt, die Euch später mit diesem verfluchten Flecken Land belehnte? Was waren denn ihre Beweggründe dafür?“

Kaum dass die Frage ausgesprochen war, löste die Praioranerin ihre Hand von Trautmanns, um beide für das schwere Tor frei zu haben, vor dem sie just angekommen waren. Der Junker hatte es nicht bemerkt, weil er zu sehr auf das Gespräch konzentriert gewesen war, doch offenbar hatten sie den gesamten Tempelkomplex durschritten und den Stall erreicht. Ehe er sich versah, hatte Assunta die Tür geöffnet und bedeutete ihm mit einer einladenden Geste, vorauszugehen.

Was er auch tat. Die dadurch entstandene Pause kam dem Junker mehr als gelegen, um seine Gedanken zu ordnen. Er dachte noch einmal an seine Werbung um die junge Baronin von Nordhag. Auch wenn seitdem viel Wasser den Dergel hinab geflossen war, hatte er immer noch daran zu nagen. Nicht etwa aus gekränktem Stolz, vielmehr wegen der ganzen Wünsche, Träume und Gedanken, die er bereits in diese Sache investiert gehabt hatte. Seit seiner Freistellung durch den Grafen wuchs in ihm der Wunsch nach der Geborgenheit einer eigenen Familie.

„Ja Ihr versteht richtig“, Trautmann nickte knapp, „Ich habe um ihre Hand geworben, sie hat mir einen anderen vorgezogen und mich dann mit einer verfluchten Ruine belehnt.“ Der Gugelforster musste sich eingestehen, dass sich dieser kurze Umriss eben jener Geschehnisse von vor zwei Wintern äußerst seltsam anhörte. Deshalb hob er sogleich beschwichtigend seine Hand. „Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass es unter anderem ich war, der das dort herrschende Unleben zuvor beendet hatte.“ Der Junker ließ ein vielleicht etwas unangebrachtes Schmunzeln folgen. „Leudane und ihr Vater wollten mich mit der Belehnung wohl belohnen, wenn mir schon ihre Hand verwehrt blieb.“

Der Lichtwachter wandte sich nun wieder zur Geweihten um und wartete auf einen Impuls der ihm signalisierte, welche Tiere er nun zu begutachten hatte.

Die war allerdings gerade in der Tür stehen geblieben und musterte ihn mit neugieriger Miene. „Tatsächlich? Dann stellt die Belehnung so etwas wie eine Entschädigung dar?“ Sie hob die Brauen und schien einen Moment verschärft nachzudenken. Hoffentlich nicht darüber, was für eine schreckliche Frau Baronin Leudane sein musste, wenn ihre Hand in verfluchten Ruinen aufgewogen wurde. Einen Moment schien es fast so, denn rund um Assuntas Augen zeichnete sich wieder das feine Geflecht aus Lachfältchen ab. Die Stimme war allerdings völlig frei von Spott, als sie sie wieder hob: „Wie viele Bewerber gab es denn damals? Haben die Lehen in Nordhag ausgereicht, um einen jeden von ihnen mit einem Gut zu bedenken?“

Sie sah Trautmann fragend an, als sie an ihm vorbei und tiefer in den erstaunlich lichten Stall hinein schritt. Wenn man bedachte, wie groß der Tempel war, wirkte das Gebäude erschreckend klein. Es gab vielleicht acht Stände darin und momentan waren nur drei belegt. Die Lichtbringerin hielt zielstrebig auf ein hellbraunes Muli zu und gab dem Trutzer den Impuls, auf den er gewartet hatte, indem sie das Tier heraus deutete.

„Ich bin sicher, dass sie sich beide bester Gesundheit erfreuen, aber vermutlich ist es wirklich vernünftiger, Ihr schaut noch einmal drauf“, meinte sie.

Trautmann ließ sich vom Anflug eines Lächelns bei der sonst eher zugeknöpft wirkenden Geweihten anstecken. Er begegnete ihm seinerseits mit einem breiten Lächeln, das es ihm vorerst unmöglich machte, ihre ersten Fragen zu beantworten. Erst nachdem sie an ihm vorbei zu dem Maultier gegangen war, fasste er sich wieder.

„Wie viele Werber es waren, kann ich Euch gar nicht mehr sagen“, führte der Junker dann schulterzuckend aus. „Am Ende fiel die Entscheidung zwischen mir und einem Koscher.“ Er strich über die Flanken des Maultieres, zog dessen Lippe hoch und warf einen prüfenden Blick ins Maul. Dann wandte er sich wieder Assunta zu. „Ich glaube nicht, dass die anderen Werber irgendeine Form der Kompensation erhalten haben. Es ging, denke ich, nur darum, die alte Burg an jemanden zu vergeben, der diese wieder aufbaut und instandsetzt.“ Der Gugelforster drehte sich wieder zu dem Tier um, hockte sich hin und begutachtete die Läufe. „Da muss der Hufschmied noch einmal ran“, bemerkte er dann mehr zu sich selbst als zur Praiosdienerin. „Wisst Ihr, ich gräme der Baronin ihre Entscheidung nicht. Es sollte eben nicht sein und man weiß nie, wofür es gut sein mag. Die Götter werden sich schon etwas dabei gedacht haben, und vielleicht war es von Anfang an der Plan der Zwölf, dass ich mich um Lichtwacht kümmern soll.“

Trautmann hob seine Schultern, wandte sich abermals Assunta zu und blickte sie aus fragenden Augen an: „Und Euer Pferd? Ihr werdet doch wohl nicht auf einem Maultier reiten wollen.“ Er lächelte frech, ließ jedoch vorerst keine Antwort zu. „Ich würde Euch sonst bei mir mitreiten lassen.“

Die Brauen der Geweihten schossen in die Höhe, als sie die letzte Anmerkung des Trutzers vernahm. Sie sagte jedoch nichts dazu, sondern schüttelte den Kopf und deutete auf eines der beiden Rösser, die ganz in der Nähe des Mulis standen.

„Nicht mein Pferd“, erklärt Assunta rasch. „Sie gehört dem Tempel, aber Hochwürden gibt sie für die Dauer der Queste in meine Obhut.“ Dann bedeutete sie Trautmann, ihr zu folgen und steuerte zielstrebig auf einen Falben zu – einen mausgrauen, ausgerechnet –, der ihnen aufmerksam entgegenblickte. Die Ohren des kräftigen Tiers spielten und seine Nüstern waren leicht gebläht, was den Trutzer zur Vorsicht gemahnte. „Das Muli habe ich als Packtier dabei“, meinte die Geweihte derweil. „Ein paar Bücher, Paraphernalien, Brieftauben, da ich dem Tempel regelmäßig Bericht erstatten soll ...“, sie hob die Schultern. „Ich werde nicht mit leichtem Gepäck unterwegs sein. Müsste das alles auf dem gleichen Rücken reisen wie ich, würde es dort oben etwas eng.“

Nachdem das gesagt war, trat Assunta näher an das Pferd heran und streckte ihm eine Hand entgegen – wohl damit ihm zuerst ein vertrauter Geruch in die Nase steigen möge und nicht der eines völlig Fremden. Das Tier schnupperte kurz, fasste Trautmann dann aber wieder ins Auge und schnaubte vernehmlich.

Trautmann quittierte das Gebaren des Gauls mit einem milden Lächeln. Er war schwierige Fälle gewohnt. Als unachtsamer Knappe hatte er sogar einmal einen Huf von Graf Emmerans Schlachtross in den Rücken gekriegt und Glück, dass ihm außer gebrochenen Rippen und äußeren Blessuren nichts passiert war.

„Ein schönes Tier ...“, bemerkte er und näherte sich der Stute, die mit jedem Schritt des Gugelforsters ihre Körpersprache zu ändern schien, langsam. Erst schwang sie sanft ihren Kopf, dann hob sie ihren rechten hinteren Huf und stampfte unwillig auf und zu guter Letzt legte das Tier seine Ohren an und bleckte drohend die Vorderzähne. „Sie mag mich wohl nicht“, kam es dazu beiläufig aus dem Mund des Junkers, dann legte er ihr sanft die Hand auf den Hals. Quittiert wurde der Annäherungsversuch mit einem unwilligen Schnauben, gefolgt von einem Wiehern und dem Versuch zu steigen, den Trautmann jedoch mit einem Griff nach dem Strick unterband.

In seinem Rücken – und damit vom Trutzer unbemerkt – zeigte sich unterdessen auch auf den Zügen der Praioranerin ein rascher Wandel. Erst beobachtete sie seine Annäherung an die schlecht gelaunte Stute nur interessiert. Als das Tier anfing, die Zähne zu blecken und sich schließlich gar auf die Hinterbeine stellen wollte, hob sie jedoch besorgt die rechte Hand und setzte zu einem Rettungsversuch an, den sie schweigend abbrach, als klar wurde, dass der Trutzer die Situation im Griff hatte. Da steckte sie die Hände in die weiten Ärmel ihres Ornats und verschränkte die Arme halbwegs gelassen vorm Bauch.

„Shhhh ... shhhh ...“, versuchte Trautmann das Ross zu beruhigen und legte ihm die Hand auf die Blesse. „Soooo ists gut ...“, kommentierte er die langsam einsetzende Entspannung des Tieres. „Na, dann lass dich mal ansehen, meine Hübsche.“ Der Lichtwachter begutachtete das immer noch etwas nervöse Pferd furchtlos und ließ währenddessen immer wieder Berührungen folgen, um dem Tier zu signalisieren, dass er noch da war, um es nicht zu erschrecken. Mit einem knappen „Sehr schön“ beendete er die Begutachtung schließlich und wandte sich wieder Assunta zu.

„Habt Ihr Frau Leudane gekannt, bevor Ihr ausgezogen seid, um sie für Euch zu gewinnen?“, griff die das Thema von eben unvermittelt wieder auf. „Wusstet Ihr bereits, wie sie ist? Oder wenigstens, wie sie aussieht?“ Die Geweihte ging kurz in sich und schien zu bemerken, dass das sehr private Fragen waren. „In der Sichelwacht hat der Baron von Herzogenthal seine Nichte vor nicht allzu langer Zeit sozusagen als Preis für den Waidmann ausgelobt, der es schafft, einen wildgewordenen Eber zur Strecke zu bringen“, fügte sie daher an. „Nach allem, was man hört, war die Frau darüber zunächst nicht sonderlich erfreut – und ist selbst mit auf die Jagd gegangen, um ihre Freiheit zu erringen. Ich schätze, in Nordhag sind die Dinge ein bisschen anders abgelaufen?“

Bei der Geschichte über die Herzogenthalerin huschte ein kurzes Schmunzeln über Trautmanns Lippen. „Ein Eber?“, fragte er amüsiert. Was wäre denn gewesen, wenn dieser von einem Bauern erlegt worden wäre? Es war eine Frage, die der Gugelforster nicht aussprach. „Ich kannte Leudane vom Sehen“, sagte er stattdessen. „Vor ihrer Belehnung war sie eine Bärenritterin am Herzogenhof. Ich diente im Gefolge des Grafen der Heldentrutz. Wir liefen uns einige Male über den Weg.“ Er ließ ein beinahe schüchternes Lächeln folgen. „Sie ist eine Löwin“, schwärmte er dann, „Eine kämpferische junge Frau, die es in der Heldentrutz und Nordhag jedoch nicht einfach hat. Umso wichtiger wäre es gewesen, in der Grafschaft Verbündete zu suchen – warum es ein Adeliger aus dem Kosch sein musste, der noch dazu um eines älter ist als sie selbst, weiß ich nicht. Es steht mir nicht zu, ihre Entscheidung zu hinterfragen.“

Als offizieller Grund wurde die Traviafrömmigkeit des Koschers genannt – ein Schlag ins Gesicht für den jungen Ritter, der nicht nur einem hochadeligen und der Travia gefälligen Haus abstammte, sondern gar der Sohn einer Hochgeweihten der Gütigen war und große Teile seines Lebens in ihrem Tempel verbracht hatte. Trautmann zuckte mit seinen Schultern. Die Praiosdienerin konnte ganz klar erkennen, dass er immer noch an der Sache zu knabbern hatte, deshalb wechselte er auch bereitwillig das Thema. „Wann möchtet Ihr denn aufbrechen? Kann ich Euch bei der Vorbereitung noch irgendwie helfen, oder möchtet Ihr vor dem Antritt der Reise noch etwas wissen?"

In dem Moment, in dem Trautmann die Nordhagerin mit begeistert funkelnden Augen Löwin hieß, schlich sich ein Lächeln auf Assuntas Züge – ein echtes, nicht eins von denen, die nur ihre Augen umtanzten. Das wurde zwar wieder schmaler, als sich offenbarte, dass die Situation dem Gugelforster nach wie vor zu schaffen machte, doch ihre Stimme klang überraschend warm und verbindlich, als sie sie hob. „Ihr solltet Euch wahrlich nicht grämen, Trautmann“, sagte sie. „Es ist, wie Ihr sagt: Die Götter haben einen Plan für jeden ihrer Gläubigen. Wenn der für Euch Frau Leudane nicht umfasst, wird sich an anderer Stelle ein neuer Weg auftun. Ihr scheint mir stark im Glauben und in Eurem Vertrauen auf die Zwölf. Dann vertraut Ihnen auch in dieser Sache. Ihr seid noch jung und wenn der Koscher es nicht mehr ist, hat er die Erfahrung, die Ihr jetzt macht, vielleicht schon ein paarmal in seinem Leben durchlitten? Womöglich hat das das Herz der Eidmutter erweicht, sodass sie die Dinge für ihn fügte.“

Die Bedrücktheit des Junkers schien von einem auf den anderen Herzschlag von ihm abzufallen. „Ihr habt recht, Euer Gnaden“, meinte er und kurz stahl sich gar ein Lächeln auf seine Züge. „Wer weiß, was die Götter alles mit mir vorhaben. Jetzt gilt es, den Blick nach vorn zu richten und mich meinen neuen Aufgaben zuzuwenden. Alles andere wird sich fügen.“

Nachdem das gesagt war, trat Assunta näher an den Verschlag der Stute heran, die dazu übergegangen war, nach Taschen im Wams des Gugelforsters zu suchen. Ohne Scheu griff sie nach der langen Nase des Tiers und drückte sie mit einem sehr entschiedenen „Ist gut jetzt!“ beiseite. „Ich würde sagen, wir richten uns nach den Koordinaten, die Hochwürden vorgegeben hat: Abreise zur achten Stunde, Treffen im Tempel ein halbes Wassermaß davor“, schlug sie dann vor. Sie wartete Trautmanns Nicken ab und überlegte kurz.

„Die erste Frage wäre, ob das Muli zum Schmied muss, bevor wir aufbrechen, oder ob Ihr denkt, dass wir das unterwegs erledigen können“, meinte sie dann. „Die zweite, ob es etwas gibt, das ich wissen sollte. Oder etwas, das ich für einen Aufenthalt auf Eurer Burg keinesfalls vergessen darf. Ich weiß, was ich brauche, wenn ich von Tempel zu Tempel reise. Aber das hilft mir in diesem Fall vermutlich nur bedingt. Und ich war wie gesagt noch nie in der Trutz. Wie liegt denn Eure Burg? Wie ist das Wetter dort zu dieser Zeit des Jahres?“

Kurz ließ der Gugelforster eben jener Frage einen kritischen Blick auf die Aufmachung der Geweihten folgen. Es war ein Blick, der Assunta im ersten Moment Sorgen bereitete. Doch dann begann er zu schmunzeln und meinte:  „Ihr werdet festes Schuhwerk brauchen. Und etwas Warmes zum Anziehen. Zur Burg hoch führt nämlich nur ein recht schwer gangbarer Pfad, weshalb wir die Tiere wohl am Zügel führen müssen und fester Stand vonnöten sein wird.“ Trautmann machte eine Pause und versuchte aus dem Gesicht der Geweihten zu lesen, was er aber nach einem kurzen Moment aufgab.

„Die Gemäuer selbst sind recht zugig. Der Augrimmer pfeift das ganze Jahr über an den Hängen des Finsterkamms. In der Kapelle, sollte sie einmal nutzbar werden, seid Ihr davor jedoch geschützt. Diese wurde, genauso wie der Giftschrank und die Kerker, in den Felsen des Bergs getrieben und wird mit Hilfe großer Kupferspiegel durch das Licht des Praios beleuchtet.“ Der Lichtwachter wollte nicht schon wieder eine Frage stellen, die seinem Gegenüber zu nahe ging, weswegen er darauf verzichtete nach der bisherigen Heimat ihrer Gnaden zu fragen. Er wusste, dass sie erst wenige Jahre in Anderath lebte. Trautmann nahm deshalb an, dass sie davor wo anders ihren Dienst getan hatte und in ihm keimte die leise Vermutung, dass der Wechsel des Tempels wohl mit ihrer verlorenen Familie zu tun hatte.

„Auch werde ich mein Gemach für Euch räumen, Euer Gnaden“, fuhr er stattdessen fort. „Es ist das einzige Gemach in der Burg, das durchgehend mit einem Kamin geheizt werden kann.“ Der Junker wollte der Praiosdienerin nicht zumuten, dass sie sich jeden Abend heiße Steine in Bett legen musste. „Ich werde das Gesinde anweisen, das Feuer über Nacht in Gang zu halten. Es kann oben im Finsterkamm nämlich fürchterlich kalt und ungemütlich werden.“

„Auf gar keinen Fall werdet Ihr das tun“, erwiderte Assunta leise, aber sehr bestimmt. „Ihr seid Herr auf Lichtwacht, Wohlgeboren, und deshalb gebührt es Euch, im herrschaftlichen Gemach zu nächtigen. Ich weiß, dass es nicht so aussieht, aber ich muss nicht mit Samthandschuhen angefasst werden: Ich bin Entbehrungen gewohnt. Sie waren Teil meiner Ausbildung, Teil meines Lebens in der Sichelwacht und Teil einer Pilgerreise, die ich unlängst unternommen habe. Kälte schreckt mich ebenso wenig wie Zugluft, und ich brauche auch kein großes Gemach. Mir reicht eine kleine, kahle Zelle.“ Damit war wohl eine Klosterzelle gemeint und keine im Karzer, aber das führte sie nicht weiter aus, sondern lächelte nur freundlich.

Trautmann entgegnete seinerseits mit einem Kopfschütteln, an dessen Ende sich ein schmales Lächeln auf seinen Lippen manifestierte. „Bitte zwingt mich nicht dazu, eine Dienerin des Götterfürsten in einer kalten Kammer nächtigen zu lassen.“ Er rieb sich sein Kinn und es schien Assunta als schweiften seine Gedanken dabei in weite Ferne. „Ich kann genauso gut in der Ritterhalle auf einer Bank nächtigen. Dort ist es wenigstens wohlig warm.“ Der Junker hob seine Schultern und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. „Wir werden schon eine Lösung finden. Aber dass Ihr bei mir auf der Burg nächtigt wie eine gemeine Magd, werde ich nicht zulassen.“

Assunta quittierte seine Worte mit einem Heben der schmalen Schultern und ließ sich anstandslos auf den Vorschlag ein. „Festes Schuhwerk und warme Kleidung“, meinte sie leichthin. Die Aussicht einer anstrengenden Kraxeltour am Berg schien sie fürs Erste nicht übermäßig zu beeindrucken. „Ist vermerkt. Ebenso die Tatsache, dass ich sehr gespannt auf Euer Gema...“, sie hielt inne, als ihr bewusst wurde, dass ihre Gedanken noch etwas hinter dem Gespräch her hinkten, sie daher just dabei war, sich auf recht missverständliche Weise zu verhaspeln und dringend nachbessern musste. „Euer Gemäuer“, korrigierte sie sich selbst und gab einen kleinen Räusperer von sich. „Ich bin sehr gespannt auf dieses alte Gemäuer, Wohlgeboren. Was Ihr da schildert, klingt nach einer interessanten Bauweise.“

Der Gugelforster nickte und kurz blitzte ehrliche Begeisterung in seinen Augen auf. „Das wohl! Ich habe mich sogleich in die Burg verliebt und es ist mir ein Herzenswunsch, sie wieder instandzusetzen. Die Reinigung von womöglich verbliebenem Übel soll dabei ja nur der erste Schritt sein.“ Trautmann lächelte bescheiden. „Die Archive der Burg sind nämlich voll mit alten Schriften, zusammengetragen in der Zeit der Priesterkaiser. Auch die möchte ich den Händen der Kirche des Götterfürsten überantworten. Es ist ja eigentlich auch deren Eigentum.“ Von den Artefakten im Giftschrank begann er jetzt gar nicht zu sprechen.

„Von ... alten Schriften?“, Assunta starrte ihn einen Augenblick lang fassungslos an. „Das ... äh ... hat mir Ihre Hochwürden gar nicht gesagt. Das wusste ich nicht.“ Sie schien aber nichts dagegen zu haben. Jedenfalls glaubte Trautmann das. Denn in ihren Augen funkelte mit einem Mal eine ähnliche Begeisterung wie die, die er beim Gedanken an sein Lehen empfunden hatte. „Wenn Ihr mir ...“, die Geweihte hielt inne und bedeutete ihm, mit ihr in Richtung Ausgang zu gehen. „Könnt Ihr mir irgendetwas Genaueres dazu sagen?“

Das konnte der Gugelforster eigentlich nicht, denn das meiste, was er gesehen hatte, war entweder in fremden Sprachen abgefasst oder zu allem Überfluss auch noch in Buchstaben, die er nicht kannte. Immerhin konnte er Assunta die Auskunft erteilen, dass es sich nur um wenige Bücher, dafür aber um einen reichen Vorrat an Pergamenten handelte. Das forderte noch mehr Fragen heraus, mit deren Beantwortung er mehr oder minder bis zum Eingangsportal des Tempels beschäftigt war.

Die Verabschiedung fiel zwar nicht ganz so hastig aus, wie die von Heliopais, aber Trautmann hatte das Gefühl, dass die Praioranerin nicht ganz bei der Sache war. Vielleicht, weil sie die Liste dessen, was sie mit nach Lichtwacht nehmen musste, in ihrem Kopf gerade um etliches erweiterte? Gleich wie: Sie verabschiedete ihn mit einem festen Händedruck und er hatte das Gefühl, dass sie mit dem Gedanken, morgen in die Trutz aufzubrechen, jetzt schon viel mehr anfangen konnte, als zu Beginn ihres Treffens. Ob nun, weil sie gut mit ihm zurechtkam oder weil sie sich auf all den Schreibkram freute – wer konnte das schon mit Gewissheit sagen?

am nächsten Morgen...

„Sic est!“

Mit eben jener Formel schloss Heliopais ihren Segen. Sie bedeutete Trautmann und Assunta, die vor ihr knieten, mit einem einfachen „Surgite“, sich wieder zu erheben und nahm zeitgleich ihre Hände von deren Stirn.

„Habt Dank, Hochwürden ...“, fühlte sich der Gugelforster bemüßigt zu sagen. Er verstand nicht viel von jenen Worten, die soeben aus dem Mund der Hochgeweihten gekommen waren, wusste sie aber dennoch zu schätzen. Der Segen der Götter konnte nie schaden, und schon gar nicht jener des Götterfürsten höchstselbst.

Der Junker bedachte die schlanke Gestalt Assuntas mit einem Seitenblick und ein leichtes Lächeln huschte über seine Züge, denn sie war heute deutlich legerer gekleidet als gestern – und irgendwie sagte ihm das zu. Die dunkelrote Robe wies vorn und hinten jeweils hüfthohe Schlitze auf, sodass sie an einen Waffenrock erinnerte, und darunter schien statt des typischen weißen Untergewands ein weiter Reitrock auf – wohl beides Zugeständnisse an die Tatsache, dass sie zu Pferd unterwegs sein würde und sich die traditionelle Tracht der Praioraner für so etwas eher nicht eignete. An einem breiten, mit goldenen Stickereien verzierten Gürtel hingen Assuntas Sphärenkugeln und ein paar lederne Taschen, die ihre Taille noch schmaler wirken ließ, als sie es ohnehin schon war.

Alles in allem sah die Lichtbringerin heute etwas mehr nach Frau und etwas weniger nach Priesterin aus. Im Angesicht dessen kam Trautmann der Gedanke, dass sie ihm ja vielleicht auch als solche guttun würde. Nicht, dass der Junker unzüchtige Gedanken hegte, doch hatte er in seinem direkten Umfeld auf Lichtwacht nur sehr wenig Kontakt zu Frauen. Das Gesinde neigte nur die Köpfe, wenn er vorüber schritt und sonst gab es auf der Burg bloß Trautmann selbst und seinen Knappen Bogumil. Ja, er kam nicht umhin, sich des Öfteren einsam zu fühlen. Eine Burg in der Einöde des Finsterkamms war doch etwas anderes als der Grafenhof der Heldentrutz.

Erst das fragende Gesicht der Hochgeweihten riss ihn aus seinem Gedankenschwall. Wurde ihm eine Frage gestellt? Wie lange war er da gestanden und hatte geschwiegen? Trautmann hoffte, dass er Assunta nicht zu auffällig angestarrt hatte. Seine Gedanken kreisten wie wild durch seinen Kopf, so dass es noch einmal einige Herzschläge lang dauerte, bis er seinen Mund aufmachte.

„Bitte entschuldigt, Hochwürden“, kam es dann begleitet von einem bescheidenen Lächeln. Eben jenem Lächeln ließ der Gugelforster sogleich einen fragenden Blick folgen.

„Ich hatte mich erkundigt, ob es Eurerseits noch irgendwelche Fragen gibt, oder ob Ihr direkt aufbrechen wollt, Wohlgeboren“, meinte die Geweihte und bedachte ihn mit einem milden Lächeln – ganz so, wie er es bereits von ihr kannte.

Der Angesprochene nickte ihr dankbar zu, dann bedachte er Assunta mit  einem Seitenblick – ganz so als wolle er ihre Meinung dazu hören. „Ich weiß nicht, was Ihre Gnaden denkt.“ Trautmann hob seine Schultern. „Wir werden die Alte Straße gen Rhodenstein nehmen, von dort dann firunwärts gen Altenfurten und den Alten Weg nach Nordhag“, erklärte er die angedachte Route. „Von der Stadt aus ist es  nur mehr eine Tagesreise.“ Sein Blick ging für einige Momente zwischen den beiden Frauen hin und her. „Wir werden gut vier Tage unterwegs sein. Ich denke, je früher wir aufbrechen desto besser.“ Er ließ eine knappe Verneigung vor der Hochgeweihten folgen. „Habt Dank, Hochwürden. Für alles. Ich hoffe, wir bleiben auf die eine oder andere Art in Kontakt.“

Anders als am Vortag hatte der Junker sich am heutigen Tage wieder gänzlich wie ein Ritter gekleidet und strahlte die für seinen Stand typische Wehrhaftigkeit aus: gewandet in ein langes Kettenhemd, das er vor wenigen Tagen erst reinigen ließ, darüber ein blutroter Wappenrock, ergänzt von dunkelbraunen Stiefeln, Handschuhen und einem Langschwert an der Seite, gab er darüber hinaus eine stattliche Erscheinung ab.

„Wir bleiben in Kontakt“, meinte Heliopais und nickte, derweil sie eine auffordernde Geste mit beiden Händen machte. In Richtung des Portals, durch das man aus dem goldverzierten großen Saal auf die Straße treten konnte. „Mit Ihrer Gnaden ist vereinbart, dass sie mir regelmäßig Bericht erstattet“, fuhr die Lichthüterin fort, als sie zu dritt zum Ausgang marschierten. „Wir wissen ja nicht, was auf Lichtwacht wartet. Möglicherweise erfordert die Situation ein schnelles Handeln. Auch für den Fall sind Vorkehrungen getroffen.“

Was damit gemeint war, begriff Trautmann, als sie ins Freie traten. Außer seinem treuen Ross warteten vor dem Tempel zwei Bedienstete mit den Tieren aus dem Tempelstall. Der Muli hatte in der Tat einiges zu tragen. Unter anderem thronte auf seinem Rücken ein kleiner Käfig, in dem offenbar mehrere Tauben saßen. Botenvögel wohl. Vermutlich für den äußersten Ernstfall. Die Stute, deren Bekanntschaft er gestern ebenfalls gemacht hatte, wurde von einem jungen Knecht gehalten. Der wirkte irgendwie unglücklich, was vielleicht mit dem angriffslustigen Blick der mausgrauen Tyrannin zusammenhing. Neben dem Knaben wirkte sie noch größer als am Abend im Stall. Zu groß für Assunta eigentlich, wie es Trautmann durch den Kopf schoss. An seiner Seite wandte sich eben jene gerade ein letztes Mal Heliopais zu. Die beiden wechselten ein paar Worte auf einer Sprache, die er nicht verstand, und fassten sich zum Abschied kurz an den Händen.

„Ihr passt gut aufeinander auf“, stellte die Hochgeweihte dann noch mal klar – und meinte damit beide Reisende. Sie sah Trautmann zwar nicht an, aber er begriff sofort, dass diese Worte nicht nur Assunta galten. Heliopais erinnerte ihn auf diese Art an seinen Schwur. Obwohl ihr Gesicht dabei gänzlich eben wirkte, glaubte er in ihrer klaren Stimme mit einem Mal leichte Sorge mitschwingen zu hören.

Assunta begegnete dem mit einem Nicken. „Selbstverständlich werden wir das tun“, versicherte sie, bevor sie ihre Hände von denen Heliopais’ löste. „Die Zwölfe mit Euch, Hochwürden. Praios ihnen allen voran“, ergänzte sie noch und wandte sich dann ihrem Falben zu.

„Und mit Euch“, erwiderte die Tempelvorsteherin feierlich. Sie sah der Lichtbringerin noch einen Moment nach und richtete das Ausgenmerk dann auf Trautmann, um ein abschließendes „Und mit Euch“ anzubringen.

Der Junker neigte noch einmal grüßend den Kopf. „Ich werde meinen Schwur nicht vergessen, Hochwürden. Mögen die Zwölf mit Euch sein. Praios und Travia voran.“  Als auch jener Formalität Genüge getan war, wandte sich der Ritter seinem Ross zu. Es war ein wunderschöner Teshkaler Glanzrappe mit wallender schwarzer Mähne und ebensolchem Schweif, einem muskulösen Körper und stolzen Blick. Während Assunta ein Packtier zur Verfügung hatte, war das Leben des Gugelforsters auf zwei Satteltaschen verteilt. Es ließ darauf schließen, dass seine Reise nach Trallop und weiter nach Anderath nicht lange geplant wurde und er überstürzt aufgebrochen war.

Die Wahl seines Reittieres bestätigte der Lichtbringerin das, was sie schon im Stall und dem Umgang mit ihrer bockigen Stute gesehen hatte: Der Junker hatte allem Anschein nach Geschick im Umgang mit Pferden. Teshkaler waren wunderschöne Pferde, aber man brauchte Geduld, um ihnen all ihre Schrullen auszutreiben und sie zu verlässlichen Reit- und Kriegspferden zu machen.

Eben dies – das Austreiben von Schrullen nämlich – hatte man bei der mausgrauen Stute offenbar versäumt. Sie war mittlerweile dazu übergegangen, den armen Jungen an ihrer Seite mit Tänzelei und aggressivem Kopfwerfen zu drangsalieren. Der kleine Kerl sah aus, als hätte er am liebsten das Weite gesucht, doch das kam natürlich nicht in Frage.

Da selbst auf dem Weg zu seinem Rappen, bekam Trautmann nicht mit, wie seine Begleiterin weitgehend unbeeindruckt an das Trauerspiel heran trat und einen prüfenden Blick auf den Steigbügel warf, der erschreckend weit über dem Boden hing. Mit gerunzelter Stirn sah sie zu dem Burschen hinüber, der wohl nicht viel Ahnung vom Reiten hatte und daher auch nicht auf den Gedanken gekommen war, dass ein Mensch in Assuntas Größe schon über beachtliche artistische Fähigkeiten  hätte verfügen müssen, um damit in den Sattel zu gelangen. Die Lichtbringerin sagte jedoch kein Wort, sondern griff nach dem Steigbügel, um ihn kurzerhand selbst zu verlängern. Am Ende zog sie einmal kräftig daran und der ganze Sattel wäre ihr entgegengekommen, hätte sie nicht geistesgegenwärtig zugepackt.

Während Trautmann – geschmeidig wie Ritter es nun mal so taten – aufsaß, bedachte Assunta den mittlerweile vor Scham tief erröteten Jungen mit einem halb ungläubigen, halb tadelnden Blick, nahm ihm die Zügel ab und führte die Stute zu einem steinernen Bänklein an der Wand des Tempels hinüber. Ganz so, als sei das von Anfang an geplant gewesen. Ohne ein Wort zu verlieren, erklomm sie die Aufsitzhilfe und schwang sich auf das schon wieder spielerisch tänzelnde Pferd. Den Sattelgurt ließ sie fürs Erste wie er war und erweckte so den Eindruck, es sei alles beim Besten. Der Bursche bekam einen letzten warnenden Blick zugeworfen, bevor sie die Stute in Gang setzte und zu dem anderen Bediensteten hinüber ritt, um den Führzügel des Mulis in Empfang zu nehmen. Dann erst lächelte Assunta Heliopais ein letztes Mal zu und steuerte ihren Falben in Richtung Trautmann.

Der wartete, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte, dann bedachte er sie mit einem Lächeln und tätschelte er den Hals seines Rappen. „Er war ein Geschenk meiner Base Gwidûhenna“, beantwortete er eine nicht gestellte Frage. „Habe ihn als Fohlen bekommen. Henna ... äh ... die Baronin reitet seine Schwester.“Der Gugelforster streichelte den muskulösen Hals des Tiers. „Es war eine Herausforderung ihn auszubilden, aber es hat sich ausgezahlt, wie ich meine.“

„Das glaube ich Euch sofort“, meinte Assunta mit einem anerkennenden Nicken. Ihr prüfender Blick über Nüstern, Augen, Nacken, Flanke und Beine des Rappen ließ Trautmann vermuten, dass sie selbst nicht ganz unkundig war. „Ein ausgesprochen schönes Tier. Wer hat ihn denn für Euch ausgebildet? Vielleicht hat derjenige ja noch ein bisschen Zeit für ein missratenes Tempelpferd, das ahnungslosen Priestern dereinst als lammfromm verkauft wurde?“, ergänzte sie dann noch mit einem amüsierten Lächeln und machte eine einladende Kopfbewegung in Richtung Ortsausgang. „Wollen wir?“

Trautmann nickte ihr knapp zu. Der Kommentar zum Gebaren der Stute zauberte ihm ein – wahrscheinlich unangebrachtes, aber dennoch ehrliches – Lächeln auf die Lippen. „Ihr habt Glück“, bemerkte der Gugelforster dann, „Geiserich lebt derzeit auf Lichtwacht und kümmert sich um meinen Stall und die Tiere. Er gehörte zu jenen Menschen, die Gwidûhenna mir zum Aufbau der Burg an die Seite gestellt hat. Er war es, der sich damals um Tharvino“, der Junker tätschelte den Hals seines Rappen, „und Sulvina gekümmert und sie zugeritten hatte, nachdem meine Base sie in Andergast erwarb.“

Daraufhin entspann sich ein kurzes Gespräch über Geiserich und die Namen Tharvino und Sulvina. Sehr weit waren Trautmann und Assunta noch nicht gekommen – kaum um die erste Ecke gebogen und damit außerhalb der Sichtweite des Tempels –, als die Praioranerin ein leises „Wartet bitte kurz“ von sich gab. Sie parierte ihre Stute und sah den Trutzer fragend an. „Wärt ihr so nett, kurz zu halten?“, bat sie und hielt ihm den Führzügel des Mulis hin. Nachdem er zugegriffen hatte, lenkte sie ihren Falben ein paar Schritte von ihm weg. Mit Interesse verfolgte Trautmann, wie die Geweihte erst den linken Steigbügel kürzte und dann den Sattelgurt nachzog, während ihre Stute ein lustiges kleines Tänzchen aufführte, weil sie beides nicht goutierte. Das Ganze geschah mit teils etwas verkniffenem Gesichtsausdruck vonseiten der Praioranerin, sie dachte aber gar nicht dran, um mehr Hilfe zu bitten, als sie es bereits getan hatte.

„Nun denn“, meinte sie, als sie obsiegt hatte. Trautmann kam nicht umhin, die Erleichterung auf ihren Zügen wahrzunehmen. „Jetzt können wir wirklich!“

Der Junker musste an sich halten, um keine unangebrachte Bemerkung zu machen. Als die Lichtbringerin von ihrem Sattel aufsah, war sie demnach bloß mit seinem Lächeln konfrontiert. „Sagt es einfach, wenn ich Euch irgendwie zur Hand gehen soll.“ Er hob interessiert seine Augenbrauen und das Lächeln schwand für einige Herzschläge: „Auch wenn das bedeutet, dass wir die Pferde wechseln. Tharvino ist wohl erzogen und würde sich, mit einer Dame auf seinem Rücken, bestimmt von seiner besten Seite zeigen.“

Wie auf Kommando, blickte der Teshkaler hinüber zur grauen Stute und gab ein leises Schnauben von sich. Assunta fiel auf, dass der Blick des Rappen in dem Moment etwas Abschätzigkeit ausstrahlte – so Pferde denn überhaupt dazu in der Lage waren, abschätzig zu schauen.

„Es geht schon“, meinte sie mit einem Lächeln und schüttelte den Kopf. „Solange der Sattel einigermaßen fest sitzt und ich keine Angst haben muss, mich im nächsten Gebüsch wiederzufinden, komme ich zurecht. Ich weiß Euer Angebot aber zu schätzen, Trautmann, und werde gegebenenfalls darauf zurückkommen.“



Stadt Nordhag, Baronie Nordhag
drei Tage darauf

Es war spät geworden und sie mussten sich eilen, um die Stadt Nordhag noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Grund für ihre Verzögerung war jener Segen in Form stetig andauernden Regens gewesen, mit dem der launische Efferd die Lande der Heldentrutz an diesem Tag bedachte. Kurz diskutierten Assunta und Trautmann, ob sie den Tag nicht in der Gaststätte zu Altenfurten zubringen sollten, um besseres Wetter abzuwarten. Doch entschieden sie sich dafür, ihren Weg fortzusetzen. Nicht nur, weil sie die Gastfreundschaft der Böcklins nicht länger als unbedingt nötig in Anspruch nehmen wollten, sondern auch, weil sie Lichtwacht und dessen möglichen „Fluch“ nicht länger warten lassen wollten.

So ritten an diesem Abend zwei in lange Mäntel gehüllte Gestalten durch das Norretor und Richtung des Viertels Oberhag. Trautmann hatte für die Nacht – hoffentlich die letzte, bevor sie auf Lichtwacht ankamen – den Oberhager Hof für ihre Rast auserkoren. Vor jenem Gasthof angekommen, streifte der Junker seine Kapuze zurück und zog sich die Handschuhe aus. Dann schwang er sich elegant aus dem Sattel, schritt hinüber zu Assunta und bot ihr galant seine Hand an, um ihr vom Pferd zu helfen. Die Praiosdienerin schien einen Moment zu überlegen, lächelten dann jedoch dankbar, griff mit klammen Fingern bereitwillig zu und ließ sich aus dem Sattel in die Arme ihres Begleiters gleiten. Dieser hielt sie anschließend etwas länger, als es vielleicht ziemlich gewesen wäre.

„Die hoffentlich letzte Herberge auf unserem Weg“, meinte der Gugelforster lächelnd, die schmale Lichtbringerin immer noch in seinen starken Armen, „aber mit Sicherheit die beste bisher. Ich freue mich schon auf ein warmes Bad, eine gute Mahlzeit und ein weiches Bett.“ Erst dann wurde er sich der unschicklichen Situation bewusst – wohl nicht zuletzt, weil Assunta mit fragend gehobenen Brauen zu ihm aufsah – und ließ sie wieder frei.  „Entschuldigt“, murmelte Trautmann, dann wandte er sich den Pferden zu.

In seinem Rücken stand die Lichtbringerin einen Moment unschlüssig im Regen und druckste ergebnislos herum. Ihre Miene verriet, dass sie irgendetwas Freundliches sagen wollte. In Richtung „Ist doch nicht nötig!“ wohl. Aber die sah der Trutzer ja nicht und da ihr am Ende keine passenden Worte einfielen, ging die Erkenntnis ganz an ihm vorbei. Stattdessen trat Assunta nach einem Augenblick des Zögerns wieder näher und fragte:

„Kann ich mich irgendwie nützlich machen? Soll ich reingehen und nach dem Stallburschen fragen? Jemandem, der sich um das Gepäck kümmert? Ich nehme doch an, dass sie hier am Platz Bedienstete für diese Verrichtungen haben?“

Der Junker sollte sich zu dieser Reihe von Fragen einen Moment lang  nicht äußern. Stattdessen nestelte er, Assunta den Rücken  zuwendend, am Sattelgurt und dem Zaumzeug seines Rosses herum. Innerlich stand er immer noch etwas neben der Spur und hoffte, dass die Lichtbringerin die letzten Momente nicht als einen plumpen Versuch der körperlichen Annäherung wertete. Ja, die Berührung, auch wenn viele Lagen Gewand, eine Kettenrüstung und ein Regenmantel dazwischen lag, tat ihm gut. Ihr Schweigen zu seiner Entschuldigung jedoch nicht. Es war ihr wohl unangenehm und er schämte sich für seinen Fehltritt.

„Ja, das wäre nett.“ Eine gefühlte Ewigkeit später wandte er sich mit einem gezwungenen Lächeln um und nickte leicht.

Trautmann sah sich einem zunächst fragenden bis prüfenden Blick ausgesetzt. Wohl nicht zuletzt, weil die Praioranerin begriffen hatte, dass etwas im Argen lag, als sich der Moment, in dem er ihr den Rücken zukehrte, um – im Wesentlichen – Nichts zu tun, immer weiter in die Länge zog. Auf seinen Zügen schien sie etwas zu sehen, was ihre Frage auch ganz ohne Worte beantwortete, denn die Stirn glättete sich rasch wieder und ein sanftes Lächeln eroberte ihre Lippen.

„Gut, dann schaue ich, wen ich finden kann“, meinte Assunta schlicht. Trautmann ging davon aus, dass das alles war, und wollte sich schon wieder zu seinem Pferd umwenden, als sich ihre Hand auf seinen Unterarm legte. Mit sanftem Nachdruck hielt die Geweihte ihn davon ab, sie erneut aus seiner Wahrnehmung zu verbannen, und suchte seinen Blick. Erst als sie den gefunden hatte, hob sie ihre Stimme noch einmal.

„Ich danke Euch vielmals dafür, dass Ihr mir nach einem langen und beschwerlichen Tag im Sattel vom Pferd geholfen habt, Trautmann. Ich weiß das zu schätzen und es gibt wahrlich keinen Grund für Entschuldigungen“, sagte sie. „Im Übrigen verspreche ich, Euch Bescheid zu geben, wenn Ihr mir zu nahe tretet. Ich weiß, dass der Umgang mit Geweihten, allzumal mit jenen des Fürsten der Götter, vielen nicht leicht von der Hand geht. Ich werde mich bemühen, es Euch so einfach wie möglich zu machen.“

Nachdem das gesagt war, vertiefte sich ihr Lächeln noch eine Spur. Und dann war sie es, die sich abwandte, um zum Eingang des Oberhager Hofs hinüber zu gehen.

Auch auf dem Gesicht des Junkers machte sich nun wieder ein ehrliches Lächeln breit. Ein regelrechter Gefühlsausbruch, den Assunta jedoch nicht mehr sehen konnte, weil sie schon auf halbe, Weg zum Gasthof war. Als Geweihte hatte Trautmann seine Begleitung die letzten Tage eigentlich immer weniger gesehen – und genau darin lag das Problem. Wirkte sie bei ihrem Kennenlernen noch unantastbar und unnahbar, so sah er sie nun immer mehr als Frau. Oftmals, wenn er sich unbeobachtet fühlte, sah er ihr einfach nur zu: beim Reiten, wenn sie sich mit ihren Tieren abmühte und dennoch versuchte, die Fassung zu behalten. Oder wenn sie ihre Haare richtete. Wie gern hätte er Assunta einmal mit offenen Haaren bewundert. Der Gedanke daran ließ sein Lächeln noch breiter werden. Dennoch würde der Gugelforster die Frage, ob er die  Lichtbringerin denn als Frau interessant fände, konsequent verneinen.  Nicht, weil dem nicht so war, sondern weil es sich eben nicht ziemte und demnach nicht sein durfte. Erst das Erscheinen des Rossknechts riss Trautmann aus seinen Gedanken und holte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück.


***


Es sollte nicht lange dauern, da waren die Pferde versorgt, das Gepäck  wurde ihnen abgenommen und Trautmann und Assunta fanden sich im warmen  Schankraum wieder. Es war nicht allzu viel Volk  anwesend und den meisten sah man an, dass sie wohl aus der besseren Schicht stammten. Vor allem reisende Händler schienen hier zu dieser  Tageszeit zugegen zu sein.

„Euer Gnaden, was für eine seltene Ehre für mein bescheidenes Haus, eine Dienerin des Götterfürsten begrüßen zu dürfen“, bereits kurz nachdem sie eingetreten waren, wurden die beiden vom allem Anschein nach eigens herbei geholten Eigentümer des Hauses begrüßt. Einige Momente später nahm der kleingewachsene Wirt seine braunen Augen von der Geweihten und  begrüßte auch Trautmann mit einer leichten Verbeugung und indem er ein „Hoher Herr“ hinterher schob.

Der Junker hatte der Geweihten derweil aufmerksam aus ihrem Mantel geholfen und war drauf und dran, sich zu setzen. Doch da hob der Hausherr abermals – und diesmal begleitet von eifrigem Armfuchteln – zu sprechen an. „Nein, nein ... hoher Herr“, lächelte er, „doch nicht hier. Ich werde nicht zulassen, dass solch hochgestellter Besuch im Luftzug sitzt.“ Der charmante Wirt bedeutete ihnen mit einer einfachen Handbewegung, ihm  zu folgen und platzierte seine Gäste unter schmeichelnden Worten neben einem großen Kamin. „Hier ist es besser ... und wärmer. Das wird Euch die Kälte aus den Gliedern treiben.“

Assunta hatte bis hierhin geschwiegen und sich offenbar sehr wohl damit gefühlt, ihrem Begleiter den Vortritt zu lassen. Als der Wirt ein solches Aufheben um ihre Person machte, schien sie das zwar mit leichtem Unbehagen zu erfüllen, sie lächelte jedoch verbindlich und wirkte alles andere als unglücklich, als er ihnen einen Tisch direkt am Kamin zuwies.

„Besten Dank, guter Mann“, meinte die Priesterin leise, bevor sie sich direkt neben der Feuerstelle niederließ, sich endlich von den Handschuhen und dann auch von der traditionellen Filzkappe ihres Standes trennte. Trautmann war nicht sicher, ob sich das gehörte, aber er sah, dass sich das Teil über den langen Ritt mit Feuchtigkeit vollgesogen hatte. Es war vermutlich nicht angenehm zu tragen.

Der Wirt wartete, bis sein zweiter Gast sich auch niedergelassen hatte und legte seine Stirn dann fragend in Falten. „Was darf ich Euch beiden sonst fürs leibliche Wohl bringen lassen?“

„Ich schätze, heißer Met wäre nicht schlecht“, sah sich Assunta zu sagen gezwungen, denn der Mann blickte erneut sie und nicht Trautmann an. „Und darüber hinaus ... habt Ihr Eintopf?“

Der Wirt zählte gleich mehrere Eintöpfe auf und hängte dann noch eine Liste weiterer Speisen an. Vielleicht, weil es ihm unangemessen schien, dass eine Praios-Geweihte und ihr offensichtlich adeliger Begleiter mit dem simpelsten Gericht Vorlieb nehmen wollten, das es bei ihm gab. Nachdem er geendet hatte, sah er Assunta fragend an und die gab die Frage an Trautmann weiter, indem sie ihren Blick auf ihn richtete.

„Beim Met schließe ich mich ihrer Gnaden gerne an“, handelte dieser die Frage nach den Getränken ab. „Was den Eintopf angeht. Der Fischeintopf hört sich gut an.“

„Eine ausgezeichnete Wahl, Hoher Herr. Zweimal Fischeintopf aus frischen Fischen direkt aus dem nahen Vierlehensee.“ Mit einem breiten Lächeln und einer angedeuteten Verbeugung entfernte sich der Wirt dann wieder von ihrem Tisch.

Trautmann blickte dem klein gewachsenen Mann noch einen Moment lang nach, dann wandte er sich wieder der Geweihten zu. „Ein netter Kerl“, bemerkte er schmal lächelnd. „Ist auch mein erstes Mal hier in diesem Haus. Weiter oben ...", der Gugelforster wies vage gen Firun, „... befindet sich die Baronsburg. Nordhag ist mit Sicherheit das schlagende Herz der Grafschaft und untersteht seit einigen Jahren direkt dem Grafen.“

Einige Herzschläge lang blickte er Assunta aus großen Augen an und sie konnte fühlen, dass ihm eine Frage auf der Zunge brannte. Der Junker focht innerlich einen Kampf gegen seine Neugier, den er schließlich verlieren sollte. „Ihr habt mir in Anderath erzählt, dass Eure Wiege in Drachenstein stand. Ich hoffe Ihr vergebt mir meine Frage, aber wurdet Ihr gemein geboren oder seid Ihr von adeliger Abstammung?“

Assunta hatte den inneren Kampf des Junkers mit Interesse verfolgt, ohne ihn vorzeitig zu beenden, indem sie selbst das Wort ergriff. Stattdessen war sie dazu übergegangen, ihre offenbar noch immer klammen Finger zu massieren und sah ihn geduldig an. Nachdem der Gugelforster seine Frage ausgesprochen hatte, schien es für einen Moment, als würde sie diese Entscheidung bereuen. Der Zweifel verflog jedoch rasch wieder und wich der vorbehaltlos freundlichen Miene, die sie vorher schon gezeigt hatte. Vielleicht wollte sie ihm nicht noch einmal vor den Kopf stoßen. Vielleicht hatte sie auch einfach nur entschieden, dass es im Grunde keinen Anlass für Zweifel gab.

„Ich vergebe Euch die Frage“, meinte die Geweihte leichthin und nickte sacht, ehe sie ein schlichtes „Ich bin von Adel“ ergänzte. Erst machte es den Anschein, als wolle sie es nicht dabei belassen, sondern die Sache noch ein bisschen weiter ausführen. Doch dann entschied sie sich um, neigte nur den Kopf leicht zur Seite und sah Trautmann aufmerksam an. Offenbar wollte sie ihm die Entscheidung überlassen, wie tief dieses Gespräch ins Detail gehen sollte.

Es gab jedoch auf die Schnelle keine weitere Vertiefung. Der Junker schien immer noch etwas verunsichert ob der Fettnäpfchen, in welche er vor einigen Tagen in Anderath getreten war. Deshalb beließ er es bei einem lächelnden Nicken und nahm sich vor, das Thema zu wechseln. Als letzte Rettung, also bevor sein Schweigen unangenehm lang werden konnte, kam eine der Schankmägde mit dem georderten Met an ihren Tisch. Als die beiden Tonkrüge abgestellt waren, griff Trautmann nach dem seinen und hob ihn prostend in die Höhe.

„Auf die Götter, Praios und Travia ihnen voran“, hob er an. „Und auf unsere zukünftigen Aufgaben.“ Assunta hob ihren Krug ebenfalls und nickte bestätigend, als der Trinkspruch fertig ausgebracht war. „So sei es“, meinte sie, ehe sie das Gefäß an ihre Lippen führte.

Auch der Gugelforster nahm einen Schluck – zu großzügig, denn er verbrannte sich die Zunge, ließ sich aber davon äußerlich nichts anmerken. Innerlich schalt und ermahnte er sich, mit dieser unmöglichen Narretei aufzuhören. Immerhin fürchtete er sich inzwischen schon davor, im Ansehen der Geweihten zu sinken. Die Pannen und unüberlegten Äußerungen in ihrem Beisein wurden mehr  und es wurde seiner Meinung nach zu einem Problem. Dazu kamen immer öfter aufkeimende und unangebrachte Gedanken – so auch der Nachhall auf ihre Aussage, sie sei von Adel.

