Die Tsatagsüberraschung

Kloster Perainetrutz, Baronie Herzoglich Dornstein, im Rahja 1042

Nieselregen machte den gepflasterten Boden des ersten Hofes von Perainetrutz glitschig. Schon als einer der Akoluthen Hilmtruds Nordmähne Wirselkraut aus dem Stall führte, schlitterte das Tier ein wenig. Mit besorgtem Blick beobachtete Perainor Weidenbast den Eiertanz des robusten Warmblüters. Sollte er diesem Huftier eine so wertvolle Fracht aufbürden?

Auch er hatte eine Nordmähne gesattelt. Der genügsame Wallach Carlog stand müde auf dem feuchten Pflaster und ließ den Kopf hängen. Er war grundsätzlich kein Temperamentsbolzen. Tausendmal lieber hätte Perainor Hilmtrud auf seine Rücken gesehen. Doch als er ihr den Vorschlag machte, würgte sie diesen mit einem barschen „soweit kommt´s noch!“ ab.
„Ich bin schwanger, nicht krank und Wirselkraut hat mich schon bis in die schwarzen Lande und zurück getragen. Ich werde sie jetzt nicht gegen deinen Schnarchzapfen Carlog eintauschen. Das Antreiben dieses sturen Bocks ist weit anstrengender.“

Nach dieser Abfuhr schwieg Perainor. Er wusste, dass sich Hilmtrud nicht umstimmen ließ. Sie überprüfte den Sitz der Satteltaschen, verschloss diese sorgfältig und ließ sich dann von ihm in den Sattel helfen.

Auch Perainor überprüfte ob er alles gut verstaut hatte. Dann schwang er sich in den Sattel und wartete darauf, dass Hilmtrud das Kommando zum Abritt gab.

 

Die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen ritten Hilmtrud und Perainor lange Zeit schweigend nebeneinander her. Die Vögtin von Perainefelden hing ihren Gedanken nach. Vor etwa einem halben Götternamen hatte sie ihren Besuch anlässlich des Tsatages von Elfwid Schnewlin von Orkenbach zu Nimmerblick angekündigt. Wie erwartete war zuvor keine Einladung gekommen und auch auf die Selbsteinladung kam keine Reaktion. Hilmtrud nahm ihrer Mutter das nicht übel. Sie war so. Einem Tsatag schenkte sie gerade so viel Aufmerksamkeit wie einem Flohbiss. Hilmtrud war in den vergangenen Jahren nie zum Tsatag ihrer Mutter in Nimmerblick gewesen, man hatte sich unter anderen Umständen getroffen, meist bei ihrem Verwandten Farling auf Burg Eulenstein. So wie das letzte Mal als der Besuch im Streit über Hilmtruds Zukunft und mögliche gute Partien für eine arrangierte Vermählung geendet hatte.

Wie glücklich war Hilmtrud gewesen, dass ihr der Posten als Vögtin in Perainefelden zumindest etwas Druck genommen hatte. Nun aber musste ihrer Mutter die Nachricht überbringen, dass sie auch im zweiten Punkt, der Suche nach einem geeigneten Ehemann, selbst tätig geworden war. Sie war gespannt wie Elfwid das aufnehmen würde.

Perainor sah Hilmtrud nachdenklich an. Er wusste was hinter ihrer Stirn vor sich ging. Seit 5 Götternamen trug sie das gemeinsame Kind unter dem Herzen und noch wusste ihre Mutter nichts von Hilmtruds Mutterglück. Sie kannte nicht einmal den dazugehörigen Vater. Und eine richtige traviagefällige Vermählung hatte es auch noch nicht gegeben. Das waren natürlich alles Neuigkeiten, die Elfwid Schnewlin von Orkenwacht zu Nimmerblick erst einmal nahegebracht werden mussten. Bestimmt wägte Hilmtrud verschiedene Varianten ab, wie sie es ihrer Mutter schonend oder, eher typisch für Hilmtrud, weniger schonend dafür sehr direkt beibringen würde. Er selbst hatte dabei eher eine Statistenrolle. Denn er kannte die Mutter seiner Geliebten nur aus deren Erzählungen. Er wusste, dass sie eine der wenigen Überlebenden des Ysilia-Feldzuges war und sehr zurückgezogen am Rande des Finsterkamms auf einem entlegenen Junkergut westlich von Dergelquell lebte. Hilmtrud sprach nicht viel von ihr und so war Perainor gespannt auf die Mutter seiner geliebten Hilmtrud, die Großmutter ihres Kindes.