Ein Teil von Trautmann wollte die Geweihe sofort mit einer Vielzahl von weiteren Fragen löchern, ein wiederum anderer – wohl die Stimme der Vernunft – mahnte, dies sein zu lassen. So war es abermals ein Kampf, der in ihm tobte, und den er für dieses Mal beiseiteschieben konnte, ohne dass sein Gemüt oder seine Ausstrahlung Schaden nahmen.

„Die hiesige Baronin ...“, nahm er dann im bereits bekannten Plauderton einen vergangenen Faden wieder auf, „... Hochwürden Heliopais meinte ja,  dass Gesprächsbedarf zwischen der Kirche und Leud ... äh ... Ihrer Hochgeboren besteht. Sie hätte eine ehemalige Ordensburg nicht ohne Rücksprache mit der Gemeinschaft des Lichts vergeben dürfen.“ Kurz schien es Assunta, als spräche Sorge aus ihm. „Gilt das auch, wenn die Burg in Vergessenheit geraten war, man sie nicht einmal mehr in Trallop kannte und sie durch Gefolgsleute der Baronin befreit wurde?“

„Dass niemand mehr von der Burg wusste, bedeutet nicht zwingend, dass es seinerzeit eine Dereliktion gab“, meinte Assunta, nachdem sie Trautmann einen Augenblick lang überrascht angesehen hatte. Ihr war offenbar nicht bekannt gewesen, dass Heliopais dieses Problem ihm gegenüber bereits erwähnt hatte. „Eher legt es den Schluss nahe, dass die Eigentumsverhältnisse ungeklärt waren – und weiter sind, denn es hat sich ja bisher niemand die Mühe gemacht, Nachforschungen in diese Richtung anzustellen. Stattdessen wurde Lichtwacht unverzüglich als Junkergut vergeben, obwohl Ihre Hochgeboren zum Zeitpunkt der Belehnung bereits wusste, dass es sich um einen alten Standort des Bannstrahl-Ordens handelt. Möglicherweise wurde das Land jedoch von einem ihrer Vorgänger dauerhaft der Kirche gestiftet und sie hat sich mit ihrem Handeln nun in Widerspruch zu altem Recht gesetzt.“

Assunta runzelte die Stirn und nippte an ihrem Met, bevor sie Trautmann prüfend musterte. Sie schien abermals Anhaltspunkte für Sorge zu erkennen und versuchte daher, den folgenden Worten ein bisschen was von ihrer Schärfe zu nehmen, indem sie freundlich lächelte: „Ob sie das Lehn auf keinen Fall ohne Rücksprache mit der Gemeinschaft des Lichts hätte vergeben dürfen, vermag ich aus dem Stegreif nicht zu beurteilen. Dazu weiß ich noch zu wenig. Ich kann aber mit Gewissheit sagen, dass es ihr gut zu Gesicht gestanden hätte, das Gespräch zu suchen. So wie die Dinge jetzt liegen, wirkt es, als sei ihr die Haltung der Kirche zu dieser Sache egal. Und als sei sie der Meinung, keine Rücksicht auf etwaige juristische Probleme nehmen zu müssen.“

Während sie sprach, hatte die Praioranerin ihren Krug wieder auf den Tisch gestellt und beide Hände fest darum gelegt. Wohl um von der Wärme zu profitieren, die er ausstrahlte. „Man könnte sagen, dass sie die Kirche des Götterfürsten brüskiert hat. So was führt gemeinhin nicht zu erhöhter Gesprächsbereitschaft und auch nicht zu einem bereitwilligeren Entgegenkommen, wenn verhandelt oder nachgebessert werden muss.“

Der Junker hatte die Worte der Geweihten zuletzt regungslos zur Kenntnis genommen. Er bedachte sein Gegenüber mit einem milden Blick, nur um einige Herzschläge später seine Stirn zu runzeln. „Möglicherweise wurde es der Gemeinschaft des Lichts dauerhaft gestiftet“, Trautmann hob seine Schultern. Seine Stimme klang ruhig und beherrscht. „Das wissen wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht und ließ sich aus den Unterlagen, die geprüft wurden, nicht erschließen. Wir wissen auch nicht, wer die Burg wann errichtet hat.“

Der Gugelforster machte eine bedeutungsschwere Pause, nahm einen Schluck aus seinem Krug und fuhr dann fort. „Es könnte der Orden vom Bannstrahl gewesen sein, ja, sie könnte aber auch von jemand anderen errichtet worden sein. Was wir jedoch wissen ist, dass die Anlage 600 Jahre leer stand und in Vergessenheit geriet.“ Trautmann stellte seinen Krug auf den Tisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Es wäre interessant, wie Ihr das als Rechtskundige auslegt. Ab wann verliert man das Recht an einer Sache? Ab wann ... ersitzt ... ein anderer das Recht an etwas Vergessenem?“ Er lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich bin kein Gelehrter oder Ordensmann. Ich weiß nur, dass nicht nur Leudane, sondern auch der Rentgraf sich dieser Sache damals angenommen haben, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Kirche des Götterfürsten schädigen oder umgehen wollte. Mehr weiß ich dazu leider nicht.“

„Nun, das hängt unter anderem davon ab, ob es sich bei dem in Vergessenheit geratenen Etwas um eine bewegliche Sache oder um ein Stück Land – sei es nun bebaut oder unbebaut – handelt. Und davon, was in den Codices und Urbarien von weltlichen Herrschern wie Kirche verzeichnet ist. Sollten Letztere nicht vorhanden sein, wird es kompliziert“, meinte Assunta, ohne groß zu überlegen. „Ihr habt Euren Finger da auf einen interessanten Punkt gelegt: 600 Jahre lang hat niemand so recht von der Burg Notiz genommen: weder die Nordhager Barone noch die Gemeinschaft des Lichts. Es war also faktisch niemand da, um das Land zu ersitzen. Außer Euch in den letzten Monden – und diesbezüglich kann ich Euch sagen, dass ein, zwei Götterläufe dafür bei weitem nicht ...“

Assunta stockte, überlegte kurz und sah Trautmann dann nahezu erschrocken an. Schwer zu sagen, ob irgendein Zucken in seinem Gesicht ihr Anhaltspunkte dafür geliefert hatte, dass er die Sache vielleicht doch nicht auf die ganz so leichte Schulter nahm, oder ob sie von allein darauf gekommen war, dass es hier ja um sein Gut und damit letztlich auch um seine Zukunft ging. In jedem Falle starrte sie einen Moment mit leerem Blick und stieß dann auf jener bereits in Anderath vernommenen Sprache – Bosparano war es wohl – etwas aus, das von der Betonung her verdächtig nach Fluch klang. Schließlich schloss sie kurz die Augen und holte tief Luft.

„Bitte entschuldigt, Trautmann! Ich habe nicht nachgedacht. Ihr habt mir eine ... Fachfrage gestellt und auf so was reagiere ich gern mit dem ungeprüften Abspulen einstudierten Wissens. Lasst mich eines geraderücken: Ich habe zwar den Auftrag, mit Ihrer Hochgeboren zu reden, aber ich soll kein Land von ihr fordern, sondern ihr lediglich klarmachen, dass die Kirche des Götterfürsten es nicht schätzt, in dieser Frage übergangen worden zu sein. Es wäre der rechte Weg gewesen, uns zumindest in Kenntnis zu setzen. Gleich, was daraus erwächst. Letzen Endes wäre dadurch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest ausgeschlossen worden, dass Ihr und Eure Diener über Monde hinweg einer potenziellen Gefahr ausgesetzt seid.“

Sie räusperte sich leise, umfasste ihren Krug noch ein bisschen fester und mühte sich an einem Lächeln ab: „Die Gemeinschaft des Lichts hat in Weiden keinen leichten Stand, das wisst Ihr. Wir nehmen hier vieles hin, was in anderen Provinzen des Mittelreichs als undenkbarer Affront gewertet würde. Aber wir können uns nicht alles gefallen lassen – ohne wenigstens einen vernehmbaren Protest zu formulieren. Sonst würden wir ganz in der Bedeutungslosigkeit versinken und letztlich wohl von niemandem mehr ernst genommen werden. Ich unterstelle nicht, dass Ihre Hochgeboren oder der Rentgraf die Praios-Kirche schädigen oder umgehen wollten. Vermutlich haben sie einfach nicht an uns gedacht. Allein, macht es das wirklich besser?“

Trautmann hatte seinen skeptischen Gesichtsausdruck immer noch nicht gänzlich abgelegt. Insgeheim hatte er noch eine ganze Reihe an Fragen.  Das Vergessen der Burg in etwa – nur weil auch die Barone von Nordhag sich nicht darum gekümmert hatten hieß das doch nicht, dass sie keinen  Anspruch auf ein Gemäuer auf ihrem Land hatten, nur weil es vor über 600 Jahren eine Schenkung gab. Der Junker wollte nicht, dass Leudane und ihr Vater deswegen nun in Erklärungsnotstand gerieten. Er war der festen Überzeugung, dass Leudane und ihr Vater das Lehen nicht vergeben hätten,  bestünden irgendwelche Zweifel daran, dass sie dazu befugt waren.
 
„Da Ihr sowieso mit der Baronin sprechen wollt, solltet Ihr Eure Bedenken Leudane gegenüber ansprechen.“ Er hob seine Schultern. „Ich denke nicht, dass es mir zusteht, hier in ihrem Namen zu sprechen.“

Nachdem das gesagt war, warf Assunta Trautmann einen irritierten Blick zu. Sie schien mit seinen Worten erst gar nichts anfangen zu können und schüttelte dann den Kopf. Sacht, aber doch mit Nachdruck. Im Nu hatten sich auch auf ihrer Stirn Falten gebildet und sie biss die Zähne fest zusammen, sodass es erst aussah, als wolle sie sich gar nicht äußern. Schließlich meinte sie jedoch in einem deutlich nüchterneren Tonfall als zuvor: „Darum habe ich auch nicht gebeten, Trautmann, und das aus gutem Grund. Ich habe Euch erst eine Frage beantwortet und dann versucht, einen falschen Eindruck aus der Welt zu schaffen, den ich offenbar erweckt hatte.“ Sie überlegte kurz und fügte dann gleichmütig an: „Den letzten Teil der Rede hätte ich mir sparen können, ohne Zweifel. So was denkt man und spricht es nicht aus. Beim nächsten Mal halte ich es so. Das sei gelobt.“

Trautmann zögerte kurz, bevor er die Stimme wieder hob, und fast schien es der Lichtbringerin, als wolle er seine kommenden Worte besonders genau abwägen. „Ich für mich möchte nicht, dass die Gemeinschaft des Lichts hier in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Ich mag zwar nur Junker der Burg sein, die früher einmal vom Orden des Bannstrahls gehörte, und eben kein Ordensmitglied, aber es war mir vom ersten Moment an klar, dass ich Burg und Kapelle wieder aufbauen möchte, um dem Götterfürsten hier wieder eine Heimat zu geben. Sein Licht soll den gebeutelten  Menschen im Schatten des Finsterkamms Trost und Kraft spenden.“ Auch  wenn der Gugelforster bis jetzt wenig bis gar keine Erfahrungen mit der Kirche des Praios gemacht hatte, konnte Assunta ganz klar erkennen, dass  er seine Worte ernst meinte.

Dennoch wirkte ihr Blick irgendwie kritisch, als sie Trautmann nach Beendigung seiner Rede musterte. Ohne ein Wort zu sagen, wohlgemerkt. Als sei sie zu beschäftigt damit, seine Gedanken erraten zu wollen. Das Schweigen drohte abermals unangenehm zu werden – und abermals war es die Schankmagd, die die Situation rettete, indem sie an ihren Tisch herantrat. Diesmal, um zwei dampfende Teller Eintopf und ein Körbchen Brot vor ihnen abzustellen. Mit einem gutgelaunten „Wohlschmecken!“ nickte sie ihnen hernach zu und war dann auch schon wieder verschwunden. Assunta fackelte nicht lange, sondern zog ihren Teller zu sich heran, sog den Duft des guten Essens ein und gab ebenfalls ein „Wohlschmecken!“ von sich, ehe sie zum Löffel griff.

Das Schweigen danach war nicht ganz so unangenehm, schließlich aßen sie und waren damit hinreichend beschäftigt. Das diente als tragfähiger Vorwand, bis vom Eintopf so gut wie nichts mehr übrig war und Assunta begann, die Reste ihres Essens mit Brot aus dem Teller zu kratzen. Ihr Blick ging dabei erst in weite Ferne – und richtete sich endlich wieder auf Trautmann.

„Ich will unseren Aufenthalt hier nutzen und Frau Leudane um ein Gespräch ersuchen“, meinte sie  ansatzlos. „Ich will sie aber nicht überfallen, sondern ihr Zeit geben, sich vorzubereiten. Ich habe mich gefragt, wie ich es am besten anstelle. Mir scheint, als würde sich ein Brief empfehlen und in Gareth oder Rommilys hätte ich damit auch nicht gezögert ...“ Sie hielt inne und zog die Brauen zusammen, schien gedanklich in aller Kürze irgendein Problem zu erörtern, bevor sie noch einmal anhob: „Ihr kennt die Baronin besser als ich. Also sagt mir: Ist das ein gangbarer Weg, oder würdet Ihr etwas anderes empfehlen?“

„Den direkten“, antwortete der Junker knapp. Von seinen Zügen war nun alle Skepsis verschwunden und es zeigte sich ein schmales Lächeln, welches jedoch weniger seinem Gegenüber und mehr dem leeren Teller vor ihm galt. Der Ritter hatte selten einen so guten Eintopf gegessen. „Leudane schätzt das direkte Wort. Ich würde vorschlagen, dass wir – wenn wir schon in der Stadt sind und angenommen sie ist zugegen – das gleich morgen abhandeln.“ Daraufhin richtete Trautmann seinen sanften Blick wieder auf die Lichtbringerin. „Wenn Ihr möchtet, stelle ich den Kontakt her. Ich möchte sie sowieso über die Fortschritte auf Lichtwacht in Kenntnis setzen.“

Abermals verfiel er in ein grüblerisches Schweigen. Er sorgte sich über das anstehende Gespräch zwischen Leudane und Assunta. Nicht nur, weil er im Gefühl hatte, dass hier so einiges an Konfliktpotenzial zwischen der Gemeinschaft des Lichts und der Baronin von Nordhag lag, sondern auch, weil er sich über kurz oder lang für seine eigenen Fehler würde verantworten müssen. Viel früher hätte er einen Tempel des Götterfürsten konsultieren müssen, hätte sich nicht auf ihre Gnaden Greifhild verlassen dürfen und seine Schutzbefohlenen nicht auf der Burg leben lassen dürfen, von der vielleicht immer noch einiges an Gefahr ausging.

Neben dem Trutzer war die gebürtige Sichlerin ebenfalls in Schweigen versunken. Auch ihre Miene wirkte grüblerisch – verriet sogar leichtes Unbehagen, das aber an ihrem Begleiter vorbei ging, weil er just keine Augen für sie hatte. Assunta legte die Hände wieder um den Metkrug und starrte nachdenklich auf dessen zur Neige gegangenen Inhalt.

„Ich dachte mir schon, dass Ihr so was sagen werdet“, meinte sie nach einer ganzen Weile. „Ich denke außerdem, es wäre besser, ich würde mir erst einmal ein Bild von Lichtwacht machen. Beides lässt sich schwerlich miteinander vereinbaren, also muss ich mich auf Euer Urteil verlassen.“ Sie sah weiter in den Krug, während sie sprach. „Wie stehen die Chancen, dass Frau Leudane uns empfängt, wenn wir ganz ohne Vorankündigung bei Ihr auftauchen? Und: Ist das hier so üblich? Es erscheint mir unziemlich. Ich würde es als Gebot der Höflichkeit und der Etikette begreifen, ein förmliches Ersuchen vorauszuschicken.“

Trautmann verstand die Frage nicht und blinzelte irritiert. Er hatte Leudane als einen sehr unkomplizierten Menschen kennengelernt. Lange Jahre war die Baronin eine einfache Ritterin im Dienste der Herzogin gewesen. Sie wuchs nicht in der Gewissheit auf, einmal herrschen zu müssen- Ihre Erhebung in den Hochadel kam für die Finsterkammerin unverhofft und es war vor allem ihr Vater, der Rentgraf Arwulf von Finsterkamm, gewesen, der ihre Ansprüche auf den damals vakanten Thron zu Nordhag durchsetzen wollte. Leudane war standesbewusst,  aber sie stellte sich selbst nicht über die Dinge. Sie war eine rondragläubige Frau, die ihren Aufgaben stets auch mit firungefälligem Ernst wahrnahm und sich der Wichtigkeit und Dringlichkeit betreffend Lichtwacht wohl bewusst sein würde. Noch dazu konnten sie einander gut leiden.

„So sie auf ihrer Burg weilt und etwas Zeit entbehren kann, wird sie uns empfangen“, bemerkte der Junker. Vor dem Essen hatte er noch Probleme damit gehabt, Ansagen im Namen seiner Baronin zu machen – in diesem Fall schien ihm das jedoch leicht von der Hand zu gehen. „Aber wenn Ihr Euch erst  auf der Burg umsehen möchtet, dann verstehe ich das.“ Der Gugelforster lächelte freundlich. „Ich richte mich da ganz nach Euch.“

„Ein Tagesritt bis nach Lichtwacht habt Ihr gesagt, nicht wahr?“, Assunta löste den Blick schließlich doch wieder vom Metkrug, um Trautmann fragend anzusehen. „Und Ihr würdet keine Eurer Pflichten als Vasall verletzen, wenn Ihr jetzt sofort nach Hause reitet, statt Eurer Herrin erst einmal darüber zu berichten, was sich in den vergangenen Monden auf der Burg zugetragen hat? Oder darüber, was Ihr für die kommenden erwartet?“

Der Junker legte den Kopf erst schief und schüttelte ihn dann leicht. „Nein, ich gebe Ihr regelmäßig Bescheid, aber nicht ständig. Wäre dem so, hätte sie sich ja selbst um die Burg kümmern können und sie nicht an einen Gefolgsmann vergeben müssen. Ich denke, dass mir die Baronin so weit vertraut.“ Trautmann griff nach seinem Krug und nahm einen Schluck vom Met. „Es war mit ihr abgesprochen, dass ich den Tempel zu Trallop konsultiere, von wo man mich ja dann unter anderem an den Euren Heimattempel verwiesen hat.“ Der Gugelforster stellte den Krug vor sich auf den Tisch und fuhr sich dann durch seinen inzwischen trockenen Haarschopf. Eine Geste, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt fast wie ein Ausdruck der Verlegenheit wirkte.  Irgendetwas bereitete ihm allem Anschein nach Unbehagen.

„Es ist ein Tagesritt“, wechselte er dann jedoch elegant das Thema. „Wobei ‚Ritt‘ vielleicht etwas irreführend ist. Wir werden das letzte Stück zu Fuß bestreiten müssen, mit den Pferden am Strick. Gerade jetzt, wo der Boden nass und tief ist, wird uns das noch zusätzlich etwas Zeit kosten.“

„Ja, ich weiß. Das hattet Ihr bereits erwähnt“, antwortete Assunta auf den letzten Teil von Trautmann Rede. Sie hatte ihm also zugehört, auch verstanden, was er sagte, und schien nach wie vor keine Angst vor dem Fußmarsch zu haben. Es war jedoch ziemlich offensichtlich, dass der Part mit dem Reiseweg sie nicht so sehr interessierte wie das, was davor gesagt worden – oder vielmehr: passiert – war. Die verlegene Geste des Trutzers hatte sie aufmerksam verfolgt und ihn danach nicht mehr aus den Augen gelassen. Offenbar war sie nicht so leicht in die Irre zu führen, und mochte das Ablenkungsmanöver noch so elegant sein.

„Stimmt etwas nicht, Trautmann?“, fragte sie denn schließlich auch, satt sich weiter mit dem bevorstehenden letzten Wegstück zu befassen.

Der Gugelforster spielte mit dem Gedanken, sich mit einem ausweichenden Kommentar gegen die Frage zu wehren, entschied jedoch schon nach einem kurzen Augenblick, stattdessen mit offenen Karten zu spielen. Es wäre sinnlos gewesen, der Lichtbringerin, die nun für einige Zeit auf seiner Burg leben und ihm mit deren Reinigung behilflich sein würde, unaufrichtig zu begegnen.

„Ich habe seit ich auf Lichtwacht eingezogen bin einige Fehler gemacht“, eröffnete Trautmann mit etwas leiserer Stimme als gewohnt. „Ich habe Menschen ... Schutzbefohlene ... zu mir auf die Burg geholt, ohne vorher sichergegangen zu sein, dass von den Gemäuern keine Gefahr mehr ausgeht. Auch habe ich mich zu spät an die Gemeinschaft des Lichts gewandt und als ich es tat, konsultierte ich in Greifhild Fälklin nicht die kompetente Hilfe, die es gebraucht hatte.“

Er hatte dies bereits alles der Anderather Hochgeweihten Heliopais erzählt, doch sollte auch Assunta von seinen Verfehlungen wissen. Verfehlungen, die für ihn ja erst bei dem Gespräch im Tempel als solche erkennbar geworden waren. Davor war der Junker der Meinung gewesen, sich stets richtig verhalten zu haben.

„Ich habe deshalb die Sorge, dass ich meinen Pflichten als Lehnsnehmer nicht nachgekommen bin“, schloss er nach einigen Momenten des Grübelns.

„Eurer Baronin gegenüber, meint Ihr? Nach weltlichen Maßstäben?“, Assunta hielt inne, bis Trautmann ihr mit einem Nicken zu verstehen gegeben hatte, dass er genau das meinte. Dann spiegelte sie sein Nicken und ging kurz in sich. Nach allem, was der Trutzer schon über seine Begleiterin gelernt hatte, vermutete er, dass sie darüber nachdachte, was auf seine Worte am besten zu erwidern sei. Rasche Urteile oder Ratschläge waren das ihre nicht. Für eine Dienerin des Götterfürsten erschien ihm das eher ungewöhnlich. Allerdings kannte er sich mit denen ja auch nicht aus. Also mochte es sein, dass er bisher einem weit verbreiteten Trugschluss aufgesessen war.

„Ihr habt Euch an eine Geweihte des Himmelkönigs gewandt und um Rat gebeten. Es mag spät gewesen sein, aber Ihr habt es getan“, meinte sie schließlich bedächtig. „Es war die einzige Euch bekannte Lichtbringerin in der Heldentrutz und die Wahl somit naheliegend. Dass die Kunde von Lichtwacht und den schwierigen Verhältnissen dort nie bis nach Anderath vorgedrungen ist, war nicht Euer Versagen, sondern das meiner Schwester im Glauben und somit letztlich meiner Kirche. Über die fragwürdige Rolle des Hesindianders, der Euch offenbar ohne genaue Anweisungen hinsichtlich des weiteren Vorgehens zurückgelassen hat, mag ich gar nicht reden. Fakt ist, dass Ihr Euch in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen habt.“

Assunta schenkte Trautmann ein ermutigendes Lächeln, gönnte sich einen Schluck Met und fuhr danach ohne Zögern fort: „Was die Gefährlichkeit der Situation betrifft, der Ihr Eure Bediensteten ausgesetzt habt, so ist diese noch nicht beurteilt. Hochwürden und ich können bislang allenfalls vermuten, dass etwas von dem Fluch, der – soweit es uns bekannt ist –  600 Jahre lang auf dem Gemäuer lag, nachklingt. Es ist eine Möglichkeit und nicht unwahrscheinlich, aber es kann sich auch ganz anders verhalten. Insofern sind Selbstvorwürfe zwar verständlich, aber übertreibt es damit nicht. Wartet ab, bis ich Euch sagen kann, welche Schwere angemessen wäre.“

Trautmann war sich nicht sicher, ob die letzte Bemerkung so etwas wie ein Witz sein sollte. Der Humor von Geweihten war bisweilen etwas gewöhnungsbedürftig, das kannte er von seiner Mutter. Aber Assunta war ihm einfach zu fremd, um das beurteilen zu können. Es war noch damit beschäftigt, die kleinen Fältchen rund um ihre Augen zu studieren und daraus schlau werden zu wollen, als sie ihre Stimme wieder hob:

„Auch aus dem Grund würde ich vorschlagen, dass wir zunächst nach Lichtwacht gehen und danach erst zu Eurer Baronin. Wenn ich einen Blick auf die Sache geworfen und tiefere Erkenntnisse gewonnen habe, können wir Frau Leudane beide ein runderes Bild vermitteln.“ Die Lichtbringerin hielt noch einmal inne und schien ihre eigenen Worte gedanklich zu überprüfen. Schließlich nickte sie abermals und sah Trautmann fragend an: „Was meint Ihr?“

Kurz ließ der Junker noch seine Schultern hängen, dann zeigte sich ein dankbares Lächeln auf seinen Lippen. „Wisst Ihr, ich habe den Wohnturm von Geweihten der Eidmutter segnen lassen. Ich dachte, dass dies die Gefahr für die Bewohner aufhebt. Nur meinte Hochwürden, dass dies wohl eine falsche Annahme war ...“

„Die Angelegenheit ist diffizil“, diesmal dachte Assunta nur kurz nach, ehe sie zu einer Antwort ansetzte. „Selbstverständlich kann der Segen eines Traviageweihten einem Heim und seinen Bewohnern Schutz bieten – vor vielen verschiedenen Gefahren, aber leider nicht vor allen zugleich und insbesondere nicht bis in alle Ewigkeit. Soweit ich es verstanden habe, war bisher niemand da, um die Segnung zu erneuern? Also ist es wahrscheinlich, dass ihr mittlerweile ohne den speziellen Schutz der Eidmutter dasteht. Und wenn es ihn doch noch geben sollte, bezieht er sich vermutlich auf einen einzelnen Raum, allerhöchstens aber auf den gesamten Wohnturm, was bedeuten würde, dass die Bewohner ungeschützt sind, sobald sie diesen verlassen.“

Die Praioranerin überlegte und hob dann die Schultern: „Bis jetzt scheint euch ja nichts widerfahren zu sein, also stellt sich die Lage vielleicht nicht so dramatisch dar, wie wir zunächst befürchtet hatten. Gleich wie: Auch ich kann für einen begrenzte Zeitraum Schutz erbitten – vom Gleißenden. Wenn sich erweisen sollte, dass dieser länger nötig ist, werde ich ihn beizeiten erneuern. Wenn nicht: umso besser. Wir werden es demnächst hoffentlich wissen.“    

Trautmann hob die Schultern und machte dann eine leichte, wegwerfende Handbewegung – ganz so, als wolle er damit das Thema vom Tisch vertreiben. „Ich denke, dass Ihr recht habt. Wir sollten morgen früh aufbrechen, damit wir es bis Sonnenuntergang zu Burg schaffen.“ Trotz der wohlig warmen Temperatur im Schankraum lief ihm bei dem Gedanken ein kalter Schauer über den Rücken. „Ich hoffe nur, dass das Wetter uns morgen gewogen ist", ergänzte er.

Der Gugelforster wusste, dass ein neuerlicher regnerischer Tag ihre Ankunft morgen gefährden würde und es von hier bis nach Lichtwacht nicht viele Möglichkeiten für sichere Übernachtungen gab. Am ehesten noch den Rabenfelsen, doch wusste der Ritter gar nicht, ob dieser zurzeit besetzt war. Auch lag der alte Wehrturm näher an Nordhag denn an Lichtwacht – es müsste sich deshalb schon recht früh abzeichnen, dass sie nicht schnell genug vorankamen. In der Wildnis würde Trautmann nicht wirklich übernachten wollen.

Das abermalige Erscheinen der Schankmaid, gepaart mit den Gedanken an Wanderungen im Regen, ließen in ihm noch einmal den Wunsch nach einem Bad hochkommen. Mit knappen Worten bestellte er einen Holzzuber mit warmem Wasser, nur um dann fragend seinen Blick auf Assunta zu richten. „Ich würde Euch natürlich den Vortritt lassen, wenn Euch der Sinn nach einem Bad steht?“

„Ja“, die Lichtbringerin nickte, als Trautmann Interesse abfragte. „Das Angebot nehme ich gern an. Ich bin ziemlich durchgefroren und denke, das würde helfen, die Kälte aus meinen Gliedern zu vertreiben sowie für die nötige Bettschwere zu sorgen. Für das letzte Stück des Weges sollten wir gut ausgeschlafen sein, nehme ich an?“

Trautmann nickte ihr knapp zu und seine Lippen umspielte ein schmales Lächeln. „Ja, das sollten wir. Und ich muss Euch leider sagen, dass Ihr die nächste Zeit auch nicht so bequem schlafen werdet wie hier. Genießt es.“ Der Blick des Junkers ging zu jener Tür, durch welcher die Schankmaid verschwunden war, die nun das Bad bereiten ließ. „Ich bezahle Essen und Bad und kümmere mich derweil um die Zimmer. Wir sehen uns morgen früh zur Hesindestunde. Ruht wohl.“

Trautmann verabschiedete sich mit einer einfachen Verbeugung für die Nacht, beglich die Zeche am Tresen und ging dann noch etwas ins Freie. Der Regen hatte inzwischen aufgehört und hinterließ angenehme kühle und klare Luft. Der Junker ließ sich noch einmal die vergangenen Tage durch den Kopf gehen – seine Sorge, er sei ein schlechter Lehnsnehmer, die Angst um seine Schutzbefohlenen nahe einem womöglich verfluchten Ort, das Interesse an der Person Assuntas.

Jene Gedanken ablösend sann er auch über das nach, was nun kommen würde. An die alte zugige Burg am Hang eines Ausläufers des Finsterkamms, an den Fluch, die Kapelle, die Koschbasaltkammer, den Kerker ... er hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, den wertvollen Basalt zu versilbern, um so den Wiederaufbau des Guts finanzieren zu können. Ihre Gnaden Greifhild sprach sich jedoch dagegen aus und der Gugelforster überlegte kurz, was wohl Assunta wohl dazu sagen würde. Es wäre ihm nämlich im höchsten Maße unangenehm gewesen, als Bittsteller Klinken putzen zu gehen.

Leudane gewährte ihm nicht viel Hilfe und er hätte es auch als peinlich empfunden, sie danach zu fragen. Ein Lehnsnehmer, der den Lehnsgeber stets um Gold oder anderes Unterstützung bitten musste, gab seiner Meinung nach einfach kein gutes Bild ab. Seine Base Gwidûhenna gab ihm schon zu viel. Ohne sie wäre ein Leben auf Lichtwacht wohl nicht möglich gewesen. Schon recht bald wollte sie ihm nach Absprache mit Leudane gut drei Dutzend Menschen aus Weidenhag senden, die freiwillig den Weg in den Schatten des Finsterkamms antraten, um sich dort etwas aufzubauen. Auch gab sie ihm die selbe Anzahl Milchschafe mit, um eine Versorgung eben jener Menschen sicherzustellen.

So verflog die Zeit, bis die Magd Trautmann in die Waschkammer bat. Dort ließ er sich in das bereits etwas abgekühlte Wasser des Zubers sinken und musste schon einen Kampf mit der Schwere seiner Augenlider fechten. Eine Auseinandersetzung, die er schon recht bald verlieren sollte.

am nächsten Morgen ...

Trautmann war früh aufgestanden und kümmerte sich bereits weit vor dem Aufgang des Praiosauges darum, die Pferde auf ihr letztes Wegstück vorzubereiten. Es war für die Jahreszeit immer noch kühl und der pfeifende Augrimmer tat sein Übriges dazu. Deshalb waren die Wangen des Junkers von Lichtwacht leicht gerötet, als er wieder in die Schankstube trat, in der er Assunta bereits vorzufinden hoffte.

Er wusste, dass die Geweihte ebenfalls immer sehr früh auf den Beinen war, um das erste Licht des Tages mit einem stillen Gebet zu begrüßen. Allerdings dauerte dieses Ritual unterschiedlich lange, sodass er nie sicher sein konnte, wann sie für ihn ansprechbar sein würde. Genauso wenig, wie er jetzt sicher war, ob er sie bereits in der Schenke antreffen würde, oder ob sie vielleicht noch irgendwo draußen herumsprang – wie gemeinhin bei der morgendlichen Andacht. So hatte er Assunta in den vergangenen Tagen beobachtet: auf freiem Feld, wenn es denn möglich war, das Gesicht dem aufgehenden Praiosmal zugewandt und die Augen oft lange Zeit geschlossen.

Der Gugelforster sah sich im Schankraum um, wurde aber nicht fündig. Also suchte er sich ein lauschiges Plätzchen und bereitete sich gedanklich auf eine längere Wartezeit vor. Zu der kam es dann jedoch nicht. Im Gegenteil: Just in diesem Moment bemerkte er, dass Assunta die Treppe, die zu den Schlafräumen führte, hinab stieg. Folglich sah er zuerst ihre Beine und erkannte, dass Fesseln und Unterschenkel mit ledernen Gamaschen umwickelt waren. Die wollten ebenso wenig zu der schmalen Frau passen, wie ihre klobigen Schuhe, ließen aber immerhin erkennen: Sie hatte eine vage Ahnung davon, was sie auf dem Weg nach Lichtwacht erwartete. Als gebürtige Drachensteinerin war sie ein Kind der Berge und hatte das alte Wissen offenbar nicht vergessen.

Einen Reitrock trug die Praioranerin heute nicht, sondern schlichte Hosen. Und darüber statt des fast bodenlangen Ornats ein warmes Hemd und ein schweres, samtenes Wams. Allein die tiefrote Farbe und die goldenen Stickereien des Letzteren wiesen auf ihre Profession hin – und die Kappe, die wie stets auf dem hochgesteckten Haar thronte. Assunta war mit ihrem Gepäck beladen und schien den entsetzten Blick des Wirtes gar nicht zu bemerken. In erster Linie wohl, weil ihr Augenmerk sofort auf Trautmann gefallen war. Sie lächelte und warf ihm ein aufgeräumtes „Praios zum Gruße“ entgegen. „Habt Ihr etwa schon gegessen?“

„Praios zum Gruße“, erwiderte der Junker ihren Gruß, kam der Geweihten dann geistesgegenwärtig entgegen und half ihr mit dem Gepäck. Erst als sie dieses gemeinsam hinaus getragen und auf das Packtier geschnallt hatten, ging Trautmann auf die Frage Assuntas ein. „Gegessen habe ich noch nichts. Das sollten wir beizeiten tun, damit wir aufbrechen können.“ Kurz meinte die Lichtbringerin, so etwas wie Sorge aus seiner Stimme heraushören zu können.



Das Wetter war deutlich besser als am Tag zuvor. Als sie nach einem kurzen Morgenmahl noch im Dämmerlicht aufbrachen, konnten sie zumindest die Regenmäntel vom Vorabend in den Satteltaschen verstauen. Auch kamen sie am Morgen und dem Vormittag gut voran. Assunta hatte schon recht früh erkannt, welch rauhes Land die Heldentrutz war. Überall fanden sich Spuren vom ständig tobenden Kampf zwischen Mensch und Ork.

Bereits kurz nachdem sie aus dem Stadttor geritten waren, kamen sie an den Ruinen des Ritterguts Finsterkamm vorbei – dem zerstörten Stammsitz der Baronsfamilie. Noch niemand hatte die Muße gefunden, dieses Gut wieder aufzubauen. Auch der eine oder andere niedergebrannte Hof lag auf ihrem Weg in Richtung des Finsterkamm. Doch nicht nur der Ork verlangte den Menschen hier alles ab: Just wie in der Sichelwacht führte der teils sehr kärgliche Boden dazu, dass die Gürtel über den Winter enger geschnallt werden mussten.

Auf schmalen Pfaden ritten der Gugelforster und seine Begleiterin in Richtung Dunkelforst, bei dessen Betreten die Gespräche zwischen ihnen erstarben. Nun wirkte Trautmann noch aufmerksamer als sonst. Vor ein paar Tagen erst hatte er der Assunta erzählt, wie gefährlich der Wald war, der große Teile der Hänge des Finsterkamms, der efferdwärtigen Grafschaft und damit auch der Baronie Nordhag bedeckte. Hier konnte der Tod überall lauern, wobei Orks nur eine von vielen Möglichkeiten waren, durch die einen das vorzeitige Ende ereilen konnte.

Kurz überlegte Assunta, ob es nicht vielleicht ein bisschen sehr gewagt war, an dieser Stelle ohne zusätzliche Bedeckung zu reisen. Zu zweit boten sie – aller Kampfkraft ihres ritterlichen Begleiters und womöglich auch allem guten Willen des Götterfürsten zum Trotz – ein leichtes Ziel. Für das Gelichter, das im Tannicht untergeschlüpft sein mochte. Sie nahm die Gefahr zwar wahr und konnte nicht hindern, dass leichte Beklommenheit von ihr Besitz ergriff. Wirklich schrecken konnte die unheimliche Umgebung sie jedoch nicht. Sie vertraute vollkommen darauf, dass ihr ein anderes Schicksal zugedacht war, als in einem dunklen Trutzer Wald von irgendwelchen Orks gemeuchelt zu werden.

Nüchtern betrachtet bereitete ihr die Aussicht, am heutigen Tage noch auf Trautmanns Gesinde zu treffen, deutlich größeres Kopfzerbrechen als der Weg durch den Dunkelforst. Für andere hätte es womöglich wahnwitzig geklungen, aber für sie stellte es sich nun mal so dar: Bei Orks wusste man wenigstens, woran man war. Das Verhältnis zu denen war klar und damit unkompliziert. Man musste nicht darauf achten, sich stets seinem Amt entsprechend zu verhalten, um der Kirche keine Schande zu bereiten oder allgemein einen unmöglichen Eindruck zu hinterlassen. Es gab auch kein tägliches Miteinander, in dem eine ungeahnte Vielzahl potenzieller Fallstricke lauerte.

Menschen waren schwierig. Komplizierte Wesen mit viel zu vielen verborgenen Gedanken und zunächst noch unwägbaren Befindlichkeiten. Schwer einzuschätzen und zu ... kontrollieren, wenn man sie nicht kannte. Der Umgang mit ihnen war in diesem Stadium ein beständiger Eiertanz. Es gab kaum etwas, was Assunta anstrengender fand, als die Bekanntschaft fremder Personen zu machen. Je mehr desto schlimmer. Nicht dass sie sich ihren Mitmenschen nicht verbunden gefühlt hätte. Im Gegenteil: Sie hielt sich gern in Gesellschaft auf. Am liebsten aber als schweigende Randfigur, von der niemand groß Notiz nahm. Was bei Dienern der Gleißenden eher selten vorkam. Vielleicht hätte sie sich besser dem Unausweichlichen zuwenden sollen ...

In dem Moment, als ihr klar wurde, was sie da gerade gedacht hatte, warf Assunta einen schuldbewussten Blick gen Himmel – der ob des dichten Dachs aus Blättern und Nadeln allerdings nicht zu sehen war – und leistete im Geiste dreimal Abbitte. Es würde schon alles werden. Sie sah zum Gugelforster hinüber. Wenn seine Leute so unkompliziert und aufgeschlossen waren wie er, würde sie vielleicht gar keine Probleme haben. Wenn das Gesinde sich nicht hasste, ablehnte ... oder wie so mancher Weidener lieber einen großen Bogen um Praiosdiener machte, würde sie vermutlich einen guten Zugang finden und die Zeit am Ende sogar genießen. Spannend genug waren die Aussichten ja.

Assunta tauchte aus ihren Gedanken auf, als Trautmann seinen Wallach parierte und auf einen Fluss deutete, der vor ihnen durch den Wald gurgelte. Das musste das Kaltwasser sein, das er am Morgen erwähnt hatte. Und offenbar wollte er an just diesem eine Pause einlegen. Ihr war es nur recht. Sie ließ sich ein wenig umständlich aus dem Sattel gleiten und stakselte steifbeinig auf der Stelle, sobald der Ritter ihr den Rücken zugewandt hatte und es nicht mehr sah.

Trautmann führte die Tiere zum Wasser, dann setzte er sich auf einen Findling. Müde lächelnd wandte er sich ihr zu. „Wir kommen gut voran“, meinte er knapp, aber offenkundig zufriedenen. „Über den Fluss und dann ist es nicht mehr weit. Der Aufstieg wird noch eine Herausforderung.“ Er wies zu den trinkenden Tieren. „Deshalb sollten wir ihnen und uns eine Pause gönnen.“

„Sicher“, Assunta nickte. Sie überlegte erst, sich ebenfalls einen Findling zu suchen. Angesichts ihrer schmerzenden Beine entschied sie dann aber, stehenzubleiben. Einen Moment sahen sie den saufenden Vierbeinern schweigend zu und die Praioranerin erfreute sich an der Erkenntnis, dass ihre Stute in den vergangenen Tagen deutlich ruhiger geworden war. Dann nahm sie sich ein Herz und sah zu ihrem einzigen menschlichen Reisegefährten hinüber: „Es hört sich an, als wärt Ihr ganz zuversichtlich, was den Rest des Weges anbelangt. Also gehe ich davon aus, dass wir Lichtwacht heute Abend wirklich erreichen. Vielleicht erzählt Ihr mir vorher noch etwas über die Menschen, die dort leben? Wie viele sind es? Und wo kommen sie her? Hat die Baronin sie Euch zur Seite gestellt? Das Gut war ja bisher verlassen ...“

„In etwa drei Dutzend“, griff der Junker willkürlich eine der Fragen der Lichtbringerin heraus. „Alles brave Menschen, die mir meine Base geschickt hat.“ Trautmann fuhr sich mit der Rechten durch den Schopf und legte sich so seine Haare zurecht. Dass er saß und die Geweihte stand, rief in ihm leichtes Unwohlsein hervor. „Sie und Leudane haben sich darüber verständigt und inwiefern Gwidûhenna für die Menschen und die Tiere, die sie mir zum Geschenk gemacht hat, kompensiert wurde, weiß ich nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie hat es den Leuten freigestellt zu gehen, um sich auf Lichtwacht etwas Neues aufzubauen. Und sie hat verhindert, dass ich auf einer zugigen alten Burg alsbald den Hungertod sterben muss.“

Seine letzten Worte ließen den Junker über sich selbst lachen. „Nun, es lebt sich ganz gut. Die Menschen sind fleißig und geschickt. Sie wohnen in selbst errichteten Holzhäusern in der Vorburg, sind aber nur schwer davon zu überzeugen, die Kapelle oder die Katakomben zu betreten.“ Trautmann lächelte schmal. „Ich bin gespannt, was Ihr dazu sagt. Auch die Signalanlage haben wir inzwischen wieder instandgesetzt, um unseren Platz in der Finsterwacht einnehmen zu können.“

Nach langem Ringen entschied sich der Gugelforster, wieder aufzustehen. Sein Blick ging einen Moment lang prüfend gen Himmel. „Wir sollten es heute noch schaffen“, bemerkte er, begleitet von einem aufmunternden Lächeln. „Auch wenn es knapp werden kann. Wenn das Wetter hält, bin ich zuversichtlich.“

Beinahe wirkte diese Aussage wie eine Aufforderung zum Aufbruch, doch machte der Ritter noch keine Anstalten, zu den Reittieren hinüber zu gehen – und derer hätte es bedurft, damit Assunta begriff, was er vorhatte. Ihre Gedanken waren abgeschweift, als Trautmann von „drei Dutzend“ Menschen sprach. Das war eine Zahl, mit der sie nicht gerechnet hatte. Es klang in ihren Ohren eher nach einem halben Dorf als nach der Besatzung einer Burgruine. Zudem realisierte sie just, dass die Bediensteten bislang mitnichten in dem gesegneten Wohnturm genächtigt und sich ganz sicher auch nicht die meiste Zeit über in eben jenem aufgehalten hatten.

Assunta war noch vollauf damit beschäftigt, die Information zu verarbeiten, als der Gugelforster sich erhob, und sah ihn daher für einen Moment irritiert an. „Ich ... ja ... bin auch gespannt ...“, murmelte sie abwesend, rief sich jedoch gleich darauf zur Ordnung und richtete den Blick wieder auf Trautmanns Gesicht – das ihrem Eindruck nach irgendwie unentschieden wirkte, was sie sich erst gar nicht und dann nur auf eine Art erklären konnte.

„Ich bin nicht stehengeblieben, weil ich Euch zur Eile ermahnen will“, schob sie da rasch hinterher. „Ich wollte mich nur nicht setzen, weil ... ich das den ganzen Tag schon getan habe. Wir können gern noch ein bisschen verweilen, wenn Ihr es für angemessen haltet. Ich wähne mich in guten Händen und sehe dem Rest der Reise daher gelassen entgegen, wie auch immer er verlaufen wird.“

Trautmanns Blick ging kurz hinüber zu den Pferden, dann wieder zurück auf Assunta, wo er einige Momente lang liegen blieb. „Wir sollten nicht länger zuwarten“, bemerkte er dann. „Wenn Ihr möchtet, können wir wieder weiter. Je schneller wir weg kommen, desto schneller erreichen wir unser Ziel.“

Bereitwillig kam die Lichtbringerin seinem Vorschlag nach und half ihm dabei, die Tiere auf den Aufbruch vorzubereiten. Die kleine Gruppe kam weiter gut voran und es sollte nur noch ein knappes Stundenglas dauern, bis sie sich an den Aufstieg zur Burg wagten. Dort ging es die ersten Meilen noch gemächlich bergan. Erst als die Vegetation des Schattenforsts lichter wurde, wurde auch der Steg schmaler und die beiden Reisenden mussten von ihren Reittieren absteigen.

An den Zügeln führten sie Pferde und Maultier das letzte Stück zur Burg – wiewohl „Stück“ in diesem Zusammenhang etwas irreführend war. Der Abschnitt nahm nämlich einige Stundengläser und einiges an Konzentration in Anspruch. Die Burg selbst konnte Assunta erst auf der letzten Meile erkennen, schmiegte sich das Gemäuer doch an den efferdwärtigen Hang eines Ausläufers des Finsterkamms und war durch das Gestein vor ihren Blicken geschützt.

Von der Ferne machte das einst stolze Gemäuer einen mitgenommenen, aber dennoch rüstigen Eindruck. Der Zahn der Zeit hatte an ihm genagt, es jedoch nicht gänzlich gebrochen. Hie und da mussten Löcher der Mauer mit Holzpalisaden gestopft werden, aber sonst waren auf Anhieb keine größeren Schäden zu sehen. Die letzten 50 Schritt hoch zum Tor der Burg säumten Sanddornsträucher, deren zu lange Äste an der Kleidung der beiden Reisenden zogen.

„Unkraut“, bemerkte der vorn gehende Ritter, ohne sich zu Assunta umzuwenden. „Egal wie oft wir es zurückschneiden, es wächst immer und immer wieder nach.“ Allem Anschein nach hatten die Gäste, die vor der Lichtbringerin hierhergekommen waren, deutlich durchscheinen lassen, was sie von den Pflanzen hielten – und er wollte dem Eindruck, sich nicht um eine Eindämmung gekümmert zu haben, vorbeugen.

Die Sichlerin aber lächelte nur und gab ein leises „Gut für Säfte und Kuchen sowie gegen Erkältungen“ zum Besten.

Bald darauf erreichten sie das Tor zur alten Wehranlage, das offen stand. Schon beim Eintreten konnte Assunta fast alle Bewohner der Burg erspähen, denn ihr Herannahen war selbstverständlich nicht unbemerkt geblieben. Ehrfürchtig zogen sich die Männer ihre Kopfbedeckungen vom Haupt und die Frauen machten einen Knicks zum Gruß. In der Vorburg der kleinen Wehanlage befanden sich neben dem wartenden Gesinde auch die provisorisch, doch liebevoll errichteten Barracken und Häuschen aus Holz, sowie die Stallungen, das Waschhaus und die Gesindebehausungen aus Bruchstein an der Außenmauer.

Besonders stolz war der Junker auch auf den wieder instandgesetzten Brunnen, der die Burganlage mit klarem Wasser aus dem Berg versorgte. Nachdem die Vorburg durchschritten war, betraten sie durch ein weiteres Tor, kleines Tor zu ihrer Linken die eigentliche Burg. Hier angekommen wurden sie sofort von einem jungen Stallknecht begrüßt, der ihnen mit den Tieren behilflich war. Die Hauptburg bestand aus dem Wohnturm und einem noch nicht wiedererrichteten Gutshaus. Der runde Wehrturm mit der Signalanlage war das einzige Gebäude, dass bei seiner Übernahme der damaligen Ruine intakt war und befand sich an der Talseite der Vorburg. Der Gugelforster hatte seiner Begleiterin schon auf dem Weg nach Nordhag lang und breit erklärt, wie wichtig diese Aufgabe sei und wie stolz er war, ein Wachtritter zu sein.

Nach drei Seiten ging die Burg in einen kaum zu überwindenden Abhang über. Inmitten der kleinen Hauptburg befand sich ein geschlossenes pavillonartiges Gebäude. Hierunter, so erklärte es der Junker, befand sich der Abgang zur Kapelle und den Katakomben, die einst als Giftschrank gedient hatten.

Assunta war ihrem Gastgeber bis hierher gefolgt, ohne eine Miene zu verziehen – mal abgesehen von einem zurückhaltenden Lächeln in Richtung der neugierigen Bewohner in der Vorburg. Außer ein paar knappen Worten zu eben jenen und der Bemerkung über den Sanddorn hatte sie auch keinen Ton von sich gegeben. Gleichwohl verrieten ihre Augen Interesse – und dass sie sich ein genaues Bild von der Burganlage machte, während sie sie in Trautmann Fußstapfen durchschritt.

Als eben jener ihr den Zweck des Pavillons erläuterte, nickte sie nachdenklich und hielt inne, um das Bauwerk gründlich zu begutachten. Er wusste nicht genau, wonach sie suchte. Verzierungen vielleicht, die verrieten, wer auf dieser Burg einmal geherrscht hatte? Schließlich aber löste die Lichtbringerin sich von dem Gebäude und sah Trautmann fragend an:

„Ich schätze, da gehen wir jetzt noch nicht rein, sondern rüber in den Wohnturm?“

Trautmanns Gesicht klarte sich bei der Frage erstmals seit längerem wieder auf. „Das überlasse ich Euch“, meinte er dann. „Gern zeige ich Euch zuerst den Wohnturm.“ Der Junker führte seinen Gast daraufhin zum Portal des kleineren der beiden Türme. Was Assunta schon beim Eintreten bemerken konnte, war, dass der Abgang im Eingangsbereich allem Anschein nach zugemauert wurde.

„Haben wir geschlossen“, meinte der Gugelforster beiläufig, als er den fragenden Blick der Geweihten bemerkte. Der Turm hatte einen Grundriss von etwa sechs mal sechs Schritt und besaß insgesamt vier Stockwerke – wobei sich das Gemach des Junkers im obersten befand. In den beiden Stockwerken darunter lagen die Räumlichkeiten für die gegenwärtig kaum vorhandene Burgbesatzung, während der erste Stock so etwas wie einen Gemeinschaftsraum darstellte.

„Wir nehmen an, dass die Ritter des Ordens einst diesen Turm bewohnten, während die Knappen und anderen Ordensdiener im Wehrturm nächtigten“, erklärte Trautmann, als sie sich auf dem Rückweg von der obersten Etage in die unterste befanden. Der Aufenthaltsraum war durch einen Kamin geheizt, aber – wie der Rest des Gemäuers – nur schwach beleuchtet. „Die beiden Türme sind inzwischen wieder weitestgehend nutzbar“, führte der Burgherr derweil weiter aus. „Für das Haupthaus gilt das jedoch nicht.“

Als Haupthaus bezeichnete der Gugelforster jenes Gebäude, das zwischen den Türmen lag und diese miteinander verband. Hierin befanden sich einst das Refektorium, der Kapitelsaal und auch die Bibliothek – jedoch nicht zu verwechseln mit dem Giftschrank in den Katakomben. Eben dieses Gebäude stand gegenwärtig noch ohne Dach und Türen wie ein Skelett zwischen den beiden trutzigen Türmen.