Der Himmel klarte auf als sie gegen Mittag Dornstein erreichten. Von nun an konnten sie dem Dergel folgen. Der Fluss schlängelte sich hier durch den dichten Dûrenwald. Sie erreichten Südhag in der Baronie Weidenhag am späten Nachmittag. Das Dorf am Zusammenfluss von Dergel und Dornenwasser verfügte über ein Sägewerk, das das Wasser des Dergel nutzte. Neben dem Landedlengut Südhag, dem dazugehörigen Wehrturm, der die Brücke und damit die Zollstation am Flussübergang bewachte, war vor allem der Efferdtempel bemerkenswert. Ansonsten besaß Südhag nur noch das Gasthaus Orkentod. Dort nahmen Hilmtrud und Perainor das Nachtquartier. Der Wirt Alrik, dessen Beiname „Orkentod“ auch dem Gasthaus den Namen gegeben hatte, war ein redseliger Kerl, der jedem seiner Geste von seinen angeblichen Heldentaten erzählte, ob man sie nun hören wollte oder nicht. Sie erhielten jedoch ein schmackhaftes Eintopfgericht aufgetischt, dass ihnen für die kommende Etappe Kraft geben würde.

 

Der Weg entlang des Dergels war die kürzeste Strecke nach Dergelbruck. Von da an ging es dann in Richtung Tennach und zum Gut Nimmerblick dass sich zu Füßen der Nimmerkuppe befand. Nachdem sie aus Südhag aufgebrochen waren und eine Nacht in Dûrenbrück verbracht hatten, passierten sie am dritten Tag den berüchtigten Wargenforst. Dunkel und dicht belaubt bot er, wie man sagte, allerlei Strauchdieben ein sicheres Versteck und die passende Deckung für einen Hinterhalt auf Reisende. Zum Glück konnten Hilmtrud und Perainor den Forst unbehelligt passieren. Sie legten bewusst auch keine Pause ein, sondern ließen ihre Pferde die meiste Zeit traben. Um ihren Bauch nicht wild auf- und abschaukeln zu lassen, hob sich die Medica in den Steigbügeln aus dem Sattel. Auf diese Weise konnte sie die Erschütterungen besser abfedern.

In einem einfachen Bauernhaus fand das Pärchen eine Bleibe für die dritte Nacht. Die Robe des Perainegeweihten machte es ihnen leicht eine Unterkunft zu finden. Am vierten Tag querten sie die Passstraße, die Weiden mit der Mark Greifenfurt verband. Dergelbruck war an diesem Tag ihr Etappenziel. Im Gut des Edlen Roban von Mallaith bot man ihnen ein Nachtquartier an. Von hier ab würden sie über den Schattenbachpass reiten, der sie weiter am Ufer des Flusses Dergel dem Svelltland entgegenführte. Der fünfte Abschnitt der Reise endete für Hilmtrud und Perainor in Avesruh. Am kommenden Morgen würden sie den Schattenbachpass verlassen und ihr letztes Teilstück bis zum Junkergut Nimmerblick antreten.

Der Morgen des sechsten Tages, der sie nach Nimmerblick bringen würde, begann mit einem frischen Wind, der vom Svelltland her über die Gipfel des Finsterkamms herabwehte. Gegen Mittag konnten sie in der Bergkette, die sich vor ihnen erhob, die Nimmerkuppe erblicken. Jene Bergspitze von der aus Feracinor, der berühmte Drache, vor annähernd 10 Götterläufen die Umgebung terrorisiert hatte. Immer wieder versuchten sich abenteuerlustige Gesellen darin die sagenumwobenen Schätze des Drachen zu finden, die dieser angeblich in seinen Hort gebracht hatte. Bisher allerdings ohne Erfolg. So vermuteten manche im Drachenhort auf der Nimmerkuppe das Grafenschwert der Heldentrutz, den Anderthalbhänder Erlathar. Graf Emmeram hatte es vom Bergkönig Arombolosch geschmiedet bekommen. Seit dem Kampf mit Feracinor, bei dem Emmeram das Schwert tief im Körper des Drachen versenkte und dieser damit davonflog, galt es als verschollen. Eine hohe Belohnung war auf seine Wiederbeschaffung ausgesetzt.