„Wie wir besprochen haben, werde ich Eure Sachen in mein Gemach bringen lassen. Dort könnt Ihr Euch gerne ausbreiten und seid ungestört. Ich nächtige im Stock darunter. Platz ist ja genug.“ Der Junker machte in diesem Moment einen Gesichtsausdruck, der Assunta signalisierte, dass er in dieser Sache keinen Widerspruch duldete.

Sie nahm es zur Kenntnis, ließ sich davon jedoch nicht im Geringsten beeindrucken. Zunächst schien sich die Praioranerin noch in Sicherheit zu wähnen, denn ihre Haltung wirkte ungewohnt entspannt, die Miene aufgeräumt. Als Trautmann jedoch auf die Pläne bezüglich seines Gemachs zu sprechen kam, schwand das Lächeln schlagartig von ihren Lippen und sie schüttelte den Kopf – bedächtig, deshalb aber nicht minder bestimmt. Assunta warf einen sichernden Blick in die Runde und hob ihre Stimme erst, als sie davon überzeugt war, dass sich außer ihnen niemand im Raum aufhielt.

„Das war so keineswegs besprochen“, meinte sie dann. „Ich habe Euch in Anderath schon gesagt, dass es für mich nicht in Ordnung geht, wenn der Herr der Burg seine Gemächer für eine einfache Geweihte räumt. Ihr seid kein Bauer, sondern ein Adeliger. Dies ist Eure Burg und das da oben ist Euer privater Rückzugsort. Keine zehn Pferde werden mich dazu bewegen, dort einzuziehen, während Ihr in die Räume der Bediensteten ausweicht. Zumal das unnötig ist, weil es in den Etagen darunter – wie Ihr schon sagt – ausreichend freie Räume gibt. Und sie alle genügen meinen Ansprüchen.“

Assunta neigte den Kopf leicht zur Seite und lächelte höflich, schaffte es zugleich aber mit spielerischer Leichtigkeit, ebenso vernagelt wie ihr Gastgeber zu wirken. „Ich sehe das Problem auch gar nicht, Trautmann. Ich werde eine Etage weiter unten mehr als genug Platz haben, auf dem ich mich ausbreiten kann. Wenn mir der Sinn danach steht, kann ich mir sogar eine Schlafkammer und eine fürs Studium meiner Schriften einrichten – und dann noch einen Andachtsraum gestalten. Das wäre mir in Eurem Gemach doch gar nicht möglich.“

Trautmann zog die Augenbrauen zusammen und ließ seinen Blick skeptisch auf der Geweihten ruhen. Kurz nur, dann folgte ein leichtes Nicken. „Wie Ihr wisst, komme ich aus einem sehr traviagefälligen Haus. Nicht nur, weil meine Mutter eine ihrer Hochgeweihten ist, sondern auch durch unsere Geschichte. Die Gütige gilt seit jeher als Schutzpatronin unserer Familie. Gastfreundschaft steht deshalb an erster Stelle.“

Innerlich bewunderte er die Hartnäckigkeit Assuntas, was seine Mundwinkel bei den kommenden Worten nach oben wandern ließ: „Nie würde ich Euch als einfache Geweihte sehen: Ihr seid mein Gast.“ Der Junker hob seine Schultern und seufzte leicht. „Aber ich sehe schon, Ihr werdet Euch nicht umstimmen lassen. Das dritte Geschoss soll Euch gehören. Ich werde veranlassen, dass Eure Sachen hinaufgebracht werden. Richtet Euch ein und nehmt Euch Zeit. Das Abendmahl gibt es dann unten. Den Tempel und Rest der Burg können wir morgen begutachten. Heute ist es dafür wohl schon zu spät.“

„Trefflich“, das Wort hätte schnippisch wirken können, wäre es nicht mit überraschend sanfter Stimme ausgesprochen worden und Assuntas Erleichterung offensichtlich gewesen. Es schien ganz so, als wäre es ihr nicht leicht gefallen, ihrem Gastgeber zu widersprechen. Umso befreiter wirkte das Lächeln, mit dem sie ihn bedachte, als sie noch ein „Seid vielmals bedankt“ hinterher schob. „Dann gehe ich mich mal einrichten.“ Auf die Ankündigung ließ die Praioranerin umgehend Taten folgen. Ein bisschen so, als wolle sie sich nicht noch mehr Widerstand gegen den guten Willen des Gugelforsters zuschulden kommen lassen. Sie nickte ihm zu, drehte ab und begab sich anstandslos zu der Wendeltreppe hinüber, die sie gerade erst hinab gestiegen waren – nachdem sie sie schon einmal erklommen hatten.

***

Assunta brauchte nicht lange, um sich einzurichten. Das lag zum einen daran, dass sie in den vergangenen Götterläufen viel gereist war und dabei eine gewisse Routine beim Packen und Auspacken entwickelt hatte. Zum anderen aber auch daran, dass sie nicht den Ehrgeiz besaß, es sich sofort wohnlich zu machen. Sie inspizierte die Pritsche, einen wackeligen Stuhl unter dem Fenster, die schmale Kommode neben der Tür – mehr gab es in der  Kammer eigentlich nicht zu sehen. Sie war so klein, dass das von Heliopais für unerlässlich erachtete Gepäck nicht zur Gänze hinein passte. So kam es, dass die Kisten, Koffer und Truhen tatsächlich auf zwei Räume verteilt wurden, und zwar genau so, wie Assunta es veranlasste.

Hernach entließ sie die Bediensteten mit einem freundlichen Lächeln. Sie brauchte nichts weiter. Es war davon auszugehen, dass eine der Mägde das Bett zurechtmachen würde, während sie aß und beim Umkleiden war nun wahrlich keine Hilfe vonnöten. Auch darin hatte sie mittlerweile große Routine entwickelt, sodass sie sich frisch gewaschen und mit ihrem Ornat angetan an das schmale Fensterchen ihres Kämmerleins stellen und hinaus auf die Berge blicken konnte, um die Zeit bis zum Essen zu überbrücken.

Ein bisschen fühlte es sich an, als sei sie heim gekommen. Sie war ein Kind der Berge. So schön Anderath und die umgebende Landschaft mit glitzernden Wasserläufen und fetten Weiden auch sein mochte: Schroffe Felsen und dunkle Wälder lagen ihr mehr am Herzen. So mancher mochte auf sie blicken und nichts als die Entbehrungen sehen, die das Leben in ihnen bedeutete. Aber bei ihr war das nie so gewesen. Abgesehen davon, dass Entbehrungen nichts ausmachten, fühlte sie sich im kargen Berg- und Waldland irgendwie geborgen. Sie hatte das selbst in Rotenforst getan. Zu den schlimmsten Zeiten. Wenn um sie herum das reinste Chaos herrschte, brauchte sie den Blick nur auf ewige Felsen und wankende Baumkronen zu richten, damit ihr die Ordnung und Beständigkeit in allen Dingen wieder gewahr wurde.

Stundenlang konnte sie sich damit verweilen – und hätte es auch heute wieder getan, wäre da nicht irgendwann ein Klopfen an ihrer Tür gewesen. Eine Magd bat sie zum Essen. Gespannt darauf, was wohl aufgetischt werden würde und was ihr Gastgeber heute noch über sein Heim erzählen würde, folgte Assunta der Frau hinab in die gute Stube.



Burg Lichtwacht
am frühen Morgen des nächsten Tages

Die Nacht war stürmisch gewesen und das beständige Pfeifen des Augrimmers sorgte dafür, dass sich kein wirkliches Erholungsgefühl einstellen sollte. Darüber hinaus war es im Turm kalt gewesen – es zog wie in einem Vogelhaus und auch wenn die Gaststätten und Wegschenken oft nur ein einfaches Strohlager angeboten hatten, wünschte sich Trautmann für einen Moment in eben jene zurück. Sein Blick fiel auf den erkalteten Kamin und er seufzte, denn seine Gedanken waren in diesem Moment ein Stockwerk tiefer. Wie hatte die Geweihte wohl ihre erste Nacht auf seiner Burg verbracht? Ihre Kammer war im Gegensatz zu seinem Zimmer nicht geheizt und die Scharten ebenso nicht verschlossen.

Am Vorabend hatten sie sich nach dem Abendessen lange unterhalten und der Junker hatte ihr noch einmal alles erzählt, was er über diesen Ort herausfinden konnte. Es war nicht viel und seine mangelnden Kenntnisse der alten Sprachen taten ihr Übriges dazu, dass er kaum etwas zu berichten hatte. Die Lichtbringerin wirkte im Angesicht dessen tatsächlich etwas enttäuscht.

Die Glieder des Burgherrn waren noch reichlich schwer, als er die Treppe hinunter in das Erdgeschoss stieg, wo bereits das Morgenmahl für ihn und Assunta vorbereitet wurde. Trautmann jedoch grüßte bloß freundlich und bewegte sich weiter zielstrebig in Richtung Burghof. Dort wurde er mit dichtem Nebel konfrontiert, der es ihm – gepaart mit den diesigen Lichtverhältnissen – nicht einmal möglich machte, die Felswand am anderen Ende des Hofs zu erkennen, obwohl diese bloß 30 Schritt entfernt war. In diesen Höhen war das kein seltenes Phänomen und nicht zum ersten Mal fragte sich der Gugelforster, was seine Wacht wert wäre, wenn sich gerade in so einem Moment eine Horde Orks an ihnen vorbei schlich.

Der Grund für seinen morgendlichen Spaziergang war eine Abmachung mit Assunta. Am Vorabend hatten sie besprochen, dass er ihr „gleich nach dem Morgengebet“ die Kapelle und die Katakomben der Burg zeigen sollte. Entsprechend war der Ritter angetreten – wenn auch bloß in Leinenhemd, Lederweste, Lederhose und leichte Stiefel gewandet und nicht in der Aufmachung eines Kriegers. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass der Burgherr die Gefahr an diesem Ort bereits als entschärft, oder gar gebannt betrachtete? Er kniff seine Lider zusammen und versuchte auszumachen, ob seine Begleiterin es ebenfalls bereits geschafft hatte.

Es war keine Überraschung, dass es sich genau so verhielt. Irgendwo hinter all dem Nebel  und der diesigen Luft war das Praisomal schließlich bereits aufgegangen. Das bedeutete, dass sich Assunta einen Ort gesucht hatte, den sie für angemessen hielt, um es zu begrüßen. Welcher genau das war, konnte Trautmann nicht sagen, denn die Praioranerin tauchte irgendwann recht unvermittelt schräg vor ihm auf. Zu seiner Verwunderung wirkte sie recht ausgeschlafen und entspannt.

So wie Trautmann nicht gerüstet war, hatte Assunta sich in keinen allzu auffälligen Ornat gekleidet. Auf den ersten Blick fiel ihm vor allem ein gestrickter Schal auf. Er war grobmaschig, dick, und tiefrot. Sie hatte ihn um ihre Schultern gewunden und er reichte bis zur Hüfte hinab. Darunter sah der Gugelforster eine weiße Tunika hervorblitzen – die obligatorische Filzkappe fehlte allerdings. Offenbar hielt Assunta die nicht für nötig, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit wandelte.

„Praios zum Gruße, Trautmann“, meinte die Geweihte, als sie ein paar Schritt von ihm entfernt stehenblieb und ihn mit einem aufmerksamen Blick musterte. „Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Nacht und seid für eine weitere Führung gewappnet?“

Trautmann nickte ihr knapp zu. „Angenehm, aber ungewohnt – nach all der Zeit in besseren Betten“, er lächelte. „Und Ihr? War Euch nicht zu kalt? Hat man Euch warme Steine in die Schlafstatt gelegt?“

Bevor die Geweihte Antworten konnte, tauchten zwei Knechte auf. Beide hielten brennende Fackeln in ihren Händen. Der Junker schien sie erwartet zu haben, wandte sich kurz von Assunta ab und nickte ihnen zu. „Na, dann können wir ja los.“ Nach einem aufmunternden Lächeln des Gugelforsters öffneten die beiden den Zugang zum Pavillon und die kleine Gruppe bewegte sich die Stiegen hinunter.

Eben jenes Pavillon-artige Gebäude stellte sich in weiterer Folge als oberer Teil einer Kapelle heraus, die zu mehr als der Hälfte in den Berg getrieben worden war. Damit der Raum bis in den untersten Winkel mit dem Licht der Praiosscheibe erhellt werden konnte, war ein interessanter Mechanismus aus inzwischen blinden Spiegeln konstruiert worden.

Die Treppe vom Einstieg bis hinunter auf den heiligen Boden verlief im Halbkreis an der Außenwand der Kapelle entlang. „Die Sankt-Gilborns-Kapelle“, führte der Junker auf ihrem Weg hinunter nicht ganz ohne Stolz aus und die Geweihte konnte deutlich sehen, dass bereits einige Arbeit investiert worden war, um die Räumlichkeiten wieder instandzusetzen.
 
Assunta stand auf der Treppe und war noch lange nicht damit fertig, sich ein Bild von der Bauweise der Kapelle zu machen, als sie zum ersten Mal Beklommenheit in sich aufsteigen fühlte. Es war hier definitiv anders als in anderen Tempeln ihres Herrn, doch konnte sie noch nicht genau sagen, woran das lag, oder ob von diesem Ort gar eine Gefahr ausging. Statt sich an dem Gedanken festzubeißen, nahm sie die Verfolgung der kleinen Gruppe auf, die sich eben anschickte, den Rundgang fortzusetzen.

Unter Lichtwacht befand sich neben einigen Kerkerzellen, weiteren Unterkünften und den Koschbasaltkammern auch ein Kapitelsaal, der, wie genau wie die Kapelle, mittels Spiegeln durch Tageslicht beleuchtet war.

Alles in allem erschien der Lichtbringerin dieser Ort wie ein Festung innerhalb der Burg. Auf die Frage, wer diese Anlage erbaut hatte, meinte Trautmann nur, dass man bei Aufräumarbeiten die eine oder andere zwergisch anmutende Rune gefunden hatte und dass die Kapelle hier ob ihrer Lage im Finsterkamm wohl einst auch eine Funktion als Wehrgebäude und vielleicht gar als Fluchtburg hatte.

Immer wieder streute Trautmann während ihrer Besichtigung Geschichten über den Befreiungskampf ein, die die in diesen Räumen geführt hatten. Er berichtete, wie ein untoter Feldherr auf einer Art Thron inmitten seiner untoten Schergen im Kapitelsaal auf sie gewartet hatte, dass er sie bedrohte und dass sie im Dunkeln ein Rückzugsgefecht hatten fechten müssen, nur um das unheilige Treiben schlussendlich mit Praios‘ Macht und durch das Licht der Spiegel zu vernichten.

Der Junker gab seinen Bericht mit leuchtenden Augen und einer merkwürdigen Begeisterung ab – und ließe dabei irgendwie ein Bewusstsein dafür vermissen, wie ernst die Situation damals wirklich gewesen war, vielleicht ja sogar auch noch immer. Und zwar nicht nur für seinen Leib und sein Leben, sondern auch für sein Seelenheil.

Wieder zurück in der Kapelle wurde der Rundgang vorerst beendet. Trautmanns Blick lag fragend auf der Lichtbringerin. „Und wie ist Euer Eindruck?“ Der Junker hatte schon einmal gehört, dass einige Geweihte unheilige Präsenzen fühlen konnte, weswegen er Assuntas Meinung mit Spannung erwartete.

Wie so oft ließ die sich jedoch Zeit mit ihrer Antwort. Sie sah ihn erst prüfend an, ließ den Blick dann nachdenklich durch die merkwürdige Kapelle gleiten und richtete ihn schließlich nach oben, zu der gebogenen Kuppel hin.

„Ich kann spüren, dass hier etwas ist“, meinte sie nach einer ausgiebigen Bedenkpause. „Das heißt, dass dieser ... Fluch entweder sehr mächtig war, oder dass Reste davon im Gemäuer verblieben sind.“ Sie überlegte kurz und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Das ist nicht weiter verwunderlich, denn nach allem, was wir wissen, haben sich der Feldherr und seine Schergen 600 Götterläufe lang hier aufgehalten. Vermutlich hat also auch 600 Götterläufe lang irgendeine Art von Magie gewirkt – oder etwas anderes. Derlei versiegt selten auf einen Schlag, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Mir gibt zu denken, dass dieser Untote mit Euch gesprochen hat. Das legt den Schluss nahe …“

An dieser Stelle hielt sie inne, löste den Blick vom Dach der Kapelle und richtete ihn erst auf die beiden Knechte, anschließend auf den Herrn des Hauses.

„Gleich wie: Das sind jetzt nur Gefühle, Vermutungen. Um sicherzugehen, müsste ich meinen Herrn um Beistand bitten. Die Frage ist, ob ich das jetzt gleich tun soll, oder später am Tag? Und auch, ob ich wirklich hier anfangen sollte oder nicht eher im Kapitelsaal, wo der Feldherr und die Seinen offenbar ausgeharrt haben.“ Sie krauste die Nase und räusperte sich leise. „Das Zweitere werde ich wohl allein entscheiden, zu Ersterem müsstet Ihr mir etwas sagen. Wie eilig ist es?“

Trautmann überging ihre letzten beiden Fragen und hakte stattdessen bei der Aussage über den untoten Anführer nach, der ihm in den Katakomben begegnet war. „Welchen Schluss lässt dies zu?“, fragte er und seine Stimme war geprägt von leichter Sorge. „Meint Ihr, dass wir hier nicht sicher sind? Dass dieser Feldherr immer noch ... hier ... ist?“

Der Gugelforster fasste sich jedoch schnell und blickte sich dann in der Kapelle um. „Ich denke, es wäre gut, wenn Ihr so bald wie möglich damit beginnt. Wir vertrauen Euch. Solltet Ihr irgendetwas benötigen, gebt mir Bescheid.“

Assunta hatte nahezu unmittelbar angehoben, um Trautmanns Fragen zu beantworten, war aber dennoch nicht schnell genug, um ihren Wortbeitrag zwischen seine Beiden zu schieben. Nachdem der Gugelforster geendet hatte, herrschte einen Moment Stille, dann sah die Praiosgeweihte noch einmal zu den beiden Knechten hinüber und runzelte die Stirn.

„Lasst und das unter vier Augen besprechen, ja?“, meinte sie.  „Ich schlage vor, dass wir unser Frühstück drüben im Wohnturm einnehmen. Ich schildere Euch, was es aus meiner Sicht zu schildern gibt, und danach kehren wir beide – nur wir – hierher zurück, damit ich mir den Ort noch einmal genauer anschauen kann. Ich werde tatsächlich Hilfe brauchen. Aber nicht viel. Eine Person reicht als Unterstützung.“

Trautmann konnte die fragenden Blicke seiner Knechte förmlich spüren, deshalb wandte er sich kurz zu den beiden jungen Männern um und nickte ihnen, Assuntas Worte bestätigend, zu. „In Ordnung“, bestätigte der Junker dann der Geweihten und gemeinsam verließen sie die Kapelle über die Stiegen hinauf, dem nun durch den Nebel brechenden Licht des Praiosmals entgegen.


***


Wenig später saßen sie in dem großen Gemeinschaftsraum, der Trautmann selten so leer und leise vorgekommen war wie jetzt. Jeder hatte eine Schüssel Haferbrei vor sich auf dem Tisch stehen, sie hatten einander „Wohlschmecken!“ gewünscht und er die ersten Bissen bereits verzehrt, während Assunta noch nachdenklich ins Leere starrte. Als würde sie überlegen, wo oder wie sie am besten anfangen sollte.

„Einiges von dem, was ich Euch jetzt erzählen werde, ist nicht wirklich für die Ohren Uneingeweihter bestimmt, aber ich denke, dass ich es Euch nicht vorenthalten kann, wenn Ihr begreift sollt, warum Ihre Hochwürden und ich uns nahezu von Beginn Eurer Schilderungen an Sorgen über die Situation hier auf der Burg gemacht haben.“ Sie hielt kurz inne, richtete den Blick dann auf ihren Brei und rührte ein paarmal lustlos darin herum. „Ich verstehe nicht, warum dieser Hesindianer und Ihre Gnaden Greifhild ...“

Statt den Satz zu beenden seufzte die Lichtbringerin leise, atmete anschließend einmal tief ein uns straffte ihre Haltung. Nachdem das vollbracht war, hob sie auch den Kopf wieder und suchte den Blick ihres Gastgebers.

„Was wisst Ihr über untote Kreaturen, Trautmann?“, fragte sie ganz unvermittelt. „Seid Ihr vor denen hier auf Lichtwacht schon mal welchen begegnet? Habt Ihr Geschichten über sie gehört? Wisst ihr, wie Unleben entsteht?!“

Als die Fragen ausgesprochen waren, zeigte sich ein interessantes Mienenspiel auf den Zügen des Junkers. Er schwieg vorerst, doch verrieten sein zuckender Mundwinkel, gefolgt vom Kauen auf seiner Unterlippe, und die beständig wandernden Augenbrauen, dass der Gedanke an Dinge wie Unleben und Untote in ihm gehöriges Unwohlsein hervorrief. Trautmann war den Kampf gegen die Orks gewöhnt, vielleicht auch einmal den Kampf gegen Goblins, Banditen oder die kreischenden Harpyienweiber. Aber Untote? Nein, damit wollte er auch gar nichts zu tun haben.

„Nein“, meinte er deshalb knapp. „Vor meiner Begegnung hier in Lichtwacht habe ich noch nie mit diesem ... äh ... Problem ... zu tun gehabt.“ Kurz überlegte der Gugelforster. „Geschichten habe ich schon ein paar gehört. Dass man ihnen am besten mit stumpfen Waffen begegnet und dass sie das Licht des Herrn Praios nicht mögen zum Beispiel. Deshalb nahmen wir ja damals auch diese Spiegel zur Hilfe.“

Trautmann hob die Schultern, legte seinen Löffel beiseite und musterte sein Gegenüber mit starrem Blick. Innerlich hatte er sich schon einen Reim darauf gemacht, warum die Lichtbringerin allein mit ihm reden wollte und ihr Gesicht, dem sonst nicht viel Regung entnommen werden konnte, sorgenvolle Züge trug. „Meint Ihr, es ist sehr schlimm?“

Assunta wiegte nachdenklich den Kopf. „Was ich Euch jetzt sage, tragt Ihr nicht weiter, sind wir uns da einig?“, fragte sie dann und wartete, bis der Gugelforster mit einem Nicken seine Zustimmung signalisiert hatte. Erst danach legte sie ihren Löffel weg und hielt ein letztes Mal kurz inne, um sich zu sammeln.

„Untote werden von Zauberern erhoben. Sie sind gemeinhin nicht zu einem geordneten Denken fähig und sehr kurz ... nun ja ... lebig. Spätestens der nächste Sonnenaufgang setzt ihrem Dasein ein Ende“, fing sie schließlich an. „Fähigere Magier können auch Wesen erschaffen, die solange wandeln, bis sie zur Strecke gebracht werden. Die sind jedoch ebenfalls bloße Werkzeuge ihrer Herren. Stumpfsinnig, ohne einen eigenen Willen. Das hat damit zu tun, dass sie kein Bewusstsein ... keine Seele besitzen. Denn die ist ja bereits in die göttlichen Paradiese eingegangen und kann den Alveraniern durch menschliches Wirken nicht einfach wieder entrissen werden.“

Assunta machte eine kurze Pause und fuhr sich dabei mit fast verlegen wirkender Geste über die Stirn. „Eine Kreatur, die 600 Jahre an einem Ort ausharrt, über andere Untote befiehlt und noch dazu sprechen kann, fällt in keine dieser Kategorien. Dabei muss es sich um etwas anderes handeln. Tatsächlich gibt es weitere Gründe, aus denen sich tote Körper wieder erheben: zum Beispiel, wenn ein Dämonen in sie einfährt.“

Offenbar bemerkte sie sofort, dass sich Trautmanns Augen bei dieser Nachricht vor Schreck weiteten, denn sie hob rasch die rechte Hand.

„Ich glaube nicht, dass das hier der Fall war“, meinte sie leise. „Allerdings, so viel Ehrlichkeit muss sein, macht es das nicht unbedingt besser. Es würde bedeuten, dass die Seele des Hauptmanns entweder in seinem toten Körper verblieben ist, oder eine andere Seele an ihn gebunden wurde. Nur so kann ein denkender, sprechender Untoter mit eigenem Willen und eigenen Zielen entstehen. Gründe dafür könnten sein, dass ...“

Assunta hielt erneut inne, diesmal um ihren Gastgeber mit einem langen, nachdenklichen Blick zu messen. Es wirkte ein bisschen so, als würde sie sich fragen, ob sie weiter sprechen, oder ihm den Rest besser ersparen sollte. „Ich will der Sache auf den Grund gehen. Es kann sein, dass ich damit an Dinge rühre, die im Augenblick schlummern. Daher ist es besser, ich ziehe andere ins Vertrauen. Für den Fall, dass mir etwas Unvorhergesehenes wiederfährt, muss jemand in meinem Sinne handeln können – und da bleibt nur Ihr“, erklärte sie mit einem entschuldigenden Lächeln.

„Anderenfalls müsste ich den Inquisitor doch gleich hinzu rufen. Das ist in diesem Stadium eigentlich verfrüht. Aber wenn Euch damit wohler wäre, tu ich es natürlich.“

Trautmanns Blick lag für einige Momente auf der Geweihten, nur um anschließend an ihr vorbei oder durch sie hindurch zu gehen. Begleitet wurde dieses Gebaren von einem leichten Kopfnicken, das sie nicht wirklich zuordnen konnte. War es ein Zeichen der Zustimmung? Und wenn ja, zu welcher Frage? Der Ritter nahm sich seine Zeit, bis er dann doch noch klare Worte fand.

„Ich werde Euch unterstützen, wo ich nur kann“, kam es mit gedämpfter, aber fester Stimme. „Doch möchte ich nicht, dass Ihr Euch unnötig in Gefahr begebt. Ich habe Hochwürden Heliopais versprochen, dass Euch nichts geschehen wird und würde es mir nicht nur deswegen niemals verzeihen.“ Der Junker wog seinen Kopf und ließ Assunta dabei nicht aus seinen Augen. „Ihr könnt auf mich zählen, doch wenn Ihr auch nur die geringsten Zweifel daran habt, dass Ihr das Ganze ohne Schaden an Leib und Leben überstehen werdet, wäre es vielleicht besser, wir würden Ehrwürden Patras hinzu ziehen.“

„Ich vertraue Euch und ich zähle auf Euch“, Assunta erwiderte den Blick des Gugelforsters mit einem Lächeln, das für ihre Verhältnisse ziemlich verbindlich wirkte, und nickte dann ebenfalls. „Ich verspreche Euch überdies, dass ich nichts tun werde – nicht wissentlich jedenfalls –, was die Einhaltung Eures Versprechens an Hochwürden gefährden könnte. Fürs Erste möchte ich nur herausfinden, womit wir es zu tun haben, und ich glaube nicht, dass ich dadurch einen Schaden an Leib oder Leben auf mich herab beschwören kann. Eher schon fürchte ich den Zustand der Entrückung, in dem ...“

Sie hielt inne und runzelte die Stirn. „Ihr seid der Sohn einer Hochgeweihten der Eidmutter, Ihr wisst was ich meine, nicht wahr?“, hakte die Lichtbringerin nach. Als Trautmann nickte, wurde ihr Lächeln eine Spur breiter: „Mit ‚Ihr müsst in meinem Sinne handeln, wenn ich das selbst nicht mehr kann‘ meine ich unter anderem, dass Ihr auf mich einwirken solltet, wenn Ihr das Gefühl bekommt, dass die Nähe zum Gleißenden mein Selbstvertrauen zu sehr stärkt und ich anfange, Dinge zu tun, die eventuell doch gefährlich sein könnten. Sollte ich mich  anschicken, etwas anderes zu tun als nach Spuren von Magie in den Katakomben oder nach Unterlagen des Heerführers im Scriptorium zu suchen, ist Vorsicht angezeigt.“

Trautmann nickte pflichtbewusst und glaubte, ein amüsiertes Funkeln in den Augen der gebürtigen Sichlerin zu erkennen, war sich seiner Sache aber nicht ganz sicher. Bevor er zu einem Schluss kommen konnte, fuhr sie schon in geschäftsmäßigem Ton fort:

„Soll ich Euch sagen, welcher Ursprung für Euren Untoten meiner Meinung nach übrig bleibt? Oder wollt Ihr es lieber gar nicht wissen?“
 
Trautmann rang ein paar Herzschläge mit sich. Wollte er es wirklich wissen? Schlussendlich obsiegte die Neugier – eine Eigenschaft, von der er geglaubt hatte, sie aus seinem Wesen verbannt zu haben. Wie schlimm konnten die Worte der Geweihten denn schon werden? Der Junker nickte Assunta zu und versuchte einen mutigen oder wenigstens nahe an der Gleichgültigkeit liegenden Gesichtsausdruck zu wahren. „Untote ... Dämonen ... Geister sind nicht mein Steckenpferd“, hob er dann bescheiden lächelnd an. „Aber ich bin bereit, zu lernen. Ich denke, dass ich mich als Herr dieser Burg auch mit diesen Dingen befassen sollte. Zu lange schon habe ich mich den hier herrschenden Umständen verschlossen.“

Der Gugelforster seufzte leicht. „Was meint Ihr, welchen Ursprung dieser untote Feldherr hier hatte?“

Assunta bedachte ihn mit einem prüfenden Blick, ehe sie wieder anhob. „Ich fasse mich kurz, oder versuche es zumindest“, meinte sie. „Wenn alle bisher angesprochenen Varianten ausscheiden, bleiben vor allem noch zwei: Der Feldherr könnte seine Seele zu Lebzeiten an Wesenheiten verkauft haben, die dafür sorgten, dass sie dem Zugriff der Götter in seinem Tode entzogen war. Dann müssten wir uns fragen, welches Ziel er in den vergangenen 600 Jahren verfolgt hat. Oder der Ort an sich ist von finsterer Magie durchdrungen und hat dafür gesorgt, dass seine Seele an derische Gefilde gebunden blieb, obwohl sie nach seinem Tod gen Alveran hätte aufsteigen müssen. In dem Fall ... gälte es herauszufinden, welchem ... Zweck das gedient hat?!“

Die Lichtbringerin krauste die Nase und hob die Schultern. „Das sind die Dinge, die mir noch einfallen. Sollte es etwas ganz anderes sein, würde das meinen Horizont aller Voraussicht nach weit übersteigen.“ Sie schniefte leise und warf einen nachdenklich Blick auf ihre Grütze. „Sollen wir gleich anfangen“, erkundigte sie sich nach einem kurzen Zögern. „Oder habt Ihr noch  Appetit?“

Der Junker hatte der Praiosgeweihten aufmerksam zugehört, während sich seine Augen beständig weiteten. Als Antwort folgten vorerst bloß ein knappes Nicken und ein vielsagender Blick, der zwischen dem angerichteten Morgenmahl und dem Gesicht der Lichtbringerin hin und her ging.

Im Kopf des Adeligen ratterte es unterdessen. Er war ein einfacher Mann aus frommer Familie. Sein Leben war ausgerichtet auf sein unerschütterliches Vertrauen in die Gnade und Unfehlbarkeit der Götter. Nie konnte er nachvollziehen, warum es Menschen gab, die dem Bösen anheimfielen oder vielmehr: das Böse selbst mit offenen Armen aufnahmen. Trautmanns Mutter hatte ihm unzählige Male vom Wert der unsterblichen Seele gepredigt – wie wichtig es war, ein guter Mensch zu sein und sich keine Schuld aufzuladen.

Der Gugelforster schluckte. „Ich denke wir können gleich damit beginnen. Ich werde mich jedoch noch umkleiden.“ Unsicher lächelnd blickte der Junker an sich herab. Nach diesem Gespräch fühlte er sich ohne Metall am Körper nicht mehr gewappnet. „Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr hier auf mich warten, oder Ihr geht schon einmal vor und ich komme nach.“

Nachdem er angekündigt hatte, dass er sich erst noch umziehen wollte, warf Assunta dem Gugelforster einen überraschten Blick zu, kommentierte das aber nicht, sondern schüttelte nur den Kopf. „Ich werde noch ein paar Dinge aus meinem Zimmer holen und dann warte ich hier unten auf Euch, würde ich sagen. Ich nehme an, es dauert nicht allzu lange?“


***


Es dauerte dann aber doch etwas länger, bis der Ritter wieder in den Gemeinschaftsraum hinab gestiegen kam – und Assunta endlich verstand, warum er sich fürs Umziehen seinen Knappen heran zitiert hatte. Als Trautmann zurück in den kleinen Saal kam, in dem sie das Frühstück eingenommen hatten, klärten sich alle Fragen auf einen Schlag auf: Der Junker hatte sich tatsächlich gerüstet.

Wie oft war er wohl schon im Leinenhemd und Hose hinunter in die Kapelle gegangen? Und jetzt das! Es schien, als hätte das vorangegangene Gespräch eine starke Wirkung hinterlassen. Nun stand Trautmann in Kettenrüstung und mit Langschwert gegürtet vor der Geweihten. „Ich bin bereit...“, verlautbarte er selbstbewusst.

Assunta nahm es mit einem Lächeln zur Kenntnis und ließ sich hernach noch einen Moment Zeit, um ihn in seiner neuen Aufmachung genau zu mustern. Dem Funkeln in ihrer Augen nach zu urteilen, war die Situation für sie nicht ganz frei von … Komik. Sie verzog aber keine Miene, sondern nickte nur anerkennend.

„Sehr stattlich“, meinte sie und erhob sich vom Tisch, an dem sie gewartet hatte. Sie griff nach einer Tasche, deren langen Tragegurt sie sich mit einer beiläufigen Geste über die Schulter streifte und deutete dann auf eine Sturmlaterne, die – bereits entzündet – neben dem Ofen stand. Das Stück war kunstvoll verarbeitet und Trautmann fiel sofort die praioranische Symbolik ins Auge. „Würdet Ihr die bitte nehmen?“, fragte Assunta. „Dann könnten wir aufbrechen.“

Trautmann war das Amüsement der Geweihten nicht entgangen, doch ließ er es unkommentiert. Der Ritter fühlte sich in gefährlicher Umgebung einfach sicherer, wenn er Metall am Körper fühlte. Er nickte Assunta zu, dann griff er nach der Laterne. „Gehen wir.“

Als die beiden vor dem Eingang angekommen waren, wandte sich der Burgherr noch einmal zur Lichtbringerin um. „Diese Laterne ...“, er hob sie leicht an, „... eine schöne Arbeit. Aber ich nehme an sie ist mehr als das, wonach sie aussieht?“

„Ich bin zuversichtlich, dass sie nicht erlöschen wird. Wir müssen uns also keine Sorgen machen, plötzlich ungewollt im Dunkeln zu stehen“, meinte Assunta, während sie sich daran machte, die Treppen hinab in den Tempel ein zweites Mal an diesem Tag in Angriff zu nehmen. Sie bedeutete Trautmann, ihr zu folgen und meinte dann im Gehen: „Außerdem kann sie uns Schutz spenden, wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Ein bisschen jedenfalls. Es ist also in der Tat keine ganz gewöhnliche Laterne.“

Nachdem das geklärt war, gingen sie gemeinsam in den Raum, in dem Trautmann und seine Begleiter dereinst zum ersten Mal auf den Untoten getroffen waren, der der Kirche des Lichts so viel Kopfzerbrechen bereitete. Hier war eigentlich alles noch so, wie der Gugelforster es vorgefunden hatte, denn die Keller des Tempelgewölbes gehörten nicht zu den vordringlichsten Aufgaben, die es auf Lichtwacht zu erfüllen galt.

Er hatte Assunta schon bei ihrem ersten Aufenthalt vorhin genau erklärt, was in diesem Raum wie und wo passiert war – und vor allem, wo der Untote gehockt hatte, als sie zum ersten Mal auf ihn gestoßen waren. Es handelte sich tatsächlich um eine Art Thron oder steinernen Lehnstuhl. Genau auf den deutete die Lichtbringerin nun, ehe sie sich zu ihm umwandte und fragend die Brauen hob:

„Dort, nicht wahr? Und hier hockten auch seine ganzen Lakaien? Ihr hattet den Eindruck, dies hier sei der gewöhnliche Aufenthaltsort, habe ich das richtig verstanden?“

Trautmann schritt noch einmal den Raum ab. „Das ist richtig“, bestätigte er dann. „Der ... äh, Feldherr ... saß in sich zusammen gesackt auf diesem Thron. Wir dachten erst, es wären bloß die sterblichen Überreste eines Bannstrahlers, die nie jemand ordnungsgemäß bestattet hat.“ Der Junker setzte seinen Weg fort. „Ist leider nicht ungewöhnlich hier in den Hängen des Finsterkamms, dass ... äh ... Menschen unbestattet bleiben.“

Kurz überlegte der Gugelforster, ob er Assunta die Geschichten von verlassenen Höfen und Geistererscheinungen erzählen sollte, die in der Trutz vielerorts kursierten. Der Ork kam in seiner Zerstörungswut öfter über das Land und nicht alle Seelen der Ermordeten hatten den Flug über das Nirgendmeer angetreten.

„Als wir den Raum betraten, erwachte er zum Leben. Verhöhnte und bedrohte uns. Dann erhoben sich seine Diener.“ Trautmann hatte seine Runde beendet. Es schien der Lichtbringerin so, als habe er sich mit seinem Rundgang noch einmal in die Lage versetzen wollen, in der sie sich damals beim Kampf gegen die unheilige Brut befanden. „Was denkt Ihr, welche Schuld sich die Burgbesatzung aufgeladen hat, um so zu enden?“, fragte er dann betroffen. „Und war es gar die gesamte Besatzung der Burg, die den Fluch auf sich geladen hat? Oder reicht es, wenn es deren Anführer war?“

Nachdem die Frage gestellt war, schwieg Assunta eine ganze Weile. Sie wirkte irgendwie abwesend – ein bisschen so, als wäre ihr inneres Auge weiter auf das Szenario gerichtet, das Trautmann in ihren Gedanken heraufbeschworen hatte. Er war sich schon gar nicht mehr sicher, ob die Lichtbringerin seine letzten Worte überhaupt gehört hatte, als sie sich schließlich räusperte und anhob.

„Da sind verschiedene Varianten denkbar“, meinte sie bedächtig. „Sollte dies ein wahrlich böser Ort sein, müssen die armen Leute gar keine Schuld auf sich geladen haben, dann wäre es ihnen einfach wiederfahren. Allerdings würde sich die Frage stellen, warum er seine Seele behalten hat, während sie alle gewöhnliche Untote waren.“ Sie hielt kurz inne und hob die Brauen: „Hätte er seine Seele gegen Macht eingetauscht, könnte eine der Gegenleistungen die Fähigkeit gewesen sein, Untote zu erheben, ohne dabei bewusst Magie wirken oder sonstiges Wissen haben zu müssen. Wurde die Seele eines anderen Wesens im bereits toten Körper des Bannstrahlers verankert, hätte die Person oder Kreatur, die diese Tat vollbrachte, zugleich auch dafür sorgen können, dass sein Hofstaat im Unleben verharrt. Es ist so schwer zu sagen. Ich wü...“

Abermals hielt die Geweihte inne – diesmal deutlich länger. Es schien, als würde sie endlich wieder ganz aus ihrer Gedankenwelt auftauchen: Sie runzelte die Stirn, blinzelte und warf dem Gugelforster einen nahezu überraschten Blick zu. Als sei sie sich jetzt erst wieder bewusst geworden, wer er eigentlich war, und bedauere, ihn abermals mit Wissen belastet zu haben, nach dem er in der Detailtiefe wohl niemals strebte.

„Verzeih...t“, murmelte sie denn auch. „Wir sind ja hier, weil wir nicht länger spekulieren wollen, richtig?“ Kaum dass das gesagt war, stellte sie ihre Tasche neben der Türöffnung ab und kramte etwas daraus hervor. Trautmann erkannte erst, dass es sich um eine reich verzierte Stola handelte, als sie den Schal ablegte und sich das gute Stück stattdessen über die schmalen Schultern legte. Hernach griff sie nach einem länglichen, Gold glänzenden Gegenstand, dessen Form er nicht auf Anhieb erkennen konnte und richtete sich auf, um ihm einen fragenden Blick zuzuwerfen:

„Ich werde einen Kreis ziehen, der uns im Notfall Schutz bietet und dann werde ich den Herrn Praios und seine Schwester Hesinde bitten, mir einen ... genaueren Blick auf diesen Raum zu gestatten. Ist Euch daran gelegen, alles zu verstehen, was hier geschieht und was ich sage? Oder soll ich einfach wirken, wie ich es gemeinhin tun würde, und Ihr stellt mir hinterher Fragen, wenn es welche gibt?“

Trautmann hatte ihr aufmerksam zugehört. Er wollte es verstehen, doch konnte er das nicht. Vielleicht war es auch besser so – die Götter stellten einen jeden Menschen seinen Platz und wiesen ihm die damit verbundene Aufgabe auf dem Dererund zu. Der Bauer hatte auf dem Feld zu stehen, der Schmied an der Esse. Ein Ritter hatte sich um den Schutz seiner ihm Anbefohlenen zu kümmern, auch wenn das bedeutete, dass er sich bei Dingen, die seinen Horizont überstiegen, an andere Autoritäten musste. Wie auch jetzt. Er war froh, dass Assunta hier bei ihm war. Er konnte sehen, dass sie einen ganz anderen – viel professionelleren und pflichtbewussteren – Zugang hatte als Ihre Gnaden Greifhild.

„Ich möchte Euch nicht von Eurer Aufgabe abhalten“, beantwortete der Junker dann die Frage. „Ich bin hier, solltet Ihr mich brauchen. Ich werde auf Euch und Euren Zustand Acht geben, wie wir besprochen haben.“ Kurz folgte ein schmales Lächeln. „Ich denke also, dass es vollkommen ausreicht, wenn Ihr mir danach erzählt, was Ihr herausgefunden habt.“

„Fein“, Assunta nickte bestätigend. Dann deutete sie einladend in Richtung des steinernen Sessels, auf dem der Anführer der Untoten dereinst gethront hatte. „Dort hinüber, bitte“, meinte sie, schritt ohne Zögern voran und wies Trautmann einen Platz vielleicht vier, fünf Schritt von der Stelle entfernt – ziemlich mittig im Raum. „Ihr bleibt einfach bei mir ... genau dort stehen“, entschied sie, ehe sie sich daran machte, einen Kreis von etwa zwei Schritt Durchmesser um den Junker herum auf den staubigen Boden zu zeichnen. Mit besagtem schmalem Gegenstand, bei dem es sich offenbar um eine goldene Feder handelte. Oder eine Feder aus Gold. Genau konnte Trautmann das nach wie vor nicht sagen.

Assunta malte also einen ziemlich perfekten Kreis und prüfte ihr Werk mit kritischem Blick, ehe sie zu Trautmann in das Rund stieg und die Feder sorgfältig unter ihren breiten Gürtel schob. „Alsdann, fangen wir an“, meinte sie und schenkte ihrem Gastgeber ein Lächeln von der zurückhaltenden Sorte, die er mittlerweile nur zu gut kannte.

Anschließend wandte sie ihm kurzerhand den Rücken zu. Stellte sich zwischen ihn und den Thron, hielt inne, um tief einzuatmen und hob beide Hände in einer Geste, die halb fordernd, halb beschwörend wirkte – jedenfalls soweit Trautmann das von hinten beurteilen konnte. Er sah, dass die Handflächen geöffnet und nach oben gewandt waren, etwa auf Höhe ihrer Hüfte. Es kam ihm außerdem vor, als würde die schmale Geweihte von einem Moment auf den nächsten ein gutes Stück wachsen, aber das lag wohl nur daran, dass sie ihre Haltung straffte und das Kinn leicht anhob. So harrte sie eine ganze Weile aus.

Und dann noch ein bisschen länger. Bis sich Trautmann fragte, ob „wie ich es gemeinhin tun würde“ bei dieser Priesterin bedeutete, dass sie einfach stumme Zwiesprache mit ihrem Gott hielt – und er im Grunde gar nichts von dem mitbekommen würde, was um ihn herum geschah. Just in dem Moment hob Assunta die Stimme und er musste an sich halten, um nicht überrascht zusammenzuzucken, denn diesmal murmelte sie nicht, sprach nicht leise und zögernd, sondern donnerte die Worte in den Saal hinaus: laut, befehlsgewohnt und in jener Sprache, die er bereits seit Anderath für Bosparano hielt.

Trautmann meinte den Namen Praios und seiner Schwester Rondra zu hören, mehr Reim konnte er sich auf das Ganze nicht machen. Dann war es auch schon wieder vorbei. Auf die herrischen Worte der Geweihten folgte ein Moment der Stille, in dem der Gugelforster Licht in den eigentliche gebrochenen Spiegeln um sich herum aufleuchten sah – und auch das Feuerchen in seiner Laterne schien für einen Moment heller zu strahlen.

Obwohl sich der Junker geschworen hatte, still zu sein und Ruhe zu wahren, konnte er einen kurzen Laut des Staunens und der Überraschung diesmal nicht unterdrücken. Er war schon öfter im Tempel bei Liturgien zugegen gewesen. Den Rondratempel zu Reichsend hatte er täglich besucht und im Tempel der Travia zu Weidenhag gar seine Kindheit verbracht. Mit Praios und seinen Liturgien hingegen hatte er noch keine Berührungspunkte gehabt, aber er begegnete dem Götterfürsten und seinen Dienern mit angemessener Demut und dem nötigen Respekt.

Kurz weilte sein Blick auf der Laterne, von welcher in diesem Moment auch eine angenehme Wärme auszugehen schien. Auf den Lippen des Junkers zeigte sich ein schmales Lächeln, dann wandte er sich wieder dem Rücken Assuntas zu. Er hatte eine Aufgabe, so banal sie auch schien, aber er würde sie so gut es ging erfüllen.

Er nahm wahr, wie die Praioranerin ihre Hände vor der Brust zusammenführte. In einer Geste, die nun eindeutig nach Gebet aussah. Dann hielt sie wieder einen Moment inne, bevor sie erneut zu sprechen begann – nicht ganz so laut und herrisch wie gerade eben, aber doch mit sehr klarer Stimme, die deutlich tiefer und voller klang, als Trautmann es von ihr gewohnt war. Das Gebet dauerte länger als das, was Assunta vorher getan hatte. Was auch immer es gewesen sein mochte. Schließlich verstummte die Lichtbringerin jedoch, öffnete im gleichen Moment die Hände und kehrte die Handflächen einmal mehr nach oben.

Aus seiner Position in zweiter Reihe nahm Trautmann wahr, dass sie den eben noch leicht geneigten Kopf wieder hob, wohl um sich im Raum umzuschauen. Er selbst sah in erster Linie, dass abermals Licht in den Spiegeln aufblitzte und wie die Flamme in seiner Laterne hell aufloderte. Assunta aber schien nebenher noch andere Dinge wahrzunehmen. Das schloss er daraus, wie sich ihre Haltung versteifte. Er stand nahe genug, um zu spüren, dass ein Ruck durch den schmalen Leib der Geweihten ging, während sie den Thron fixierte. Einen Moment starrte sie das Teil schweigend an, dann neigte sie den Kopf leicht zur Seite und machte einen zögerlichen Schritt auf es zu.

Das war ein Ablauf von Bewegungen, der Trautmann zur Vorsicht gemahnte. So spannte sich auch der Ritter und ging der Geweihten einen Schritt nach, um den vorher gewählten Abstand zu ihr einzuhalten. Kurz wanderte gar seine Rechte zum Griff des Schwerts, doch brach er eben jene Bewegung gleich wieder ab. Es war klar, dass Assunta etwas sah, das er nicht sehen konnte und er wusste nicht ob es ein Geist war, oder sonst etwas, von dem Gefahr ausgehen könnte. Dennoch unterbrach Trautmann sie nicht – bloß seine Wachsamkeit war nun noch größer.

Er fürchtete einen Moment, dass die Priesterin den selbst gezeichneten Schutzkreis ganz verlassen würde, doch dann blieb sie stehen und ließ den Blick noch einmal nachdenklich schweifen. Letztlich schien aber nichts im Raum so interessant zu sein wie der Thron, denn auf den richtete sie ihr Augenmerk alsbald wieder. Der Gugelforster sah, wie Assunta die rechte Hand hob – als wolle sie nach dem steinernen Sessel greifen, dabei stand der doch ersichtlich ein gutes Stück zu weit entfernt. Irgendetwas Unverständliches murmelte sie auch und wandte sich erst danach halb zu ihm um, maß ihn mit einem fragen Blick sowie irritiert gerunzelter Stirn.

„Habt Ihr irgendetwas mit diesem Ding gemacht, Trautmann?“, fragte sie auf Garethi. „Euch näher damit befasst? Ihn gereinigt, oder so? Hat Ihre Gnaden Greifhild ihn analysiert und Euch etwas über ihre Erkenntnisse erzählt? Wurde er in letzter Zeit vielleicht beschädigt oder ... bewegt?“

Trautmann beobachtete das Gebaren der Lichtbringerin mit besorgtem Gesichtsausdruck. Als sie ihre Frage zu Ende formuliert hatte, hob er eine seiner Brauen. „Meint Ihr, diesen Stuhl ... äh ... Thron da?“ Der Junker wirkte etwas unsicher. „Gereinigt ...“, er hatte im Gefühl, dass sie keine Reinigung von Staub und Schmutz meinte. „Ich weiß es nicht. Ich habe nichts dergleichen gemacht. Er wurde weder verschoben noch beschädigt, aber was Ihre Gnaden alles damit gemacht hat, weiß ich nicht. Sie hat mich jedenfalls nicht darüber in Kenntnis gesetzt.“

„Hum ...“, Assunta nickte und wandte sich dann wieder von ihm ab, um den Thron noch einmal genauer zu betrachten. Diesmal verließ sie den Schutzkreis tatsächlich, oder schickte sich zumindest dazu an. Irgendwie schien sie zu wissen, dass das nicht ganz in Trautmanns Sinn war – ob sie nun spürte, dass sich sein Leib spannte, oder ob sein Gesichtsausdruck ihr verraten haben mochte, wie beklommen der Gugelforster war. Jedenfalls hob sie beschwichtigend die rechte Hand und meinte:

„Ich schätze ... hier in diesem Raum ist nichts mehr, wovor wir Angst haben müssten, Trautmann. Etwas war hier, ohne Zweifel, aber jetzt ist es weg. Schwer zu sagen, ob das, was ich sehe, noch Überbleibsel Eures Untoten sind. Ich habe allerdings Zweifel daran. Dessen Spuren müssten erstens längst verblichen sein und sich zweitens eher auf dem Sessel befinden als darunter. Irgendetwas ist ... muss ... länger hier gewesen sein. Bis vor Kurzem, würde ich meinen.“

Trautmann war immer noch nicht ganz wohl dabei, Assunta aus dem Schutzkreis treten zu lassen. Auch ihre beruhigenden Worte änderten daran nichts. Als mahnenden Nachhall hatte er immer noch die Worte der Lichtbringerin im Kopf, er möge alles daran setzen, sie im Zustand der Entrückung – auch vor sich selbst – zu behüten. Dennoch gab er ihr mit einem leichten Nicken zu verstehen, dass es für ihn in Ordnung war. Er würde eben versuchen ganz besonders wachsam und vorsichtig zu sein.

„Ihr meint, dass irgendjemand etwas ... von hier aus dem Raum ... entwendet hat?“ Der Junker ging ein paar Schritte auf und ab. In seinem Oberstübchen arbeitete es. „Doch wer? Meint Ihr der Gegenstand befindet sich noch hier in der Burg?“ Kurz dachte der Gugelforster an Greifhild Fälklin. Es würde zu ihrem merkwürdig schnellen Verschwinden passen.

„Entwendet oder aus Versehen ... mitgenommen. Es kann auch sein, dass es sich nach und nach von selbst verflüchtigt hat. Sozusagen in Wohlgefallen aufgelöst.“ Assunta sprach mehr zu sich selbst als zu ihrem Gastgeber, während sie an den Thron heran trat, ihn sich aus der Nähe besah und dann sogar die Hand ausstreckte, um ihre Finger über den kalten Stein gleiten zu lassen – die Armlehne, die Sitzfläche, Verzierungen am Sockel. „Oder es wurde zerstört. Absichtlich oder unbeabsichtigt. Ich weiß ja nicht einmal, was es war ... oder ist. Ein Ding, ein Wesen ...“ Sie hielt inne, starrte einen Moment schweigend auf den Stuhl und hob dann die Schultern. „Nachdem es nicht mehr hier ist und untersucht werden kann, stehe ich vor einer nahezu unüberwindbaren Herausforderung.“

Nachdem das gesagt war, drehte sich die Priesterin ganz zu Trautmann um. Sie trat in den Lichtkreis seiner Laterne und ermöglichte ihm damit einen Blick in strahlende graue Augen, in denen er jetzt zum ersten Mal einen hellbraunen, fast gelben Kranz um die Pupillen herum bemerkte. Überhaupt fiel dem Junker das eine oder andere Detail auf, das ihm bisher entgangen war – was vielleicht nicht zuletzt an der ungewöhnlichen Lichtquelle lag. Er gewahrte, dass das nunmehr stolz gehobene Kinn recht eigensinnig wirkte und die Mundwinkel am äußersten Ende nach oben geneigt waren – ohne dass sie tatsächlich lächelte, gab das Assuntas Miene den Anschein verhaltener Heiterkeit.

Viel auffälliger aber noch war die veränderte Haltung der schmalen Frau. Bislang hatte der Gugelforster sie die meiste über Zeit als zurückhaltend bis schüchtern wahrgenommen, jetzt wirkte sie mit einem Mal sehr selbstsicher, beinahe ehrfurchtsgebietend, auf jeden Fall aber respekteinflößend. Das war wohl die Kraft des Gleißenden, die besonders stark durch ihren Leib und ihre Seele pulste. Ähnliches kannte Trautmann von seiner Mutter. Das änderte aber nichts daran, dass er Assunta neugierig musterte.

Die wiederum schien das gar nicht zu bemerken, sondern begann nun in der Tat zu lächeln – ungewohnt gelöst. „Mit der Betonung auf nahezu“, knüpfte sie an etwas an, das er fast schon wieder vergessen hatte. „Wir haben ja zum Glück noch das Scriptorium und ich hoffe, dass wir dort etwas finden werden, was uns beim Lösen des Rätsels hilft.“

Trautmann legte den Kopf schief und betrachtete weiter die wundersame Veränderung im Wesen der Geweihten. Er wusste um den veränderten Zustand der Priester, wenn die Macht ihres Gottes durch sie floss. Oft schon hatte er sich gefragt, wie es sich wohl anfühlte. Wenn das Gefühl der sonst so reservierten Lichtbringerin ein Lächeln auf die Lippen zeichnete, konnte es ja an sich nur ein angenehmes sein.

So sollte es ein paar Herzschläge dauern, bis er auf das eben Gesagte einging. „Das Scriptorium ...“, kam es zögerlich aus seinem Mund. „Wie lange habt Ihr Zeit?“ Es war der Versuch eines Scherzes und er gelang: Assuntas Lächeln wurde noch eine Spur breiter. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, ehe sie ihm mit einem Nicken bedeutete, die Führung zu übernehmen und sich ihm ohne Zögern bei seinem Weg durch den „Thronsaal“ anschloss.

Der Gugelforster hatte die wenigen Schriftrollen, Pergamente und alten Hefte, die von ihrer Gnaden Greifhild aus dem Archiv geholt und zur Seite gelegt wurden, bereits im ersten Rundgang gezeigt. Es war klar, dass diesen Folianten von ihrer Vorgängerin eine größere Bedeutung beigemessen wurde als der Unmenge an Schriften, die sonst noch im Archiv schlummerten – und die er Assunta ebenfalls bereits gezeigt hatte.

Während die Sichlerin ihn aufmerksam ansah, kratzte sich Trautmann an der Schläfe. Dann schoss ihm ein Gedanke in den Kopf. „Ah ... Ihre Gnaden Greifhild hat mir einmal ein Inventarbuch vorgelegt. Ich konnte das Meiste darin nicht lesen.“ Ein Lächeln stahl sich auf die Züge des Junkers, dann huschte er etwas hektisch durch den Raum. „Es muss hier irgendwo ...“, insgeheim hoffte Trautmann, dass Assuntas Glaubensschwester das Buch nicht mitgenommen oder wieder ins Archiv zurückgebracht hatte. „Aaah jaaaa!“, der Gugelforster zog einen staubigen Folianten aus einem nahen Regal und legte ihn auf den Steintisch. „Ich hoffe, dass das hilft.“

„Sieh an“, murmelte Assunta leise und trat an den Tisch heran, um sich den Folianthen näher zu besehen. Erst von außen, dann schlug sie ihn auf, begann zu blättern, ließ ihre Finger an einigen willkürlichen Stellen Zeile für Zeile über die aufgelisteten Posten gleiten und hielt dann inne – wohl um an das heillose Durcheinander in den Regalen und Spinden des Archivs zu denken, in denen beim besten Willen keine Struktur zu erkennen war.

„Das ist schon mal ganz gut, um einen Überblick darüber zu gewinnen, was es hier gibt. Es ist aber leider nicht verzeichnet, was wo steht – daher ist die Frage nach meiner Zeit durchaus angemessen gewesen.“ Sie lächelte dem Junker zu, während sie den Folianthen vorsichtig schloss. „Da die Lage immer noch etwas ... unklar ist, scheint es mir nicht gerade ratsam, mich für einige Wochen oder Monate hierher zurückzuziehen, um mich durch die Schriften zu kämpfen. Ich würde den Vorgang gern etwas beschleunigen, indem ich den Gleißenden noch einmal um Hilfe bitte. Wenn er meint, dass mein Anliegen es wert ist, wird er mich noch einmal unterstützen.“

Trautmann nickte ihr eifrig zu. Der Ritter hatte verstanden. Er übernahm abermals die Führung und begleitete die Lichtbringerin ins Archiv – vorbei an der Koschbasaltkammer, die er sich auf Anraten Greifhilds noch nicht zu öffnen getraut hatte und hin zu den vielen Regalen und Spinden, in welchen das blanke Chaos herrschte.

Assunta hielt auf der Schwelle hielt inne und legte die Stirn kraus. Obwohl sie noch immer dieses zufriedene Lächeln auf den Lippen trug und auch sonst total mit sich und der Welt im Reinen schien, begriff Trautmann sofort, dass sie ihr Vorhaben hinterfragte. In ihrem Kopf schien sie eine Diskussion mit sich selbst auszufechten – darüber, ob es angemessen war, ihren Gott erneut um Hilfe zu bitten, oder ob sie es nicht erst einmal auf eigene Faust versuchen sollte. Nach einem abschließenden Blick auf das Inventarbuch unter ihrem Arm und das Chaos im Archiv hob sie die Schultern.

„Ich denke, das wird das Beste sein. Im Anbetracht der Umstände“, fügte sie dann an. Der Gugelforster war sich nicht sicher, ob diese Worte nun ihm gelten sollten oder ob sie sie zu sich selbst gesprochen hatte. Allein, es war niemand anders da. Und nachdem sie sie ausgesprochen hatte, verfiel die Priesterin in Schweigen.

Kurz öffnete sich der Mund des Junkers, denn eine Frage brannte ihm auf der Zunge. Doch dann entschied er sich zu schweigen und Assunta lediglich zu assistieren. So beschränkte er sich darauf, der Geweihten mit der Laterne den Weg und die Regale auszuleuchten – und nahm an, dass sie wieder Zwiesprache mit ihrem Gott halten würde.

Doch das passierte nicht, wie er nach einer Weile bemerkte. Als Trautmann anhielt, um die Priesterin fragend anzusehen – stellte er fest, dass ihr Blick auf ihm ruhte, statt auf die Pergamente und Folianthen oder nach innen gerichtet zu sein. Sie machte keine Anstalten, irgendwelche Wunder zu wirken, sondern blieb ebenfalls stehen und legte das Inventarbuch ganz nebensächlich auf einem nahen Schreibpult ab. Genau wie Trautmann hatte sie die Brauen fragend gehoben und nickte auffordernd, als sie seines Blicks gewahr wurde:

„Ihr hattet eine Frage, nicht wahr? Wie wäre es, wenn ihr die erst einmal stellen würdet?“

Der Junker kam nicht umhin, das Verhalten der Hochgeweihten ein Stück weit unheimlich zu finden. Las sie in seinen Gedanken? Konnten die Diener des Götterfürsten das? Oder war es so offensichtlich, dass ihm eine Frage auf der Zunge brannte?

„Ja Euer Gnaden“, seine Stimme war in diesem Moment bloß ein Flüstern. „Ich wollte Euch fragen, ob Ihr Hilfe benötigt und ich ein paar der Burgbewohner abstellen soll, die Euch hier unterstützen.“ Beinahe hatte es ihn damals amüsiert, als er das erste Mal das Archiv betrat. Die Kirche des Götterfürsten war normal der Inbegriff der Ordnung – hier jedoch regierte das Chaos. „Wenn Ihr die Menschen anweist, wären sie vielleicht eine Hilfe.“

„Können sie denn lesen?“, fragte Assunta ohne zu zögern und lächelte mild, als Trautmann ein Kopfschütteln andeutete. „Dachte ich mir“, murmelte sie. „Deshalb verlasse ich mich in diesem Fall lieber auf die Hilfe Urischars – und auf Eure.“ Die Priesterin ließ ihren Blick ebenso nachdenklich wie unbeeindruckt über das wilde Durcheinander im Archiv gleiten und ihre Augen funkelten unternehmungslustig, als sie zum Abschluss einmal entschieden in die Hände klatschte.

„Alsdann, fangen wir an!“ Sie konzentrierte sich wieder ganz auf den Gugelforster, als sie eine kurze Ergänzung anfügte: „Ich werde den Diener des Gleißenden bitten, uns seinen ordnenden Blick zu schenken. Am besten stellt ihr die Laterne irgendwo ab, damit ihr beide Hände frei habt. So Praios will, werden uns die Schriftstücke gewiesen, deren Inhalt helfen kann, das Mysterium aufzuklären. Ich werde sie dann immer noch studieren müssen und das braucht seine Zeit ... aber den Prozess des Suchens können wir auf diese Weise hoffentlich verkürzen.“

Sie schien diese Erklärung für erschöpfend zu halten, denn sie wandte sich von Trautmann ab, ohne auf eine mögliche Erwiderung zu warten. Ehe er sich versah, straffte die klein gewachsene Lichtbringerin ihre Haltung auch schon wieder – hielt kurz inne, um sich zu sammeln – und ließ dann jene ungewohnt feste Stimme erklingen, die er heute zum ersten Mal vernommen hatte. Diesmal rief sie Urischar an, soviel bekam der Junker mit. Den Rest ihrer Worte verstand er nicht, begriff aber, dass ihre Arbeit vollbracht war, als sie mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand eine Sonnenscheibe in die Luft zeichnete.

Hier im Archiv gab es keine Spiegel, die hätten aufleuchten können. Dafür schien das Feuer in der Laterne umso heller zu lodern und ließ den ganzen Raum in einem warmen, goldenen Glanz erstrahlen. Der schien sich hernach gar nicht wieder zurückziehen zu wollen, sondern wich der Dunkelheit nur widerwillig. Trautmann nahm es mit Interesse zur Kenntnis – und bemerkte just in dem Moment einen kleinen, hellen Fleck in einer gemauerten Nische an der fernen Wand, der nicht verglühte. Er blieb einfach wie er war, als hätte er sich am goldenen Licht der Laterne entzündet und brenne nun aus eigener Kraft.

Das Interesse des Junkers wandelte sich in Staunen und er konnte einen Laut der Überraschung nicht unterdrücken. Trautmann kniff die Augen zusammen, ganz so als wolle er von seinem jetzigen Standpunkt ausmachen, welcher Foliant auf diese Art und Weise markiert wurde – was in dem schwach ausgeleuchteten Raum selbstverständlich unmöglich war.  Praios selbst wies ihnen den Weg und beinahe wäre der Ritter angesichts dieser Tatsache auf die Knie gefallen. Der Götterfürst hatte diesen Ort allem Anschein nach noch nicht aufgegeben.

Dementsprechend enthusiastisch fiel die Reaktion des Hausherrn auch aus. „Da ist es ...“, etwas lauter als angedacht kam es aus seinem Mund. „Ich wusste nicht, dass ...“, er brach ab und lächelte schmal. Dies war nicht der Moment um lauthals loszuplappern. Interessiert verfolgte er stattdessen die Bewegungen der Lichtbringerin, in der Erwartung, dass sie sich sofort zum gekennzeichneten Ort aufmachte, doch das tat sie nicht.

Stattdessen wies Assunta mit einer feierlichen Geste auf zwei weitere, goldglänzende Schriftstücke, die Trautmann bisher noch nicht aufgefallen waren. „Und dort und dort ...“, ergänzte sie seine Worte lächelnd. „Dann holt Ihr Euren Fund und ich die meinen, würde ich sagen. Schauen wir uns an, auf was der Herre Praios und sein Diener uns aufmerksam machen wollen.“

Trautmann nickte ihr eifrig zu und nur wenige Momente später hatten sie die drei Werke zusammen getragen. Der Junker selbst konnte mit keinem davon etwas anfangen, waren doch alle drei Schriftstücke in ihm fremden Zungen verfasst. Erwartungsvoll schaute er zur Lichtbringerin, die bereits voll und ganz in die Betrachtung ihrer Funde versunken war.

Er sah, wie ihr Blick über die Einbände der drei verschieden großen Bücher und Hefte glitt, wie ihre Lippen Worte formten, ohne dass sie einen Ton von sich gab, und wie sich ihre Stirn schließlich wölbte. Es hätte vermutlich skeptisch bis tadelnd gewirkt, wäre da nicht das immer noch glückselige Leuchten in ihren Augen gewesen. Er konnte sich nicht helfen, aber irgendwie wirkte die Priesterin wie ... berauscht ... oder vielleicht in Trance, als sie auf das größte der drei Werke deutete.

„Eine wissenschaftliche Abhandlung über Orkgötzen und die ... nun ja ...  Kultur der Schwarzpelze“, hob sie an, nur um dann ein rasches „So steht es da, das sind nicht meine Worte. Noch bin ich der Meinung, dass über so etwas je verfügt hätten“ anzufügen.

Bevor Trautmann dazu etwas sagen konnte, griff sie nach dem mittelgroßen Band und wog nachdenklich den Kopf. „Sieht aus wie eine Sammlung von Sagen, Legenden und anderen alten Geschichten aus der Region. Geht wohl auch wieder irgendwie in Richtung Religion, Kultisches und allerlei Irrglauben, denn hier im Titel ist die Rede von Götterwirken und Magie.“ Sie seufzte leise und legte das Buch zur Seite.

Einen Augenblick später hielt sie das kleinste Heft in der Hand, das reichlich zerfleddert aussah. „Octavo“, murmelte sie. „Vielleicht ein Diarium oder ... Vademecum. Könnte sein, dass ...“

Assunta hielt mitten im Satz inne und hob den speckigen Buchdeckel an, um einen neugierigen Blick auf die ersten Seiten zu werfen. Trautmann erkannte eine gestochen scharfe Handschrift, die Buchstaben ergaben für ihn aber keinen Sinn, weshalb er sich lieber wieder auf das Gesicht der Lichbringerin konzentrierte und daher sah, wie sie die Nase krauste. Kaum fertig damit, schloss sie das Büchlein mit einer raschen Bewegung wieder und räusperte sich.

Während ihr ein nachdenkliches „Faszinierend“ entfleuchte, versuchte Trautmann sich einen Reim darauf zu machen, was dieser Fund für sie bedeutete. Assunta hatte Urischar gebeten, ihr die Schriften zu weisen, die bei der Lösung des Mysteriums von Lichtwacht helfen würden. Und dann fanden sie Werke über Orkgötzen und Magie sowie ein Tagebuch des gefallenen Bannstrahlers, der Jahrhundertelang ein untotes Dasein in den Katakomben des Gemäuers gefristet hatte?
Trautmann hatte die knappen Kommentare der Lichtbringerin skeptisch verfolgt. Er legte seine Stirn in Falten. „Orks ... Kultur ...“, wiederholte der Junker einige der vernommenen Schlagwörter, „... seit wann haben Tiere eine Kultur?“ Er rieb sich die Stirn und blickte auf die drei Werke. „Und dann auch noch diese Dämonen, die die Schwarzpelze als ihre Götzen verehren ... wie soll uns das helfen?“

Der Gugelforster hielt inne und von einem auf den anderen Herzschlag schoss es ihm ein, was ihn wiederum ein Wellenbad der Gefühle durchleben ließ. Erst das Hochgefühl und die Freude darüber, dass er in seinem Oberstübchen einen logischen Schluss herstellen konnte, dann Sorge und Beklemmung weil es ihm kam, dass, sollte er mit seiner Annahme recht haben, dies alles andere als beruhigend wäre.

Er fixierte Assunta, die immer noch über das Diarium gebeugt stand und rang innerlich einige Momente damit, ob er nun das Wort ergreifen sollte. „Meint Ihr ...“, kam es ihm dann zögerlich über seine Lippen, „... dass es ein orkischer Fluch war, der sich den Bannstrahlern auf der Burg bemächtigt hat? Nur, was wurde dann aus dem anderen Raum entwendet? Ein unheiliges Artefakt?“

Die Lichtbringerin reagierte zunächst gar nicht, sondern starrte mit einem Blick, der einerseits sehr intensiv, andererseits aber auch ziemlich abwesend wirkte, auf das kleinste der drei Bücher. Sie schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein und er zweifelte schon daran, dass sie seine Worte überhaupt vernommen hatte, als sie den Kopf hob, um ihn nachdenklich anzusehen.

„Nun ... der Boden hier ist offensichtlich schon sehr lange entweiht. Es gibt also nichts mehr, was einen Orkschamanen davon abhalten könnte, seine faulen Zauber zu wirken oder irgendein unheiliges Ritual zu vollziehen ... außer vielleicht dem, was in der Giftkammer ruht, sollte etwas dabei sein, das die Kreise von Zauberern stört ... wiewohl das nicht nach außen wirken dürfte, solange sie verschlossen ist ... und das ist sie ja nun mal und einen Schlüssel gibt es nicht – oder habe ich da vorhin etwas falsch verstanden?“

Trautmann kaute für einen Moment an seiner Unterlippe. „Ich fürchte das habt Ihr falsch verstanden, Euer Gnaden", meinte er dann und wies vage nach rechts. „Die Koschbasaltkammer ist unverschlossen, wir betreten sie jedoch nicht ...“, kurz schien es als würde der Junker seinen Kopf hängen lassen wollen, „Anordnung ihrer Gnaden Greifhild.“ Er ließ ein Schulterzucken folgen. „Möchtet Ihr die Kammer sehen?“

„Wie unverschlossen? Ihr meint, dass jeder nach eigenem Gutdünken in diese Kammer hinein und wieder aus ihr heraus spazieren kann?“, sie blinzelte irritiert und maß den Junker danach mit einem Blick, in dem Unglauben und Ärger einander die Hand reichten – bei Letzterem handelte es sich allerdings nur um einen Hauch. Eine Ahnung. Die Lichtbringerin schien nach wie vor in einer extrem aufgeräumten Stimmung. So gelöst, dass nicht mal eine derart skandalöse Eröffnung ihr ernsthaft die Laune verhageln konnte.

Das änderte jedoch nichts daran, dass das schlechte Gewissen des Gugelforsters noch größer wurde und er abermals schuldbewusst Schultern und Kopf hängen ließ. Schien, als hätte er in dieser Sache wirklich auf ganzer Linie versagt. Er suchte nach Worten, die er zu seiner Verteidigung oder doch wenigstens Entschuldigung vorbringen konnte, und starrte derweil blicklos auf den Boden. Deshalb kam es überraschend, als er eine vorsichtige Berührung an seiner Schulter spürte.

„Seht mich an, Trautmann“, erklang die Stimme der Priesterin einen Herzschlag später. Er folgte der Aufforderung pflichtschuldig und sah in ein paar strahlendhelle Augen, in denen nun überhaupt kein Vorwurf mehr lag, sondern eher so etwas wie ... Mitgefühl? „Es ist wirklich wichtig, dass Ihr eines versteht und auch für Euch annehmt: Es ist nicht Eure Schuld und nicht Euer Fehler. Ihr habt Euch damals unverzüglich an eine Dienerin des Herrn Praios gewandt und damit alles richtig gemacht. Ihr konntet nicht wissen, dass sie die falsche Ansprechpartnerin war. Es wäre ihre Pflicht gewesen, Euch darüber zu informieren und weitere Schritte einzuleiten.“

Assunta hielt kurz inne und warf ihrem Gastgeber einen prüfenden Blick zu – ganz so, als wolle sie durch die Augen hindurch in seinen Gedanken blicken. Er hatte keine Ahnung, ob ihr das gelang. Falls sie etwas sah, konnte das aber nichts Schlechtes sein, denn sie lächelte aufmunternd, als sie fortfuhr: „Ebenso ist es nicht Euer Fehler, dass die Kammer bislang unverschlossen ist. Wir sollten das aber dringend beheben. So schnell wie möglich!“  

Der Junker verspürte bei der Rede der Geweihten eine immer größere Bedrücktheit. Er selbst war nur wenige Male in dieser Kammer gewesen und die Menschen hier auf der Burg mieden die Räumlichkeiten generell. Nicht mal die Kapelle wollten sie ohne ausdrückliche Anordnung betreten. Deshalb hatte Trautmann kein Sicherheitsrisiko darin gesehen, die Kammer unverschlossen zu lassen. Ja, selbst wenn er sie hätte verschließen wollen: Er hätte keine Ahnung gehabt wie. Assuntas aufmunterndes Lächeln tat ihm jedoch gut und verlieh ihm wieder etwas mehr Zuversicht.

„Mehr als die Kirche des Götterfürsten um Hilfe bitten konnte ich nicht tun ...  ich konnte nicht wissen, dass Ihre Gnaden vielleicht nicht die beste Wahl war. Ich habe ihr vertraut. Leider gibt es in der Trutz nicht so viele Geweihte des Praios“, murmelte er langsam – zumindest Teile von Assuntas Rede wiederholend. Er blickte sich um und es schien der Lichtbringerin in diesem Moment, als würde alle Bedrücktheit von ihm abfallen. „Deswegen war es ja auch mein Anliegen, ihm hier wieder ein Heim zu schaffen. Hier inmitten des Finsterkamms ...“ Der Gugelforster brach ab und bedeutete der Lichtbringerin, ihm zu folgen.

Sie war gerade dabei gewesen, ihn mit einem seligen Lächeln anzustrahlen, wohl weil die momentan derart von der Kraft ihres Gottes durchwirkten Ohren die Kunde von einem neuen Heim für ihn gern hörten – auch wenn es bei weitem nicht das erste Mal war, dass Trautmann das erwähnte. Als er ihr klarmachte, dass er das Archiv verlassen wollte, schien sie jedoch leicht aus dem Tritt zu geraten. Sie schürzte die Lippen und einen Moment sah es aus, als wolle sie fragen, warum er denn mit einem Mal so ungemütlich war. Stattdessen erkundigte sie sich dann aber nur nach dem Zielort.

„Zur Koschbasaltkammer“, erwiderte er darauf, und neigte das Haupt noch einmal in die Richtung, in die er zu gehen gedachte.

Assunta runzelte die Stirn, ließ den Blick noch einmal über das Chaos in den Regalen gleiten und hob dann gleichmütig die Schultern. Während Trautmann nach der Laterne griff, lud sie sich die drei von Urischar ausgedeuteten Bücher auf und folgte ihm dann gehorsam durch den Gang. Zurück zum „Thronsaal“ waren es nur wenige Schritte. Der Ritter blieb vor einer schwer beschlagenen Tür stehen und hob die Laterne, um sie anzuleuchten. „Hier wären wir“, meldete er zögerlich und machte vorerst keine Anstalten, die Tür zu öffnen.

Für Assunta galt das Gleiche. Sie stand einfach nur da, die Bücher fest an ihre Brust gepresst und starrte aus diesen riesigen, leuchtenden Augen auf die Tür. Trautmann hatte das Gefühl, dass sie im Geiste schon wieder nicht ganz zugegen war, sondern sich mit sonst etwas verweilte. Und irgendwie fragte er sich, ob das wohl der richtige Zustand war, um sie in einen Raum zu führen, der potenziell gefährlich war. Bevor er eine halbwegs befriedigende Antwort darauf gefunden hatte, fuhr sie ihm jedoch ins Gewerk.

„Und Ihr wart da schon drin, ja?“, wollte sie wissen. „Gemeinsam mit Ihrer Gnaden? Hat sie irgendetwas über den Raum gesagt? Oder darüber, was sich dort drin befindet? Ist sie denn öfter hinein gegangen? Oder hat sie ihn eher gemieden?“

Es wurde schon recht bald offensichtlich, dass die Stimmung des Junkers wohl oder übel mit genau diesem Ort zusammenhing. Trautmann war ein einfacher Mann voll Göttervertrauen und wenn die Priester des Praios Artefakte wegsperrten, dann würde das wohl nicht ohne guten Grund geschehen. Er mochte die Kammer nicht. Anfangs war er gar versucht gewesen, den Koschbasalt abzutragen um das wertvolle Material zu versilbern, um damit den Wiederaufbau der Burg zu finanzieren. Doch klärte ihn Greifhild Fälklin dann über die Natur und Wichtigkeit dieser Kammer und der darin befindlichen Gegenstände auf.

Er war ein Narr gewesen – töricht –, denn es war ihm damals nicht bewusst, was genau hier weggesperrt wurde. Deshalb mied er diesen Raum seit der erfolgten Aufklärung durch Greifhild auch ausnahmslos. „Ihre Gnaden war hier öfter drinnen ...“, erklärte der Gugelforster. „Sie meinte auch, dass sie die Gegenstände darin katalogisieren will, weil sie die gefundenen Aufzeichnungen von vor hunderten von Jahren als unzureichend und unvollständig empfand.“

Trautmann löste seinen Blick von Assunta und wandte sich zur Tür um. „Ich kann Euch nicht sagen, was genau sich da drin befindet. Ich habe lediglich gefragt, ob nach Einschätzung Ihrer Gnaden eine Gefahr für die Menschen hier besteht.“ Er seufzte leicht: „Sie hat es verneint. Soll ich die Kammer öffnen? Die Tür klemmt etwas.“

„Katalogisieren? Hört, hört. Mit einem Mal dann doch so pflichtbewusst und gründlich“, die Stimme der Lichtbringerin hörte sich ein wenig spöttisch an, als sie das sagte. Da die Worte eine Glaubensschwester betrafen, kam es Trautmann ungewöhnlich vor, dass sie derlei vor einem Außenstehenden sagte. Aber so ganz zurechnungsfähig schien sie ja gerade nicht zu sein. Vielleicht war ihr nicht richtig bewusst, was sie von sich gegeben hatte und in wessen Gegenwart?

„Nun denn ...“, meinte die Praioranerin schließlich leise. „Eigentlich wäre es meine Aufgabe, jemanden wie Euch von einer Giftkammer der Kirche des Götterfürsten fernzuhalten. Weit fernzuhalten. Versteht ihr? Aber ich denke, dafür ist es jetzt eh schon zu spät. Also ja ... warum öffnet ihr sie nicht einfach?!“ Sie schichtete ihre Bücher um und nahm Trautmann die Laterne ab, damit der beide Hände frei hatte, um sich mit der widerspenstigen Tür zu befassen.

Nachdem er das Hindernis beseitigt hatte, schritt sie – ohne auch nur einen Lidschlag zu zögern – an ihm vorbei und überreichte ihm die Laterne im Zuge dessen mit einer huldvollen Geste. Er hatte das Gefühl, Assunta wollte um jeden Preis verhindern, dass er zuerst eintrat, aus welchem Grund auch immer. Sie war jedoch so klug, jenseits des Sturzes auf ihn zu warten und sich nicht einfach direkt in die Dunkelheit des dahinter liegenden Raums hinein zu wagen.

Im flackernden Licht der Laterne konnte der Gugelforster erkennen, wie sich der Blick der Geweihten fokussierte und etwas ... klarer wurde, als sie sich umsah. In der Giftkammer herrschte kein Chaos wie im Archiv, was nicht zuletzt daran lag, dass hier bei weitem nicht so viel Zeug angehäuft worden war. Ein schwacher Trost für den Burgherren, aber immerhin: Die Kammer war recht klein und beherbergte nicht viele Gegenstände, die von den Bannstrahlern für so gefährlich erachtet worden waren, dass sie sie weggesperrt hatten.

Assunta macht ein paar zögerliche Schritte nach vorn, während ihr Blick von rechts nach links und von oben nach unten glitt – und Trautmann folgte ihr auf dem Fuß, um für ausreichend Licht zu sorgen.

„Schwer zu beurteilen, für jemanden der noch nie hier war“, meinte sie nach einem ausgedehnten Moment des Schweigens und Betrachtens. „Aber mir scheint doch, als würde hier nichts fehlen, oder was sagt Ihr?“ Trautmann war noch vollauf damit beschäftigt, sich selbst prüfend im Raum umzugucken, als die Praioranerin ihre Stimme erneut hob: „Wisst Ihr denn, ob Ihre Gnaden Greifhild bereits mit der Katalogisierung begonnen hat? Sollte das der Fall sein, könnten wir ja ...“

Assunta hielt einen Moment inne und als Trautmann sich zu ihr umwandte, um zu schauen, was ihre Gedanken jetzt schon wieder vom Kern der Dinge ablenkte, musste er feststellen, dass diesmal gar nichts Bestimmtes ansah. Vielmehr schien es, als würde sich ihr Blick komplett im Nichts verlieren. Er wirkte seltsam leer und fern.

„In dem Fall könnten wir viell...“, hob sie nach einem Moment des Zögerns gleichwohl erneut an – es klang aber verdächtig nach schwerer Zunge. Hernach stand kurz wie vom Donner gerührt und kniff die Augen zusammen, als kämpfe sie um eine bessere Sicht, nur um dann von einem Atemzug auf den nächsten ins Taumeln zu geraten.

Trautmann setzte mehrere Male zu einer Antwort an, nur um immer wieder vom Stammeln der Geweihten unterbrochen zu werden. Er konnte beim besten Willen nicht sagen, ob  etwas fehlte. Der Junker war nach jedem Aufenthalt in diesem Raum froh, wenn er ihn wieder verlassen konnte. Als Assunta endlich Ruhe gab und er sich doch noch hätte äußern können, erkannte Trautmann jedoch geistesgegenwärtig, dass etwas nicht stimmte: Er war schnell zur Stelle, als ihr Zustand offenbar wurde und  wollte seine Hilfe anbieten.

„Euer Gnaden“, kam es im besorgten Ton über seine Lippen. „Ist ... ist alles in Ordnung?“ Der Junker hatte sich der Geweihten angenähert. „Nehmt meinen Arm ... nicht, dass Ihr mir hier umkippt“, meinte er und bot ihr die Hand – musste jedoch erkennen, dass es dafür wohl schon zu spät war.

Er hatte das Wort „umkippt“ kaum ausgesprochen, als die Bücher, die Assunta bis eben noch in einem beachtlichen Klammergriff hielt, geräuschvoll zu Boden gingen. Da wurde ihm klar, dass er nicht darauf zu warten brauchte, dass sie nach seinem Arm griff, und packte lieber selbst zu, ehe sie sich zu dem Papierkram gesellen konnte.

Trautmann schnappte sich erst ihren Oberarm und entledigte sich dann der Laterne, um auch den Unterarm zu umfassen. So konnte er Assunta Halt geben, bis er das Gefühl hatte, dass sie wieder ein bisschen sicherer auf den Beinen war. Der Blick der schmalen Lichtbringerin wirkte da zwar noch umwölkt, aber ihm reichte der Fortschritt, um sie zu einem steinernen Schemel ... nun ja ... halb zu schieben, halb zu ziehen. „Setzt Euch“, der Gugelforster sprach mit sanfter und fürsorglicher Stimme, die jedoch keine Widerrede duldete – und ausnahmsweise gehorchte sein Gast. Wobei er nicht sicher war, ob sie das bewusst tat, oder ob sie gar nicht mitbekam, was er gerade mit ihr veranstaltete. Die Augen der Priesterin wurden nämlich nur langsam wieder klarer.

„Wir sollten eine Pause machen, was meint Ihr?“, fragte Trautmann, als er glaubte, dass Assunta wieder halbwegs beieinander war. Mit einem schmalen, aufmunternden Lächeln bot er ihr seinen Wasserschlauch an: „Vielleicht trinkt Ihr einen Schluck.“

Daraufhin starrte sie ihn einen Moment schweigend und mit fragend gehobenen Brauen an. So als müsse sich erst mal wieder erinnern, wer er überhaupt war und wo sie sich hier eigentlich aufhielt. Dann aber hob sie abwehrend die Hand, was er freimütig als Indiz dafür nahm, dass sie schon wieder auf einem guten Weg war, ganz die Alte zu werden.

„Nein danke“, murmelte sie schließlich, nicht mehr mit schwerer Zunge, dafür aber mit auffallend leiser Stimme. „Es geht schon. Ich habe nur ...“ Sie hielt inne, stierte ihn kurz ratlos an, ließ den Blick dann – immer noch ratlos – durch den Raum gleiten und seufzte schwer. Trautmann dachte, dass sie hernach zu einer Erklärung ansetzen würde, stattdessen hob sie aber nur beide Hände an den Kopf, um ihre Schläfe zu massieren.

Für den Moment sah es aus, als würde die Praioranerin einen inneren Kampf ausfechten – auf einem merkwürdig schiefen Grat irgendwo zwischen Beunruhigung und Begeisterung. Dass sie dabei nicht allein im Raum war, schien ihr spontan entfallen zu sein. Und so machte sie sich augenscheinlich auch keine Sorgen darüber, dass  ihre Miene ziemlich leicht zu lesen war.

Der Junker beobachtete das Mienenspiel der Geweihten interessiert und es rief in ihm ein leichtes Gefühl von Unwohlsein hervor. Einige Zeit sah er besorgt in ihre Augen. „Ihr habt ... nur ... was?“, fragte er dann zögerlich.

Kurz erwiderte sein seinen Blick, dann hörte sie mit dem Massieren auf und schloss stattdessen für einen Moment die Augen. „Ich fürchte, die Frage kann ich nicht zufriedenstellend beantworten“, meinte sie und hob die Schultern. „Den Eindruck gewonnen, dass etwas mitgenommen wurde, aber nicht aus diesem Raum hier. Das würde vielleicht im Ansatz erklären, was ich ... habe.“ Assunta runzelte die Stirn und warf dem Gugelforster einen entschuldigenden Blick zu.

„Tut mir leid, Trautmann“, hob sie nach einer kurzen Pause an und kämpfte sich umständlich von dem Schemel hoch, auf den er sie gerade erst gesetzt hatte. „Ich habe etwas gesehen ... könnte man sagen. Ein paar ... Gedankenbilder?“ Sie schob sich vorsichtig an ihm vorbei und fußelte zu den Büchern hinüber, die achtlos im Staub lagen – auf dem grob behauenen Kleinstein, mit dem der Boden gepflastert war. „Ich hoffe, dass es ein Fingerzeig des Gleißenden war und nicht irgendein Trugbild von ... wem auch immer, der sich ... irgendwelche makaberen Späße mit mir erlaubt. Ich werde darüber nachdenken müssen.“

Ohne sich noch einmal zum Junker umzuwenden, ging die Priesterin in die Hocke und klaubte die Bücher auf. „Ich schätze ... hoffe, das hier hilft mir dabei. Was denkt Ihr? Kann ich diese Schriftstücke mit in den Wohnturm nehmen? Oder mache ich Euer Gesinde damit nervös?“ Nachdem die Frage heraus war, wandte sie sich doch wieder zu Trautmann um und warf aus der Hocke heraus einen fragenden Blick zu ihm auf.

Trautmann sann der artikulierten Vermutung der Lichtbringerin, jemand habe etwas aus den einst verfluchten Räumlichkeiten entwendet, noch einige Momente lang nach. War es wirklich so? Oder vielleicht doch nur ein Trugbild? Hatte Greifhild Fälklin etwas damit zu tun und war das womöglich mit ein Grund dafür, dass sie die Burg beim letzten Mal so rasch verlassen hatte? Immerhin stammte sie ja von einem in dieser Hinsicht  vorbelasteten Geschlecht ab. Ihr Bruder Borka war es gewesen, der über lange Zeit weite Teile der Grafschaft als Raubritter tyrannisierte und ihrem Vetter Erek sagte man nach, den Orkgötzen zu huldigen und für den Tod der ehemaligen Dergelqueller Baronin verantwortlich zu sein. Trotzdem war sie eine Geweihte des Götterfürsten und als solche zu respektieren.

Nur langsam verließ der Junker seine Gedankenwelt und erst als Assunta das Gefühl beschlich, dass der Mann ihr wohl nicht zugehört hatte, ging er in Form eines Nickens auf ihre zuletzt gestellte Frage ein. „Nehmt sie mit. Ich bezweifle, dass es jemandem auffallen wird.“ Der Gugelforster nickte ihr aufmunternd zu. „Ich vertraue Euch und bin gewillt alles zu tun, um Licht ins Dunkel dieser Sache zu bekommen.“ Er wies auf die Bücher und ging dann ebenfalls in die Hocke. „Lasst mich Euch aber damit helfen.“

Assunta schien Trautmann schon davon abhalten zu wollen, dass er sich hinhockte, und schickte sich an, abwehrend die Hand zu heben, als er ihr seine Hilfe anbot. Dann hielt sie jedoch inne und schüttelte den Kopf – über sich selbst, wie es schien. Statt sein Angebot auszuschlagen, schenkte sie ihm ein dankbares Lächeln und überließ ihm das Feld ganz ohne Gegenwehr.

„Also gut“, meinte sie. „Ihr die Bücher, ich die Laterne?“

Trautmann nickte ihr lächelnd zu, dann erhob er sich und ließ der Geweihten den Vortritt. Nachdem der Junker die schwere Tür hinter ihnen geschlossen hatte, lichtete sich der Schatten auf seinem Gemüt wieder. Er war froh, diese staubige Kammer hinter sich zu lassen. Und als sie aus dem Tempel hinaus in die frische Luft traten, löste das in ihm ein regelrechtes Hochgefühl aus. Der Nebel war verschwunden und das Praiosmal segnete sie mit seinen warmen Strahlen. So sehr das nun liebliche Wetter auch dazu einlud, sich auf eine Bank zu setzen und zu verweilen, sie mussten sich sputen. Es war wichtig, nicht unnötig viel Aufmerksamkeit bei den anderen Bewohnern der Burg zu erregen. Nur die Götter mochten wissen, wie seine Schutzbefohlenen reagieren würden, wenn sie mitbekämen, dass Bücher aus einem, in ihren Augen, verfluchten Ort hinauf gebracht wurden.


***

In Assuntas Zimmer angekommen, legte der Gugelforster die Bücher auf dem Tisch ab und wich dann ein paar Schritte davon zurück. „Fassen wir zusammen“, hob er nach einigen Herzschlägen der Stille an. „Ihr denkt, dass ein Gegenstand aus der Burg entwendet worden ist und dass eben jener Gegenstand auch der Grund für den Fluch auf der Burgbesatzung sein ... könnte ...  .“ Trautmann kaute auf seiner Unterlippe. „Wie lange werdet Ihr für Ergebnisse brauchen?“, fragte er, nur um Momente später mit seinen Armen eine abwehrende Geste zu formen. „Es liegt mir fern, Euch Druck zu machen, aber ich habe überlegt, ob ich nicht nach Ihrer Gnaden Greifhild suchen sollte, während Ihr Euch der Recherche widmet.“

„Nach ... Ihrer Gnaden?“, Assunta sah ihn an und ihre Miene verriet eindeutig, dass sie auf diesen Gedanken niemals von selbst gekommen wäre. Sie wirkte irritiert und dazu passte auch die Frage, die sie als nächstes stellte: „Aber warum das denn?“

Trautmann ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern nickte. „Wenn sich Euer Verdacht bestätigt,  werden wir sie über kurz oder lang wohl sowieso finden müssen ... nicht auszudenken, wäre der Grund für den Fluch außerhalb der schützenden Mauern durch die Heldentrutz unterwegs.“ Er hob seine Schultern und kurz schien es Assunta, als warte er auf ein Zeichen ihrer Zustimmung. „Es wird nur nicht leicht, sie zu finden“, der Junker verzog seine Lippen. „Ich weiß, dass sie oft in der Nähe von Radbruch residiert. Dort würde ich meine Suche beginnen.“

„Moment, Moment, Moment“, Assunta machte eine Geste, als wolle sie einen anstürmenden Bären davon abhalten, ihr an die Gurgel zu gehen. „Was Ihr da redet, ergibt doch überhaupt keinen Sinn“, meinte sie dann und warf Trautmann einen ratlosen Blick zu. Sie schien sich redlich zu bemühen, aus seinen Worten schlau zu werden, doch es dauerte einen Moment, bis Erkenntnis in ihren Augen aufleuchtete. „Es sei denn ...“, murmelte sie hernach und die Ratlosigkeit auf ihren Zügen wich einer unguten Mischung aus Entrüstung und Entsetzen. „Unterstellt Ihr etwa, Ihre Gnaden hätte ohne Euer Wissen ... hätte heimlich etwas aus Lichtwacht mitgehen lassen?“

Der Gugelforster kam nicht dazu, etwas auf diese Frage zu erwidern. Seine Augen schienen ausreichend klar zu verraten, was er dachte, und die Praioranerin reagierte einfach direkt darauf, statt auf seine Worte zu warten.

„Das ist undenkbar!“, stieß sie mit unverrückbarer Entschiedenheit in der Stimme hervor. „Eine Geweihte des himmlischen Richters, die sich zu einem derart unaufrichtigen Verhalten hinreißen lässt, das ist ... das wäre unwürdig.“ Assunta zog die Brauen zusammen und schüttelte energisch den Kopf. „Unmöglich!“, wiederholte sie dann noch einmal und sah Trautmann prüfend an. „Wie kommt Ihr denn nur auf so etwas? Hat sie Euch Anlass dafür gegeben?“

Der Junker hätte zu lachen begonnen, wäre dies nicht vollends unangebracht und wohl auch beleidigend gewesen. Ein kurzes Schmunzeln konnte er sich jedoch nicht verkneifen. „Keineswegs, Euer Gnaden“, er hob seine Hände zu einer abwehrenden Geste. „Der Inhalt der Kammer und des Archivs sind Eigentum der Kirche des Götterfürsten und nicht von mir.“ Der Gugelforster legte seine Stirn in Falten. „Demnach kann sie auch nichts daraus ... entwenden. Es stand ihrer Gnaden frei, mit dem Inhalt der Räumlichkeiten zu tun, was sie für richtig hält. Ich habe ihr dahingehend vertraut, genauso wie ich Euch vertraue."

Trautmann musterte die Züge der Lichtbringerin. „Ich hatte Euch so verstanden, dass etwas fehlt und da ich und ihre Gnaden Greifhild die Einzigen waren, die diese Räume regelmäßig betreten haben ... nun ja ... ich habe nichts daraus an mich genommen.“

„Entwenden ... ist aber der Begriff, den Ihr benutzt habt ...“, meinte Assunta langsam und bedächtig, während sich ihr Blick förmlich am Gesicht des Junkers festsaugte. Das Schmunzeln war ihr nicht entgangen und man musste kein Menschenkenner sein, um zu begreifen, dass es sie überforderte. Sie konnte die plötzliche Heiterkeit des Gugelforsters offenbar nicht einordnen und wirkte erst einmal schwer verwirrt.

Was auch immer sonst noch zum Zustand des Entrücktseins gehören mochte – bei just dieser Priesterin führte er offenbar dazu, dass sie mit ihren Regungen nicht mehr gut haushalten oder sie doch zumindest nicht mehr so gut vor ihren Mitmenschen verbergen konnte.

„Selbst wenn Ihr es auf Euch bezogen verneinen wollt ...“, hob sie schließlich stockend an, „... wäre es doch zumindest eine Mitnahme zulasten der Kirche des Lichts. Greifhild wäre gut beraten gewesen, Ihre Hochwürden darüber in Kenntnis zu setzen, was sie ganz offensichtlich nicht tat. Und das ... ich kann mir einfach nicht vorstellen. Das wäre ...“

Assunta räusperte sich und brach dann ganz ab. Einen Moment schwieg sie und Trautmann fürchtete schon, sie würde einmal mehr so tief in ihre Gedankenwelt abgleiten, dass er sie mit einer Frage zurück ins Hier und Jetzt holen musste. Doch dann verstetigte sich ihr Blick von selbst wieder und sie sah ihrem Gastgeber direkt in die Augen.

„Mal unterstellt – und wirklich nur unterstellt, denn ich glaube nicht daran – Schwester Greifhild hätte den Gegenstand, der fehlt, tatsächlich an sich an sich genommen. Und nur mal unterstellt, er wäre tatsächlich verflucht. Eine Gefahr für die Allgemeinheit“, die Stimme der Sichlerin gewann nun auch wieder an Präsenz. „Dann wäre es alles andere als klug, Ihr würdet Euch allein auf die Suche nach ihr machen. Denn damit würdet Ihr Euch einer potenziellen Gefahr aussetzen, deren Ausmaß wir im Moment noch nicht ansatzweise einschätzen können.“

Die Lichtbringerin runzelte die Stirn und hob die Schultern: „Es habt nicht nur Ihr gelobt, auf mich aufzupassen, sondern auch ich, dass ich auf Euch achte. Ich würde diese Aufgabe sehr nachlässig handhaben, wenn ich Euch in der Sache allein ziehen ließe. Ihr die Eure im Übrigen auch, würde ich meinen, denn es kann ja sein, dass die Gefahr nach wie vor hier lauert. Und wir wissen nicht, welche Form sie hat. Sollte es also einen körperlichen Angriff geben, wer schützt mich dann?“ Assunta hob fragend die Brauen.

Die Geweihte merkte, dass ihre Worte eine gewisse Wirkung nicht verfehlten. Allem Anschein nach hatte der Junker daran nicht gedacht. „Ähm ... naja ... ich dachte, in der Burg wird Euch schon nichts geschehen. Es sind Menschen hier, die Euch verteidigen würden. Und was ihre Gnaden Greifhild angeht ... entwendet war vielleicht das falsche Wort, da habt Ihr recht. Ich hatte es so aufgefasst, als wäre etwas aus der Halle entfernt worden, wollte aber einer Geweihten des Praios nichts Böses unterstellen. Wie gesagt: Selbst wenn dem so wäre und ihre Gnaden hätte etwas an sich genommen, würde ich es keinesfalls als Übertretung ihrer Befugnisse werten.“

Trautmann hielt Assuntas Blick stand. „Es obliegt mir nicht, dies kirchenrechtlich zu beurteilen. Ich kann nur sagen, dass ich Ihrer Gnaden genauso freie Hand bei ihrer Tätigkeit hier gegeben habe wie nun Euch. Wenn Ihr eines der Artefakte an Euch nehmen wollt, würde ich wohl nur fragen, ob davon eine Gefahr für meine Schutzbefohlenen ausgeht.“ Seine Augenbrauen wanderten leicht nach oben und er ließ eine wegwerfende Geste folgen. „Aber gut, wahrscheinlich habt Ihr recht. Ich werde hier bleiben und mit den nächsten Schritten auf Eure Erkenntnisse warten.“ Der Gugelforster verbeugte sich leicht. „Ich lasse nach Euch schicken wenn das Essen fertig ist.“

Assunta hatte den Zeigefinger der rechten Hand bereits ein wenig gehoben und den Mund halb geöffnet – vermutlich, weil sie etwas womöglich nicht ganz Unwichtiges zu Trautmanns Rede zu sagen hatte –, doch dann kam er ihr mit seinem unerwarteten Rückzug zuvor. Da stand sie einen Moment wie vom Donner gerührt, mitten in der Bewegung eingefroren, und starrte ihn ungläubig an. Kurz schien sie sich noch mit sich zu ringen. Ernsthaft darüber nachzudenken, ob sie sich den Vorstellungen ihres Gastgebers widersetzen und ihm ein paar wichtige Dinge erklären sollte. Über den Unterschied zwischen Kirchenrecht, Anstand, Loyalität und Ordnung zum Beispiel. Dann aber ließ sie die Hand sinken und schloss den Mund unverrichteter Dinge wieder.

Auf ihren Zügen spiegelte sich erst Enttäuschung, danach ein Hauch von Verzweiflung und schließlich riss Resignation das Ruder an sich. Sie biss die Lippen zusammen, nickte ergeben und schloss die Augen. Nur für einen Moment, in dem sie einmal tief durchatmete und in ihrem Inneren nach der Ruhe und Zufriedenheit fischte, von der sie bis eben noch erfüllt gewesen war. Sie schien beides recht schnell zu finden, denn ihre Miene hellte sich schon wieder auf, ehe sie die Augen öffnete und Trautmann mit einem Lächeln bedachte. Das wirkte zwar irgendwie ein bisschen gezwungen, zugleich aber doch recht freundlich.

„Es ist bald Mittag“, meinte sie schlicht. „Ich gehe raus, um zu beten und meine Andacht zu halten. Danach esse ich einen Happen und ziehe mich hierher zurück, um ... Erkenntnisse zu finden.“ Sie nickte dem Gugelforster zu, warf noch einen kurzen Blick auf die Bücher und sich dann den roten Schal über die Schultern, den sie am Morgen schon getragen hatte. „Bis später“, meinte sie noch, ehe sie sich an Trautmann vorbei aus dem Raum schob.

Der Junker bemerkte den inneren Kampf, den die Lichtbringerin mit sich ausfocht und auch wenn sie schlussendlich lächelte, schien ihm Vorsicht geboten. Versöhnlich lächelte er daher. „Hättet Ihr etwas dagegen, wenn ich mich Euch bei Eurer Andacht anschließe?“

Assunta hielt noch einmal inne, warf dem Junker einen prüfenden Blick aus leicht verengten Augen zu und meinte dann leichthin: „Selbstverständlich nicht. Ganz im Gegenteil.“



Burg Lichtwacht
noch einen Tag später, wieder am frühen Morgen

Trautmann wandte den Kopf irritiert in Richtung Tür, als es klopfte. Erstens, weil es noch so früh am Morgen war, dass er nicht mit einer Störung gerechnet hatte. Nicht einmal fertig anziehen können hatte er sich in Ruhe – war gerade erst dabei, seinen Waffenrock zuzuknöpfen und Gürtel und Schwert ruhten noch auf dem Schemel, auf dem er sie am Abend abgelegt hatte. Zweitens war das Geräusch so leise gewesen, dass er es fast überhört hätte. Es klang zaghaft. Ganz so, als sei sich jemand vollauf im Klaren darüber, dass es eigentlich noch zu früh war und als sei es ihm daher im Grunde unangenehm zu stören.

Logischerdings ließ das nur einen Schluss zu: Es gab einen wichtigen Grund. Und wenn er weiter in diese Richtung dachte, drängte sich die Vermutung auf, dass es Assunta war, die an seiner Tür klopfte. Vermutlich, weil sie über Nacht irgendetwas Spannendes in den Büchern aus dem Archiv gefunden hatte. Von denen war sie am Abend schon kaum noch loszueisen gewesen. Er hatte ihr ein bisschen Brot und Milch aufs Zimmer bringen lassen, nachdem die Magd, die sie eigentlich zum Essen holen sollte, erklärte, dass sie nicht sicher war, ob Ihre Gnaden überhaupt bemerkt hatte, dass jemand sie mit in den Gemeinschaftsraum nehmen wollte.