 

Die Begrüßung fiel erwartungsgemäß lau aus. Ihre Mutter hatte ihren Gutsverwalter vorgeschickt, die Pferde in Empfang zu nehmen und ihre Zofe Lurina ihnen die Gästekammern zu zeigen. Hilmtrud fragte die Lurina auf dem Weg zu ihrer Kammer über den Gesundheitszustand und die Stimmungslage ihrer Mutter aus.
„Nun Tsatage sind für Eure Frau Mutter keine Festtage, Wohlgeboren. Das wisst Ihr ja sicher“, kam die zurückhaltende aber dennoch aussagekräftige Aussage.

Sie bohrte weiter. „Ist sonst jemand geladen zu ihrem Tsatag? Farling etwa? Oder meine Brüder Helmbrecht und Herdan?“

Lurina schüttelte den Kopf. Sie beeilte sich der unangenehmen Fragerei zu entgehen. „Ich melde Euer Hochgeboren, dass Ihr angekommen seid. Ihr und Euer Begleiter. Wen darf ich melden?“

„Ihro Gnaden Perainor Weidenbast, Heiler der Gebenden Göttin im Wehrkloster Perainetrutz“, antwortete Hilmtrud förmlich.

Die Zofe nickte und ging.

 

Hilmtrud zog die Reitkleidung aus und wusch sich mit dem bereitgestellten Wasser über der Waschschüssel. Dann packte sie ihre Sachen aus. Die Vögtin von Perainefelden hatte sich extra für den Anlass eine weite langärmlige Tunika nähen lassen. Dunkelgrün war sie und sehr einfach gehalten. Einzig Ausschnitt und Ärmelabschlüsse waren mit einer dünnen Borte geschmückt, die eine Blattgirlande zeigten. Auf einen Überwurf und vor allem auf einen Gürtel verzichtete sie. An sich herunterblickend stellte die Medica fest, dass sich der Babybauch schon deutlich unter dem Leinenstoff abzeichnete. Aus ihrer Satteltasche holte sie noch ein Säckchen hervor, in dem sie das einzige Schmuckstück verwahrte, das sie besaß. Eine Halskette aus verschiedenfarbigen Holzperlen, die Perainor ihr geschenkt hatte nachdem sie ihm gesagt hatte, dass er Vater wurde. Die Maserung des Holzes war durch die zarte Farbe hindurch zu erkennen mit der die Perlen eingerieben worden waren. Die dickste Perle in der Mitte war dunkelgrün, die nächsten folgten sowohl in Größe als auch Farbnuance abgestuft, immer kleiner und immer heller bis hin zu zwei Perlen in zartem Lindgrün. Hilmtrud schloss den Hakenverschluß in ihrem Nacken, kämmte das blonde Haar und flocht es wie immer zu einem langen Zopf. Diesen verschloss sie mit einem Lederband.

Es klopfte und die Zofe erschien, um Hilmtrud zu holen. „Eure Mutter ist nun bereit Euch zu empfangen.“

Die Vögtin nickte und holte ihr Gastgeschenk aus der Satteltasche. Ein Paket mit Heilmitteln und kulinarischen Köstlichkeiten aus dem Wehrkloster Perainetrutz. Da waren Kräutertees gegen Magenschmerzen und bei Husten, ein Kräuteröl, das bei Gelenkschmerzen helfen sollte, genauso wie die alkoholhaltige Einreibung aus diversen Kräutern, die man für Umschläge benutzte. Abgerundet wurde das Ganze von einem Kissen, genäht von den Hilmtrud selbst in den kalten Wintermonden, das mit schlaffördernden Kräutern gefüllt war. Alles hatte sie in ein grünes Tuch gewickelt, das als Randbordüre die Ähren der Gebenden zeigte. Mit diesem Paket unter dem Arm folgte sie der Zofe.

Vor der Tür von Perainor blieb Hilmtrud stehen. Sie klopfte. Perainor schien auf sie gewartet zu haben. Auch er hatte sich gewaschen und umgezogen. Er trug die einfache Robe eines Perainegeweihten in seiner Funktion als Heiler der Gütigen, Dunkelgrün mit der hellen Ährenstickerei auf der Brust. Eine einfache Kordel gürtete ihn. Das dichte, braune Haar mit den grauen Schläfen war frisch geschnitten und mit Wasser und Kamm in Form gebracht. Auch der kurze Kinnbart, den ebenfalls schon einzelne graue Haare durchzogen, war frisch getrimmt. Perainor hielt eine Grünglasflasche in der Hand in der sich ein Kräuterlikör des Klosters befand. Er lächelte als er Hilmtrud sah.
„Schön siehst du aus, meine Blume!“, flüsterte der Geweihte liebevoll. Dann nahm er die Rechte seiner Geliebten und gemeinsam folgten sie Lurina.