Trautmann hatte die vage Vermutung, dass die Nacht für die Priesterin sehr kurz gewesen war, weil sie in ihrem Eifer das Schlafen vergaß. Aber wenn das Erkenntnisse zutage gefördert hatte, die ihnen bei der Lösung des Rätsels rund um den Fluch halfen, konnte ihm das an sich ja nur recht sein. Und wer war er auch, spät in der Nacht noch einmal in ihre Gemächer hinab zu steigen, um sie zu ermahnen, dass sie Schluss machen sollte? Durfte man so was bei einem Praioraner überhaupt? Vermutlich nicht.

Ein neuerliches Klopfen – ein bisschen lauter diesmal – riss den Junker aus seinen Gedanken. Er prüfte den Sitz seiner Tunika und ließ Gürtel und Schwert erst mal, wo sie waren. Stattdessen ging er zur Tür hinüber, um aufzutun und starrte einen Moment später nicht etwas in das Gesicht von Assunta, sondern in das der jungen Magd Birsel. Sie sah mit reichlich zerknirschter Mine zu ihm auf und da sei eigentlich ein recht sonniges Gemüt hatte, wunderte ihn das ein wenig. Also versuchte Trautmann, sie mit einem Lächeln aufzuheitern.

„Guten Morgen, Birsel“, meinte er und nickte ihr zu. „Was gibt es denn?“

„Guten Morgen“, erwiderte die junge Frau und bedachte ihn mit einem etwas unbeholfenen Knicks. „Es ist wegen Ihrer Gnaden, Wohlgeboren.“

„Was ist mit Ihrer Gnaden? Lässt sie nach mir schicken?“

„Äh ja ... nein. Nicht wirklich. Also ich meine: Nein, das tut sie ganz sicher nicht, Wohlgeboren.“

„Was soll das heißen?“, hakte Trautmann nach.

„Das heißt ... ich war gerade in ihrer Kammer. Sie hat mir gestern gesagt, dass sie immer schon vor dem Sonnenaufgang aufsteht, weil sie den neuen Tag im Angesicht des Herrn Praios begrüßen möchte. Deshalb bin ich noch mal früher als sonst aufgestanden, um ihr zur Hand zu gehen und so. Aber na ja, also irgendwie ...“ Das Mädchen stockte und räusperte sich leise.

Diesmal hob Trautmann einfach nur die Brauen. Er fragte sich, wohin die lange Vorrede führen sollte und warum Birsel nicht endlich zum Punkt kam.

„Die Sache ist ... sie hockt da so komisch in ihrem Raum, in dem es echt arschkalt ist.“ Als Trautmann Brauen noch weiter in die Höhe schnellten, machte die Magd eine entschuldigende Geste: „Wir haben ihr gestern noch Material zum Verfeuern hoch gebracht. Für Steine und eine Kohleschale. Aber ich fürchte, sie hat das irgendwie aus den Augen verloren. Und jetzt hockt sie da eben, als wär sie festgefroren. Sie hat nicht geantwortet, als ich sie angesprochen habe. Und ich hab mich nicht getraut, sie anzufassen, weil ich dachte, dann fällt vielleicht irgendwas ab. Ich weiß nicht, was ich machen soll, deshalb bin ich hier rauf zu Euch gekommen. Ihr müsst es mir sagen!“

Trautmanns Antlitz zeigte in den darauffolgenden Herzschlägen eine Vielzahl von Emotionen: Unglauben, Skepsis, Sorge und zu guter Letzt auch ein Anflug von Belustigung. „Birsel, Mädchen. Was erzählst du da?“, fragte er. Die Brauen des Junkers wanderten wieder nach unten und er ließ ein Stirnrunzeln folgen. „Ich muss es mir ansehen, bevor ich über das weitere Vorgehen entscheide. Ich bezweifle, dass sie eingefroren ist. Es ist zwar kalt, aber so kalt nun auch wieder nicht.“

Kurz dachte der Gugelforster daran, ob ihr Zustand wohl mit einem bösen Zauber in Verbindung mit den Büchern, die sie letzten Abend studiert hatte, zusammenhing. Doch zwang er sich dazu, diesen Gedankengang wieder zu verwerfen. Einige Momente später standen Birsel und er in jener Kammer, die von Assunta bezogen worden war und blickten auf das seltsame Bild, das sich ihnen dort bot.

Ein ziemliches Chaos, in erster Linie. Zuerst fiel Trautmann eine Unzahl von Büchern ins Auge, die überall im Raum verstreut lagen – in kleinen Grüppchen und größtenteils aufgeschlagen. Dazwischen stand die eine oder andere Stumpenkerze und brannte friedlich vor sich hin. Richtiges Licht ging aber eigentlich nur von der Laterne aus, die er bereits kannte. Und auf dem Bett, dem unbenutzten – also genauer: auf der zugeschlagenen Bettdecke – hockte Assunta nicht etwa, sondern saß. Im Schneidersitz, die Hände lässig auf die Knie gelegt. Ihre Augen waren geschlossen, ein kaum merkliches Lächeln zierte die Lippen und es machte nicht den Anschein, als würde sie irgendetwas von dem mitbekommen, was um sie herum geschah.

„Sehr Ihr?“, kam es nach einem Moment der stillen Betrachtung zögerlich aus dem Mund der Magd.

Trautmann schürzte die Lippen und verschränkte seine Arme: „Hm, in der Tat.“ Er richtete den Blick auf die Brust der Geweihten und starrte so eindringlich, dass es ihr sicher unziemlich erschienen wäre, hätte sie etwas davon mitbekommen. Dann ließ der Gugelforster ein leichtes Nicken folgen und stellte fest: „Sie atmet.“

Die Magd seufzte erleichtert. „Aber was machen wir jetzt?“

Trautmann wandte sich Birsel zu, runzelte die Stirn und wog ratlos seinen Kopf. „Bring ihr eine Tasse Kräutertee, ich hole etwas Glut für die Kohleschale. Wir müssen versuchen, ihre Lebensgeister zu wecken. Denn auch wenn die Kälte nicht der Grund für ihren Zustand sein mag ... sollte sie erwachen, müssen wir versuchen, sie zu wärmen.“

Birsel warf ihm einen zweifelnden Blick zu, hob dann aber ergeben die Schultern. „Ich hole beides“, meinte sie. „Muss dafür ja eh jeweils in die Küche und irgendwie fühle ich mich nicht wohl damit, sie hier so ganz allein sitzen zu lassen. Ich mein ...“, die Magd rümpfte die Nase und schniefte. „Wenn Ihr denkt, dass da nichts kaputtgehen kann, solltet Ihr vielleicht versuchen, sie zu wecken? Das kann doch nicht gesund sein, dass sie reglos und viel zu leicht bekleidet rumhockt, bei diesen Temperaturen!“ Damit wandte sie sich auch schon um und hastete davon. Die Treppe in den Gemeinschaftsraum hinab.

Unterdessen machte sich Trautmann ein genaueres Bild von der Situation in Assuntas Raum. Dass es darin kalt war, stand außer Frage. Dass die Praioranerin sich Erfrierungen zugezogen hatte, konnte er sich aber beim besten Willen nicht vorstellen. Erstens war es dafür nicht kalt genug und zweitens fehlten die charakteristischen Verfärbungen, die ihre Haut hätten zieren müssen. Dass sie sich unterkühlt hatte hingegen ... Trautmann wiegte den Kopf, während er sich ihre Kleidung besah. Eine schlichte weiße Tunika und darüber der dicke rote Schal, den er schon kannte. Allerdings war der auf einer Seite des Körpers von seinem eigentlichen Bestimmungsort gerutscht und gab eine schmale Schulter frei. Ein gutes Anzeichen für Unterkühlungen, das wusste Trautmann, wäre Zittern gewesen. Wenigstens ein leichtes.  Gerade konnte er etwas Derartiges aber nicht feststellen.

Er entschied sich, ein paar Schritte näher zu gehen, stieß aber sofort mit dem linken Fuß gegen eines der Bücher, die die Geweihte auf dem Boden ausgebreitet hatte. Bei seinem halb irritierten, halb amüsierten Blick nach unten stellte er fest, dass auf den aufgeschlagenen Seiten kleine Pergamentschnipsel lagen, die mit Notizen versehen waren. In einer gestochen scharfen Schrift. Der der Lichtbringerin, nahm er an. Sie war also gestern wirklich noch fleißig gewesen. Fragte sich nur, was sie dazu verleitet hatte ... naja, warum sie da jetzt halt so saß. Völlig weggetreten. Oder schlief sie vielleicht einfach nur? Im Sitzen?

Trautmann verzog seine Lippen. Er konnte den Zustand, in welchen sich Assunta gegenwärtig befand, einfach nicht einschätzen. Ja, als Sohn einer Geweihten wusste er, dass Götterdiener sich manchmal seltsam benahmen, wenn sie mit ihrem göttlichen Herrn oder der göttlichen Herrin in Kontakt standen – was die Lichtbringerin am Vortag zur Genüge getan hatte. Doch wusste er auch, dass man in diesen Zuständen vorsichtig mit ihnen umzugehen hatte. Der Junker konnte beim besten Willen nicht vorhersagen, wie die Geweihte auf eine Störung reagieren würde.

„Euer Gnaden ...“, der Gugelforster versuchte es erst einmal damit, sie anzusprechen. Doch darauf folgte keine Reaktion. „Euer ... Euer Gnaden ...“, kam es dieses Mal etwas lauter über seine Lippen.

Abermals reagierte sie nicht.

„Hmmm ...“, Trautmann brummte und biss sich auf die Unterlippe, dann streckte er die Hand nach der Geweihten aus, berührte ihre Schulter und versuchte abermals mit Worten, sie ins Hier und Jetzt zurück zu holen. „Euer Gnaden … ?“

Tatsächlich gelang ihm mit der Berührung etwas, woran er mit bloßen Worten gescheitert war: Der Junker beschwor eine Reaktion herauf. Eine nahezu unmerkliche zwar, aber er beobachtete die Geweihte gerade dermaßen aufmerksam, dass ihm quasi nichts entgehen konnte. Also auch nicht, wie sich die Augen hinter den geschlossenen Lidern bewegten, kurz nachdem er die Schulter angefasst hatte. Es sah ein bisschen aus, als ob die Lichthüterin träumen würde. Oder mit geschlossenen Augen nach etwas suchen – was schwerlich zum Erfolg führen konnte.

Derart ermutigt streckte er die Hand erneut aus und packte diesmal weniger zaghaft zu als beim ersten Versuch. Er wiederholte auch das „Euer Gnaden!“ und war recht zufrieden mit sich, als tatsächlich Bewegung in den Leib der Praioranerin kam. Sehr sparsame Bewegung, aber immerhin.

Sie atmete einmal tief ein, schob die Brauen dann zusammen und hob sie zugleich ein bisschen, was einen extrem skeptischen Eindruck erweckte. Danach dauerte es noch drei, vier Herzschläge, bis sie die Lider hob und derer sechs oder sieben, bis der Blick nicht mehr unstet durch den Raum wanderte, sondern sich erst auf die Laterne und anschließend auf Trautmann richtete.

„Guten Morgen, Euer Wohlgeboren“, meinte sie, nachdem sie ihn einen Moment schweigend angesehen hatte – mit heiserer, leicht belegter Stimme, aber sie sprach. Und sie schien auch zu begreifen, wo sie war. Wer er war. Alles halb so schlimm also. So schien es jedenfalls.

„Guten Morgen, Euer Gnaden“, erwiderte der Junker den Gruß. Kurz überlegte er, was jetzt wohl die richtigen Worte wären. Sollte er Assuntas seltsames Gebaren ansprechen? Dass sie hier sitzend ... schlief ... in der Kälte? Sie musste ja vollkommen durchgefroren sein. Noch während Trautmann seinen Gedanken nachhing und die Geweihte vor sich wortlos musterte, kam die Magd wieder zur Tür hinein.

„Ah, Birsel, sehr gut“, sichtlich erfreut winkte er sie zu sich, „Ihre Gnaden ist inzwischen aufgewacht und ...“, der Blick des Gugelforsters schweifte zurück zu Assunta, „... Euch muss ja wahnsinnig kalt sein. Ich habe Euch Tee bringen lassen, Euer Gnaden, und Kohle für die Pfanne um Euch wieder aufzuwärmen.“ Während die Magd pflichtbewusst das heiße Wasser in eine Tasse füllte, palaverte der Hausherr weiter auf die Lichtbringerin ein. „Konntet Ihr denn gestern Abend noch etwas herausfinden?“

Assunta blickte ihn schweigend an und wirkte dabei, als hätte sie sich am liebsten verdattert am Kopf gekratzt. Trautmann konnte förmlich sehen, wie sie sich der Situation nach und nach immer bewusster wurde. Des Durcheinanders in der Kammer, kostbarer Büchern, die aufgeschlagen auf dem Boden herumlagen, Kerzen, die dazwischen aufgestellt worden waren, ihrer nicht gerade besonders angemessenen Kleidung – und schließlich der Tatsache, dass sie auf ihrem Bett saß. Vor allem Letzteres schien sie schwer zu treffen, denn ihre Augen weiteten sich kaum merklich, als sie die verkrumpelte Decke unter ihrem Allerwertesten bemerkte.

Es dauerte kaum einen Herzschlag, bis sie sich aus dem Schneidersitz löste und in Richtung Bettkante neigte, wohl weil sie sich möglichst schnell dorthin begeben und dann in eine aufrechte Haltung befördern wollte. Allerdings wirkten ihre Bewegungen seltsam unrund, was sicher mit der Kälte zu tun hatte. Damit, dass ihre Glieder über die letzten Stunden so steif und taub geworden waren, dass sie nicht mehr gehorchen wollten, wie die Priesterin es gewohnt war. Der Gugelforster sah Verwunderung und Unwillen in den Augen seines Gastes aufleuchten – und ein gehöriges Maß Sturheit, das erahnen ließ: Sie wollte sich nicht geschlagen geben.

Er fürchtete schon, in der Sache irgendwie tätig werden zu müssen, doch Birsel kam ihm dankenswerterweise zuvor. Mit einem raschen Schritt trat sie an das Bett heran und meinte erstaunlich entschieden: „Ich denke, ihr bleibt besser erst mal da sitzen, Euer Ganden. Nicht, dass Euch am Ende noch die Beine wegknicken und Ihr hier vor Herrn Trautmann auf die Nase fallt.“ Die Worte waren an sich ziemlich frech, doch lächelte sie dabei so entwaffnend, dass Assunta das gar nicht zu bemerken schien. Stattdessen hob sie folgsam die Hände, als Birsel ihr den Becher hinhielt und ein gutgelauntes „Trinkt doch erst mal einen Schluck“ von sich gab.

Die Magd trat zwischen Trautmann und die Geweihte, sodass er für einen Moment nicht sehen konnte, was geschah. Er sah nur Birsels Rücken. Dass es ein bisschen Hin und Her gab. Und dass die Magd die Tasse noch in der Hand hielt, als sie sich wieder aufrichtete.

„Gut“, meinte sie leichthin. „Dann eben erst mal die Kohlen!“ Damit wandte sie sich zu dem Gugelforster um und raunte im Vorbeihasten eine leises „Ich sag doch, dass sie steifgefroren ist, sie kann nicht richtig zugreifen, Wohlgeboren“.

Anschließend machte sie sich an den Kohlen und der Pfanne zu schaffen und gab den Blick auf Assunta wieder frei, die immer noch auf ihrem Bett saß, die rechte Hand gehoben hatte und wie hypnotisiert auf ihre Finger starrte – die aussahen wie immer, sich aber offenbar nicht so anfühlten. Statt ängstlich oder zornig zu wirken, sah die Priesterin jedoch einfach nur neugierig aus und gab dazu passend ein reichlich abwesendes „Interessant!“ von sich.

Trautmann blinzelte verwundert und räusperte sich. Eigentlich nicht, weil er sie an seine Frage von vorhin erinnern wollte, sondern vielmehr, weil er nicht wusste, was er zu dieser merkwürdigen Situation sagen sollte. Assunta schien das jedoch anders zu verstehen – und antwortete, ohne ihren Blick von der Hand zu lösen.

„Ich habe nicht geschlafen“, meinte sie leise. „Ich habe meditiert. Musste ein bisschen Ordnung in meine Gedanken bringen. Es gibt so viel zu verarbeiten.“

Das war nicht die Antwort auf die Frage, die er ausgesprochen hatte, sondern auf die, die er sich nur im Geiste zu stellen wagte. Trautmann begriff das sofort und es ließ seine Verwunderung weiter wachsen. Glücklicherweise schien Assunta keine Erwiderung zu erwarten, denn sie redete einfach weiter. Den Blick nunmehr hochkonzentriert auf beide Hände gerichtet, die sie mit den Rücken nach oben und gespreizten Fingern vor sich ausgestreckt hatte – so dass auch der Gugelforster wahrnahm, wie sie nun doch zu zittern begannen.

„Ich habe gestern noch etwas rausgefunden, ja“, sagte sie und nickte. „Mehr als ich gedacht hätte, um genau zu sein. So viel, dass ich mir jetzt sicher bin: Wir müssen noch mal in den ... Thronsaal zurück, wir haben dort etwas übersehen.“ Nachdem das gesagt war, richtete sie ihr Augenmerk endlich wieder auf Trautmann, lächelte ihm zu und machte eine auffordernde Geste in Richtung der Tür: „So schnell wie möglich am besten.“

Neben dem Gugelforster richtete sich Birsel just auf, die mit Kohlen gefüllt Pfanne in den Händen und einen ungläubigen Ausdruck auf den Zügen. „Heißt das, dass Ihr überhaupt nicht geschlafen habt, Euer Gnaden?“, fragte sie.

„Geschlafen? Wer wird denn an Schlaf denken, wenn es hier ein Mysterium gibt, von dessen Auflösung und ... Beseitigung das Wohl und Wehe der ganzen Burgbesatzung abhängen könnte?“

Trautmann sah, wie die Gesichtszüge seiner Magd entglitten, sie schaffte es aber, die Kohlenpfanne festzuhalten und statt irgendetwas zu sagen, das in dieser Situation sicher nicht wirklich hilfreich gewesen wäre, warf sie ihm einfach nur einen sorgenvollen Blick zu.

Der Junker hob jedoch bloß seine Schultern. Er kannte es, wenn Geweihte im Zwiegespräch mit ihrer Gottheit waren und meditierten. Dennoch setzte er der Magd gegenüber zu keiner zusätzlichen Erklärung an. Stattdessen wandte er sich wieder Assunta zu. Kurz huschte ihm dabei  ein Lächeln über die Lippen. „Das werden wir ...“, griff Trautmann die letzte Aussage der Lichtbringerin auf, „... aber erst werdet Ihr Euch etwas aufwärmen. Ich habe Ihrer Hochwürden versprochen, auf Euren Leib achtzugeben. Dazu gehört auch, dass Ihr Euch hier in der Kälte nicht den Tod holt.“

Die Stimme des Hausherrn nahm einen fast väterlichen Tonfall an, als er sagte: „Bleibt hier sitzen.“ Er nahm Birsel die Teeschale aus der Hand und setzte sich neben die Geweihte – in beinahe schon unangebracht anmutender Nähe. Ein Gebaren, das nun auch Birsel eine Braue heben ließ. „Ihr trinkt mir erst die Schale Tee aus und wärmt Euch ein wenig“, stellte er fest, hob die Tasse ohne eine Geste der Zustimmung abzuwarten und wollte sie an Assuntas Lippen setzen.

Die hatte sich an seinem Vorstoß in ihre unmittelbare Wohlfühlzone offenbar nicht im Geringsten gestört. Als sie jedoch begriff, wohin er mit der Tasse wollte, schien sich ihr Körper noch mehr zu versteifen und Trautmann ahnte da schon, dass das Manöver unerwartet kompliziert werden würde. Als er sah, wie die Lippen der Priesterin schmaler wurden, weil sie sie störrisch aufeinander presste, hatte er seine Gewissheit. Sie erwiderte nichts auf seine Worte, sondern starrte ihn erst einen Moment ungläubig an und schickte dann einen ziemlich beredten Blick zu Birsel hinüber, die die Kohlenpfanne eben zum Fußende des Bettes trug.

Leider war besagter Blick in der Quintessenz zwar eindeutig, im Detail aber ziemlich schwammig. Nach dem, was bei Trautmann ankam, hielt er es für wahrscheinlich, dass die Praioranerin eine Botschaft wie „Bitte entwürdige mich nicht, indem du mich vor den Augen und Ohren dieser einfachen Magd fütterst wie ein kleines Kind“ aussenden wollte. Genauso gut konnte es aber sein, dass sie eher so etwas wie „Bitte entwürdige dich nicht, indem du diese niedere Aufgabe übernimmst, die eigentlich in die Hände einer einfachen Magd gehören würde“ meinte. Als Dritte Variante wäre noch ein simples „Bist du wahnsinnig, hör auf damit!“ in Frage gekommen. Aber danach sah es ihm eigentlich nicht aus.

Auch Trautmanns Blick fiel nun auf Birsel, die pflichtbewusst die Kohleschale abgestellt und sich dann wieder ein paar Schritte vom Bett entfernt hatte.

„Danke Birsel ...“, lächelte er ihr zu, „... lässt du uns jetzt bitte kurz alleine?“

Die Magd reagierte mit einem Nicken auf die Aufforderung ihres Herrn, konnte jedoch dabei einen leicht skeptischen Gesichtsausdruck nicht verhehlen. „Ja, Herr“, piepste sie dann und verließ das Zimmer.

Der Junker hatte die Tasse nach Assuntas Unmutsäußerung wieder sinken lassen und bot sie ihr nun dar, indem er das Gefäß vor sie hielt. „Versucht es wenigstens“, meinte er dann leise brummend, „Und während Ihr die Kälte aus Euren Gliedern vertreibt, könnt Ihr mich instruieren, was Ihr genau herausgefunden habt."

Die Lichtbringerin warf einen zweifelnden Blick auf das irdene Gefäß und rang sich zu einem etwas nuscheligen „Ich schätze, wir können damit nicht warten, bis ich meine Finger wieder spüre?“ durch. Den halb tadelnden, halb amüsierten Blick des Gugelforsters nahm sie mit gefasster Miene hin und meinte lakonisch: „Na gut, ich habe es wohl auch nicht besser verdient.“

Statt ihm die Kontrolle aber ganz zu überlassen, griff sie vorsichtig nach seinem Unterarm, um wenigstens eine indirekte Verbindung zur Tasse zu haben – was auch immer sie sich davon versprechen mochte. Sie trank erst ein paar kleine, dann ein paar größere Schlucke. Letztlich doch genau solange, wie Trautmann es für gut befand. Viel hätte sie ihm momentan eh nicht entgegenzusetzen gehabt. Sie lächelte ihm dankbar zu, als er die Tasse zurück zog und ließ seinen Arm sofort wieder los. Überlegte danach einen Moment, schlang den Schal enger um ihre Schultern, krümmte sich ein wenig zusammen und setzte sich kurzentschlossen auf ihre Hände. Wohl in der Hoffnung, dass sie dadurch schneller wieder warm werden würden.

„Meine Erkenntnisse“, murmelte Assunta schließlich. „Die habe ich fürs Erste vor allem aus dem Diarium gezogen.“ Sie deutete mit dem Kinn in Richtung des kleinen Büchleins, neben dem ein deutlich größeres lag. Beide waren aufgeschlagen und mit Pergamentnotizen versehen, wie  Trautmann sie schon beim Eintreten in den Raum bemerkt hatte. „Es war gar nicht so einfach, da mein Aureliani ein wenig ... es scheint etwas eingerostet zu sein.“ Sie legte die Stirn unzufrieden in Falten, nachdem sie das gesagt hatte, hob dann aber gleichmütig die Schultern.

„Die Annahme, dass Euer untoter Anführer frevelte, scheint mir nun gesichert. Wenn ich seine Aufzeichnungen richtig verstanden habe, hat er wirklich nach ewigem ... nun ja ... Leben gestrebt. Man könnte sagen, dass das gründlich misslungen ist, denn es war am Ende ja eher ein Unleben. Aber …“ Assunta hielt inne und überlegte einen Moment. „Er tat es nicht aus Selbstzweck, sondern weil er meinte, dass ihm eine Aufgabe übertragen worden sei, für die eine menschliche Lebensspanne nicht ausreichen würde. Er wollte etwas bewachen. Ein orkisches Artefakt, würde ich meinen, wobei er darüber nicht viel geschrieben hat. Vermutlich aus Sicherheitsgründen.“

Einen Moment blickte sie nachdenklich auf das Buch und sah dann zu Trautmann auf. „Wohin er das Artefakt gebracht hat, steht auch nicht drin. Vermutlich aus den gleichen Gründen. Aber es gibt Andeutungen. Ich glaube, um an es heranzukommen, braucht man so etwas wie einen Schlüssel, den er eigens anfertigen ließ  und danach immer in seiner Nähe hatte. Deshalb wird er sich wohl ... bis vor Kurzem in dem Saal befunden hat, in dem er all die Zeit saß. Wahrscheinlich ist ... oder war ... er irgendwie in den ... Thron eingelassen und ich habe gestern die Reste seiner Aura gesehen ...“

„Ewiges Leben ...“, sann Trautmann einem Ausspruch der Geweihten nach.  Der Junker hatte ihr aufmerksam zugehört, doch war er in seinem Denken wohl zu beschränkt, um die Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit zu erfassen. „Und es soll um ein Artefakt gehen und einen Schlüssel ... hm ...“, er kratzte sich sein Kinn. „Und meint Ihr, das Artefakt ist noch hier in der Burg? Dass der Schlüssel nicht mehr dort ist wo er laut dem Buch sein sollte, habe ich verstanden.“ Prüfend ruhte der Blick des Gugelforster auf der Lichtbringerin neben sich. Allem Anschein nach schien er es jetzt doch etwas eiliger zu haben als noch vor wenigen Momenten. „Wenn Ihr wollt, können wir los.“

Assunta erwiderte seinen Blick einen Moment lang mit gerunzelter Stirn. Sie schien zu überlegen, ob sie erneut ansetzen sollte, um an der einen oder anderen Stelle nachzubessern, dem Ritter zu erklären, was genau sie eigentlich meinte. Aber dann hob sie nur die Schultern und nickte sacht: „Genau. Ich glaube, dass der Schlüssel all die Jahre hier in Lichtwacht war, aber kürzlich von seinem Platz entfernt wurde. Das gälte es nun eben zu überprüfen.“

Schon während sie sprach, zog sie die Hände wieder unter ihrem Hintern hervor und wandte sich der Bettkante abermals zu – um die Beine darüber hinweg zu schwingen und ihre bestrumpften Füße vorsichtig auf den Boden zu stellen. Sonderlich souverän wirkte das alles noch immer nicht und Trautmann entging auch nicht, dass der schmale Leib der Priesterin von gelegentlichem Frösteln erfasst wurde. Sie selbst schien das aber entweder nicht zu bemerken, oder sich nicht daran zu stören. In jedem Fall tapste sie zielstrebig auf ihre Stiefel zu und stieg in sie hinein, während sie ein eigentlich vollkommen überflüssiges „Sicher, wir können los!“ zum Besten gab.

Der Junker runzelte bei ihrem Anblick die Stirn. „Wartet noch einen Moment“, meinte er und musterte ihren schmalen, sichtlich geschwächten Leib abermals. Trautmann streifte sich seinen Umhang von den Schultern und legte ihn auf die der Lichtbringerin. Es war eine ungefragte Berührung, die für Assunta wohl auch überraschend kam – wenn sie sie denn in ihrem gegenwärtigen Zustand überhaupt bemerkte.

Der Gugelforster wusste jedoch aus Erfahrung, dass es sinnlos wäre, sie einzusperren und zu zwingen, abzuwarten, bis ihr Zustand sich gebessert hatte. Deshalb versuchte er, das Beste daraus zu machen und nahm sich vor, sie besonders genau im Auge zu behalten. Er bot der Priesterin den Arm dar, musste sich aber fürs Erste damit abfinden, dass die gar keine Augen für ihn hatte. Tatsächlich schien sie seine fürsorgliche Geste und die damit einhergehende Berührung nur ganz am Rande bemerkt zu haben. Er sah aber, dass sich ein Lächeln auf ihre Züge schlich, als sie die Wärme spürte, die von dem Umhang ausging – oder vielmehr: eigentlich von seinem Körper und nur mittelbar von dem dicken Stoff.

Statt hernach aber zuzugreifen, drehte sie sich einmal um die eigene Achse und ließ den Blick suchend über die Bücher gleiten, die auf dem Boden verstreut lagen. Es dauerte nicht lange, bis sie fand, was sie suchte und danach griff. Es war das Diarium, das erkannte der Trutzer auf den ersten Blick, dazu hätte es ihrer Worte gar nicht bedurft: „Er hat keine Skizze gezeichnet, wohl weil jeder hätte verstehen können. Aber es gibt ... wie gesagt, ein paar Andeutungen. Wir nehmen es einfach mit. Vielleicht hilft es ja.“

Nachdem das gesagt war, schien Assuntas Blick eher zufällig auf Trautmanns Arm zu fallen, der mittlerweile ein bisschen unentschieden in der Luft hing. Irritierenderweise griff sie danach aber immer noch nicht zu, sondern fuhr sich stattdessen mit der freien rechten Hand ordnend über das Haar. Das saß zwar nicht mehr ganz so perfekt, wie es das normalerweise tat, aber immer noch akkurater als bei den meisten anderen Frauen. Vermutlich erinnerte die galante Geste sie noch einmal mit Nachdruck daran, wo sie war, wer sie war und wie sie an diesem Ort eigentlich hätte auftreten sollen. Also hielt sie kurz inne, sah an sich hinab, strich die schwere Tunika glatt, richtete ihren Schal und zog Trautmanns Umhang schließlich enger um ihre Schultern. Danach erst legte sie ihre – eiskalte – Hand auf seine, bedeutete ihm noch, die Laterne mitzunehmen und gab ein leises „Alsdann!“ von sich.

Trautmann wartete, bis sie sich bei ihm eingehakt hatte und meinte dann: „Gehen wir, aber vorsichtig! Und wenn ich das Gefühl bekomme, dass es Euch schlechter geht, werde ich das sofort abbrechen und wir machen morgen weiter.“

Daraufhin warf Assunta ihm einen Blick zu, der halb trotzig, halb herausfordernd wirkte, nickte aber artig und ließ sich anstandslos von ihm zum „Thronsaal“ bringen. Er merkte wohl, dass sie seinen Arm heute etwas besser gebrauchen konnte, als bei der letzten Gelegenheit, bei der er ihr angeboten worden war. Vor allem auf den Treppen stützte sie sich eher darauf, als dass sie sich geleiten ließ. Sobald sie ihr Ziel erreicht hatten, ließ die Lichtbringerin den Junker jedoch los, und schlug das Buch auf. Begann darin zu blättern, während sie leise murmelte:

„Ich bin mir wie gesagt sehr sicher, dass dieser Schlüssel irgendwo in seinem ... nun ja ... Sitzmöbel versteckt gewesen ist. Demnach müsste es irgendeinen Mechanismus geben, um ihn zu öffnen ... oder so. Wenn er kürzlich bewegt wurde, können wir vielleicht irgendwelche Spuren im Staub sehen? Oder vielleicht ist der Boden an einigen Stellen abgewetzt. Vielleicht schauen wir zuerst nach solchen Hinweisen? Dann könnten wir von dort aus weiter sehen.“

Der Junker nickte ihr knapp zu, dann fiel sein Blick auf den massiven steinernen "Thron". Beim Anblick dessen regten sich erstmals leichte Zweifel in ihm. ‚Wie solle man denn hier etwas verstecken?‘, fragte er sich, ging dann jedoch pflichtbewusst dazu über, nach einem Hinweis zu suchen. Trautmann ging um das Möbel herum, dann auf die Knie und suchte den Boden ab. Erst kurz bevor er sich wieder erheben wollte, um sich anderen Bereichen zuzuwenden, bemerkte der Ritter kaum wahrnehmbare Kratzer rechtseitig des steinernen Stuhls. Der Gugelforster ließ seine Finger über die Male im Steinboden gleiten, dann nahm er die Laterne zur Hand und stellte sie neben sich.

„Seht, Euer Gnaden“, etwas lauter als in der herrschenden Stille angebracht gewesen wäre, wies er Assunta auf seinen Fund hin. „Scheint als könne man diesen ... äh ... Thron zur Seite bewegen.“

Die Lichtbringerin trat näher und warf einen prüfenden Blick auf die Stelle, die der Junker ihr wies. Dann sah sie wieder auf das Büchlein in ihren Händen, begann darin zu blättern und ließ ihre Finger über ein paar der Zeilen gleiten, während sie die Augen zusammenkniff und sich ihre Stirn skeptisch wölbte. Schließlich begann sie leise vor sich hinzumurmeln – wieder in fremden Zungen, aber diesmal war die Sprachmelodie eine andere als sonst.

„Ein bisschen mehr Ordnung und Klarheit wären schön gewesen“, meinte sie schließlich leicht genervt. Dann hob sie den Kopf, um ihren Blick suchend über die Decke des Gewölbes gleiten zu lassen, bevor sie ihn wieder auf das richtete, was sie beide der Einfachheit halber „Thron“ nannten.

„Könnt Ihr da irgendwelche praioranischen Ornamente erkennen, Trautmann? Im Sockel vielleicht?“, fragte sie nach einer Weile des angestrengten Nachdenkens.

Da der Gugelforster nun eh schon kniete, kostete es ihn keinen große Mühe die rechte Hand auszustrecken und vorsichtig über den steinernen Sockel zu wischen, um die Ziselierungen freizulegen, über denen gefühlt tausend Schichten Staub lagen. Darunter kamen Intarsien zum Vorschein, die vielleicht einmal golden geglänzt hatten, jetzt aber stumpf und fast schwarz wirkten. Dennoch konnte er unter anderem ein Sonnensymbol erkennen.

„Ja, hier ist etwas“, ließ er Assunta wissen.

„Etwas, das wie ein Greif aussieht vielleicht?“

Nicht an der Stelle, auf die er blickte. Trautmann arbeitete sich weiter und stieß nach der Sonne auf einen Drachen, ehe ihm ein Gedanke kam. Statt weiter zu wischen, griff er nach der Laterne und ging um den Thron herum. Tatsächlich entdeckte er eine Stelle, an der sich der Staub bereit gelichtet hatte – und ein Greif zu sehen war. Sie befand sich an der von der Eingangstür abgewandten Seite. Bei ihren Untersuchungen gestern hatten sie der leider überhaupt keine Beachtung geschenkt.

„Euer Gnaden ... seht ...“, der Junker bedeutete der Lichtbringerin, näher an ihn heran zu treten. „Ein Greif. Und es scheint so, als wäre der Staub hier auch vor Kurzem entfernt worden.“ Kurz hing er seinen Gedanken nach. „Vielleicht von Ihrer Gnaden Greifhild?“

Er maß die Lichtbringerin mit einem interessierten Blick und ließ die Frage salopp im Raum stehen. Trautmann konnte sich nicht vorstellen, dass einer der anderen Burgbewohner sich hier herunter geschlichen hatte, um Steinmöbel zu entstauben. Nein, höchstwahrscheinlich ging die andere Geweihte derselben Spur nach wie nun er und Assunta, was ja naheliegend gewesen wäre.

Während er all das so bei sich dachte, beobachtete der Trutzer das Mienenspiel der kleinen Sichlerin. Sie sah sich das Ganze erst nachdenklich aus der Ferne an. Dann klappte sie das Büchlein zusammen und presste es an ihre Brust, während sie sich leicht vorneigte und die Augen zusammenkniff, um den Greifen genauer zu betrachten.

„Sie hat das Diarium niemals in ihren Händen gehalten, Trautmann“, meinte Assunta schließlich mit zweifelndem Blick. „Woher hätte sie denn wissen sollen, dass es hier etwas zu finden gibt? Und wo sie danach suchen muss?“

Trautmanns wirkte kurz etwas irritiert. Er runzelte die Stirn, dann schüttelte er leicht den Kopf. „Vielleicht gab es noch andere Hinweise?“ Der Junker ließ die Frage offen im Raum stehen und fuhr dann fort. „Sie brachte hier unten sehr viel Zeit zu, ein Vielfaches mehr als ich, und ich denke auch nicht, dass die Dienerschaft oder andere Burgbewohner, die man sonst nur unter Strafandrohung in diese Räumlichkeiten bringt, den Stuhl ... äh ... Thron untersucht haben.“ Der Gugelforster hob ratlos seine Schultern. „Das könnte ja die Spur sein, die wir verfolgen möchten. Vielleicht können wir den Thron zur Seite bewegen?“

„Andere Hinweise … ?“ Assunta griff die Worte des Junkers auf und entglitt ihm dann gedanklich einmal mehr. Ihr Blick ging ins Leere, während sie angestrengt nachzudenken schien. Irgendwann hatte er den Eindruck, dass ihr Zweifel sich in Sorge verwandeln würde, denn die Falten auf ihrer Stirn vertieften sich und  sie hob die linke Hand, um sich mit einer nahezu hilflos wirkenden Geste über die Schläfe zu streichen. Trautmann hatte den Eindruck, dass sie soeben von einer Vermutung beschlichen worden war, die ihr so gar nicht gefiel. Aber sie sagte nichts, sondern seufzte nur leise und trat dann näher an den „Thron“ heran.

Vorsichtig bedeutete sie dem Gugelforster, ihr ein wenig Platz zu machen und ging dann vor dem Sockel in die Knie. „Er hat vom Auge des Greifen geschrieben ...“, murmelte sie, während ihre Fingerspitzen suchend über die Intarsien glitten. „Ich glaube auch nicht, dass es einer von Euren Leuten war, Trautmann“, meinte sie dann vollkommen ansatzlos. „Eher schon hatte ich befürchtet, dass sich jemand unerkannt unter sie gemischt haben könnte. Ein Fremder mit bösen Absichten. Die Vorstellung, eine Schwester im Glauben könnte sich hier bedient haben, ohne Euch in Kenntnis zu setzen oder ihren Fund doch wenigstens bei uns zu melden ...“

Sie ließ das Ende des Satzes offen. Satt weiterzusprechen, legte sie das Diarium beiseite, um auch die rechte Hand frei zu haben und mit Zeige- und Mittelfinger auf besagtes Auge zu drücken. Sie versuchte es drei, vier Mal und erhob sich dann, um Trautmann Platz zu machen. „Ich bin nicht stark genug“, meinte sie dann. „Es sollte sich bewegen lassen. Warum versucht ihr es nicht einmal?“

Er tat wie ihm geheißen und vollbrachte schon im zweiten Anlauf, was sie nicht vermocht hatte: drückte das Auge des Greifen ein, woraufhin der Rest seines Leibes mit einem leisen „Tschack“ aus dem Sockel hervor schnellte. Nur ein paar Finger, aber doch so, dass man ihn greifen konnte. Die Figur hatte den Durchmesser eines etwas zu groß geratenen Handtellers und war mit einer eisernen Lasche im Sockel verankert. Trautmann blickte einen kurz schweigend darauf und griff dann zu. Das Ganze erinnerte ihn an ein Rad und Räder drehte man gemeinhin, also tat er genau das.

Es fiel ihm vergleichswiese leicht, den Greifen in Rotation zu bringen. Kurz darauf knarrte es im inneren des „Throns“ und dann glitt er samt Sockel zur Seite. Nicht sehr weit, nur vielleicht 50 Halbfinger. Gerade so, dass eine Vertiefung im Fundament sichtbar wurde. In der hatte vermutlich geruht, wonach sie suchten. Doch nun war es fort und ihnen gähnte Leere entgegen.

Der Junker konnte seine kindliche Begeisterung für den Mechanismus nicht verhehlen. Es war selten, dass ein Trutzer solcherlei handwerkliche Finesse zu sehen bekam. „Na bitte ...“, kommentierte er die Bewegung des Steinmöbels und wollte damit wohl auch sichergehen, dass die Aufmerksamkeit der Geweihten auf ihm lag. Dennoch sah er sich nach einem ersten Hochgefühl mit einem neuerlichen Problem konfrontiert. „Es ist ... leer ...“, presste er enttäuscht hervor und kurz dachte er daran, was hier wohl zu finden gewesen wäre. „Was auch immer hier verwahrt wurde, es ist nicht mehr da.“ Trautmann wandte sich zu Assunta um und hob ahnungslos die Schultern.

„Nun ja ...“ hob die Lichtbringerin an, vollendete den Satz jedoch fürs Erste nicht, sondern schob sich ebenfalls näher an den „Thron“ heran, um einen neugierigen Blick auf das zu werfen, was in seinem Inneren enthüllt worden war. „Ich nehme an, dass hier der ... Schlüssel verwahrt wurde, von dem Euer Untoter schrieb, als er noch lebte. Welche Form der hat, weiß ich leider auch nicht.“ Sie hielt abermals inne und neigte sich vor, um ihre Fingerspitzen vorsichtig über die Mulde gleiten zu lassen, die in den Sockel eingelassen war. „Ich frage mich, ob ... wer auch immer diesen Schlüssel an sich genommen hat, wirklich so viel besser informiert gewesen sein kann als ich? Ich meine ... was macht er ... oder sie denn jetzt damit?“

Assunta richtete sich auf, wandte sich zu Trautmann um und warf ihm einen Blick zu, der irgendwie anklagend wirkte. „Weiß er, was sich hinter der Tür verbirgt, die mit dem Schlüssel geöffnet werden kann? Wofür es gut ist? Und wenn ja, woher denn, wenn nicht aus den Büchern, die vollkommen unangetastet in Eurem Archiv lagen?“ Sie hob das Diarium, das sie mittlerweile wieder in der linken Hand hielt. „Wohin ist er nach seinem Fund gegangen? Und warum ist er überhaupt gegangen, statt hier nach dem Schloss zu suchen, zu dem dieser Schlüssel gehört? Wusste er ... oder sie, dass ein geweihter Bannstrahler das Artefakt um den Preis seiner Seele weggeschlossen hat – dass es also ziemlich sicher sehr gefährlich ist?“

Trautmann biss sich auf seine Unterlippe. Sein erster Gedanke ging in Richtung Greifhild, doch wollte er Assuntas Glaubensschwester, ihr gegenüber nicht noch einmal verdächtigen. „Es ist für mich schwer vorstellbar, dass es einer von den Menschen in der Burg war“, hob er dann an. „Niemand ist in den letzten Monden verschwunden oder neu dazu gekommen – bei der Anzahl der hier Lebenden ist es auch schwer für Auswärtige, sich unbemerkt einzuschleusen. Ich kenne ja meine Leute. Darüber hinaus bekommen wir nur selten Besuch.“ Der Junker runzelte die Stirn. „Noch dazu wollte niemand von ihnen freiwillig hier herunter kommen. Aber wer weiß ...“, seufzte er, „... vielleicht war es ein zufälliger Fund. Vielleicht wird der Schlüssel nun als Schmuckstück getragen. Wir wissen ja, wie Ihr sagtet, nicht, um was genau es sich dabei handelt. Es könnte wohl alles sein."

Der Gugelforster ging ein paar Schritte auf und ab. Schlussendlich verlor er den Kampf mit sich selbst und sprach das an, worüber er eigentlich schweigen wollte. „Vielleicht hat ihn auch ihre Gnaden gefunden. Vielleicht wusste sie um die Gefahr und hat den Schlüssel aus der Burg gebracht.“

„Ein zufälliger Fund?“, Assunta hatte Trautmann geduldig dabei beobachtet, wie er im Saal auf und ab tigerte, und deutete jetzt mit einer ziemlich beredten Geste auf die kleine Mulde, die sich von außen völlig unsichtbar in einem schweren steinernen Sockel befand, der bis vor wenigen Augenblicken noch massiv und vor allem sehr schwer ausgesehen hatte. So schwer, dass er mit der reinen Muskelkraft eines einzelnen Menschen niemals hätte bewegt werden können. Und der Mechanismus, mit dem er doch geöffnet werden konnte, war gut verborgen. Sehr gut. Ungewöhnlich für eine Ordensburg der Bannstrahler, die mit Heimlichkeit und Versteckspielen gemeinhin bekanntlich nicht viel am Hut hatten. „Das würde ich gern glauben“, meinte die kleine Lichtbringerin, nachdem sie den Anblick einen Moment schweigend auf ihren Gastgeber hatte wirken lassen, „aber ich kann es leider beim besten Willen nicht!“

Als das gesagt war hob sie die Schultern und seufzte leise: „Ich habe verstanden und das ja auch bereits zu erkennen gegeben: Von Euren Leuten war es Eurer Ansicht nach keiner. Ich habe keinen Grund, an dieser Einschätzung zu zweifeln. Und wenn Ihr sagt, dass es hier bis auf Ihre Gnaden keine Gäste gab und dass sich niemand ungesehen hätte einschleusen können ...“, nach den letzte Worten machte sie eine Pause und zog gedanklich von hinnen. Einmal mehr. Trautmann konnte beobachten, wie ihr Mienenspiel einen raschen Wandel durchlief. Sie schien etwas zu erinnern, was alles andere als angenehm war.

Schließlich schüttelte sie unwillig den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung: „Die einfachste Erklärung ist meist die beste. Mir ist wohl bewusst, welche in diesem Fall die einfachste ist. Und wenn ich sage, dass ich es mir nicht vorstellen will, heißt das nicht, dass ich es nicht kann. Oder dass ich es nicht in Betracht ziehen würde, wenn mir keine bessere Erklärung einfällt. Also sagt mir ... was soll ich mit Eurer Vermutung jetzt anfangen? Wenn Ihre Gnaden diejenige ist, die den Schlüssel an sich genommen hat, was gedenkt Ihr dann zu tun? Welche Schritte wollt Ihr als Nächstes unternehmen?“

Insgeheim war der Junker froh, dass es die Lichtbringerin war, die seinen Gedanken zu Ende gesponnen hatte. Er wollte einer Angehörigen der Gemeinschaft des Lichts schließlich nichts unterstellen – nicht, nachdem er Assunta schon einmal dahingehend irritiert hatte. „Die Frage, die sich mir in diesem Fall stellen würde, wäre, ob sie nur den Schlüssel an sich genommen hat, oder auch das, was dieser Schlüssel versperren sollte.“

Er rieb sich das Kinn und blickte noch einmal in die leere Mulde. „Ich bin mir sicher, dass ihre Gnaden ganz und gar im Sinne ihrer Aufgaben als Priesterin und nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat, aber ich sorge mich um ihr Wohlergehen.“ Trautmann hatte gesehen zu was der Bannstrahler geworden war und er wollte sich nicht ausmalen, dass es Greifhild zukünftig genauso erging. „Entweder wir suchen nach ihr, oder wir verlassen uns darauf, dass sie hierher zurück kommt. Mehr Möglichkeiten haben wir nicht.“

„Nun ... Ihr kennt sie persönlich, ich nicht“, stellte Assunta nüchtern fest. „Wenn sie sich Euch gegenüber korrekt verhalten hat und Ihr unter dem Eindruck steht, dass sie ihren Pflichten als Priesterin in aufrechtem Ansinnen nachgekommen ist, werte ich das als gutes Zeichen. Dann stimmt es vielleicht ... hoffentlich, was Ihr sagt, und sie hat den Schlüssel nur an sich genommen, weil sie es für das Beste hielt, um eine Gefahr von Euch und den Euren fernzuhalten.“ Die Miene der Geweihten verriet allerdings Zweifel an dem, was sie gerade sagte. Als befürchte sie, dass die Absichten ihrer Schwester im Glauben eben nicht lauter gewesen sei.

„Allerdings bleibt für mich nach wie vor die Frage offen, warum sie Euch nicht über die Umstände aufgeklärt hat“, meinte Assunta denn auch. „Oder wenigstens Hochwürden darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass er hier einen potenziell gefährlichen Gegenstand gibt, der die Aufmerksamkeit der Kirche erfordert. Versteht Ihr, was ich meine? Es dienen Geweihte in Anderath, die für diese Aufgabe deutlich besser geeigneten wären als Greifhild und darüber hinaus besteht die Pflicht, solche Vorfälle zu melden, allzumal wenn das Wohl Unbescholtener in Gefahr sein könnte.“

Die Sichlerin runzelte die Stirn, hob die Schultern und seufzte schließlich leise. „Was nun Eure Frage betrifft: Seit meiner ... Eingebung gestern bin ich überzeugt davon, dass das, was hier weggesperrt wurde, noch da ist. Es ist nur der Schlüssel verlorengegangen und der allein dürfte wenig ... nun ja ... ich weiß nicht ... .“ Sie richtete den Blick einmal mehr auf den „Thron“. „Ihr denkt, wir sollten davon ausgehen, dass Ihre Gnaden zurückkommt, um das Artefakt zu holen? Dazu müsste sie wissen, dass es überhaupt existiert ... wobei sie ... wenn sie es überhaupt ist ... ja irgendwie auch schon vom Schlüssel erfahren zu haben scheint, also liegt das vielleicht nicht so fern ...“

Nachdem sie diesen leicht verworrenen Bandwurmsatz über die Lippen gebracht hatte, wandte sich Assunta wieder zu Trautmann um und sah ihn fragend an: „Angenommen sie taucht in den kommenden Tagen wirklich wieder hier auf ... wie sieht Euer Plan dann aus? Wollt Ihr sie etwa direkt auf den Schlüssel ansprechen?“

Trautmann sann kurz über die Frage der Geweihten nach. So genau hatte er sich das noch nicht überlegt. Er würde wohl, wie so oft, improvisieren. „Ähm ... ja. Das würde ich wohl so tun. Ich denke, wir sollten unsere Bedenken und Erkenntnisse offen kommunizieren. Sollte ihre Gnaden den Schlüssel nicht verwahrt haben, hat sie vielleicht auch Erkenntnisse gewonnen. Sollte sie keine erworben haben, kann sie uns aber bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen.“

Der Junker schob seine Augenbrauen zusammen und obwohl es für kurze Zeit so schien, als würde er eine Stellungnahme seines Gegenübers abwarten, fuhr dann doch fort: „Also was meint Ihr? Soll ich mich auf die Suche nach ihr machen, oder möchtet Ihr zuwarten?“

„Ich dachte, wir wären uns mittlerweile einig, dass wir sie entweder beide suchen gehen oder beide hier bleiben. Gemeinsam“, entgegnete  Assunta ungewohnt rasch und warf ihrem Gastgeber einen prüfenden Blick zu.

„Darüber hinaus bin ich leider ... auch nicht schlauer als Ihr. Es gibt so viele Variablen, so viele Dinge die unklar sind, dass ich die Situation nicht einschätzen kann. Sollte meine Eingebung von gestern ein Trugbild gewesen sein, liegt das eigentliche Artefakt vielleicht doch anderswo und sie ist gerade auf dem Weg da hin? Sollte sie nicht wissen, dass es ein Artefakt gibt, wollte sie vielleicht einfach nur den Schlüssel und trägt ihn jetzt in ihrem Unwissen ... wie sagtet Ihr? Als Schmuckstück? Sollte das Artefakt hier irgendwo verborgen sein und sie weiß es nicht, gibt es keine Garantie, dass sie je zurückkehrt. Weis sie es hingegen, ergibt sich die Frage: Warum ist sie nicht längst wieder hier? Ist sie vielleicht doch noch nach Anderath gegangen? Oder gleich nach Trallop? Wir wissen nicht, was sie weiß und können ihr Handeln daher nicht vorhersagen.“

Nachdem das gesagt war, starrte die Lichtbringerin einen Moment schweigend ins Leere und hob schließlich sacht die Schultern. „Ich könnte den Herrn Praios um einen Fingerzeig bitten. Oder eine Taube nach Anderath schicken und um Rat von Ihrer Hochwürden bitten. Oder wir lassen uns von unserer Intuition leiten ... was normalerweise nicht meine Art ist ... aber Eure ja vielleicht?“

„Hum ...“, der Junker kratzte sich am Kinn. In seinem Kopf arbeitete es sichtlich. Ja, die Geweihte hatte recht. Es war vereinbart gewesen, dass sie gemeinsam nach Greifhild suchen würden, wenn sie sich überhaupt dazu entschieden. Doch was würde geschehen, wenn sie unterwegs wären und Greifhild währenddessen auf Lichtwacht eintraf? Es gab auf der Burg niemanden, den Trautmann mit der Aufgabe betrauen konnte, in dieser Sache für ihn und Assunta mit ihrer Gnaden zu sprechen. Nein, niemand hier sollte überhaupt eingeweiht werden. Es würde wohl bloß in Chaos enden. Und auch wenn sie nun mit ihrer Suche begannen – wer sagte ihnen, dass Greifhild wirklich dort anzutreffen war, wo er sonst immer Kontakt mit ihr aufgenommen hatte? Vielleicht war sie  wirklich nach Trallop aufgebrochen oder nach Anderath ... Es würde ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben, als hier auszuharren und zu warten.