 

60 Winter – ein runder Tsastag. Doch Elfwid Schnewlin, Edle von Orkenwall, sah keinen Grund zur Freude in diesem Jubiläum. Ein Tag wie jeder andere. Die Monde kamen und gingen, Götterlauf um Götterlauf. Satinav, schien lachend das Ruder des Schiffes der Zeit zu führen. Elfwid hingegen fühlte sich von den Wogen des Urozeans zwischen Ymra und Fatas hin und hergeworfen. Auf welchem Gewässer Satinav das Schiff der Zeit auch steuerte, es würde früher oder später am Ufer jenseits des Nirgendmeers anlegen. Und dieses Ufer kam mit jedem Tsatag näher. Es waren auf jeden Fall weniger Götterläufe vor als hinter ihr. Diese Aussicht verbesserte die Stimmung der Herrin von Nimmerblick keinesfalls.

In dieser Gemütslage fand Hilmtrud die Mutter vor. Sie betrat den Rittersaal, in den Lurina sie führte. Am Ende der riesigen Tafel saß Elfwid und blickte den Eintretenden entgegen. Sie wirkte etwas verloren als einzige Person in dem großen Saal, der für festliche Zusammenkünfte und einen großen Hausstand konzipiert worden war. Trotz der Entfernung konnte Hilmtrud erkennen, dass ihre Mutter nicht in Bestlaune war. Sie trug ein dunkelgraues Kleid aus festem Wollstoff, dessen Ärmel hellgrau verbrämt waren. Das graue Haar hatte sie zu einem strengen Knoten im Nacken gebunden.

Hatte Hilmtrud erwartet, dass ihre Mutter aufstand oder ihr entgegenging? Wenn es so gewesen war, dann hatte sie sich getäuscht. Elfwid blieb sitzen bis ihre Tochter auf wenige Schritte an sie herangekommen war und beobachtete sie. Dann erst stütze sie sich auf der massiven Tischplatte hoch. Es schien also ob sie den Rücken nur mühsam gerade aufrichten konnte.

Die Vögtin von Perainefelden versuchte alle Anzeichen der Übellaunigkeit ihrer Mutter zu übersehen. Mit gespielter Fröhlichkeit rief sie schon beim Eintreten „Mutter! Welche Freude, dich zu deinem Tsatag sehen zu können!“

Als die Veteranin des unglückseligen Ysilia-Feldzuges endlich ihren Rücken gestrafft hatte, breitete Hilmtrud die Arme weit aus und schloss die steife Mutter in ihre Arme. Sie drückte sie sacht aber bestimmt an sich. Elfwid, die mager wie eine dürre Birke im Winterkleid wirkte, sollte spüren, dass unter dem Herzen ihrer Tochter ein neues Leben gedieh.

Entsprechend war die Reaktion der Leidgeprüften. Sie erwiderte die Umarmung nur kurz, dann schob sie Hilmtrud energisch von sich. Ohne ein Wort der Begrüßung und der Freude, mit überschnappender Stimme, krächzte die Mutter.
„Du bist schwanger? Beim Alten vom Berge, wie konnte das passieren?“

Der Blick der Herrin von Nimmerblick fiel auf Perainor.
„Sag nicht, dass dir dieser Robenträger das Brot in den Ofen geschoben hat!?“

Hilmtrud musste an sich halten. Wut kroch in ihr hoch. Am liebsten hätte sie ihrer eigenen Mutter eine schallende Ohrfeige verpasst. Sie atmete einmal hörbar tief ein, dann ließ sie ein wütendes „Mutter!“ hören. „Du vergisst dich! Vor dir steht Perainor Weidenbast, Heiler der Gütigen Göttin, ein Diener der Peraine. So kannst du nicht über ihn sprechen, das ist Frevel!“

Elfwid Schnewlin von Orkenbach schien sich zu besinnen. Sie nickte. „Verzeiht, Euer Gnaden, die Überraschung hat mich mitgerissen und mich dazu verleitet, Euch nicht angemessen zu begrüßen. Peraine zum Gruße.“

Sie bemühte sich um ein Lächeln während sie sein Erscheinungsbild taxierte. Als Elfwid sich wieder ihrer Tochter zuwandte, verschwand das Lächeln augenblicklich wieder.
„Die Ehrfurcht vor einem der Diener der Zwölfe ist eine Sache, mein Entsetzten darüber, dass du nicht an dich halten kannst und so Tatsachen schaffst, die der Familie nicht gefallen können, ist eine andere.“