„Ihr habt recht“, der Gugelforster nickte Assunta zu. „Das hatten wir vereinbart und daran werden wir uns auch halten. Da die Gefahr, dass ihre Gnaden gerade in unserer Abwesenheit hier eintrifft groß ist und wir nicht wirklich sagen können, wo genau sie sich gegenwärtig aufhält, werden wir wohl oder übel hier warten müssen.“ Trautmann wandte sich um und blickte sinnsuchend auf einen dünnen Lichtstrahl, der von oben in den Raum fiel. „Ich vertraue darauf, dass ihre Gnaden hierher zurückkommt und auch das versperrte Artefakt in Sicherheit bringen wird. Ich möchte nicht daran glauben, dass sie den Schlüssel an sich genommen hat, um ihn sich als Schmuckstück um den Hals zu hängen. Sie muss gewusst haben, dass es damit mehr auf sich hat.“ Der Burgherr wandte sich vom Lichtschein ab und fixierte die zierliche Lichtbringerin wieder. „Sie wird wohl bloß Hilfe holen ...“, es war Wunschdenken, dem war er sich bewusst, „... und wenn sie innerhalb eines Mondes nicht zurückkehrt, werden wir nach ihr suchen. Ich werde heute auch einen Boten zu unserem üblichen Treffpunkt schicken, vielleicht haben wir ja Glück.“

„Hmhum“, Assunta sah Trautmann nach seinen Worten einen Moment zweifelnd an. Wahrscheinlich hätte ihre Berufung ihr jetzt geboten, das Wunschdenken zurechtzurücken und ihm eine etwas kritischere Interpretation der Lage gegenüberzustellen. Aber das ließ sie dankenswerterweise bleiben und nickte nach kurzem Zögern einfach nur ergeben. „Es wird sich alles fügen“, meinte sie dann. Daran wiederum schien sie nicht den geringsten Zweifel zu haben.

einen knappen Mond später

Trautmann schritt langsam durch die St. Gilborns-Kapelle von Burg Lichtwacht. Die hier über Jahrhunderte herrschende Stille wurde dieser Tage durch den Klang vereinzelter Hammerschläge und sonstiges geschäftiges Treiben zerrissen. Der Junker nickte anerkennend. Schon recht bald nachdem Assunta die Kapelle als ungefährlich freigegeben hatte, begannen sie damit, diesen Ort in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Er konnte die durch die Anwesenheit der Lichtbringerin entstandene Aufbruchsstimmung und Erleichterung bei den Menschen der Burg förmlich spüren. Es war ein Gefühl der Sicherheit, das Greifhild nie unter sie bringen konnte. Die Lichtwachter waren davon überzeugt, dass sich ihre Seelen in guten Händen befanden und wenn ihre Gnaden meinte, dass ihnen hier in der Kapelle nichts geschehen konnte, würde dies wohl auch so stimmen.

Der Gugelforster schritt an einem Seitenaltar vorbei. Hier stand die beschädigte Statue des Hochheiligen Sankt Gilborn von Punin, dem Ordensheiligen der Bannstrahler und Schutzpatron wider dunkle Magie. Er würde einen kundigen Steinmetz beauftragen müssen und selbst dann war es unsicher, ob dieses einstige Kunstwerk gerettet werden konnte. Trautmann wollte sich gar nicht ausmalen, warum die Statue des Namensgebers dieses einst heiligen Ortes so verunstaltet worden war, doch hing es wahrscheinlich mit dem Fluch zusammen, der auf dieser Burg lag ... oder besser: gelegen hatte.

Der Burgherr war noch in Gedanken versunken, als sein Knappe Bogumil an ihn herantrat. „Herr Trautmann, Ihre Gnaden Greifhild ist eingetroffen. Sie möchte Dich sprechen“, kam es in leisem Ton über dessen Lippen.

Der Junker musste an sich halten, damit ihm die Gesichtszüge nicht entgleisten. Er hatte nicht mehr damit gerechnet, dass die Geweihte vor dem Ablauf der Mondesfrist hierher zurückkam und sah sich schon die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen suchen. Ja, anfangs war er noch zuversichtlich gewesen, doch als sein Bote mit leeren Händen zurückkam, da ihm bei Greifhilds sonstigem Aufenthaltsort versichert worden war, dass sie sich dort nun schon länger nicht hatte blicken lassen, schwand seine Hoffnung auf ein Widersehen mehr und mehr. Trautmanns Nachricht wurde einer Vertrauensperson vor Ort übergeben, doch wusste der Ritter nicht, ob und wann das Schriftstück Greifhild erreichen würde.

„Begrüße sie in meinem Namen, gib ihr zu essen und zu trinken. Ich stoße gleich zu ihr“, wies er seinen Knappen nach einem Momenten des Schweigens an. „Ach ja, und schicke nach Ihrer Gnaden Assunta. Sie soll dabei sein.“ In der Nachricht, die sein Bote bei sich trug, hatte Trautmann nicht erwähnt, dass mit der Sichelwachterin hier nun eine weitere Geweihte zugegen war. Seine „Intuition“ riet ihm, dies zu lassen. Demnach dürfte die Reaktion der Trutzerin auf ihre Glaubensschwester schon einiges über ihre Absichten verraten.

 



Trautmann hatte sich beeilt. Als er in das Speisezimmer im ersten Geschoss seines Wohnturmes trat, konnte er Greifhild sogleich ausmachen – sie saß mit dem Rücken zu ihm am Tisch. Allem Anschein nach hatte er es auch geschafft, vor Assunta einzutreffen, was ihn erleichterte und in der gegenwärtigen Situation wohl ein Vorteil war. Mit etwas mehr Abstand als sonst, aber einem neugierigen Lächeln auf den Lippen, umrundete er den Tisch und näherte sich seinem Gast dann von vorn. Greifhilds Ornat war staubig und es wirkte ganz so, als wäre sie längere Zeit unterwegs gewesen. Auch das sonst eher ansehnliche Gesicht der Geweihten wirkte ausgezehrt, die Wangen eingefallen und dunkle Ringe zeigten sich unter ihren blauen Augen. Greifhilds Auffassungsgabe war durch ihren gegenwärtigen Zustand offenbar  beschränkt, schien sie ihn doch gar nicht zu bemerken und bloß durch ihn hindurch zu starren.

„Euer Gnaden, was für eine freudige Überraschung“, grüßte Trautmann sie vorsichtig. „Habt Ihr meine Nachricht bekommen?“

Von einem auf den anderen Herzschlag schien alle Lethargie von der Geweihten abzufallen. „Trautmann ...“, sagte sie mit belegter Stimme, räusperte sich und fuhr dann klar und kraftvoll fort, „Praios zum Gruße! Nachricht? Nein, habe ich nicht. Die ... Pflicht ... führt mich her.“

Bevor der Gugelforster fragen konnte, was genau Greifhild damit meinte, erschien Assunta hinter ihr in der Tür. Er bemerkte es, seine lange herbeigesehnte Besucherin aber nicht, denn sie saß ja mit dem Rücken zum Eingang. So hatte Trautmann den Vorteil, einen kurzen Blick mit der zweiten Geweihten wechseln zu können und zu bemerken, dass ihre Miene recht angespannt wirkte. Sie betrachtete die Aufmachung ihrer Glaubensschwester genauso aufmerksam wie er kurz zuvor, schien sich anders als er aber nicht dazu durchringen zu können, den Raum zu betreten und sich ins Sichtfeld Greifhilds zu begeben.

Erst als Trautmann ihr mit einer auffordernden Geste bedeutete, an seine Seite zu kommen, setzte sich die Sichlerin in Bewegung. Sie machte allerdings keine Anstalten, zu grüßen oder sich vorzustellen, sondern nickte Greifhild  nur freundlich lächelnd zu und wartete darauf, dass der Gastgeber diese Aufgabe übernahm.

Beinahe versäumte der Junker seinen Einsatz, versuchte er doch aus dem Mienenspiel Greifhilds eine Reaktion auf das Erscheinen Assuntas hinaus zu lesen. So sollte es einen kleinen Moment lang dauern, bis er den Wink verstand und der Etikette genüge tat. „Greifhild, ich darf Euch Ihre Gnaden Assunta von Auraleth vorstellen“, Trautmann wartete eine Reaktion der Trutzerin ab, die sich in einem sichtlich gequälten Lächeln und einem reservierten Kopfnicken manifestierte, bevor er dann fortfuhr. „Sie wurde mir von Hochwürden Heliopais von Anderath zur Seite gestellt und hilft ... uns ... von nun an hier bei der Säuberung der Kapelle und sonstiger Räumlichkeiten."

Greifhild versuchte äußerlich die Ruhe zu bewahren, doch fiel es ihr schwer, ihre gegenwärtige Verunsicherung zu verhehlen. Die Trutzer Geweihte musterte Assunta einige Augenblicke lang, während sie nervös an der Kordel ihres Ornats spielte. „Praios zum Gruße, Schwester“, grüßte sie dann verlegen.

Assunta erwiderte den Blick ihrer Glaubensschwester, ohne mit einer Wimper zu zucken, allerdings wirkte sie dabei nicht unfreundlich, sondern vielmehr vorsichtig interessiert. Als Greifhild sie schließlich grüßte, lächelte die Sichlerin sogar und machte einen Schritt auf sie zu, um ihr die Hand zu Gruß zu reichen. Darüber, dass die Trutzerin einen Augenblick zögerte, bevor sie zugriff, ging die jüngere der beiden völlig ungerührt hinweg und legte die linke Hand auf Greifhilds rechte, nachdem sie zugegriffen hatte. „Es freut mich, Euch kennenzulernen“, meinte sie dann in durchaus verbindlichem Tonfall.

„Wir waren uns schon nicht mehr sicher, ob Ihr noch einmal hierher kommt. Herr Trautmann sagt,  Ihr habt ihn länger ohne Nachricht gelassen, als er es gewohnt ist. Umso mehr erleichtert es ihn vermutlich, Euch jetzt hier zu sehen.“ Assunta machte eine kurze Pause, in der sie Greifhilds Hand wieder frei gab und einen Schritt zurück trat. Dann blickte sie Trautmann kurz an und fuhr ungerührt fort: „Ihr sagt, die Pflicht ruft Euch hierher?! Gibt es eine konkrete Aufgabe, um die Ihr Euch kümmern wollt und mit der ich Euch vielleicht helfen kann? Oder meint Ihr ganz abstrakt den Zustand dieses ... Gemäuers?“

Greifhild war alarmiert. Sie hatte in den letzten Jahren nicht viel Kontakt zu ihren Brüdern und Schwestern in der Gemeinschaft des Lichts gehabt. Und das bisschen Kontakt, das sie hatte, war nie besonders angenehm oder gar auf Augenhöhe gewesen. Herablassend wurde sie stets behandelt, aus Gründen, die für sie nicht nachvollziehbar waren. Deshalb würde sie nun einen Gehörnten tun und sich ihrem Gegenüber gänzlich öffnen. Der Blick der älteren der beiden Geweihten ging hinüber zum Junker. Trautmann nickte ihr aufmunternd zu, dann fixierte sie wieder Assunta.

„Genauso ist es. Diese Gemäuer brauchen die kundige Hand einer Dienerin des Götterfürsten ...“, Greifhild schob ihre Augenbrauen zusammen. Sie versuchte abzutasten, was ihre Glaubensschwester wusste und ob sie für ihr Vorhaben eine Gefahr darstellen würde. „Ich konnte nicht wissen, dass Seine Wohlgeboren Euch hinzugezogen hat. Wie lange seid Ihr denn schon auf der Burg? Habt Ihr Euch mit der Geschichte und dem Problem dieser Gemäuer auseinandergesetzt? Vielleicht können wir uns gegenseitig auf den letzten Stand bringen.“

„Sicher, das sollten wir: einander auf den letzten Stand bringen“, meinte Assunta – weiterhin freundlich lächelnd. Sie nahm die Schroffheit ihrer Glaubensschwester klaglos hin und warf Trautmann dann ebenfalls einen fragenden Blick zu. Erst auf dessen Nicken hin trat sie gemeinsam mit ihm an die Tafel heran und sie nahmen gegenüber von Greifhild Platz.

„Ich bin noch keinen ganzen Mond hier“, hob sie hernach ohne Umschweife an. „Mir ist also noch nicht so viel Zeit mit diesem Gemäuer vergönnt gewesen wie Euch. Daher würde ich vorschlagen, dass Ihr den Anfang macht – und ich anschließend ergänze, falls es überhaupt etwas zu ergänzen geben sollte. Was könnt Ihr mir über die Geschichte und das ... Problem sagen?“

„Nun denn ...“, Greifhild wartete, bis Assunta sich gesetzt hatte. „Seine Wohlgeboren wurde vor einigen Götterläufen, ich glaube es war Ende 1039 nach Bosparans Fall ...“, sie stoppte, blickte auf Trautmann und fuhr nach dessen bestätigenden Nicken fort, „... mit dieser Burg hier belehnt. Wie Ihr wahrscheinlich schon wisst, war dies einst eine Bastion des Ordens vom Bannstrahl und wurde während der Zeit der Herzogenwahrer als ‚Giftschrank‘ genutzt. Der letzte Burgherr war ein gewisser Praiodan von Kuslik, der allem Anschein nach einen Fluch auf sich geladen hatte, denn als seine Wohlgeboren und seine Begleiter die Gemäuer betraten stellte sich eben jener Burgherr ihnen entgegen.“

Die Trutzerin blickte sich einige Momente lang um, als würde sie etwas suchen, fixierte dann aber wieder ihr Gegenüber und fuhr schmal lächelnd fort. „Die Frage, die mich beinahe ein Jahr lang beschäftigt hat war: warum? Wie konnte ein hoher Würdenträger unseres Herrn zum untoten Wächter über diese Gemäuer werden?“ Greifhild hob ihre Augenbrauen, wartete jedoch keine Antwort ab. „Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, wie es passieren konnte, aber ich denke, er hat gefrevelt, eben irgendeine Schuld auf sich geladen und ist dann dem Bösen anheimgefallen.“ Die Geweihte sah, dass Assunta etwas erwidern wollte, doch winkte sie ab: „Der Boden der Kapelle war jedenfalls, das könnt Ihr ja bestimmt auch fühlen, entweiht.“

Greifhilds Blick ging für einige Herzschläge zwischen Trautmann und der Sichlerin hin und her, ehe sie fortfuhr: „Bleibt die Frage, warum die Bannstrahler nach dem Fall des Priesterkaiserreichs überhaupt noch hier waren. Der Orden wurde damals ja aufgelöst. Nun, ich würde sagen, er war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden und ist einfach auf Lichtwacht geblieben, um seinen Dienst weiter zu versehen, statt die Burg aufzugeben oder in die Obhut nicht ordensangehöriger Praioraner zu übergeben. Ich denke, einer der Gründe dafür muss etwas  innerhalb dieser Mauern gewesen sein. Deshalb begann ich auch damit, die hier verwahrten Artefakte und Schriften zu katalogisieren.“

Nachdem das gesagt war, wartete Assunta noch einen Moment – als sei sich nicht sicher, ob dies nun das Ende der Rede ihrer Glaubensschwester darstellen sollte, oder ob noch etwas folgen würde. „Das deckt sich weitgehend mit meinen Beobachtungen“, meinte sie dann. „Allerdings nehme ich an, dass Ihr bei der Frage, nach was genau wir eigentlich suchen müssen, schon wesentlich weiter seid als ich? Schließlich habt Ihr etwa einen Götterlauf Vorsprung?!“

Sie hob fragend die Brauen und machte direkt noch ein neues Fass auf, als Greifhild nicht sofort antwortete: „Etwa ein Götterlauf ist in diesem Fall übrigens auch ein gutes Stichwort für mich, Schwester. Ich frage mich – und noch viel mehr als ich fragt sich Hochwürden Heliopais –, wie es sein kann, dass Ihr Anderath in all der Zeit nicht über die Existenz dieser Burg unterrichtet habt. Und darüber, welche Erkenntnisse Ihr seit Beginn Eurer Nachforschungen hier gewonnen habt. Sicher gibt es dafür eine nachvollziehbare Erklärung?“

Kurz schien es Assunta, als huschte ein Anflug an Empörung über das Antlitz der Trutzerin, doch schaffte diese es schnell, ihre entgleisten Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bringen. „Mit Verlaub, Euer Gnaden“, hob sie dann in ruhigem Ton an, „aber ich habe diese Gemäuer mitnichten in jenem Zustand vorgefunden, der sich Euch vor einem Mond geboten hat.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Nein, einen guten Teil meiner Zeit auf Lichtwacht habe ich damit zugebracht, mir einen Überblick zu verschaffen und wenigstens ein bisschen Ordnung und Struktur hier herein zu bringen.“

Greifhild griff nach ihrem Holzbecher, doch sollte sie diesen nicht an ihre Lippen führen. Vielmehr schien es ihrem Gegenüber, als benötigte sie gegenwärtig lediglich etwas, woran sie sich festhalten konnte. „Aber um auf Eure Fragen zurückzukommen: Ich weiß, dass aus diesen Mauern keine direkte Gefahr für die Menschen hier hervorgeht und ich weiß, dass der Ursprung des ... hm ... der Geschehnisse rund um die vormalige Burgbesatzung immer noch hier in der Koschbasaltkammer sein muss. Womöglich ist er orkischen Ursprungs, was hier in Weiden ja auch nichts Außergewöhnliches wäre.“ Nun nahm die Lichtbringerin erstmals einen Schluck aus dem Becher, wohl auch, um Zeit zu gewinnen sich die kommenden Worte zurechtzulegen.

„Die Existenz der Burg war Trallop bekannt. Dass dies sich nicht nach Anderath herumgesprochen hat, war nicht mein Versäumnis. Und was meine Meldung angeht: Die wäre dann hinausgegangen, wenn ich die Situation zur Gänze richtig einschätzen hätte können. Wichtig war im ersten Schritt, dass für die Menschen hier keine Gefahr besteht und das konnte ich sehr schnell ausschließen.“

„Die Existenz der Burg, Euer Gnaden, die Existenz und mehr nicht“, meinte Assunta. Im Gegensatz zu ihrer Glaubensschwester wirkte sie nach wie vor gelassen – fast zu gelassen, wenn man bedachte, dass diese die Geschehnisse der vergangenen Götterläufe gerade auf sehr eigenwillige Art auslegte und so etwas eigentlich überhaupt nicht im Sinne des Herrn der Wahrheit war. „Die Kunde, dass die Burg von Untoten bewacht wurde, dass es hier in der Vergangenheit offenbar einen schweren Frevel gab und einige potenziell gefährliche Artefakte in der Giftkammer ruhen, weil  sie nach der Priesterkaiserzeit nicht in Sicherheit gebracht wurden, hat weder Trallop noch Anderath erreicht. Ich denke, wir müssen keine Diskussion darüber führen, ob es Eure Pflicht gewesen wäre, die Gemeinschaft des Licht darüber zu informieren?!“

Die Sichlerin hob die Brauen, derweil sich ihr mit einem Mal erstaunlich scharfer Blick in den Greifhilds bohrte. „Gleich wie: Dafür müsst Ihr Euch nicht vor mir verantworten, sondern vor Hochwürden. Begreift Euch hiermit als zum Gespräch einbestellt. Frau Heliopais erwartet, dass Ihr nach Anderath aufbrecht, sobald die Situation hier in Lichtwacht aufgelöst ist.“ Nachdem das gesagt war, hielt Assunta kurz inne und ihr Blick wurde wieder etwas freundlicher. „Nach allem, was Ihr gerade gesagt habt, scheint Ihr der Meinung zu sein, dass Ihr das ganz allein schafft? Die Situation bereinigen, meine ich. Oder sie doch zumindest so weit zu erforschen, dass Ihr denjenigen, die das vermögen, qualifizierte Ratschläge erteilen könnt? Dann empfindet Ihr meine Anwesenheit wohl eher als störend denn als hilfreich?“

Greifhild war derlei Übergriffigkeiten gewöhnt, vor allem von ihren Brüdern und Schwestern aus der Gemeinschaft des Lichts. Warum sollte es sich bei dieser Assunta anders verhalten? Dennoch beschloss sie ruhig zu bleiben.

„Ich weiß nicht genau wo Ihr Euren Heimattempel habt. Ihr wurdet wohl zu Auraleth ausgebildet, oder Anderath ... wir sind hier in der Heldentrutz. Hier gibt es keinen Tempel, der örtliche Adel und sonstige Würdenträger kennen unsere Gemeinschaft wohl nur vom Hörensagen, ja, nicht einmal Angehörige der Gemeinschaft des Lichts werdet Ihr hier finden.“ Die Trutzerin lehnte sich überraschend entspannt in ihrem Stuhl zurück. Allem Anschein nach begab sie sich nun auf Terrain, das ihr lag.

„Anderath hat über Jahre keinerlei Interesse an meinen Aufgaben hier oder der Grafschaft im Allgemeinen gezeigt ... ja, vielmehr wurde ich behandelt wie eine Aussätzige und die Trutz wie verlorenes Land. Bevor also über meine Person als einzige Dienerin unseres Herrn in diesen Landen gerichtet wird, sollte man vielleicht auch die Rolle unserer Kirche in diesen Breiten überdenken. Gerade wenn man bedenkt, dass nur wenige Meilen gen Praios die Mark Greifenfurt liegt, wo dem Herrn jener Respekt und jene Anerkennung angediehen wird, die er verdient.“

Die unverhohlene Kritik an der Hochgeweihten von Anderath im Speziellen und der Weidener Kirche des Götterfürsten im Allgemeinen, beschwor bei Assuntas zum ersten Mal eine deutliche Reaktion herauf: Trautmann sah, wie sich ihre Augen ungläubig weiteten – nicht zuletzt, weil sie sich ihm zuwandte, um ihn mit einem raschen, irgendwie besorgten Blick zu bedenken. Er hatte das Gefühl, sie wünschte, dass er sich just in diesem Moment nicht im Gemeinschaftsraum seines Wohnturms aufhalten würde.  Oder vielmehr: Dass er nicht mitbekommen hätte, was da gerade gesagt worden war. Dann wandte sie sich auch schon wieder von ihm ab und hob zu einer Antwort an, doch Greifhild kam ihr zuvor.

Die Trutzerin machte eine wegwerfende Handbewegung, um dieses Thema vom Tisch zu vertreiben. „Dennoch kenne ich meine Pflichten und wie ich es Euch gerade gesagt habe, wäre ich diesen nachgekommen, sobald es mir möglich gewesen wäre. Ich bin hier nicht in der Situation, jemand anderen schicken zu können. Auch meine jetzige Abwesenheit war nur deshalb möglich, weil ich die Situation richtig einschätzen konnte. Und was Eure Anwesenheit hier betrifft – zwei Diener des Praios können mehr erreichen als eine.“

„Mit Verlaub, Euer Gnaden“, wiederholte Assunta die Worte, die Ihre Glaubensschwester vor wenigen Momenten erst sehr gönnerhaft zu ihr gesagt hatte, und klang dabei schon wieder sehr gefasst. „Denkt Ihr wirklich, dass Ihr in der Lage seid, die Situation richtig einzuschätzen? Meint Ihr, dass Ihr als einfache Dienerin des Götterfürsten, die keine höheren Weihen empfangen hat und der das tiefere Wissen daher fehlt, zutreffend beurteilen könnt, womit wir es hier zu tun haben? Wie man am besten damit umgehen sollte? Ich persönliche wäre nicht so vermessen, mir das zuzutrauen. Mir wäre am Rat gescheiterer Priester gelegen. Aber vielleicht schätze ich Eure Fähigkeiten ja falsch ein? Oder es mangelt mir schlicht an Erfahrung?“

Die Sichlerin sah, dass sich Widerspruch in ihrem Gegenüber regte, ließ sich davon aber nicht  beeindrucken, sondern kopierte sie einfach noch mal, indem sie eine wegwerfende Handbewegung machte, als wolle sie dieses Thema vom Tisch vertreiben.

„Ihr braucht mich nicht darüber zu belehren, wie es ist, in einer Gegend zu leben, in der der Glaube an unseren Herrn schwach ist und in der es weit und breit niemanden gibt, der von seinen Lehren hören will“, meinte sie dann und musterte ihr Gegenüber aufmerksam, aber nicht feindselig. „Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich weiß, wie bitter man darüber werden kann. Allerdings sollte das nicht als Vorwand genutzt werden, die Hierarchie in unserer Kirche zu vergessen. Zu vergessen, wem man Gehorsam und Treue schuldet. Wie jeder von uns seid Ihr einem Tempel zugeordnet, Greifhild. Ich kenne dessen Vorsteherin und weiß daher, dass das, was Ihr behauptet, nicht der Wahrheit entspricht. Hochwürden Heliopais hat die Heldentrutz nie verloren gegeben. Allerdings hat sie in Euch keine gute Mitstreiterin für ihre Sache gefunden, denn Ihr bevorzugt es, Euch der Gemeinschaft des Lichts zu entziehen und Eure eigenen Wege zu gehen.“

Assunta hielt inne, um abermals einen zweifelnden Blick auf Trautmann zu werfen. Er kannte sie mittlerweile gut genug, um zu begreifen, dass sie sich mit der Situation nicht wohl fühlte. Ein derart brisantes Gespräch hätte sie lieber vertraulich geführt, aber nachdem Greifhild vor seinen Augen und Ohren auf Anderath gefeuert hatte, wollte sie es wohl auch vor ihm verteidigen.

„Niemand möchte Euch wie eine Aussätzige behandeln, Euer Gnaden, aber wenn Ihr Eure eigenen Regeln macht und danach lebt, bleibt Anderath nichts anderes übrig, als Euch zur Ordnung zu rufen“, sagte sie schließlich mit verbindlicher Stimme. „Diese Sache hier ... Lichtwacht, der Fluch, die Giftkammer – das ist ein mustergültiges Beispiel dafür, wo Ihr fehlzugehen neigt, weil Ihr Euch lieber außerhalb der Gemeinschaft haltet und ihre Konventionen nicht respektiert. Es wäre Eure Pflicht gewesen, Rücksprache zu halten. Ihr habt es nicht getan und die Bewohner dieses Fleckens damit nicht nur in Verlegenheit, sondern auch in Gefahr gebracht. Punctum!“

Das letzte Wort betonte Assunta auf eine Art und Weise, die keine Widerrede duldete. Ob sich das nur auf das Gespräch in Trautmanns Gegenwart bezog oder generell gelten sollte, blieb offen. Sie atmete tief durch und schüttelte den Kopf nahezu unmerklich, bevor sie das Wort noch einmal erhob: „Ihr seid zurückgekehrt, Euer Gnaden. Also nehme ich an, dass Ihr einen Plan habt, den Ihr umzusetzen gedenkt. Vielleicht weiht Ihr uns ein, damit wir Euch assistieren können?!“

Greifhild ließ die Rede ihrer Glaubensschwester stoisch über sich ergehen. Konnte man zuvor noch die eine oder andere Regung aus ihrem Gesicht lesen, so wirkte sie nun einer Statue gleich. Einzig ihre Rechte ging hoch zu ihrer Halskette und nestelte dort an einem schönen Anhänger herum, den Assunta erst jetzt bemerkte. Währenddessen ging der Blick des Junkers zwischen den beiden Lichtbringerinnen hin und her. Die Situation war ihm im höchsten Maßen unangenehm und er fiel sich fast schon dazu genötigt, beruhigende Worte auszusprechen, um die Spannung vom Tisch zu nehmen, doch sollte ihm die Trutzer Geweihte zuvor kommen.

„Ich kenne meine Pflichten als Priesterin und als Mitglied in der Gemeinschaft des Lichts, Euer Gnaden“, ihre Stimme klang ungerührt. „Ich bin aber auch den Menschen verpflichtet und wollte die Burg hier nicht für Monde verlassen, bevor ich sicher war, dass die Menschen nicht in Gefahr sind.“ Ihr Blick ging zu Trautmann, lag einige Momente auf ihm und schweifte dann zurück auf Assunta. „Wie hättet Ihr gehandelt? Die Alternative wäre gewesen, alle Menschen von hier fort zu schaffen und den Aufbau, den sie gerade dabei waren zu beginnen, wieder zu Grabe zu tragen. Die Burg hätte von der hiesigen Baronin nie neu vergeben werden dürfen.“

Greifhild hob fragend ihre Augenbrauen, doch als sie den Blick Assuntas suchte, fand sie ihn nicht, denn die hatte sich erneut Trautmann zugewandt. Es stand eine Frage in ihren Augen, die sie allerdings nicht aussprechen konnte, wenn sie ihre Glaubensschwester nicht tödlich beleidigen wollte. Der Gugelforster konnte sich schon denken, worauf sie abzielte: Darauf, dass er ihr erzählt hatte, dass Greifhild die Burg in den vergangenen zwei Jahren immer wieder für lange Zeit – Wochen, manchmal auch Monde – verließ und später erst gänzlich unangekündigt wieder auftauchte. Das passte nicht zu dem, was sie jetzt behauptete. Er war sich aber nicht sicher, ob er darauf wirklich hinweisen sollte, oder ob das die Situation nicht noch schlimmer gemacht hätte. Glücklicherweise nahm Greifhild ihm die Entscheidung ab, indem sie die Stimme wieder erhob.

„Ob ich der Meinung bin, dass ich in der Lage wäre oder ob ich meine Kompetenzen überschritten habe? Das ist möglich, aber ich war die beste Wahl, die die Menschen hier auf die Schnelle hatten. Dafür trage ich auch gerne die Verantwortung.“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Becher und machte eine wedelnde Handbewegung. „Was meine gegenwärtige Rückkehr angeht – ja, ich denke, ich bin dem Urheber des Fluchs auf der Spur.“ Wieder führte sie ihre Hand an den Anhänger der Kette. „Nennt es einen Fingerzeig des Herrn, aber ich denke, ich weiß wie wir an das Übel herankommen.“

Assunta verfolgte die Geste der Trutzerin zwar aufmerksam, ließ sich aber dazu nicht aus, sondern konzentrierte sich erst einmal auf die Frage, die an sie gerichtet worden war. „Wenn mir das Mittel der Göttlichen Verständigung nicht zur Verfügung gestanden hätte, Schwester“, hob sie an, „dann hätte ich Herrn Trautmann oder einen seiner verlässlichsten Diener nach Anderath geschickt, um die Bitte nach Unterstützung zu überbringen. Und ich bin sicher, dass ich welche erhalten hätte. Innerhalb kürzester Zeit. Auf keinen Fall hätte ich die Menschen hier auf der Burg allein gelassen, aber das hätte mich nicht davon abgehalten, die Gemeinschaft des Lichts zu informieren.“

Nachdem das gesagt war, hielt sie einen Moment inne und musterte Greifhild stumm. Ihr Blick glitt über das ausgezehrte Gesicht der älteren Frau, deren schwielige Hand und schließlich über das Amulett, von dem sie nicht lassen konnte. „Wie?“, meinte sie dann leise. „Wie kommen wir an das Übel heran und um was für ein Übel handelt es sich überhaupt?“

Greifhild überging die Aussagen ihres Gegenübers hinsichtlich ihrer Versäumnisse und beantwortete stattdessen lediglich die zuletzt gestellte Frage. Ein seltsamer Glanz bemächtigte sich der Augen der Trutzer Lichtbringerin und es schien, als spräche mit einem Mal ein gewisses Maß an Vorfreude und Begeisterung aus ihr:

„Wie bereits gesagt hat die Quelle wohl einen orkischen Ursprung und ich habe durch eine Eingebung erfahren, dass der Burgherr sie so verwahrt hat, dass nur ein Geweihter des Götterfürsten Zugriff dazu haben kann.“ Ihr aufgeregter Blick ging hinüber zu Trautmann. „Es dürfte gewissermaßen mit einem karmalen Schlüssel versperrt worden sein. Das ist ein Anhaltspunkt, mit dem ich ... wir ... arbeiten können. Das schließt meiner Meinung nach schon so einiges aus.“

Dass Greifhild sich von ihr abgewandt hatte und stattdessen zu Trautmann sprach, schien Assunta für eine deutliche Botschaft zu halten: Sie war fürs Erste abgemeldet. Statt sich wieder in das Gespräch hinein zu drängen, legte sie die Hände demonstrativ in den Schoß und lehnte sich ein wenig zurück. Sie lauschte den Worten ihrer Glaubensschwester zwar und beobachtete deren Mienenspiel, machte jedoch keine Anstalten, etwas zu sagen.

Auch der Junker bemerkte das Verhalten der Trutzerin, hielt sich in diesem Zusammenhang aber für die falsche Ansprechperson. Deshalb löste er seinen Blick von Greifhild und sah hinüber zu Assunta. „Was haltet Ihr davon, Euer Gnaden?“ Die Lichtbringerin schien sich nicht daran zu stören und wandte sich ebenso mit fragendem Gesichtsausdruck ihrer Glaubensschwester zu.

Assunta hob die Brauen, als sich die Blicke beider Trutzer an sie hefteten und deutete dann ein Schulterzucken an. „Wie sehen denn die nächsten Schritte aus, Euer Gnaden? Wie gedenkt Ihr an das Artefakt zu gelangen? Habt ihr einen konkreten Plan?“

Greifhild leckte sich über die Lippen. „Da ich nicht genau weiß, was es ist, bleiben uns nur das Ausschlussverfahren in Form vom Durchackern der dürftigen Bestandslisten und die Suche im Giftschrank. Allzu viele karmal eingeschlossene orkische Exponate wird es hoffentlich nicht geben.“ Ihr Blick ging ein paar Momente zwischen Trautmann und Assunta hin und her. „Mit vereinten Kräften werden wir es bald herausgefunden haben, meine ich.“

„Ich habe die Bestandsliste bereits durchgeackert und mit den Artefakten in der Giftkammer abgeglichen, Schwester. Dasjenige, nach dem ihr sucht, scheint mir nicht dabei gewesen zu sein. Denn nichts war noch einmal extra verschlossen, aber genau das ist es ja, wonach wir suchen, nicht wahr? Einen Gegenstand, der so gefährlich war, dass er vom Bannstrahl besonders gesichert wurde“, meinte Assunta. „Ich habe auch das Diarium von Herrn Praiodan gelesen und was darin steht, empfinde ich als überaus besorgniserregend. Er nennt das Übel nicht beim Namen und ich denke wir wissen beide, was der Grund dafür ist. Dennoch will mit scheinen, dass es sein Herz über die Jahre mit Furcht erfüllt oder ihn doch zumindest beunruhigt hat ... und seinen Geist zerrüttet. Auch deshalb frage ich mich, ob wir die Richtigen sind, um den Gegenstand zu sichern? Aber Ihr scheint da keine Bedenken zu haben?“

Der Blick der Sichlerin ruhte auf dem Antlitz ihrer Glaubensschwester, das zwar nachdenklich aber immer noch sehr entschlossen wirkte. Greifhilds Hand ging einmal mehr zu dem Schmuckstück, das sie um den Hals trug – und diesmal stellte Assunta die Frage, die sie wohl schon länger umtrieb: „Was ist das für ein Amulett, das Ihr da habt, Euer Gnaden?“

Einem inneren Instinkt folgend, bedeckte Greifhild das Schmuckstück an ihrem Hals mit ihrer Rechten. „Der Herr ist mit mir“, antwortete sie dann mit fester Stimme. „Ich habe Respekt vor der Situation, aber ich bin nicht beunruhigt.“ Es huschte ein Lächeln über ihre Lippen und ihre Augen nahmen einen seltsamen Glanz an. „Dieses Amulett war ein Fundstück, das mir zur Verwahrung überantwortet wurde“, dem fragenden Blick Assuntas begegnete sie mit einer abwehrenden Handbewegung. „Es wird ein Teil dessen sein, was wir benötigen, um an unser Ziel zu gelangen. So deute ich zumindest die Vision, die sich mir in den letzten Monden wiederholt offenbart hat.“

„Ich verstehe“, murmelte Assunta und schwieg danach einen Moment. Von der Seite konnte Trautmann sehen, wie ihre Kiefermuskeln arbeiteten, wohl weil sie die Zähne fest zusammenbiss, um nicht das zu sagen, was Ihr dazu als Erstes einfiel.

„Ich verstehe, was Ihr damit sagen wollt“, meinte sie dann. „Aber Ihr werdet sicher auch verstehen, dass ich es dabei nicht belassen kann, Schwester. Ich muss die Situation halbwegs sicher einschätzen können und bloße Andeutungen von Euch versetzen mich nicht in die Lage dazu. Daher sagt mir bitte: Wo habt Ihr dieses Stück gefunden? Wer hat es Euch überantwortet? Welche Rolle soll es spielen? Und: Was für eine Vision ist das, von der Ihr da sprecht?“

Greifhild schob kurz ihre Augenbrauen zusammen, wodurch ein säuerlicher, beinahe ärgerlich zu nennender Gesichtsausdruck entstand. „Sankt Gilborn“, stellte sie knapp in den Raum, „Er sprach zu mir und wies mich an, das Amulett an mich zu nehmen.“ Die Geweihte blickte an ihrer Brust herab und strich mit ihrer Rechten über die fein gearbeiteten Züge des Anhängers. „Seit ich es trage, höre ich seine Stimme. Es ist ein erhebendes Gefühl, Schwester.“ Der Ausdruck des Ärgers wich einem seltsamen fiebrigen Glanz in ihren Augen. „Der Herr ist auf meiner Seite, Ihr braucht nicht zu zweifeln.“

„Wann hat Sankt Gilborn das erste Mal zu Euch gesprochen und was sagt er?“, hakte Assunta nach, ohne eine Miene zu verziehen.“

„Das erste Mal ...“, wiederholte Greifhild sinnend, „... als ich diesen Anhänger gefunden hatte. Ich war gerade dabei, die Exponate zu katalogisieren und saß dafür unter dem Abbild des Heiligen in der Kapelle.“ Abermals strich sie über das kunstvolle Objekt, das um ihren schmalen Hals hing. „Er meinte, dass ich keine Furcht haben sollte, in diesen Mauern jedoch etwas sei, das entfernt gehöre um Praios Macht über diesen Ort wieder in vollem Glanz erstrahlen zu lassen. Seitdem sprach er öfters zu mir. Inzwischen weiß ich, dass es ein orkisches Artefakt sein soll, das noch einmal zusätzlich mit Praios Macht verschlossen, aber vor sehr langer Zeit vergessen wurde. Es muss vernichtet werden, meint Sankt Gilborn. Ich wollte es bergen und dem Orden des Bannstrahls übergeben. Zu Greifenfurt oder Anderath.“

„Hum.“ Das war erst einmal alles, was Assunta zu den Worten ihrer Glaubensschwester sagte. Danach starrte sie eine Weile nachdenklich ins Leere. Sie schien einige schwere Gedanken zu wälzen, denn auf ihre Stirn bildeten sich tiefe Falten und die Kiefermuskeln spielten verräterisch. „Das klingt vernünftig“, meinte sie schließlich leise und verfiel gleich wieder für ein paar Atemzüge in Schweigen, bevor sie ganz ins Hier und Jetzt zurückkehrte und Greifhild aufmerksam ins Auge fasste. „Ist das das erste Mal, dass ein Heiliger zu Euch spricht? Oder kam das in der Vergangenheit schon öfter vor?“

Die  Angesprochene schüttelte knapp ihren Kopf. „Nein, Schwester ... zuvor nie. Es war das erste Mal und es war ein schönes, erhebendes Gefühl.“ Der Blick Greifhilds nahm abermals etwas Fiebriges und Rastloses an, als er zwischen Trautmann und Assunta hin und her ging. „Also, wie gehen wir weiter vor? Das besagte Stück muss immer noch hier sein“, versuchte die Geweihte dann einen Wechsel weg vom Amulett und der Stimme des Heiligen hin zu ihrem eigentlichen Anliegen.

„Aber es war nicht der Heilige, der Euch geraten hat, Euch allein um diese Sache zu kümmern, oder?“ fragte Assunta, bevor sie auf den zweiten Teil von Greifhilds Rede einging. „Das habt ihr selbst und gänzlich unabhängig entschieden, nehme ich an?“

„Nun ... äh ...“, Greifhild blickte ihre Schwester im Glauben konsterniert an. „So genau hat Sankt Gilborn das nicht gesagt. Er meinte nicht, dass ich eine meine Brüder und Schwestern hinzuziehen soll. Es war immer von mir die Rede, also ...", ihr Blick klarte etwas auf, "... ja, ich denke, dass ich mich allein darum kümmern sollte. Aber wie gesagt, ich wollte die Gefahr bergen und dann dem Orden übergeben", setzte sie schnell hinzu.

„Ich verstehe“, meinte Assunta, während sie Greifhild einmal mehr nachdenklich musterte. Ihr Blick blieb an dem Amulett hängen, was die andere Geweihte so sehr zu irritieren schien, dass sie es schließlich mit einer raschen Bewegung unter ihr Hemd gleiten ließ.

„Ich würde vorschlagen, dass Ihr den Rest des Tages nutzt, um Euch auszuruhen, Schwester. Ihr seht sehr müde aus“, schlug Assunta daraufhin vor. „Morgen früh können wir dann zusammen beten und uns anschließend umsehen. Vielleicht erklärt Ihr mir, wo Ihr schon überall gesucht und was ihr sonst noch unternommen habt, um das verschollene Artefakt zu finden.“

Der auf diese Worte folgende innere Kampf der Geweihten war offensichtlich und so sollte es einige Momente des Schweigens dauern, bis sie sich zu einer Regung hinreißen ließ. Ein knappes Nicken folgte und vor allem Trautmann war überrascht darüber, dass sie so bereitwillig nachgab. Wortlos verabschiedete sich Greifhild und ließ die anderen beiden alleine am Tisch zurück.

Als sie außer Hörweite war, sah der Junker skeptisch zu Assunta. „Was meint Ihr? Sie wirkt ziemlich durch den Wind.“

„Mein Problem ist, dass ich sie nicht kenne“, meinte Assunta, während sie noch nachdenklich auf die Tür starrte, durch die ihre Glaubensschwester soeben verschwunden war. „Ich kann also keine Vergleiche ziehen. Da müsst Ihr mir helfen. Ist sie schon immer so ... .“ Sie überlegte kurz, krauste die Nase und hob dann ergeben sie Schultern: „Hat Ihre Gnaden Greifhild schon immer so fahrig und ungepflegt gewirkt? Oder ist das neu?“

Der Angesprochene kratzte sich am Kinn. „Als ich sie das erste Mal um Hilfe gebeten habe, war sie nicht so. Das kam dann erst mit der Zeit hier.“ Trautmann hob seine Schultern. „Ich hatte es eigentlich auf den Stress geschoben, dem sie sich hier ausgesetzt sah. Immerhin ...“, er wog seinen Kopf hin und her, „... nun ja, Ihr kennt ja die Masse an Arbeit hier in der Burg.“ Dass auch Assuntas Verhalten auf ihn befremdlich gewirkt hatte, als sie total unterkühlt und steif auf ihrem Zimmer saß, ließ er dabei unausgesprochen. „So schlimm wie heute war es aber noch nie.“

„Und sie war schon lange nicht mehr hier“, vollendete Assunta die Überlegung des Junkers. „Sollte sich also im Grunde eher erholt als noch weiter abgebaut haben.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sie ihre Handballen fest auf die Augen drückte – was so gar nicht hochherrschaftlich wirkte – und ein paar leise Worte auf Bosparano murmelte. Dann seufzte sie tief.

„Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll“, murmelte die Lichtbringerin. „Sie hat den Schlüssel, ich denke, da sind wir uns einig. Und sie behauptet, dass sie ihr Wissen vom Heiligen Gilborn eingegeben bekommt. Das kann ich nicht widerlegen ... also ... jedenfalls nicht, ohne abermals um die Hilfe von Praios und Hesinde zu bitten ...“

Assunta hielt erneut inne und warf Trautmann einen fragenden Blick inne. „Ich könnte versuchen, herauszufinden, ob der Schlüssel magisch ist. Vermuten tu ich das ja schon seit einiger Zeit, aber belegen konnte ich es bis jetzt nicht. Und ich könnte prüfen, ob der Wille meiner Schwester magisch beeinflusst wurde. Vielleicht sind es ja keine Offenbarungen, sondern Einflüsterungen, die sie wahrnimmt. Die Frage ist nur: Was sollen wir mit dem Wissen dann anfangen?“

Assunta konnte deutlich fühlen, dass der Junker mit ihren Gedankengängen etwas überfordert war. ‚Einflüsterungen‘, wiederholte er in Gedanken.  „Meint Ihr, dass sie von irgendetwas Übelwollendem beeinflusst sein könnte?“, fragte Trautmann dann laut, wartete aber keine Antwort ab, sondern fuhr gleich fort. „Dann wäre es schon gut, das zu wissen, meint Ihr nicht?“ Sein Blick wurde unruhig. „Sollten wir sie denn überhaupt allein lassen? Ich meine, was passiert wenn sie die Burg verlässt ... oder gar, womöglich magisch beeinflusst, ihren Schlüssel einsetzt und was auch immer mit sich nimmt?“ Der Gugelforster wirkte nun ehrlich besorgt. „Vielleicht sollte ich eine Magd beauftragen in ihrer Nähe zu bleiben, was meint Ihr?“

„Was? Ihr meint, sie könnte ...“ Assunta starrte ihren Gastgeber einen Moment aus großen, ungläubigen Augen an, schien das Gesagte derweil aber gedanklich noch einmal durchzugehen und zu dem Schluss zu kommen, dass die Befürchtung gar nicht so abwegig war, wie sie ihr zunächst erschien. „Ich hätte es mir gleich angucken müssen.“, meinte sie dann leise und mehr an sich selbst als an den Junker gewandt. „Es ist nur so ...“, sie runzelte die Stirn, verzog die Lippen zu einem unzufriedenen, schiefen Strich und schien noch etwas anfügen zu wollen, überlegte es sich dann aber auf den letzten Drücker anders.

„Ihr habt wahrscheinlich recht“, hob die Lichtbringerin nach einer kurzen Pause neu an und straffte ihre Haltung. „Mit Eurer Vorsicht, meine ich. Ich habe keine Ahnung, wie groß die Gefahr tatsächlich ist, schließlich hat sie den Schlüssel schon länger in ihrem Besitz, beim letzten Aufenthalt hier aber offensichtlich nicht gefunden, wonach sie sucht. Wir sollten dennoch kein Risiko eingehen. Deshalb schlage ich auch vor, dass ich selbst auf Ihre Gnaden aufpasse und Ihr nicht eine Magd mit dieser ... undankbaren Aufgabe betraut.“

Dass seine Anmerkung eben jene Resonanz hervorrief, trug nicht unbedingt zur Beruhigung des Junkers bei. Nein, vielmehr rotierten die Gedanken in seinem Kopf. Viel zu schnell hatte sich Greifhild damit abgefunden diesen Tisch zu verlassen und nach einem Zimmer hatte sie auch nicht gefragt. Auch ihre plötzliche Rückkehr war eher ein Indikator dafür gewesen, dass sie ihre Aufgabe hier noch nicht als abgeschlossen ansah. Was wenn der  „Heilige“ sie wieder hierher zurückgeschickt hatte – dieses Mal womöglich mit einer genaueren Ortsangabe ...

Trautmann erhob sich von seinem Stuhl. „Wir sollten sie suchen und da es pressiert, uns dabei vielleicht aufteilen.“ Nur die Götter wussten, wo sie sich gegenwärtig rumtrieb. Im besten Fall lag sie erschöpft in einem Bett, im schlimmsten fand man sie in der Giftkammer, oder gar nicht mehr, weil sie die Burg schon wieder verlassen hatte. „Ich sehe in den Gemächern nach dem Rechten und Ihr in der Kapelle und den Archiven?“

Einen Moment sah es ganz aus, als wolle Assunta diesem Vorschlag wiedersprechen. Vermutlich, um Trautmann erneut daran zu erinnern, dass es das Beste war, zusammen zu bleiben. Aus irgendeinem Grund tat sie das dann aber nicht, sondern hob bloß die schmalen Schultern – resigniert irgendwie. „Meinethalben“, murmelte sie schließlich. „Halten wir es so.“ Danach fackelte sie nicht lange, sondern machte auf der Hacke kehrt und verließ den Gemeinschaftsraum ohne ein weiteres Wort.

Die Kapelle war schnell erreicht und schon als Assunta auf deren Treppen stand, konnte sie aufgeregte Worte aus den Archiven vernehmen. „Nein, nein ... da ist es nicht, Sanctitas. Adiuvate me!“ Kurz darauf folgte ein Poltern. „Aaaah ... jaaaa ... hm ... das ist es, Sanctitas? Ein alter Knochen?“

Assunta wusste nicht, ob sie wirklich sehen wollte, was es zu sehen gab, wenn sie das Archiv betrat. Aber immerhin handelte es sich um den Aufbewahrungsort für die Bücher des verlassenen Tempels und nicht um seine Giftkammer – also musste sie wohl nicht das Schlimmste befürchten. Daher zögerte sie auch nicht lange, sondern ging zur Tür hinüber.

Sie kündigte sich allerdings nicht sofort an, wie es sich für eine Frau ihres Standes und ihres Glaubens gehört hätte, sondern näherte sich auf vergleichsweise leisen Sohlen und verhielt im Sturz, um erst einmal einen Blick ins Archiv zu werfen – und sich ein grobes Bild davon zu verschaffen, was in seinem Inneren eigentlich los war.

Doch hatte sie sich wohl etwas zu viel Zeit gelassen. Denn außer, dass Greifhild aufstand und ihre Robe entstaubte, konnte sie nichts mehr vernehmen. „Oh äh, Schwester ...“, stammelte sie, als sie die Ankunft der Sichlerin bemerkte, „... wie lange steht Ihr denn schon hier?“

Dann schien sie von einen auf den anderen Moment ihre Taktik zu ändern und war plötzlich etwas offener und zugänglicher. "Ich weiß jetzt wonach wir suchen.“

„Tatsächlich?!“ Assunta bedachte Greifhild mit einem kühlen Blick und lächelte dabei freudlos. „Woher?“, fragte sie dann schlicht.

Die Augen der Trutzerin nahmen einen fiebrigen Glanz an. „Sankt Gilborn hat es mir gesagt ...“, dann klarte sich ihr Blick wieder etwas auf und sie erhob ihren Zeigefinger zu einer beinahe als tadelnd zu verstehenden Geste, „... was tut Ihr denn überhaupt hier? Solltet Ihr nicht … ? Ach wisst Ihr was, wenn Ihr schon hier seid, könnt Ihr mir ja helfen, das Artefakt zu bergen.“

„Nein, das werde ich ganz bestimmt nicht tun, Schwester“, erwiderte Assunta und da war auf einmal eine Schärfe in ihrer Stimme, die Greifhild bisher nicht kannte. „Stattdessen gebe ich die Frage an Euch zurück: Was tut Ihr überhaupt hier? Hatten wir nicht gerade vereinbart, dass Ihr Euch auf Euer Zimmer begebt und ruht? Damit wir Eure Nachforschungen morgen alle gemeinsam fortführen können? Stattdessen habt Ihr Euch allein hierher geschlichen wie ein nichtswürdiger Dieb. Das steht einer Frau Eures Standes nun wahrlich nicht gut zu Gesicht. Also sagt mir: Was macht Ihr hier? Und was denkt Ihr Euch dabei?“

Kurz huschte, ob der Standpauke ihrer Glaubensschwester, ein Ausdruck des Ärgers über Greifhilds Züge. „Ja das haben wir, Schwester ...“, doch sollte der angeschlagene Ton den optischen Eindruck nicht bestätigen, stattdessen lag ein flehentlicher Unterton in ihrer Stimme, „... und ich war auch schon auf dem Weg, aber dann hörte ich Sankt Gilborn.“ Die ältere Geweihte bewegte sich auf Assunta zu. Ihre rechte Hand lag auf dem Anhänger ihrer Kette. „Würdet Ihr Euch dem Wort eines Heiligen verweigern?“

Assunta maß Greifhild mit einem Blick, der schwer zu deuten war, am ehesten aber noch nach einer Mischung aus Widerwillen und Mitleid aussah. Sie überlegte kurz, schüttelte dann kaum merklich den Kopf und stellte abermals eine Gegenfrage, statt zu antworten:

„Was hat Euch davon abgehalten, mich über diese Entwicklung zu informieren, Schwester? Und mich hierher mitzunehmen? Darauf hatten wir uns doch geeinigt. Dass wir gemeinsam weiter suchen?! Selbst wenn es unabdingbar sein sollte, dem Rat des ... Heiligen zu folgen, habt Ihr gegen unsere Absprache verstoßen und mein Vertrauen dadurch missbraucht. Erwartet Ihr dafür nun etwa wirklich Verständnis von mir?“

Greifhild blinzelte irritiert. „Ihr meint, ich hätte den Heiligen ignorieren sollen und erst Euch konsultieren bevor ich seiner Aufgabe nachkomme?“ Sie blickte für einige Momente an der Sichlerin vorbei ins Leere. „Ich handelte doch im Auftrag des Heiligen, also in praiosgefälligem Auftrag und die Worte Sankt Gilborns waren unmissverständlich. Er meinte, dass es keine Zeit zu verlieren gilt. Das Artefakt muss aus der Burg. Besser heute noch als morgen.“

„Nein, das meine ich nicht und das habe ich auch nicht gesagt. Ich sagte, Ihr hättet mich mitnehmen sollen. Das hätte Euch kaum mehr als ein paar Herzschläge gekostet – ja, sogar auf dem Weg gelegen. Deshalb weise ich die Behauptung, Ihr hättet dadurch den Willen des ... Heiligen ignoriert, auch weit von mir“, erwiderte Assunta. Diesmal zögerte sie nicht, bevor sie die Stimme hob, aber der Blick, mit dem sie Ihre Glaubensschwester maß, blieb kritisch und die folgende Anmerkung passte dazu: „Ich frage mich, ob Ihr mir absichtlich ständig das Wort im Mund verdreht, oder ob Ihr mich tatsächlich nicht versteht. Der Vorwurf, ich würde mich unklar ausdrücken, wurde bisher allerdings noch nie an mich herangetragen, also ... .“ Sie ließ den letzten Satz unvollendet.

Die Trutzerin empfand es in der Tat als schwierig, Ihrer Glaubensschwester zu folgen – zumindest in ihrem gegenwärtigen Zustand. In ihr riet eine Stimme zur Vorsicht. Vielleicht war ja auch Assunta eine von den Gefahren, aufgrund derer der Heilige sie zur Eile antrieb.

„Wie dem auch sei“, fuhr eben jene unterdessen fort. „Das Artefakt ruht schon seit sehr langer Zeit hier. Dass es mit einem Mal so dringend sein soll, es aus seinem Versteck zu holen, klingt für mich nicht logisch. Und dass Ihr sowohl an Gestalt als auch an Geist zerrüttet wirkt, weckt in mir Sorge und Zweifel. Darf ich das Amulett einmal näher betrachten, Schwester?“

Schützend legte Greifhild nun beide Hände auf das Amulett. „W ... wieso? W ... was wollt Ihr  denn damit?“

„Ich will es mir einfach nur genauer ansehen, Greifhild“, meinte Assunta. Dabei klang ihre Stimme zwar geduldig, der Blick wirkte jedoch sehr wachsam, als sie ihn auf den Klammergriff der anderen richtete. „Wollt Ihr es mir nicht aushändigen? Wenigstens für einen Moment? Obwohl ich eine Glaubensschwester bin?“

Nun begann ein innerer Kampf in der Trutzer Praiosdienerin, das konnte Assunta deutlich spüren. Greifhild kaute an ihrer Unterlippe und ihr Griff um das Amulett schien noch fester zu werden. Sogar in der herrschenden Diesigkeit des Archivs konnte die Sichlerin die weiß hervor tretenden Knöchel ihrer Hände sehen. Doch dann schien ein Ruck durch ihren Körper zu gehen. Für einen Moment wirkte ihr Blick gefestigter und klarer und aus dem Häufchen Elend vor Assunta wurde eine Frau, die von ihrer Haltung und dem Ausdruck her – mit etwas Fantasie – wirklich eine Dienerin des Götterfürsten hätte darstellen können.

Langsam nickend nahm sie das Amulett ab und reichte es ihrer Glaubensschwester, nur um wenige Herzschläge später wieder erwartungsvoll die Hand danach auszustrecken. „So jetzt habt Ihr es gesehen. Kann ich es nun wieder haben?“

Assunta beobachtete das stumme Ringen der Trutzerin mit unbewegter Miene, aber nach wie vor sehr aufmerksamem Blick. Sie schien nicht damit zu rechnen, dass die Schwester ihrer Bitte nachkommen würde und wirkte erleichtert, als es schließlich doch geschah. Sofort hellten sich ihre Züge auf und es schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen, das fast ein bisschen stolz wirkte.

„Danke Schwester“, sagte sie und nickte der Anderen anerkennend zu. „Ich nehme an, das hat Euch einiges an Kraft gekostet, also danke!“ Sie nahm das Amulett entgegen, drehte und wendete es in ihren Händen und besah es sich mit skeptisch gerunzelter Stirn von allen Seiten. „Was denkt Ihr, das es ist? Einfach nur ein Schmuckstück? Oder hat es darüber hinaus noch einen speziellen Zweck?“, murmelte sie alldieweil.

Statt zu antworten, streckte Greifhild jedoch nach zwei Herzschlägen schon wieder die Hände aus und wollte das Amulett zurück.

Das veranlasste Assunta, den Kopf zu heben und sie prüfend zu mustern. „Gibt es Euch eigentlich zu denken, Schwester?“, fragte sie dann leise. „Dass es Euch so viel Kraft kostet, dieses kleine Teil für einen Moment aus Eurer Kontrolle zu entlassen? Und dass sich Euer Zustand augenscheinlich verschlechtert hat, seit Ihr es mit Euch herumtragt?“

Greifhild wurde etwas unruhig. Der Kampf in ihr tobte nun stärker denn je. Sie fühlte den anwachsenden Drang, wieder an ihr Schmuckstück zugelangen, und musste stark an sich halten, um es sich nicht gewaltsam zurückzuholen, nachdem Assunta ihrer Bitte nicht sofort nachgekommen war. Die Fragen ihrer Glaubensschwester taten ihr übriges dazu.

„Ich ... ich weiß nicht“, gab sie kleinlaut zu, ohne das Schmuckstück aus den Augen zu lassen. „Es ...  es ...“, die Trutzer Praiosdienerin zögerte, wandte ihren Blick ab und sah für einige Herzschläge in die Finsternis, „... es ist dieser Drang in mir. Dieses Wissen, dass es an mir ist, dieses Amulett zu schützen, obwohl mich niemand dazu aufgefordert hat. Es ist, als ob es zu mir gehört ... und ich zu ihm. Versteht Ihr das?“ Greifhild wartete keine Antwort ab. „Wie gesagt, es soll mir bei der Erreichung meines Zieles helfen – das habe ich zumindest aus den Worten des Heiligen heraushören können. Er meinte auch, dass ich es an mich nehmen soll.“

„Im Moment scheint es mir eher, als würdet Ihr zum Amulett gehören und nicht umgekehrt, Greifhild“, meinte Assunta mit sanfter Stimme. Sie warf ihrer ziemlich derangiert wirkenden Schwester im Glauben einen sorgenvollen Blick zu, ehe sie fortfuhr: „Ihr wirkt wie eine Getriebene ... jemand, der nicht mehr Herr seiner Selbst ist und vielleicht auch deshalb gegen Regeln verstößt, die er längstens verinnerlicht haben sollte und niemals missachten dürfte. Das gibt mir zu denken. So sollte es nicht sein, wenn Eure Eingebungen tatsächlich von einer guten Macht kämen – einer der Herrn Praios gar, dem Chaos und Ungehorsam zuwider sind wie niemandem sonst.“

Die Aufmerksamkeit der Sichlerin ruhte weiter auf Greifhild, derweil sie die rechte Hand hob und mit ihr das Amulett, sodass es in ihrer beider Blickfeld geriet. „Ich bin mir nicht sicher, womit wir es zu tun haben. Deshalb möchte ich den Herrn Praios und seine Schwester Hesinde bitten, meinen Blick zu schärfen, um tiefere Erkenntnisse zu erlangen. Ich nehme an, dagegen habt Ihr nichts einzuwenden?“

„Womit sollen wir es zu tun haben, Schwester?“, fragte Greifhild mit belegter Stimme. In ihren Gedanken hallten die Worte Assuntas nach. ‚Nicht von einer guten Macht?‘ War ihre Glaubensschwester bloß eifersüchtig und gönnte es ihr nicht, dass der Heilige sie auserwählt hatte? Sie, eine Geweihte, über die der Rest der Gemeinschaft des Lichts bloß die Nase rümpfte? Warum sollte es die Sichlerin anders halten? Diese Gedanken führten dazu, dass sie wieder in ihr trotziges Verhalten fiel. „Tut was Ihr nicht lassen könnt“, brummte sie ...

... und runzelte irritiert die Stirn, als Assunta ihr das Schmuckstück daraufhin ohne Umschweife wieder in die Hände drückte. „Haltet das so, dass ich es sehen kann, bitte!“, meinte sie leise. Danach schloss sie sehr zu Greifhilds Verwunderung auch noch die Augen.

Ehe die Trutzerin etwas dazu sagen konnte, begann ihr Gegenüber zu beten. Auf Bosparano, wie es manche Brüder und Schwester taten, die sich für besonders clever hielten – obwohl es von der Kirche an sich nicht unbedingt erwünscht war, weil das einfache Volk verstehen sollte, was gesagt und damit auch was bewirkt wurde. Greifhild kannte die Liturgie, die Assunta da gerade wirkte, auch wenn sie sie selbst nicht beherrschte. Sie wusste, worauf ihre Schwester abzielte und war sich nicht ganz sicher, ob sie das gut oder schlecht finden sollte.

Im Grunde drohte ihr ja keine Gefahr. Sie wusste, dass es der Heilige war, der ihr seit Wochen und Monden eingab, was sie zu tun hatte. Allein, wenn das dürre Weib aus Anderath nicht wusste, was es tat, und daher irgendetwas anderes sah ... was dann?

Just als Greifhilds Gedanken diesen Punkt erreichten, öffnete Assunta die Augen wieder. Sie starrte einen Moment schweigend auf das Amulett. Die Miene blieb undbewegt aber da war mit einem Mal so ein Funkeln in ihren Augen, das Greifhild nicht richtig zuordnen konnte. Und dann sah Assunta ihr ins Gesicht, blickte ihr direkt in die Augen und hob dabei überrascht die Brauen. Das konnte wohl kaum etwas Gutes bedeuten?

Die Trutzerin maß sie mit einem Blick, der eine Mischung aus Irritation und Neugier in sich trug. Als die Sichlerin von sich aus nichts sagte, fragte Greifhild vorsichtig nach. Sie war sich sicher, dass nun nichts folgen würde was sie nicht sowieso schon wusste. „Und was habt Ihr gesehen?“

„Ich sehe Magie, Schwester“, erwiderte Assunta leise, aber ohne zu zögern. „Das Amulett trägt Magie in sich und Fäden davon haben nach Eurem Geist gegriffen. Ihn eingewoben, will mir scheinen. In  Ein dünnes Gespinst.“

Greifhilds Kiefer klappte hinunter, dann begann sie hysterisch aufzulachen, doch nur einen Herzschlag später erstarb dieser Gefühlsausbruch wieder und ihr so schon bleiches Antlitz wurde weiß wie eine Wand. Entsetzen lag auf ihren Zügen, als sie ihre Glaubensschwester fassungslos ansah. „Ihr müsst Euch irren ...“, sie wurde lauter, „... nein, nein! Ihr irrt Euch, das weiß ich.“

„Ihr habt ein Artefakt aus einem entweihten Tempel an Euch genommen, das im Thron eines untoten Bannstrahlers versteckt war, Greifhild“, erwiderte Assunta ruhig. „Ihr tragt es seit Monden mit Euch herum und ungefähr genauso lange meint Ihr, die Stimme des Heiligen Gilborn zu vernehmen, die in Eurem Kopf und dem Herzen allerdings Wirrnis statt Ordnung stiftet.“

Nachdem das gesagt war, hielt sie einen Moment inne und musterte ihre Glaubensschwester nachdenklich. „Ich habe Praios und Hesinde gebeten, meinen Blick für Dinge zu schärfen, die das menschliche Auge allein nicht wahrnehmen kann“, meinte sie dann. „Ihr wart dabei und könnt es bezeugen. Glaubt Ihr also wirklich, dass ich mich irre? Liegt es nicht näher, dass Ihr einem Irrtum aufsitzt? Oder vielmehr: einer Täuschung anheimgefallen seid?“

Die Trutzerin taumelte, die fahl beleuchtete Welt um sie herum drehte sich und sie begann schnapphaft zu atmen. Das konnte und durfte nicht sein! Nein! „Ich ... ich ...“, stammelte sie, dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie kippte langsam nach hinten.

Assunta sprang vor, um nach der Glaubensschwester zu greifen. Schnell genug war sie auch, aber nicht stark genug: Sie bekam Greifhilds speckiges Ornat zu fassen und gab ihr Möglichstes, um den Sturz abzumildern. Mit mäßigem Erfolg allerdings. Als der Körper der Trutzerin auf dem Boden aufschlug, tat er das mit einem äußerst unangenehmen Geräusch. Das helle Klirren, das erklang, als das Amulett aus ihrer Hand fiel und ein paar Schritt davon schlitterte, machte es auch nicht unbedingt besser.

Bestürzt starrte Assunta auf die Bescherung – ließ den Blick von der Geweihten zum Artefakt und wieder zurück huschen und überlegte gerade, wie weiter zu verfahren sei, als gehetzte, schwere Stiefelschritte sie aus ihren Gedanken rissen.

Deren Urheber erreichte den Eingang zum Archiv kurz darauf und hob sofort die Stimme. „Hier seid I…“, Trautmann brach ab, als er die Bescherung sah. Sorgenvoll ging sein Blick von der am Boden liegenden Greifhild hin zur darüber stehenden Assunta. „Was ist hier geschehen? Bei der Gütigen!“ Der Junker stürzte zur bewusstlosen Geweihten und kniete sich neben sie.

Assunta beobachtete ihn dabei, als hätte sie mit der ganzen Sache nichts zu tun. Sie wartete, bis Trautmann mit einer kurzen Untersuchung Greifhilds fertig war und fragend zu ihr aufblickte. Dann erst räusperte sie sich leise und hob die Schultern:

„Sie ist zusammengebrochen, als ihr klar wurde, dass ... nun ja ... der Heilige, den sie die ganze Zeit zu hören meinte, gar kein Heiliger ist.“

Trautmann, der immer noch neben der Trutzerin kniete, runzelte skeptisch seine Stirn. „Wie, kein Heiliger? Seid Ihr Euch sicher? Was könnte es denn sonst sein, das ihr diese Stimmen gesandt hat?“

Assunta blickte den Ritter kurz schweigend an und schien verschärft darüber nachzudenken, ob sie ihm wirklich eröffnen sollte, was sie dachte. Sie schien auf die Schnelle zu keinem rechten Schluss zu finden. Statt also etwas zu sagen, wandte sie den Blick von ihm ab und richtete ihn auf das Amulett, das ein paar Schritt von Greifhild entfernt auf dem steinernen Boden lag. Sie machte sich noch die Mühe, mit der Hand darauf zu deuten. Dabei blieb es jedoch fürs Erste.

Eine Geste, die den Ritter irritierte.

„Das ist Greifhilds Kette ...“, bemerkte er aufmerksam, „... warum liegt die denn auf dem Boden?“

Es fehlte Trautmann schlicht und einfach die Erfahrung, um hier richtig zu kombinieren. Er schien auf Assuntas Schweigen hin auch recht schnell aufzugeben, stand dann auf und hob den ausgemergelten Leib der Praiosdienerin vom Boden auf seine Arme.

„Sie atmet und scheint nur das Bewusstsein verloren zu haben. Ich denke aber, dass sie hier nicht so liegen sollte und werde sie in ein Bett legen. Eine Magd soll sich um sie kümmern.“ Kurz schien es, als würde dem Gugelforster noch eine Frage auf der Zunge brennen, doch sprach er diese nicht mehr aus und wartete stattdessen auf die Zustimmung der Sichlerin.

Die antwortete ihm allerdings erst einmal nicht, sondern starrte nach wie vor auf das Amulett. Hinter ihrer Stirn schien ein Sturm zu toben und irgendwie vermittelte ihre Miene den Eindruck, dass sie sich gerade alles andere als wohl fühlte. Schließlich huschte ihr Blick von dem Schmuckstück zu Trautmann hinüber. Als er noch unterwegs war, schien sie schon das Wort erheben zu wollen. Holte tief Luft – bemerkte dann aber, dass der Junker ihre Glaubensschwester auf den Armen trug und schloss den Mund unverrichteter Dinge wieder.

Ein großes Fragezeichen stand in ihr Gesicht geschrieben und Trautmann musste sein Begehr wiederholen, ehe er endlich ihre Zustimmung bekam.

„Ja sicher“, meinte sie dann lahm. „Ich begleite Euch.“ Daraufhin glitt ihr Blick noch einmal vom Gugelforster zu dem Amulett und sie schien abermals mit sich zu ringen. Schließlich aber überbrückte sie die paar Schritte zu dem Schmuckstück und nahm es in die Hand. Sehr vorsichtig, wie es Trautmann schien. Und mit zweifelnder Miene. „Also schön. Lasst uns aufbrechen.“

Etwas später lag Greifhild im Bett des Junkers. Es gab nicht viele standesgemäße Schlafkammern im Wohnturm von Burg Lichtwacht. Assunta hatte die zwei Gästezimmer bezogen und dann waren da nur noch die Kammern des Gesindes, in welche Trautmann eine Dienerin des Götterfürsten jedoch nicht einquartieren wollte. Sie brauchte allem Anschein nach Ruhe. Eine Magd hatte den Aufmarsch ihres Herrn mit der bewusstloser Geweihten im Arm bemerkt und war ihm pflichtbewusst gefolgt.

Mit knappen Anweisungen befahl der Gugelforster ihr, sich um Greifhild zu kümmern, dann wollte er sich zu Assunta umdrehen und musste überrascht feststellen, dass sie gar nicht da war. An irgendeiner Stelle in seinem Wohnturm musste sie abgebogen sein – und er konnte sich schon halb denken, wo. Wenig später stand er in den Gästezimmern und ganz wie vermutet hielt die zweite Prioranerin in seinem Haus sich dort aus.

Im abendlichen Dämmerlicht hatte sie ein paar Kerzen entzündet, um besser sehen zu können und als Trautmann eintrat, blätterte sie gerade mit fiebriger eile in einem der dicken Schinken herum, die sie aus dem Archiv hierher gebracht hatten. Der Junker entdeckte auch das Amulett. Assunta hatte es nicht bei sich behalten, sondern es an den äußersten Rand ihres Zimmers verbannt – auf eine Kommode in der Nähe der Tür. Es wirkte, als wollte sie einen möglichst Abstand dazu halten.

„Was ist in meiner Abwesenheit geschehen?“, Trautmann machte sich nicht die Mühe, ein Wort des Grußes zu richten, die nicht einmal den Kopf hob, als er den Raum betrat, sondern fiel einfach direkt mit der Tür ins Haus. Die Frage nach Greifhilds Zustand hatte ihn noch nicht losgelassen und er startete einen neuen Versuch zu verstehen, was vorgefallen war. „Was hat zu ihrer Gnaden gesprochen wenn es nicht Sankt Gilborn war? Sind wir in Gefahr?“

„Ein Geist ...“, murmelte Assunta, noch immer ohne aufzusehen. „Fauler Zauber ... das Bruchstück einer Seele ... wer kann das schon sagen?“ Sie blätterte weiter und schien auf etwas zu stoßen, das sie gesucht hatte. Ihre Augen wurden schmaler und sie neigte sich vor, um ein paar Zeilen zu überfliegen. Derweil sprach sie weiter, als sei nichts dabei, gleichzeitig zu lesen und Unterhaltungen zu führen. „Ich schätze schon, dass es eine Gefahr gibt. Aber ich kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt leider noch nicht genau sagen, für wen ...“

Trautmann fiel es schwer, wenigstens äußerlich Ruhe zu bewahren. „Ein Geist oder Bruchstücke einer Seele ...“, wiederholte er, „... die es schaffen, eine Dienerin Praios zu verwirren und gewissermaßen zu lenken? Das hört sich für mich nach einer großen Gefahr an. Egal für wen.“ Der Ritter kaute für einige Herzschläge an seiner Unterlippe. „Ist sie deshalb so?“, fragte er dann mit leiser Stimme. „So verwirrt  ... meine ich.“ Der Gugelforster suchte nach den richtigen Worten. „Ihre Gnaden Greifhild, meine ich.“

„Ich nehme an, dass es daran liegt, ja“, murmelte Assunta, während ihr Zeigefinger über eine der Seiten huschte. „Die Magie des Schlüssels ist in ihren Geist gesickert und hat ihn ... beeinflusst.“ Sie hielt kurz inne und ihre Augen leuchteten triumphierend auf.

Dann endlich hob sie den Kopf, um Trautmann anzusehen: „Was die Gefahr betrifft ... ich gehe nicht davon aus, dass sich das, was von Ihrer Gnaden Besitz ergriffen hat, für Menschen interessiert, die nicht dem Götterfürsten geweiht sind. Es will an das verborgene Artefakt gelangen, nicht wahr? Dann braucht es jemanden, der IHM zugehörig ist, denn anders lässt sich das Schloss nicht überwinden. Ich kann mich natürlich täuschen, aber ich halte diese Folgerung für ziemlich logisch.“

Der Junker runzelte seine Stirn. „Das heißt, Ihr könntet dieses Schloss öffnen. Wir könnten das Artefakt bergen und der Kirche übergeben?“ Er ging ein paar Schritt auf und ab. Unruhig. „Nur was passiert, wenn wir dieses Etwas tatsächlich aus den schützenden Mauern der Burg bringen? Haben wir dann nicht genau das getan was der Schlüssel von ihrer Gnaden Greifhild will? Wer sagt uns, dass wir uns dann nicht in noch größere Gefahr begeben?“

Trautmanns Gedanken rotierten, doch ließ er die Praiosdienerin vorerst nicht zum Antworten kommen: „Soll ich nach den Bannstrahlern in Greifenfurt schicken lassen? Es würde jedoch bestimmt einige Wochen dauern bis jemand von dort kommt.“

„Sollt Ihr nicht“, erwiderte Assunta und schüttelte entschieden den Kopf. „Wenn Ihr nach jemandem schicken wollt, seid Ihr bei unserem Inquisitor an der richtigen Stelle, nicht bei den Geißlern aus Greifenfurt.“ Sie wirkte sehr entschieden, als sie das sagte. Für Trautmann kam das ein wenig überraschend schließlich war sie in Auraleth ausgebildet worden, da schienen ihm Vorbehalte gegen den Bannstrahl ein wenig ungewöhnlich. Allerdings ließ sie ihm keine Zeit, sich mit dem Gedanken näher zu befassen.

„Das hier ist Weiden und wir benötigen keine Hilfe von unseren Nachbarn, um uns dieser Sache anzunehmen“, meinte Assunta. „Ohnehin wäre der Orden für eine diffizile Angelegenheit wie diese nicht der erste Ansprechpartner und wenn Ihr ihn dennoch hier haben wolltet, wärt Ihr gut beraten, Euch nach Anderath zu wenden, statt über die Grenze hinweg zu gehen. Aber Herr Patras ist für diese Aufgabe weitaus besser geeignet.“

Sie überlegte kurz, warf einen schiefen Blick auf das Amulett, das in der Nähe der Tür völlig ungestört auf seiner Kommode ruhte und seufzte dann leise: „Allerdings kann es dann wiederum Wochen dauern, bis er hier erscheint, denn er ist oft unterwegs und Trallop liegt ja auch nicht gerade in der Nachbarschaft.“ Mit gerunzelter Stirn wandte sie sich schließlich wieder an Trautmann: „Wir müssen eine Entscheidung fällen. Wollen wir nach Hilfe rufen und warten bis jemand kommt oder versuchen wir, das Amulett selbst zu bergen und schaffen es dann so schnell wie möglich weg von hier, damit auf Lichtwacht niemand mehr in Gefahr gerät ...“

„Ihr braucht keinen Boten nach Trallop zu schicken“, meinte Assunta. „Ich übernehme das. Ich unterrichte Hochwürden Heliopais noch heute über die neuesten Entwicklungen und bitte sie, alles an Herrn Patras weiterzugeben. Das geht schneller.“

Nachdem sich der Junker darüber klar geworden war, wie er mit der Situation umgehen wollte, schien sie keine Veranlassung für weitere Diskussionen zu sehen, sondern nahm seine Entscheidung einfach hin.

„Wenn Ihr das Artefakt belassen wollt, wo es jetzt ist, solltet Ihr den Schlüssel vielleicht an Euch nehmen“, ergänzte sie, nachdem sie eben jenen einen Moment lang nachdenklich betrachtet hatte. „Ich lege meine Hand nicht für Ihre Gnaden Greifhild ins Feuer.“ Sie überlegte kurz, dann verzog sie die Lippen zu einem schiefen Strich und runzelte die Stirn: „Ich wüsste allerdings zu gern, ob er auch zu mir spricht. Also wenn es für Euch in Ordnung wäre, dass ich dieser Frage nachgehe ...“

Der Junker nickte ihr zu und deutete auf den Schlüssel. „Natürlich, doch sollten wir vielleicht Vorsichtsmaßnahmen treffen.“ Er dämpfte seine Stimme. „Wenn ich daran denke, was der Einfluss dieses Stücks mit ihrer Gnaden gemacht hat ... ich will nicht, dass Euch dasselbe wiederfährt ...“, Trautmann brach ab und runzelte die Stirn. „Ich gebe Euch zwei Tage, dann werde ich den Schlüssel wieder zurück verlangen und bis zur Ankunft Seiner Ehrwürden verwahren. Solange Ihr dieses Ding bei Euch tragt, bitte ich Euch den Wohnturm nicht zu verlassen. Wenn Ihr irgendetwas braucht, oder Euch etwas fehlt, stehe ich jederzeit gerne bereit. Ist das in Eurem Sinne?“

„Ja, das ist ganz in meinem Sinne. Wir werden sehen, ob sich daraus neue Erkenntnisse ziehen lassen, die uns in der Sache voranbringen“, meinte Assunta leise und nickte Trautmann schließlich bedächtig zu. „Wie geht es Ihrer Gnaden?“, fragte sie dann. „Und … was machen wir jetzt mit Ihr?“

Eine Frage, die er sich selbst schon gestellt, dann jedoch wieder verdrängt hatte. „Sie schläft“, sagte er. „Eine Magd passt auf sie auf und gibt mir Bescheid, sollte sie aufwachen.“ Trautmann seufzte. „Ich weiß nicht, was wir mit ihr tun sollen. Ich kann sie ja schlecht hier auf meinem Zimmer einsperren bis Seine Ehrwürden kommt. Könntet Ihr Ihre Hochwürden vielleicht auch danach fragen?“ Der Junker wirkte ratlos. „Oder wird sie nun, da sie diese Kette los ist, wieder normal?“

„Das weiß ich nicht“, gab Assunta umgehend zurück. „Sie scheint unter den Einfluss geraten zu sein, bevor der Schlüssel überhaupt in ihrem Besitz war, denn wie hätte sie ihn sonst finden sollen? Dass heißt, dass er auch jetzt nicht gebannt ist. Was auch immer es ist: Es könnte jederzeit wieder Besitz von ihr ergreifen, fürchte ich. Ich verfüge nicht über die Fähigkeiten, die es bräuchte, um daran etwas zu ändern. Ich kann ihr ein wenig Linderung verschaffen, aber ihren Geist nicht wirklich dauerhaft abschirmen und schon gar nicht ganz befreien.“

Besorgt nickte der Gugelforster ihr zu. Er verstand. „Ich habe Euch vor einigen Tagen schon erzählt, dass mir von Ihrer Gnaden abgeraten wurde. Sie hatte wohl auch zuvor schon einen sehr ... fragwürdigen Ruf ... doch ich mache mir immer gern erst ein persönliches Bild und gebe nicht viel auf derlei Gewäsch. Immerhin hat der Herr Praios sie ja als seine Dienerin akzeptiert.“ Der Junker seufzte. „Vielleicht war Greifhild jedoch wirklich besonders empfänglich für diese ... Einflüsterungen und es hat ihren Zustand verschlimmert. Ich habe über die Zeit schon gemerkt, dass der Aufenthalt in den Archiven sie verändert hat. Ich hatte es auf den Stress geschoben.  Meint Ihr, dass seine Ehrwürden ihr helfen kann? Oder vielleicht Hochwürden Heliopais in Anderath?“ Der Ritter sah auf das Amulett und schob seine Brauen zusammen. „Wenn Ihr mich dann nicht mehr braucht, werde ich nach ihrer Gnaden sehen.“

Assunta schien überrascht davon, dass der Gugelforster ausnahmsweise so viele Worte machte. Sie hatte mehrfach dazu angesetzt, etwas anzumerken oder seine Fragen zu beantworten. Doch er kam ihr immer wieder zuvor, indem er einfach weiter redete.  Schließlich wollte Trautmann wissen, ob sie ihn noch brauchte, oder ob er gehen konnte --- und sie starrte ihn einen Moment völlig ratlos an.

„Äh ... ja“, murmelte sie verdattert. „Ihr könnt natürlich gehen, wenn Ihr das wollt. Vielleicht sagt Ihr mir Bescheid, wenn sich am Zustand Ihrer Gnaden etwas ändert? Ich schätze, ich sollte noch einmal mit ihr reden, wenn sie wieder bei Bewusstsein ist ...“

Der Junker nickte ihr wortlos zu und verließ dann die Kammer.

Es sollte allerdings nicht lange dauern, bis sich die Tür wieder öffnete und er erneut eintrat. Er wirkte noch immer besorgt. „Euer Gnaden ... sie ist wach“, meinte er knapp. Dann setzte er erklärend hinzu: „Ihr solltet mitkommen. Sie verlangt nach Euch, aber erschreckt Euch nicht ...“, Trautmann kaute an seiner Unterlippe, „... sie wirkt ... nun ... nicht ganz auf der Höhe. Vielleicht weiß ja Ihre Hochwürden eine Antwort, wie wir Ihr helfen können", griff er eine zuvor gestellte Frage wieder auf.

„Die Art der Verständigung, nach der ich trachte, lässt nicht zu, dass ich mich lange mit Ehrwürden unterhalte. Es ist nur ein kurzer Austausch möglich“, meinte Assunta und hob die Schultern. „Ich werde sie mir ansehen. Vielleicht fällt mir ja selbst etwas dazu ein.“ Mit diesen Worten nickte sie Trautmann zu, um ihm zu bedeuten, dass er die Führung übernehmen sollte.

Kurz darauf erreichten sie seine Kammer, die warm geheizt und nur schwach beleuchtet war. Dennoch erkannte die Sichlerin ihre Glaubensschwester sogleich. Sie saß aufrecht im Bett. Ihre Haare waren gekämmt und man hatte sie allem Anschein nach auch umgekleidet. Greifhild trug ein schmuckloses Gewand in Grau und ihr Antlitz wirkte, als wäre sie die vergangenen Stundengläser um Jahre gealtert. Das Amulett war fort von ihr und damit auch der Antrieb der letzten Monde und es setzte jene bleierne Müdigkeit ein, die ihr bloßer Wille über lange Zeit zurückzuhalten vermochte.

Als sie Assunta und Trautmann bemerkte, hob sie ihren Arm. Auch diese Bewegung schien gegenwärtig eine große Kraftanstrengung zu erfordern. „Ah, Schwester ...“, kam es ihr mehr als Flüstern über ihre Lippen, „... wo ist das ... A ... Amulett?“

Assunta bedachte ihre Glaubensschwester mit einem nachdenklichen Blick, ehe sie näher an das Bett herantrat und grüßend nickte. „Praios zum Gruße, Schwester“, meinte sie leise. „Ich werde das Amulett genauer untersuchen und dann zusehen, dass ich es sicher verwahre. Ich denke, es wird das Beste sein, wenn Ihr fürs Erste nicht mehr in seine Nähe gelangt.“ Sie runzelte die Stirn und fragte: „Wie geht es Euch?“

Es fiel Greifhild schwer den Blick ihrer Glaubensschwester zu halten und stattdessen blickte sie an sich herab. „Ich bin müde“, gab die Trutzerin knapp zu verstehen. „Und doch kann ich nicht schlafen.“ Dunkle Augenringe zeigten sich auf ihrem eingefallenen Antlitz, als sie schließlich doch wieder Assuntas Blick suchte. „Und wenn Ihr fertig seid mit dem Amulett ... dann ... dann bekomme ich es doch wieder? Bei mir ist es doch sicher.“ Erwartungsvoll blickte sie zu Assunta.

„Ich werde dafür sorgen, dass Ihr schlafen könnt, Greifhild“, versprach die und lächelte ihrer Glaubensschwester verbindlich zu. „Sagt mir nur vorher: Gibt es noch irgendetwas, das die Stimme in Eurem Kopf gesagt hat und das Ihr für wichtig haltet? Irgendetwas, das ich wissen sollte, wenn ich Eure Suche fortführe?“

Es wirkte für einige Momente so als hätte Greifhild die Frage der Sichlerin nicht gehört. Starren Blickes sah sie zu Assunta hoch und doch meinte diese zu erkennen, dass er abwesend war – als würde sie in diesem Moment durch sie hindurchsehen.

„Mmmh ...“, kam es zögerlich über die Lippen der Trutzerin, „... Sankt Gilborn meinte, dass nur die Macht Praios’ in Verbindung mit dem Schlüssel Zugang zur Quelle des Übels verschaffen könne. Deshalb war es so wichtig, dass ich diese Aufgabe übernehme, aber Ihr seid ja auch ...“, Greifhild brach ab und musterte die Glaubensschwester, „... dazu geeignet. Deshalb wird er sicher auch zu Euch sprechen. Die Aufgabe ist viel zu wichtig.“

„Ich verstehe“, Assunta nickte und trat dann näher an das Bett heran. „Wenn Ihr erlaubt, werde ich nun dafür sorgen, dass Euer Körper und der Geist ein bisschen Ruhe finden? Ich hielte es für das Beste, wenn wir den Gleißenden und seine göttlichen Geschwister dafür anrufen würden. Mit ihrem Segen wird Euer Schlaf behütet sein. Was denkt Ihr?“

Die Angesprochene rang noch für einige Momente mit sich selbst. Welchen Kampf genau sie mit sich auszufechten hatte, konnte niemand der Umstehenden sagen, doch war es dieses Mal lediglich ein kurzes Ringen. Schon nach wenigen Herzschlägen entspannte sie sich und bettete ihr Haupt auf das weiche Polster. Sie ließ ein sanftes Nicken folgen und schloss ihre Augen.

„Nun denn“, Assunta lächelte, als sie den Blick auf Trautmann und seine Zone warf. „Dürfte ich Euch bitten, mich mit meiner Schwester im Glauben allein zu lassen? Wenigstens vorübergehend. Bis wir unsere Zwiesprache mit dem Gleißenden beendet haben? Danach sollte es ihr wesentlich besser gehen und sicher kann sie auch etwas Schlaf finden.“

Trautmann nickte der Sichlerin zu. „Selbstverständlich.“ Sein sorgenvoller Blick streifte Greifhild, dann verließ er die Kammer.

rund eine Woche später...

Trautmann von Gugelforst stand auf einem Stück instandgesetzter Burgmauer und blickte hinunter auf den schmalen Steig, der hoch zur Burg Lichtwacht führte. In seinem Rücken verschwand soeben das Mal des Herrn Praios hinter der düsteren Zackenreihe des bedrohlichen Finsterkamms und es zog unangenehme Kälte auf. Dem Junker war in den vergangenen Tagen die Situation hier auf seinem Gut entglitten. Dunkle Ringe unter seinen Augen zeugten von der entbehrungsreichen Zeit.

Wie vereinbart hatte er das Amulett nach zwei Praiosläufen wieder an sich genommen. Assunta schilderte ihm, dass sie die Stimmen durchaus auch vernahm und spürte, dass jemand versuchte, ihren Willen zu beeinflussen. Sie schien mehr zu wissen als das, ihm aber nicht schildern zu wollen, was es war. Vielleicht  weil sie sah, dass er ohnehin schon in Aufruhr war und ihren Zustand nicht verschlimmern wollte? In jedem Fall berichtete sie ihm, dass es ihr unerwartet leicht fiel, den Einflüsterungen zu widerstehen und dass sie das Schmuckstück gern länger bei sich behalten könne.

Als sie den zweifelnden Blick Trautmanns bemerkte, zog sie das Angebot sofort wieder zurück – vielleicht wiederum, weil sie ihn nicht beunruhigen wollte. Oder weil sie ihm von der Nasenspitze ablesen konnte, dass er fürchtete, sie könne schon viel mehr unter Einfluss stehen, als sie selbst bemerkte. Schließlich war es ja bei Greifhild genauso gewesen. In jedem Falle übergab Trautmann das Amulett nicht, ohne ihn dazu aufzufordern, sie in die Giftkammer zu begleiten – mit dem Schmuckstück im Gepäck. Er verstand nicht ganz, was sie damit bezweckte, ließ sich letztlich aber auf das Wagnis ein.

Viel geschah dann nicht. Er beobachtete die Geweihte dabei, wie sie mit dem Schmuckstück in der Hand durch die Giftkammer wandelte. Mal hier anhielt, mal dort anhielt, in sich hinein zu lauschen schien … offenbar Schlüsse zog, die sie jedoch nicht an ihn weitergab. Am Ende dieser Episode zierte ein Lächeln ihre Lippen, das irgendwie zufrieden wirkte. Trautmann fragte aber nicht nach dem Grund für ihre gute Laune. Er wollte einfach nur aus der Giftkammer raus und das Amulett möglichst weit weg bringen – nicht dass am Ende noch irgendwas geschah, was sie beide bereuen würden.

Wenig später erfuhr der Gugelforster dann am eigenen Leib, was es bedeutet das Schmuckstück um den Hals zu tragen. Was auch immer es war – ob nun ein Geist oder der Heilige Gilborn – es drang auch auf ihn ein. Erst verführerisch säuselnd, dann ungeduldiger ... fordernder ... und am Ende gar drohend. Das begriff er auch ohne, dass er irgendwas von dem verstand, was dort gewispert wurde. Es waren mehr Emotionen als Worte, die auf ihn einwirkten. Gedankenbilder und Gefühlsschwankungen.

 Wiewohl dem Junker dem Etwas nicht direkt von Nutzen sein konnte, so zumindest die Annahme Assuntas, zeigte sich die Stimme auch ihm gegenüber unnachgiebig. Was genau sie damit zu erreichen versuchte, eröffnete sich ihm nicht. Und so waren die Nächte lang ... immer wieder suchte er das Gespräch mit der Sichler Geweihten, um nicht den Verstand zu verlieren. Ihr den Schlüssel auszuhändigen war jedoch keine Option für den Ritter, obwohl sie mehrfach anbot, ihm die Bürde abzunehmen. Er wollte sie einfach nicht in Gefahr bringen.

Der Schlüssel war bei ihm schon in den richtigen Händen, wie er befand, und Hilfe war ja auf dem Weg ... hoffte er zumindest. Der siebte Praioslauf seit sie die Brieftaube gen Anderath sandten, ging soeben zu Ende. An diesem Tage würde es jedoch offenbar nichts mehr werden. Trautmann stieg mit gesenktem Kopf von der Mauer und machte sich auf zum Abendessen im Wohnturm. Kurz wollte er noch nach Greifhild sehen, die – befreit vom Einfluss der Stimme – wieder auf dem Weg der Besserung war und unter Anleitung Assuntas sogar erste einfach Aufgaben in der Kapelle übernahm.

Kurz bevor er das Tor zum Wohnturm erreichte, erklang jedoch das Signalhorn am Tor in die Vorburg. Der Junker wandte sich um und ging schnellen Schrittes zum Urheber des Signals. Am Tor angekommen war ein einzelner Reiter im weißen Ornat der Bannstrahler, der gerade von einem Knecht durchgelassen wurde. Sofort verzog sich der Mund des Gugelforsters zu einem strahlenden Lächeln.

„Praios zum Gruße“, rief er dem Krieger des Götterfürsten schon von weiten zu, wofür er einen irritierten Blick des Neuankömmlings erntete. Angehörige der Geißler wurden selten auf diese freudige Art und Weise begrüßt, vor allem hier in Weiden nicht.

Der Mann nickte ihm erst zu und schob dann ein „Praios zum Gruße, Wohlgeboren“, hinterher. „Ich komme aus Anderath mit Kunde für Ihre Ganden und Euch“, meinte er noch, ehe er den Blick wachsam über das ihn umgebende Gemäuer gleiten ließ, als wolle er sich erst einmal ein Bild davon machen, wie wehrhaft die Anlage war.

Ein Ausdruck der Erleichterung huschte über das müde, von Entbehrungen gezeichnete Antlitz des Junkers. „Wir haben schon sehnlichst auf eine Kunde Anderaths gewartet, hoher Herr. “ In einer einladenden Geste wies er in Richtung des Wohnturmes, während ein Knecht heran war und dem Bannstrahler mit seinem Pferd half. „Ihr müsst hungrig sein, ich lasse sogleich etwas auftragen und schicke nach ihrer Gnaden. “


***


Kurze Zeit später saßen Trautmann, Assunta, der Bannstrahler und in zweiter Reihe Greifhild am Tisch des Speiseraums im Wohnturm. Gerade trug die Magd dampfende Suppe auf. Erwartungsvoll blickte der Hausherr dabei zwischen Assunta und dem Geißler hin und her, wusste er doch nicht, wie der Kenntnisstand des Neuankömmlings war.

Letztlich war es aber nicht die Geweihte, die zu irgendwelchen Erklärungen anhob, sondern der Ordensmann.

„Ihre Hochwürden lässt Euch die besten Grüße übermitteln, Euer Gnaden“, schnarrte er, würdigte Assunta dabei keines Blickes, sondern starrte mit höchster Konzentration auf die Suppe und schnupperte leise. Offenbar handelte es sich um einen Weidener, was Trautmann ziemlich bemerkenswert fand. Denn welcher Weidener entschied sich schon für eine Laufbahn als Bannstrahler?

„Ich habe hier einen Brief für Euch“, fuhr der Mann unterdessen fort. „Und ich soll Euch noch mal extra dazu sagen, dass Ihre Hochwürden höchstes Vertrauen in Eure Fähigkeiten hat. Deshalb wird Herr Patras auch nicht herkommen, um das Artefakt zu bergen. Die Aufgabe fällt Euch zu. Ihr sollt es nach Anderath bringen. Dort sehen wir dann weiter. Ich bin nur hier, um die Truhe zu bringen, in der dieses Ding sicher transportiert werden kann.“

Er hielt kurz inne, löste seinen Blick dann von der Suppe und sah stattdessen Greifhild an:

„Außerdem soll ich dafür sorgen, dass Eure Schwester im Glauben Euch nach Anderath begleitet. Sie wird dort ebenso wie Ihr erwartet.“

Nach diesen Worten nestelte er einen Brief aus seiner Gürteltasche und überreichte ihn ohne ein weiteres Wort an Assunta – als sei nun wirklich alles gesagt.

Sie Sichlerin griff nach dem Schreiben. Mit leerer Miene, wohlgemerkt. Gedanklich schien sie ganz woanders. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass sie den Brief in Anwesenheit aller öffnete und zu lesen begann, als sei niemand da. Rasch wirkte sie so vertieft, dass Trautmann nicht damit rechnete, so bald wieder etwas von ihr zu hören. Er war mit Greifhild und dem Geißler also fürs Erste auf sich gestellt.

Und das war weniger als der Junker erwartet hatte. War dies wirklich die richtige Entscheidung? Ohne die nähere Natur dieses Artefakts zu kennen? Trautmann hatte Ihre Hochwürden vor einigen Wochen selbst kennenlernen dürfen und höchsten Respekt vor ihrer Person. In diesem Fall jedoch war er sich unschlüssig, ob sie es nicht vielleicht doch auf die leichte Schulter nahm.

„Habt Dank, Euer Ehren“, noch während Assunta auf das Schreiben starrte, wandte sich der Gugelforster an den Bannstrahler. „Werdet Ihr uns mit dem Artefakt nach Anderath begleiten? Ich werde mich selbstverständlich ebenfalls persönlich dafür zur Verfügung stellen, um für eine sichere Überführung des Stücks zu sorgen.“

„Ja, ich werde Euch auf dem Weg dorthin begleiten“, meinte der Bannstrahler leichthin. „Und bei der Bergung des Artefakts stehe ich Euch auch zur Seite. Sollte irgendein orkischer Geist der Meinung sein, er müsste hier in Erscheinung treten, wird das sicher ein kurzes Gastspiel. Wir lehren ihn schon Mores.“

Trautmann war sich nicht sicher, ob der Mann die Situation einfach falsch einschätzte, oder ob er tatsächlich irgendetwas an der Hand hatte, womit man Geister bekämpfen konnte, wenn sie denn ... in Erscheinung traten. In jedem Fall strahlte er eine große Zuversicht aus, was an sich schon mal etwas Ermutigendes hatte. An seiner Haltung änderte auch das irritierte Gesicht Assuntas nichts, als sie den Brief der der Hochgeweihten von Anderath beiseitelegte. Stattdessen grinste er nur unbeirrt und hob fragend die Brauen:

„Alles klar?“

Die Geweihte nickte, während sie den Brief faltete.

„Dann können wir ja jetzt vielleicht was essen?“, schlug der Bannstrahler vor und sah Trautmann fragend an.

Doch bereits nach dem zweiten Löffel brach der Junker das durch die Einnahme der Suppe entstandene Schweigen am Tisch wieder. In seinem Kopf kreisten die Bilder jenes Tages, da sie die Ruine hier von den Untoten befreit hatten. Es wäre seiner Meinung nach fatal gewesen, die Situation hier zu unterschätzen.

„Was auch immer es ist, Euer Ehren, ich habe gesehen, was es mit einer ganzen Burgbesatzung Bannstrahler gemacht hat. Wir sollten die Situation nicht unterschätzen.“

„Was auch immer das gewesen ist, habt Ihr ja gemeinsam mit Euren Kameraden ausgetrieben, oder nicht?“, erwiderte der Ordensmann mit halbvollem Mund. „Wenn ich Ihre Hochwürden richtig verstanden habe, spukt ja jetzt nur noch das in diesen Mauern herum, was die Bannstrahler einst eingekerkert haben und auf keinen Fall entweichen lassen wollten? So stand es im Brief Ihrer Gnaden“, er sah kurz zu Assunta hinüber und fasste Trautmann dann wieder ins Auge. „Das heißt, wir haben die halbe Miete schon, oder seht Ihr das etwa anders?“

Kurz huschte der Blick des Junkers hinüber zu Assunta. „Es spukt herum?“ Es war nicht ganz klar, wem der Anwesenden diese Frage nun galt. „Wir haben ein Amulett gefunden, von dem wir annehmen, dass es uns zu eben jener ... Quelle ... führen wird.“ Trautmann beobachtete den Ritter für einige Herzschläge beim Löffeln seiner Suppe. „Es spricht auch zu uns. Aber soweit wir bisher erkannt haben, wohl nur zu demjenigen, der dieses Schmuckstück trägt.“

Abermals wartete der Hausherr für einige Momente, bevor er fortfuhr: „Wie sollen wir es angehen? Hat Ihre Hochwürden Euch dahingehend Anweisungen mitgegeben?“ Nachdem das gefragt war,  griff er nach seinem Löffel und nickte dem Ordenskrieger knapp zu: „Wohlschmecken!“

„Wohlschmeckern“, erwiderte der Geißler und gönnte sich dann noch ein paar Löffel, ehe er wieder zu Assunta hinüber sah. „Wie es jetzt hier weitergeht, entscheidet Ihre Gnaden. Hochwürden schien nicht der Meinung zu sein, dass sie da noch weitere Anweisungen braucht. Es sei denn natürlich, da stand etwas in dem Brief. Weiß ja nicht, was Frau Heliopais da alles rein geschrieben hat.“

Die Geweihte schien erst gar nicht zu bemerken, dass ihr Typ gefragt war. Schließlich aber spürte sie wohl den Blick, der auf ihr ruhte – sah erst zum Bannstrahler, dann zu Trautmann hinüber und meinte: „Ich denke, ich weiß schon, wie wir es angehen können. Ich brauche noch ein paar Details. Aber es sollte nicht allzu lange dauern, bis ich die zusammengekratzt habe. Ein paar Tage noch, dann können wir dieses ... Artefakt hoffentlich in die Truhe legen, die Hochwürden uns zu just dem Zweck her geschickt hat.“

Währenddessen blickte Greifhild still vor sich hin. In ihrem Kopf hallten immer noch die Worte des Geißlers nach, dass sie sich in Anderath einzufinden hatte. Es war ein Gefühl der Angst, das sie bemächtigte. Sorge und Angst. Noch nie hatte man ihr innerhalb der Gemeinschaft des Lichts Aufmerksamkeit zukommen lassen. Warum also jetzt? Wollte man sie von hier wegholen? Sie, die einzige Geweihte des Götterfürsten in der Grafschaft? Oder wollte man ihr gar den Kopf waschen und sie wegsperren, weil man ihr die enge Verbindung zum Götterfürsten neidete? Wollte man sie vielleicht gerade deswegen anhören und ihr endlich jene Würden angedeihen lassen, die sie verdiente? Die Furcht schwand und ein selbstsicheres Lächeln erschien auf ihren Lippen. Ja, das musste es sein.



ein paar Tage später...

Trautmanns Knie schmerzten und dennoch breitete sich in seinem Inneren ein wohliges Gefühl der Zuversicht und Stärke aus. Zu seiner Rechten tat es ihm der Krieger vom Orden des Bannstrahl Praios´ gleich, der dabei jedoch wieder und wieder Worte in Bosparano murmelte – wohl als Antwort auf jene Zeilen, die von Assunta vor ihnen gesprochen wurden. Es war eine Andacht, wie sie sie jeden Tag abhielten und von Mal zu Mal schien die Stimme aus dem Amulett in Trautmanns Kopf leiser zu werden.

Der Gugelforster blickte vor zur Sichlerin. Die Kapelle war von ihm und den tatkräftig helfenden Menschen der Burg wieder weitgehend in Schuss gebracht worden, doch würde, wenn die Sache mit diesem Geist erledigt war, jemand fehlen, der den Ort zu einer Heimstatt des Götterfürsten machen würde. Ob sie die Richtige dafür wäre?

Trautmanns Blick ging weiter und lag nun auf Greifhild. Die Trutzerin assistierte als Messdienerin. Für mehr, so meinte Assunta, sei die Lichtbringerin derzeit noch nicht geeignet und dennoch konnte der Junker auch in ihr bereits eine zarte Veränderung feststellen. Ihr schienen die täglichen Aufgaben für den Glauben und die Menschen wieder Sicherheit und Wohlbefinden zu schenken, auch wenn sie noch weit vom Idealbild einer Dienerin des Gleißenden entfernt sein mochte.

Wie jeden Tag beendeten sie die Morgenandacht mit dem Loblied des Herrn Praios. Trautmann war kein guter Sänger und trotzdem schmetterte er die Zeilen mit einem gewissen Selbstbewusstsein. Ein riesiger Unterschied zu seinem damaligen Besuch in Trallop und dem Versuch, mit dem dortigen jungen Geweihten Choräle anzustimmen.

Nach dieser Lobpreisung entfernte sich das anwesende Gesinde gemeinsam mit Greifhild und stieg die Stufen hoch in den Burghof. Zurück blieben bloß Assunta, der Bannstrahler und Trautmann. Die beiden Männer adjustierten sich und legten ihre Schwertgürtel an. Was nun folgen würde, war von der Gruppe die letzten Tage über geplant worden, doch niemand wusste, was genau sie erwartete. Es galt, jenes Artefakt zu bergen, das einst eine ganze Burgbesatzung in den Wahnsinn trieb.

Einmal noch atmete Trautmann tief durch, dann nickte er seinen Begleitern zu und machte sich auf in Richtung des Archivs. Wie sie inzwischen wussten, gab es im Giftschrank eine, in die Mauer eingelassene Verwahrungsmöglichkeit, die mittels Schlüssel und der Macht Praios´ geöffnet werden konnte.

Eben dort angekommen, nahm der Junker das Amulett ab und reichte es an Assunta weiter: „Seid vorsichtig, Euer Gnaden. Im Endeffekt machen wir jetzt genau das, was die Stimme wollte. Wir müssen auf alles vorbereitet sein.“

„Ich denke doch, um zu bewirken, was die ganze Zeit schon bewirkt werden soll, müssten wir diese Kammer mit dem Schlüssel und dem Artefakt verlassen – und zwar ungeschützt“, meinte Assunta. „Aber just das haben wir ja nicht vor!“

Sie sah zu dem Bannstrahler hinüber, der die schwere Truhe aus Anderath mit in die Giftkammer geschleppt hatte und sie nun vorsichtig auf dem Boden abstellte – ganz in der Nähe der geheimen Aussparung, die besagtes Artefakt enthielt. Jedenfalls nach allem, was sie wussten.

„Wir legen die orkische Insigne sofort dort hinein“, stellte Assunta klar. „Da ist sie so sicher wie hier in der Kammer. Den Schlüssel behalten wir bei uns, denn ich wage nicht vorherzusagen, was geschehen würde, wenn wir beides gemeinsam in der Kiste verstauten. Wohl oder übel wird einer von uns ihn tragen müssen, wenn wir uns auf den Weg nach Anderath machen. Aber vielleicht können wir uns ja abwechseln, um die Last für jeden Einzelnen auf ein Minimum zu reduzieren.“

Nachdem das gesagt war, richtete sie den Blick auf die verzierte Wand der Kaschbasalt-Kammer, musterte mit nachdenklicher Miene die Lade, die sie in den vergangenen Tagen ausgemacht hatten, und atmete dann tief durch.

„Nun denn. Beginnen wir“, sagte sie. „Oder gibt es noch irgendwelche Einwände?“

Als Zeichen der Zustimmung folgte von Trautmann lediglich ein stummes Nicken. Er war etwas angespannt und insgeheim froh, dass Greifhild nicht ebenfalls anwesend war. Der Junker hätte es für dumm gehalten, sie dabei zu haben und, Praios sei es gedankt, vertraten Assunta und der Bannstrahler die gleiche Ansicht. Wohl nicht zuletzt, weil die Trutzer Geweihte den Geist immer noch für einen Erzheiligen ihrer Kirche hielt. Sie war ein Unsicherheitsfaktor, so viel war klar, und ihre Anwesenheit würde daher alle in Gefahr bringen.  

Der Plan war ausformuliert und schien dem Laien Trautmann auch schlüssig. Was sollte schon passieren? Es würde ja nur ein paar Herzschläge dauern, bis das Artefakt von einer sicheren Verwahrung in die Nächste gehoben wurde. Noch dazu war die Stimme im Schlüssel seit der Ankunft des Bannstrahlers verstummt. Der Ritter nahm dies wohlwollend zur Kenntnis. Vielleicht hatte ... was auch immer seine Unterlegenheit eingesehen und sich mit seinem Schicksal abgefunden.

„Ich denke, wir sind bereit“, meinte er schließlich.

Daraufhin begab sich die schmale Sichlerin ans Werk. Sie hielten sich zwar in einer Kammer aus Koschbasalt auf, die jede Form der Magie – und damit nach allem, was Trautmann in den vergangenen Tagen gehört hatte, auch jede Form der Einflussnahme durch Geister – unterband, doch schien Assunta nichts für garantiert zu halten. Sie begann damit, die selbe Art Schutzkreis zu errichten wie schon damals, als sie den Thron das erste Mal genauer untersucht hatte.

Dann machte sie noch ein paar andere Dinge, die Trautmann nicht recht einordnen konnte, die aber sicher ihrem Schutz dienten – genau der Segen, den sie am vergangenen Morgen schon auf seine Waffe hinab beschworen hatte. Schließlich schien sie alles erledigt zu haben, was sie für unabdingbar hielt. Ihr Blick ging erst zu Trautmann hinüber und dann zu dem Bannstrahler, der ihr mit einem knappen Nicken bedeutete, dass auch er alles so weit hergerichtet hatte.

Dann trat sie an die Lade in der Wand heran. Ganz ohne zögern, steckte sie den Schlüssel in das Schloss, das erst sichtbar wurde, wenn man ein paar vergoldete Intarsien beiseitegeschoben hatte, und drehte ihn dann um. Es war deutlich zu hören, wie der alte Mechanismus in Bewegung geriet: ein Knirschen und Knarzen. Dann klackte es schließlich leise und Trautmann sah, wie eine Lade von vielleicht zwei Schritt Länge und 30 Halbfingern Höhe aus der Wand heraus sprang. Nicht weit. Einen Finger vielleicht. Der Rest würde wohl nicht automatisch geschehen, sondern ein beherztes Zugreifen der Geweihten erfordern. Und die zögerte auch diesmal nicht.


***


In Greifhild hatte auf dem Weg zurück in Richtung Wohnturm ein innerer Kampf getobt. Assunta hatte ihr aufgetragen, sich dorthin zurückzuziehen, bis die Sache vorüber war. Das gefiel ihr nicht, weshalb sie sich ein leises Seufzen nicht verkeifen konnte. Wer war diese Sichlerin schon, dass sie ihr die Anwesenheit verbieten konnte? Eine Lichtträgerin, genau wie Greifhild selbst. Und warum fiel der dann die Aufgabe zu, eine Gefahr aus eben dieser Burg zu bannen. Einen Trutzer Burg? Also einer aus ihrer, Greifhilds, Heimat?

Diese Anderather waren alle gleich! Hochmütig blickten sie seit Jahr und Tag auf sie herab, achteten sie nicht. Während ihre dortigen Brüder und Schwestern unter güldenen Kuppeln saßen, hielt sie hier am Rande des Finsterkamms eherne Wacht. Noch nie hatte sich Anderath für die Heldentrutz interessiert – warum also jetzt? Neidete man ihr ihre Stellung und Beziehung zum Götterfürsten? Dass sie es war, die dazu erwählt wurde, eine große Gefahr für die Menschen der Grafschaft zu bannen und eben nicht Hochwürden Heliopais?

Ja, das war es bestimmt. Greifhilds Wangen nahmen einen leichten Rotton an und erfüllt von aufkommendem Zorn machte sie kehrt, um sich schnurstracks zurück zur Kapelle und der Giftkammer zu begeben.


***


Derweil schien das Vorhaben einer jahrhundertealten Seele aufzugehen. Ganz anders als gedacht und dennoch einfacher als angenommen. Die Hybris und die Selbstüberschätzung dieser Glatthäute würden ihnen auch diesmal zum Verhängnis werden. Er würde nicht lange brauchen – ein, zwei Herzschläge ... wenn es denn ein schlagendes Herz in seiner Brust geb. Doch bald würde sie [die Seele] ein solches wieder fühlen – und dann wäre sie frei!


***


Wie zuvor vereinbart, war Trautmann unterdessen mit einem Stemmeisen an die Lade herangetreten und machte sich daran, sie zu öffnen. Wie erwartet, war dies kein leichtes Unterfangen. Erst als der Bannstrahler ihm zur Seite sprang, schafften sie es mit vereinten Kräften, sie nach Hunderten von Götterläufen erstmals wieder zu öffnen.

Man konnte die Spannung der Anwesenden förmlich spüren, als die Lade sich öffnete und ein rot-goldenes Tuch zum Vorschein kam. Als Trautmann sich neugierig zur Öffnung beugte, schien ihm der Staub der Äonen entgegen zu fliegen – und dies nicht nur sprichwörtlich. Es schien, als käme ein leichter, kaum vernehmbarer Luftzug aus der Kammer und es sollte der Bannstrahler neben dem Junker sein, der dieses Phänomen als seltsam genug einschätzte, um ihn an der Schulter zu packen und zurückzuziehen.

Trautmann wandte sich hilfesuchend zu Assunta um, doch dann nahm ein Poltern zwischen ihenen und der Eingangstür zur Giftkammer seine Aufmerksamkeit ein.

„Bei den Göttern“, entfleuchte es seiner Kehle, als er Greifhilds bewusstlosen Körper auf dem steinernen Boden erblickte. „Was tut sie denn hier?“

Der Geißler hingegen wahrte seine Fassung: Er griff nach dem eingeschlagenen Artefakt und legte es rasch in die Truhe.

Ehe sich einer der beiden Männer versah, war die Sichlerin auch schon heran und schloss die Truhe mit einem deutlich vernehmbaren Klacken. Sie hakte den Schließmechanismus sorgfältig ein und gestattete sich dann erst einen Blick auf ihre Glaubensschwester, die auf halbem Wege zu ihnen zusammengebrochen war und nun scheinbar ohnmächtig da lag. Assunta runzelte die Stirn, während ihr Blick vom Schlüssel in ihrer Hand zu der Lade und dann über die geschlossene Truhe hinüber zu Greifhild glitt.

Trautmann konnte förmlich sehen, dass es hinter der Stirn der Geweihten arbeitete. Sie schien sich einen Reim auf das seltsame Geschehen machen zu wollen – und dabei leidlich erfolgreich zu sein. Oder es jedenfalls zu meinen. Es dauerte jedenfalls kaum mehr als zwei Herzschläge, bis sie sich mit Grabesstimme an den Geißler wandte:

„Ergreift Ihre Gnaden und fesselt sie!“

„F ... fesseln?“ Trautmann sah verdutzt hinüber zur am Boden liegenden Geweihten. „W ... warum?“

Der Geißler gab ob des Zögerns des Junkers lediglich ein Schnauben von sich und kam der Anweisung der Lichtträgerin sofort nach. Als er Greifhilds reglosen Körper fesselte, war er nicht gerade zimperlich und fragte anschließend dienstbeflissen:

„Was machen wir jetzt mit ihr, Euer Gnaden?“

„Wir bringen sie in ihre Gemächer und lassen sie nicht aus den Augen. Sobald sie wieder zu sich kommt, will ich mit ihr sprechen.“

Nachdem das gesagt war, lud sich der Bannstrahler die ohnmächtige Geweihte auf die Arme. Auf einen Wink der Sichlerin hin trat er aus der Giftkammer und wartete geduldig, bis Trautmann diese wieder verschlossen hatte. Die Kiste mit dem Artefakt nahmen sie nicht mit, sondern ließen sie fürs Erste genau da, wo sie war. Dann bewegte sich das Grüppchen in Richtung Wohnturm. Unterwegs war Assunta endlich so freundlich, dem verwirrten Junker zu erklären, was es mit ihrem seltsamen Gebaren auf sich hatte.

„Sie hat sich im entscheidenden Moment nicht im Schutzkreis befunden und ihr Geist ist eh schon geschwächt ... zerrüttet“, sagte sie leise. „Es könnte sein, dass etwas aus dem Artefakt oder dem Schlüssel entwichen und in sie eingefahren ist. Ich möchte auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Wenn sie besessen sein sollte, hätte die Entität, mit der wir es die ganze Zeit schon zu tun haben, jetzt einen deutlich größeren Spielraum als zuvor. Und es ist an uns dafür zu sorgen, dass ihr keine Vorteile daraus erwachsen.“

Doch es war der Bannstrahler, der ihr knapp zunickte. Er hatte verstanden und tat wie ihm aufgetragen wurde. Genauso wie es seine Pflicht war. Während er den Auftrag einer Geweihten ausführte, schien er sich nicht daran zu stören, eine andere wie einen Sack Mehl zu behandeln. „Soll ihre Gnaden gefesselt bleiben?“, fragte der Ordensmann kalt. „Ich werde selbst die Wache vor ihren Gemächern übernehmen und Euch Bescheid geben sobald sie zu sich kommt.“

„Denkt Ihr wirklich, dass das nötig ist?“, vergewisserte sich Trautmann mit einem Seitenblick auf Assunta. „Sie zu fesseln, meine ich.“

Die sah ihn daraufhin schwer irritiert an – mit gehobenen Brauen und einem leicht verkniffenen Mund. „Ich hätte es kaum angeordnet, wenn ich das nicht wirklich denken würde, oder was meint Ihr?“, entgegnete sie schlicht.

Dabei schien sie es belassen zu wollen, war offenbar der Meinung, dass Trautmanns Frage keine weiteren Worte verdiente, weil sich im Grunde eh alles von selbst erklärte. Letztlich ließ der verwirrte Blick des Junkers, sie aber doch einlenken:

„Streng genommen müsste ich Ihre Gnaden überdies knebeln lassen und dafür sorgen, dass sie nichts mehr sieht. Sie ist aller Wahrscheinlichkeit vom Geist eines zaubermächtigen Orkschamanen besessen. Wir haben keine Ahnung, was der vermag und welche Gefahren es für uns und die gesamte Burgbesatzung bedeutet, wenn er sein Potenzial entfaltet. Das, was Ihr hier seinerzeit vorgefunden habt, lässt jedoch gewisse Rückschlüsse zu. Also was denkt Ihr? Dass wir rücksichtsvoll mit ihr umgehen sollten, weil sie eine Dienerin des Gleißenden ist? Das könnte das letzte Mal sein, dass Ihr Euch den Luxus in dieser Sphäre erlaubt.“

Die Sichlerin schien deutlich verstimmter, als seine harmlose Frage dies eigentlich gerechtfertigt hätte. Deshalb setzte Trautmann zu einer Erwiderung an. Im letzten Moment entschied er sich jedoch dagegen – eine gute Entscheidung, wie sich nur Herzschläge später zeigen sollte. Da gab die Geweihte nämlich ein leises „Sie hätte einfach tun sollen, was ich ihr gesagt habe“ von sich und er begriff, dass er nicht der eigentliche Auslöser für den Ärger war. Das machte die Situation allerdings auch nicht gerade besser.

Der Gugelforster seufzte und ließ dann ein knappes Nicken folgen. Er hatte verstanden, auch wenn es auf ihn etwas befremdlich wirkte, Greifhild so zu behandeln. Er stammte aus einem Haus, in dem man den Götterdienern ein sehr hohes Maß an Respekt entgegenbrachte. Doch Assunta und der Geißler hatten ihre Gründe haben – vor allem wenn es stimmte und der Geist nun in die Geweihte eingefahren war.

„Verstanden Euer Gnaden“, die Stimme des Bannstrahlers, der immer noch Greifhilds bewusstlosen Körper über seine breite Schulter hängend trug, riss Trautmann aus seinen Gedanken. „Ich werde sie knebeln. Ihre Gnaden wird weder einen Mucks von sich geben können, noch wird sie ihre Schlafstatt verlassen.“ Mit diesen Worten wollte der Ordensmann in Richtung des Wohnturms davon stapfen, wurde von Assunta noch einmal aufgehalten.

„Ihr werdet nichts dergleichen tun“, meinte sie entschieden. „Ihr bringt sie einfach nur auf ihre Kammer und wartet dort auf mich. Ich werde mich zu ihr setzen und dort bleiben, bis sie wieder bei Bewusstsein ist. Kein Knebel, keine Binde für die Augen – verstanden?“

Erst nachdem der Geißler ihr das mit einem stummen Nicken bestätigt hatte, ließ sie ihn ziehen und wandte sich wieder Trautmann zu: „Wolltet Ihr noch etwas wissen?“

„Wie soll es denn jetzt weitergehen?“, fragte der Junker daraufhin sofort. „So können wir doch nicht nach Anderath aufbrechen.“ Dann zögerte er einen Moment und suchte nach den rechten Worten: „Habt Ihr Mittel und Wege, sie wieder ... von dem Geist zu befreien ... sollte er wirklich in ihr hausen?“

Nachdem er geendet hatte, blickte Assunta ihn einen Moment schweigend an. Ihre Miene verriet nicht viel darüber, was sie dachte. Allerdings war er ziemlich sicher, dass die Situation sie ebenfalls vor eine große Herausforderung stellte.

„Ich habe Mittel“, sagte sie schließlich leise. „Ich bin mir nur nicht sicher, ob sie die in ihrem momentanen Zustand überleben würde. Andererseits habt Ihr Recht: Sollte der Geist ihr Bewusstsein verdrängt und Kontrolle über den Leib ergriffen haben, können wir sie so kaum nach Anderath schaffen. Damit würden wir nicht nur uns einer Gefahr aussetzen. Also lautet meine Antwort auf Eure Frage: Ich weiß es im Moment auch nicht. Ich muss sie mir erst genauer ... ansehen. Und mit ihr reden. Danach bin ich hoffentlich etwas schlauer.“

Trautmann nickte der Geweihten zu. Ein kleiner Teil in ihm hoffte jedoch, dass alles nicht so schlimm war, Greifhild bloß wieder aus Erschöpfung zusammengebrochen war und sie sich bald erholte. „Soll ich Euch dann zu ihr begleiten?“, fragte der Junker etwas unsicher.

Assunta überlegte kurz und schüttelte dann zögernd den Kopf. „Nein, ich schätze, es ist besser, wenn Ihr nicht mit in den Raum kommt, Wohlgeboren. Allerdings wäre es wahrscheinlich nicht schlecht, Euch in der Nähe zu haben. Also wenn Ihr Euch … vielleicht vor der Tür postieren würdet?!“


***


Es dauerte kein Stundenglas, bis Assunta über das Erwachen ihrer Glaubensschwester in Kenntnis gesetzt wurde. Als sie dem Ruf nachkam und die Gemächer des Burgherrn betrat, in welche Greifhild gebracht worden war, empfing sie die Trutzer Geweihte aufrecht auf dem Bett sitzend und mit ihren Armen von sich gestreckt. Erst bei näherem Hinsehen bemerkte Assunta, dass die Lichtbringerin festgebunden war. Mit wachem Blick musterte sie die Sichlerin abschätzig und ein feines Lächeln lag auf ihren Lippen.

„Es ging nicht anders, Euer Gnaden“, warf der Geißler von der Seite ein und der Grund dafür zeigte sich in den tiefen Wunden auf seinem Gesicht. Es schien, als hätte jemand versucht dem Ordenskrieger die Augen auszukratzen. „Sie hat mich angegriffen.“

„Ich verstehe“, meinte Assunta, nachdem sie einen prüfenden Blick in das Gesicht des Mannes geworfen hatte, „und ich werde mich nachher darum kümmern. Fürs Erste …“ Sie sprach nicht zu Ende, sondern wandte sich zu ihrer Glaubensschwester um – oder vielmehr: zu dem, was einmal ihre Glaubensschwester gewesen war. Vom rechten Pfad war sie ja offenbar schon lange abgekommen, aber jetzt war es ziemlich offensichtlich ganz um sie geschehen.

Assunta ließ sich von dem stechenden Blick und dem geringschätzigen Lächeln nicht aus der Ruhe bringen, sondern zog einen Schemel an die Bettstatt heran und setzte sich daneben. Sie sie ließ sich eine ganze Weile Zeit, ihre Schwester zu mustern und erflehte dabei auch den Beistand ihres Herrn und seiner Schwester Hesinde, um einmal mehr einen Blick in Madas Welt zu werfen – sich davon zu überzeugen, dass da nun wirklich.

Am Ende war sie sich nicht sicher, was sie da sah. Eine Reststrahlung vielleicht ... passenderweise, denn es war ja eine Seele vom Artefakt in den Menschen übergesprungen und kein Zauber. Und da Greifhild in etwa so magisch war wie der Koschbasalt, der die den Orkschamanen seit Jahrhunderten an diesen Ort gebunden hatte, würde er ihren Leib kaum zum zaubern nutzen können. Fragte sich nur, was er selbst vermochte. Nachdem sie ihre Musterung beendet hatte, seufzte Assunta leise und straffte ihre Haltung.

„Und nun?“, fragte sie dann leise. „Wie geht es jetzt weiter?“

Während der gesamten Musterung folgte Assunta ein wachsamer Blick aus Greifhilds Augen. Es war ein Maß an Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart darin zu erkennen, welche die Sichlerin von ihrer Glaubensschwester bislang nicht kannte. Sie wirkte für gewöhnlich etwas fahrig und eher abwesend.

„Binde mich los, Schlampe. Dann zeig ich es dir“, kam es grollend aus ihrer Kehle. Die Stimme war nur noch sehr schwer als die ihrer Glaubensschwester zu erkennen. „Wenn der Leib dieses verfluchten Weibes nicht so schwächlich wäre ... ich hätte den Glatthaut-Krieger schon zu eurem schwächlichen Sonnengötzen geschickt.“ Abermals legte sich ein feines Lächeln über Greifhilds Züge, welches die eben gesprochenen Worte ins Absurde verzerrte.

Als wieder Schweigen im Raum herrschte, blickte Assunta ihre Glaubensschwester – oder vielmehr: den Schamanen – nachdenklich an. Für einen Moment schien in ihren Augen Mitgefühl auf, sonst jedoch blieb die Miene vollkommen reglos. Nach einer kurzen Pause begann sie sacht zu nicken und hob schließlich gleichmütig die Schultern:

„Muss frustrierend für Ihn sein, über so wenig Macht zu verfügen, dass Er nur einen zerrütteten Geist überrumpeln und sich nichts als einen schwächlichen Leib Untertan machen kann. Das sagt allerdings weit weniger über meinen Herrn aus als über Seinen, würde ich denken. Wie bedauerlich für Ihn.“

Nun spannte sich Greifhilds Leib und sie zerrte an ihren Fesseln, doch war der ausgemergelte Leib bei weitem nicht stark genug, um sich zu befreien. Dennoch bemerkte Assunta, dass ihre Worte Wirkung zeigten: Das Lächeln auf den Lippen Greifhilds schwand und die zuvor noch wachen Augen waren vor Zorn geweitet. „Schweig, Weib! Das wirst du mir büßen. Ich werde dir deine Zunge rausschneiden und dich an deinem eigenen Blut ersticken lassen“, grollte die Trutzerin ihr entgegen.

„Sicher“, meinte Assunta trocken, erhob sich dann, ohne mit einer Wimper zu zucken und wandte sich in Richtung des Bannstrahlers: „Sie bleibt gefesselt und wir knebeln sie überdies, damit sich niemand den Unsinn anhören muss, der über ihre Lippen kommt. Und die Augen verbinden wir auch. Ich helfe dir dabei. Wenn das getan ist, sehe ich mir deine Wunden an. Dann spreche ich mit Wohlgeboren darüber, wie es weitergeht. Du hältst vor der Tür Wache, bis Ablösung kommt. Bis auf weiteres betritt niemand diesen Raum!“

Es geschah, wie die Sichlerin befohlen hatte. Der Geißler knebelte Greifhild und verband ihr dann auch noch die Augen. Die Ruhe war nun gänzlich aus ihrem besessenen Körper gewichen: Sie trat um sich und führte einen erfolglosen Kampf, um sich aus ihren Fesseln zu befreien. Der Geist des Schamanen musste sich eingestehen, dass er sich wohl verkalkuliert hatte. Der Übergang in den neuen Körper verlief problemlos, doch verfügte er nun über keine Zauberkraft mehr und ohne diese blieb ihm nur der ausgezehrte Leib eines dürren Weibs. Er hätte einen der beiden Krieger wählen sollen, doch hatte diese gelbhaarige Schlampe einen Bannkreis gezogen, der sie Männer schützte.

Nachdem Assunta die Wunden des Bannstrahlers versorgt hatte, trafen die beiden sich mit Trautmann in den Räumen, die die Sichler Geweihte bezogen hatte. Das Antlitz des Junkers war  sorgenvoll verzerrt. „Wie schlimm ist es?“, fragte er. Sein Blick auf die Wunden des Ordenskriegers schien ihm eine Antwort auf eben gestellte Frage zu geben, weshalb er gleich fortfuhr: „Könnt Ihr etwas für sie tun?“

„Ich könnte es versuchen, aber ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre. Nicht unter den gegebenen Umständen hier vor Ort“, erwiderte Assunta ohne Zögern. „Besser wäre es meiner Meinung nach, wir würden sobald wie möglich nach Anderath aufbrechen und dort schauen, was für sie getan werden kann.“

Trautmann zog skeptisch seine Stirn kraus. Das konnte Assunta deutlich sehen und es brauchte keine Worte, die diese Skepsis noch weiter unterstrichen. Dennoch wollte der Junker nicht schweigen:

„Denkt Ihr, dass wir Ihre Gnaden ... in ihrem gegenwärtigen Zustand ... durch das halbe Herzogtum karren können?“ Der Gugelforster empfand dies als Ding der Unmöglichkeit. „Wäre das nicht viel zu gefährlich? Nicht nur für uns und die Menschen, denen wir auf unserem Weg begegnen, sondern auch für Ihre Gnaden selbst. Was würde passieren, wenn der Geist in ihr sich weigert, Wasser zu sich zu nehmen um sich damit selbst zu entleiben ... das wäre doch denkbar, oder nicht?“ Er wartete keine Antwort ab. „Dann wäre er erst recht wieder frei. Gibt es denn keine Möglichkeit ihr hier und jetzt zu helfen?“

„Die gibt es, aber sie ist gefährlich. Vor allem für sie. Ihr Leib ist ohnehin geschwächt, der Geist nun quasi völlig verdrängt. Die Entität, die das Denken und Handeln übernommen hat, allem Anschein nach mächtig. Wollte ich den Geist austreiben, würde das auch für Ihre Gnaden eine große Anstrengung bedeuten und ich bin mir nicht sicher, ob sie die in ihrem aktuellen Zustand übersteht.“

Assunta seufzte leise: „Uns bleibt die Wahl zwischen zwei gefährlichen Alternativen. Die Chancen Ihrer Gnaden stehen nach meiner Einschätzung besser, wenn ich bei dem Unterfangen nicht allein stehe. Und die Gefahr, die momentan von Ihr ausgeht, ist ... wahrscheinlich nicht so groß, wie ich zuerst dachte. Der Schamane kann eben nur über das gebieten, was vorhanden ist, und Ihr wisst ja selbst, wie es darum bestellt ist. Sie darf nur nicht an die Keule herankommen, aber dafür werden wir wohl zu sorgen wissen.“

Die Praioranerin überlegte kurz und hob dann die Schultern: „Es wird dem Geist dieses irregeleiteten Schamanen sicher nicht gelingen, Greifhilds Leib verhungern zu lassen. Nicht in meiner Anwesenheit jedenfalls. Ich werde dafür sorgen, dass sie isst und trinkt. Wenn er versucht, ihr Leben anderweitig zu beenden, wir es nicht schaffen, das zu vereiteln, und der Herr Praios es geschehen lässt ... dann soll es wohl so sein.“

Der Blick des Junkers ging kurz hinüber zum Geißler, der ihn seinerseits jedoch bloß mit ausdruckslosem Blick musterte. Trautmann seufzte.

„Also verstehe ich Euch richtig, dass Ihr vorschlagt, sie an einem Karren festzubinden und nach Anderath zu reisen?“ Er würde sich diesem Wunsch fügen – das war die Sache der Götterdiener. Der Gugelforster würde sich hier nie anmaßen, die Situation besser bewerten zu können.

„Nein, Ihr versteht mich nicht richtig“, erwiderte Assunta knapp. „Wie ich das letzte Stück des Weges in Erinnerung habe, dürfte es so gut wie unmöglich sein, sie auf einem Karren zu befördern, ohne dass etwas zu Bruch geht. Ich habe ein Packpferd. Also werden wir sie auf dessen Rücken binden – aufrecht sitzend, wenn es geht. Wenn wir gangbarere Wege erreichen, schauen wir, ob wir eine Möglichkeit finden, sie unauffälliger zu befördern. In einer einfachen Kutsche, sollten wir eine erwerben können.“

„Verstehe“, Trautmann nickte. „Ich werde alle Vorbereitungen treffen lassen, damit wir morgen mit dem Aufgang des Praiosmals aufbrechen können und nicht länger zuwarten müssen.“ Gerade wollte der Junker auf seinen Hacken kehrtmachen und tun, was er soeben angekündigt hatte, als er noch einmal innehielt. Mit besorgtem Ausdruck auf dem Antlitz wandte er sich wieder Assunta zu: „Welche Chance gebt Ihr Greif ... ähm ... ihrer Gnaden, dass sie das Ganze halbwegs unbeschadet übersteht?“

„Sie ist schon jetzt nicht mehr unbeschadet“, meinte Assunta. „Fragt lieber danach, wie ihre Chancen stehen, das Ganze zu überleben. Da bin ich – wie bereits gesagt – der Meinung, dass es wichtig wäre, sie alsbald nach Anderath zu schaffen. Dort kann ich mich gemeinsam mit meinen Brüdern und Schwestern um ihre Rettung kümmern.“

Als Antwort folgte ein knappes Nicken. Trautmann hatte verstanden und er musste seine Frage auch nicht mehr adaptieren. Stattdessen verzog er sein Antlitz zu einer schwer zu deutenden Grimasse und entfernte sich. Es galt schließlich einen Haufen Vorkehrungen zu treffen. Nicht nur für die Reise, sondern auch für seine Abwesenheit.



am nächsten Morgen...

Mit dem Aufgang des Praiosmals am nächsten Tag verließen drei Reiter Burg Lichtwacht. Eine vierte Person war wenig standesgemäß auf ein Packtier gebunden geworden. Das schien die Frau jedoch nicht weiter zu interessieren. Wo sie am Vortag noch herumgeschrien, wild um sich geschlagen und allenthalben Beleidigungen ausgespuckt hatte, wirkte sie nun seltsam still, ja, geradezu abwesend. Als sei sie in Gedanken ganz woanders – oder schlichtweg ruhiggestellt worden.

Trautmann vermutete Zweiteres, als er den leicht schwankenden Leib Greifhilds mit sorgenvoll gerunzelter Stirn beobachtete. Sie würde sicher nicht stürzen, dafür war sie viel zu gut verschnürt. Einen besonders guten Eindruck machte sie dennoch nicht – aber das war ja auch nicht zu erwarten gewesen.

Der Gugelforster wandte sich schließlich von dem Schauspiel ab, seufzte leise und bedeutete seinen Begleiter mit einer stillen Geste, ihm durch das große Tor zu folgen. Nun galt es. Die Reise nach Anderath begann.


Stadt Anderath
sieben Tage später

Trautmann von Gugelforst blinzelte dem aufgehenden Praiosmal entgegen. Wie jeden Tag ihrer Reise von der rauen Wildnis des Finsterkamms hin zur Stadt Anderath, brachen sie schon mit dem ersten Licht des Tages auf. Schließlich gab es keine Zeit zu verlieren. Ihre „Fracht“ – der Ritter wandte sich zu der kleinen rumpelnden Einspänner-Kutsche um – ließ es nicht zu, unnötige Zeit verstreichen zu lassen.

Es war eine abenteuerliche Reise gewesen. Erst auf ein Packtier gebunden, dann in einer gemieteten Kutsche hatten sie die besessene Geweihte ... oder den Orkgeist im Körper der Geweihten – so genau wusste er das nicht – durch die wenig besiedeltes Gebiet und Umwege nach Anderath befördert. Es gelang der Reisegruppe um den Junker dabei eine kleine Kutsche anzumieten. Dies ermöglichte ihnen, in bewohnten Gebieten kein allzu großes Aufsehen zu erregen.

Greifhild selbst sollte das Gefährt über die gesamte Reise nicht verlassen. Trautmann und der Bannstrahler wechselten sich in der Bewachung der gefallenen Praiosdienerin ab. Essen und Trinken wurde ihr zunächst noch von ihrer Glaubensschwester eingeflößt, nach ein paar Tagen übernahm der Bannstrahler jedoch auch diese Aufgabe, denn Assunta war den diesseitigen Dingen zu weit entrückt, als dass sie sie noch sorgfältig genug hätte erfüllen können.

Die Erklärung dafür hatte Trautmann sich erst erschließen können, als sie bereits mit der Kutsche reisten. Da fiel ihm eines Abends der Bannkreis im Fußraum des Gefährts auf, in dem Greifhild den ganzen Tag lang gesessen hatte. Sie war also nicht etwa betäubt, wie er anfangs noch vermutet hatte. Vielmehr hielt die Kraft des himmlischen Richters daselbst den Orkgeist, der von ihrem Leib Besitz ergriffen hatte, in Schach. Und dafür sorgte Assunta, die die unsichtbare Barriere in regelmäßigen Abständen erneuerte. Offenbar um den Preis der Entrückung, was dazu führte, dass der Bannstrahler und er irgendwann nicht mehr nur auf die Trutzer, sondern auch auf die Sichler Geweihte gut achtgeben mussten.

Den Junker trieb während des gesamten Weges der Glaube an, dass die Sache am Ende halbwegs gut ausgehen würde. Dass man Greifhild helfen konnte und sie irgendwann wieder als Priesterin würde tätig sein können. Ein kleiner Teil in ihm fühlte sich für die Geweihte verantwortlich. Sie war gekommen, um ihm zu helfen, und er selbst hatte wohl erst zu spät gemerkt, dass sie sich über die Zeit in der Burg veränderte. Im Endeffekt war dem Gugelforster bewusst gewesen, dass er den Weg nach Anderath schon ganz am Anfang tätigen hätte sollen. Er selbst war es gewesen, der Greifhild dieser Gefahr aussetzte und dass er sich nun stets die halbe Nacht um die Ohren schlagen musste, um ihren besessenen Körper zu bewachen, war das Geringste, das er für sie tun konnte.

Die drei Reisenden selbst wechselten untereinander schon zu Beginn nicht allzu viele Worte – und irgendwann sprachen nur noch Trautmann und der Geißler miteinander. Meist waren es gegenseitige Anweisungen, oder ein kurzes in Kenntnis setzen über die gegenwärtige Situation. Die Stimmung war angespannt, denn sie alle schliefen wenig und als die Kuppel des Tempels des Götterfürsten in ihr Blickfeld kam, fühlte Trautmann erstmals seit Langem wieder ein leichtes Gefühl der Zuversicht in sich aufsteigen. Den Göttern sei es gedankt: Sie waren endlich angekommen.

noch mal drei Tage später

Trautmann sah sich nachdenklich in dem kleinen Salon um, den er schon von seinem ersten Besuch in Anderath kannte. Er wartete auf die Tempelvorsteherin, wusste aber nicht genau, worüber sie mit ihm reden wollte. Nach allem, was man ihm gesagt hatte, war am Vortag zur Mittagsstunde ein Ritual durchgeführt worden, das Greifhild von ihrem feindlichen Besatzer befreien sollte. Wie das Ganze ausgegangen war, wusste er noch nicht. Vielleicht war das ja der Anlass dafür, dass er hierher bestellt worden war?

Ihm blieb nicht viel zeit, darüber nachzusinnen, denn mit einem Mal öffnete sich die Tür und Hochwürden Heliopais trat ein. Er sprang auf, um sie mit einer tiefen Verneigung und im Namen des Götterfürsten zu grüßen. Die Anderather Tempelvorsteherin quittierte das mit einer kurzen Erwiderung, musterte ihn dann aufmerksam, versicherte sich, dass er etwas zu trinken hatte und bedeutete ihm dann mit einer knappen Geste, wieder Platz zu nehmen.

Kaum dass sie saßen, ruhte der ungewöhnlich hellblaue Blick der Hochgeweihten auch schon wieder auf ihm. Diesmal sah sie ihm direkt in die Augen und brach – so fühlte es sich jedenfalls an – mühelos durch deren Oberfläche, um sich ein Bild von den Gedanken in Trautmanns Kopf zu machen.

„Also, mein Sohn“, hob sie schließlich ohne Umschweife an, „Mir wurde zugetragen, Du denkst, dass Du für das Schicksal meiner Schwester im Glauben verantwortlich bist. Vielleicht wärst Du so nett, mir einmal näher zu erläutern, wie du zu diesem Schluss gelangst?“

„Ich ... äh ...“, begann Trautmann zögerlich, traf ihn die Frage der Hochgeweihten doch völlig unvorbereitet. „Ich hatte schon sehr viel über Ihre Gnaden gehört, schon bevor ich sie darum gebeten habe, dass sie mir mit Burg Lichtwacht hilft. Meine Mutter hatte mir sogar davon abgeraten, gerade sie ...“, Trautmann seufzte, „... also, gerade Greifhild Fälklin hinzuziehen zu wollen. Ich ... ich hätte mich gleich an Trallop wenden sollen, wo man mich wohl schon am Anfang an Euch weiter verwiesen hätte.“

Der Junker blickte für einen Moment auf den Tisch zwischen sich und Heliopais. „Wir haben uns ja schon bei meinem letzten Besuch darüber unterhalten, wenn ich mich recht entsinne, und inzwischen verstehe ich auch WIE groß mein eigenes Verfehlen war. Greifhild war für die Aufgabe nicht geeignet. Ich habe, trotz Worten der Warnung daran geglaubt und es ist Ihre Gnaden, die nun den Preis für meine Fehleinschätzung zahlen muss. Ich hoffe ...“, er brach ab. „Wie geht es ihr?“

„Hum“, Heliopais räusperte sich und machte eine Geste, die unmissverständlich klarstellte, dass sie jetzt erst einmal diejenige war, die Fragen stellte. Die Augen der Praioranerin wurden ein bisschen schmaler, als sie den Gugelforster erneut genau musterte.

„Ihre Gnaden Assunta hatte also recht mit der Einschätzung, dass es ihr nicht gelungen ist, dich zu erreichen“, stellte sie trocken fest, bevor sich ein fast tadelnder Ausdruck auf ihre Miene schlich. „Nun, sie neigt dazu, sehr vorsichtig zu kommunizieren. Vielleicht braucht es einfach ein paar klarere Worte, damit du begreifst.“

Nachdem das gesagt war, setzte sie sich auf, gönnte sich einen Schluck Tee und holte dann tief Luft: „Wie kommst du darauf, dass Frau Greifhild den Preis für eine Fehleinschätzung deinerseits zahlt, mein Sohn? Ist dir nicht ein einziges Mal der Gedanke gekommen, dass sie vielleicht dafür zahlen könnte, selbst fehlgegangen zu sein?“

„Ich denke nicht, dass es mir zusteht, das zu beurteilen, Hochwürden“, die Stimme des Junkers klang überzeugt. „Ich bin ein selbstkritischer Mensch. Ich kann nur auf mich selbst schauen und meine Fehler zum Anlass nehmen, um ein besserer, den Göttern frommerer Mensch zu werden. So wurde ich erzogen. Sowohl in meinem Elternhaus als auch während meiner Ausbildung. Über ihre Gnaden Greifhild müssen andere richten, zuvorderst der Herr Praios.“

„Es geht nicht darum, zu richten“, gab Heliopais prompt zurück. „Es geht darum, dass du eine überaus merkwürdige Wahrnehmung der Angelegenheit hast. Deine Wahl mag nicht sonderlich glücklich gewesen sein – für alle Beteiligten. Sie war dennoch legitim, denn als einzige dem Herrn Praios Geweihte in der Grafschaft Heldentrutz ist Greifhild die beste Ansprechpartnerin gewesen, die es für dich gab. Also sei gern selbstkritisch und schelte dich dafür, nicht auf deine hochwürdige Frau Mutter gehört zu haben. Aber dabei belasse es!“

Die Hochgeweihte hielt einen Moment inne, um den Junker mit ihrem stählernen Blick zu durchbohren: „Von dem Moment an, in dem Ihre Gnaden auf Lichtwacht erschienen ist, geht alle Verantwortung auf sie über. Als Dienerin des Herrn des Lichts hätte sie für die Herausforderungen gewappnet sein müssen, die in dem entweihten Tempel auf sie gewartet haben. Sie hätte wissen müssen, welche Maßnahmen es zu ergreifen gilt – und sei es auch nur, um die Unterstützung ihrer Geschwister im Glauben zu bitten. Das war nicht deine Aufgabe, sondern ihre. Dass du dir nun auch dafür die Verantwortung auf die Schultern laden willst, empfinde ich als respektlos.“

Als Trautmann im Angesicht dieses Vorwurfs zusammenzuckte und zu einer Antwort ansetzen wollte, bedeutete Heliopais ihm mit einer herrischen Geste, zu schweigen: „Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass Ritter sich für die einzig mündigen Menschen in der Mittnacht halten. Bis zu einem gewissen Grad empfinde ich dafür sogar Respekt, aber ihr müsst wissen, wo die Grenzen sind! Dass ein einfacher Adelsmann glaubt, für Fehltritte einer von Praios Erwählten geradestehen zu müssen – allzumal in einem Bereich, in dem er sich nicht auskennt, während sie darin sicher wie im Traume wandeln sollte – ist vermessen. Willst du einer erwachsenen Frau die Fähigkeit absprechen, die Konsequenzen ihres Handelns selbst abzuschätzen und zu tragen? Hast du Ihre Gnaden zu irgendetwas gezwungen? Oder hat sie frei entschieden, wie sie mit dem Tempel und der Giftkammer verfährt? Glaubst du etwa, du hättest die Situation besser einschätzen können müssen als jemand, dessen Lebensaufgabe es ist, dem Gott zu dienen, dem auf Lichtwacht gefrevelt wurde? Dass du Ihre Gnaden hättest warnen müssen, vor Gefahren, die du nicht kanntest, die sie kraft ihrer Ausbildung aber durchaus hätte erwarten können?“

Trautmann wagte es nicht, mehr darauf zu erwidern als ein leichtes Kopfschütteln. Es stimmte natürlich, was die Hochgeweihte ihm sagte, doch war es eben auch nicht ganz so einfach. Er wurde dazu ausgebildet und erzogen, jene zu schützen, die schwach waren. Der Grund für die Schwäche war dabei nur von sekundärer Bedeutung. Und Greifhild befand sich eben in einer Phase der Schwäche, das hätte er erkennen müssen.

„Ihr habt Recht, Hochwürden.“, kam es dann doch zögerlich. „Es ist für mich nur schwer, das zu sehen. Wir alle haben Momente und Zeiten, in denen wir schwach sind. Ihre Gnaden durchlebte so eine Phase“, der Junker brach seine Ausführungen ab. „Darf ich sie sehen, wenn dieses Etwas aus ihr entfernt ist?“

„Das Etwas ist nicht für ihre Schwäche verantwortlich, Trautmann. Sie war schon ... schwach, bevor sie auf diesen Geist getroffen ist. Und zwar so lange, dass man wahrlich nicht mehr von einer ‚Phase‘ reden kann. Daher ist sie auch so anfällig für seine Einflüsterungen gewesen, sonst wären die Dinge ohne Zweifel anders gelaufen. Du irrst also, wenn du annimmst, für die Rettung Ihrer Ganden hätte es genügt, das Etwas zu entfernen“, gab Heliopais ruhig zurück.

Nachdem das gesagt war, hielt die Hochgeweihte inne – lange genug, dass der Gugelforster sich fragen konnte, warum sie das Wort ‚hätte‘ statt eines ‚hat‘ wählte. Aber nicht lang genug, dass er für sich eine Antwort auf diese Frage finden konnte. Und von ihren Zügen ließ sie sich leider auch nicht ablesen.

„Wir haben den Geist bereits ausgetrieben“, meinte die Praioranerin dann. „Wenn du Wert darauf legst, kannst du Ihre Gnaden also sehen. Sie befindet sich allerdings in einem Zustand, in dem dir ein solches Treffen kaum neuen Erkenntnisse bescheren wird.“

Der Ritter legte seinen Kopf schief. Was sollte denn das bedeuten? Ein leichter Anflug von Sorge stieg in ihm hoch. Trotz einer leisen Ahnung was nun folgen würde, fragte er: „Habt Ihr schon? Wie geht es ihr? Schläft sie?“

„Ja, wir haben schon. Aber es ist schwer zu sagen, wie es ihr geht, denn sie ist nicht bei Bewusstsein“, antwortete Heliopais schlicht. „Schwer zu sagen, wie lange dieser Zustand andauern wird, also kann ich dir nicht guten Gewissens empfehlen, hier zu warten, bis sie wieder zu sich kommt. Du hast schließlich ein Gut mit dir anvertrauten Menschen, zu denen du zurückkehren und auf die du achtgeben musst. Jetzt vermutlich mehr als je zuvor, denn ich gehe davon aus, dass die Geschehnisse der letzten Tage und Wochen die Leute verunsichert haben.“

Trautmann nickte. „Habt Dank, Hochwürden. Ich werde noch bis morgen früh in der Stadt bleiben und dann aufbrechen.“ Kurz blickte der Ritter daraufhin ins Leere und es schien als würde er nach den richtigen Worten suchen. „Ich hätte auch noch eine Bitte an Euch. Die Kapelle in Lichtwacht ... und natürlich auch der Inhalt des Giftschranks ... es ist meine Pflicht und auch mein Wunsch, beides wieder der Kirche des Götterfürsten anzuvertrauen.“

„Ich habe darüber bereits mit Ihrer Gnaden Assunta gesprochen“, Heliopais nickte. „Warte bitte noch einen Tag länger, dann kannst du sie wieder mir nach Lichtwacht nehmen. Ich möchte, dass sie weiter Bestand aufnimmt und mir umfassend Bericht erstattet, sobald ein vollständiger Katalog erstellt ist. Dann wissen wir, womit wir es zu tun haben, und können uns überlegen, wie künftig damit zu verfahren ist.“

Sie blickte den Gugelforster schweigend an, bis dieser ihr signalisierte, dass er einverstanden war. Dann sah sie einen Moment nachdenklich ins Leere und hob schließlich noch einmal an: „Was nun die Kapelle betrifft: Sie ist sehr entlegen, wenn ich das so sagen darf. Für eine Burg des Bannstrahls mag das ein geeigneter Platz sein. Für geweihte Vertreter der Kirche des Lichts, die das Wort des Himmlischen Richters verkünden und seine Lehren in einer Gegend verbreiten möchten, in der sie bisher sträflich unterrepräsentiert sind, ist das eine schwierige Ausgangslage. Wir haben deinen Wunsch vernommen und sind natürlich mehr als gewillt, ihn zu erfüllen – so es auch der Baronin recht ist. Allein, wir müssen uns darüber klar werden, wie wir es am besten angehen. Da ist es gut, dass uns noch etwas Zeit bleibt, in der Ihre Gnaden Assunta die Stellung halten wird.“

Der Junker nickte verständnisvoll. „Ich danke Euch, Hochwürden. Es wäre jedoch schade, wenn die Kapelle wieder verwaisen müsste, nachdem wir sie nun renoviert haben und sie in altem Glanz erstrahlt“, meinte er nicht ganz ohne Stolz. Nicht einmal die Burg war annähernd fertig – die Mauern hatten mit Holzpalisaden gefüllte Löcher und ein Turm war immer noch eine Ruine. „Ich freue mich sehr, dass Ihre Gnaden mich weiterhin verstärken wird, auch wenn es nur temporärer Natur ist.“ Trautmann nickte Heliopais zu und wartete darauf, dass sie ihn entließ.

„Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden“, meinte Heliopais und schenkte Trautmann – zum ersten Mal in diesem Gespräch – ein freundliches Lächeln. „Wenn damit fürs Erste alles geklärt ist, würde ich Euch nun in den Feierabend entlassen“, schob sie hinterher und erhob sich, nachdem Trautmann ihr mit einem Nicken bedeutet hatte, dass dem so war. Kurz darauf fand er sich auf den Straßen von Anderath wieder – allerdings nicht, ohne zuvor noch einen Segen erhalten zu haben.

Trautmann zog sich gleich in jenen Gasthof zurück, in welchem er schon bei seinem letzten Besuch in Anderath abgestiegen war. Wirklich zur Ruhe kam er dabei nicht. Zu viele Gedanken kreisten in seinem Kopf herum. War er nicht doch mit schuld am Zustand der Geweihten? Hätte er sich nicht gleich an den Inquisitor oder die Geweihten in Trallop wenden sollen? Der Junker saß an diesem Abend noch länger im Gastraum des Hauses, stocherte in seinem Eintopf herum und nippte gelegentlich an seinem Bier. Würde alles gut werden? Langsam zweifelte er daran.

zwei Tage später...

Wie vereinbart fand sich der Gugelforster am übernächsten Tag wieder beim Arbeitszimmer der Hochgeweihten ein. Eine eifrige Novizin führte ihn vor die Tür, doch ließ Hochwürden Heliopais auf sich warten.  Er stand sich auf dem Flur eine ganze Weile die Beine in den Bauch und überlegte gerade, ob er vielleicht klopfen sollte, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch just in dem Moment öffnete sich die Tür. Er erblickte Assunta und nicht Heliopais und die schien überrascht, ihn zu sehen.

Sie hob fragend die Brauen und räusperte sich leise: „Praios zum Gruße, Trautmann. Wir sind spät. Verzeih. Es gab noch das eine oder andere zu besprechen.“

Nachdem das gesagt war, warf sie einen Blick zurück in den Raum und schien von dort aus bedeutet zu bekommen, dass sie nach draußen gehen, statt Trautmann herein zu bitten. Das tat sie dann auch und Heliopais folgte ihr auf dem Fuß.  Sie warf Trautmann einen prüfenden Blick zu, lächelte dann freundlich und nickte knapp:

„Dem Gleißenden zum Gruße, Trautmann. Bist du bereit zur Abreise?“

„Praios zum Gruße, Euer Gnaden. Ich bin bereit.“ Der Angesprochene nickte eifrig, doch setzte er sich noch nicht in Bewegung. Einen Moment lang war es offensichtlich, dass er einen inneren Kampf über die kommenden Worte ausfocht. „Bevor wir aufbrechen ... gibt es etwas Neues?“, fragte Trautmann dann. Er nahm an, dass sie verstand.

„Leider nein, Trautmann. Ihr Zustand ist unverändert“, gab Heliopais zurück. „Ich habe gestern einen Boten nach Trallop geschickt, um Unterstützung bei unseren Geschwistern in Boron zu ersuchen – sei es nun bei der Heilung ihrer Seele oder dabei, sie auf dem Weg ins Jenseits zu begleiten.“

Trautmann nickte auf diese Worte hin lediglich gefasst. Es half ja alles nichts. Nun galt es, darauf zu vertrauen, dass Greifhild jene Hilfe bekam, die sie benötigte, und den Blick wieder auf die eigenen Aufgaben zu richten: die Burg weiter instandsetzen, den Tempel in altem Glanz erstrahlen lassen und seinen Schutzbefohlenen eine sichere Heimat bieten.

„Lasst uns aufbrechen.“

-Fin-