Die Ysilia-Veteranin maß ihre hochgewachsene Tochter mit augenscheinlichem Missmut. Keinen Moment lang versuchte sie ihre Enttäuschung zu verbergen. Ihr Blick klebte an dem sich unter der Tunika abzeichnenden Babybauch.
„Es scheint schon bald soweit zu sein, was?“

Hilmtrud streichelte liebevoll über die sich wölbende Fläche unter ihren Rippen. „Im Efferd oder spätestens im Travia werde ich niederkommen. Dann wirst du Großmutter.“

Diese Nachricht tat Elfwid mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. „Papperlapapp, Großmutter bin ich schon von deinem Bruder Helmbrecht.“

Die zaundürre Frau nahm erneut an ihrer langen Tafel Platz. „Setzt euch!“, befahl sie kurzangebunden.

Perainor stellte die Flasche mit dem Kräuterlikör auf den Tisch und griff sich den Hochlehner rechts neben Elfwid. Er zog ihn zurück um seiner schwangeren Geliebten den Stuhl bequem unterschieben zu können. Die Mutter Hilmtruds beobachtete die galante Szene mit einer spitzen Nase und hochgezogenen Augenbrauen.

Hilmtrud ließ sich dankbar nieder. Dann erst nahm der Geweihte neben der Vögtin von Perainefelden Platz. Mit einem gespielten Lächeln schob sie der Mutter ihr Geschenk hinüber. Elfwid schenkte ihm keine Aufmerksamkeit, stattdessen rief sie mit herrischer Handbewegung einen Diener herbei. „Bring Getränke! Bier? Oder eher Kräutertee für dich, Hilmtrud?“

Hilmtrud bestätigte den Wunsch nach einem Kräutertee und auch Perainor versicherte, dass ihm ein Kräutertee durchaus recht sei.

„Nun, Wulff, dann für eben nur für mich ein Bier und einen Brachfelder Bärenbiss! Noch jemand?“

Wieder erntete die Herrin von Nimmerblick nur ein synchrones Kopfschütteln. Sie wedelte sie den Diener fort.
Aus tiefster Brust seufzend legte Elfwid ihre mageren Arme, die in den dunkelgrauen Ärmeln des hochgeschlossenen Kleides steckten auf den groben Tisch.
„Ich kann es nicht fassen! Jetzt wo Firnwan und ich einen geeigneten Kandidaten für dich gefunden hatten. Ein Sohn eines verarmten Adeligen aus Tobrien. Er ist zwar ein wenig jünger als du, aber wäre bereit gewesen, dich trotz all deiner Marotten zur Frau zu nehmen.“

Resigniert griff sie zum Schnaps, den ihr Wulff gerade eben in einem irdenen Pinnchen auf den Tisch gestellt hatte. Mit einem beherzten Zug leerte sie das Pinnchen und ehe der Diener den beiden Gästen ihren Tee hinstellen konnte orderte Elfwid bereits den nächsten Brachfelder Bärenbiss.
„Immer noch keiner von euch?“, fragte sie ungläubig.

Das Kopfschütteln von Hilmtrud und Perainor quittierte sie mit einem verständnislosen eigenen Schütteln des streng frisierten Hauptes.
„Nun mach´ schon den Mund auf, Hilmtrud. Gibt es da nichts was du mir erzählen willst? Wie habt ihr euch das jetzt vorgestellt?“

Die Vögtin von Perainefelden drehte den Spieß um. Sie ließ sich Zeit. Nippte am noch sehr heißen Tee und sah dann Perainor mit einem verliebten Lächeln an.
„Perainor und ich lernten uns in der blutigen Schlacht um Mendena kennen. Wir versorgten die Verwundeten und betreuten das Lazarett gemeinsam. Seite an Seite wechselten wir Wundauflagen bis zur Erschöpfung und Perainor sprach Gebete und wirkte mit seiner karmalen Kraft bis zur völligen Selbstaufgabe. Da hat sich eine tiefe Verbindung aufgebaut, die sich noch verstärkte als ich auf Betreiben Perainors und Mutter Amathes zur Vögtin von Perainefelden ernannt wurde. Das Wehrkloster gehört ja zu dem Lehen, das ich verwalte. Ich verbringe viel Zeit dort, da ein Großteil der Ernte der Fronbauern des Lehens im Wehrkloster gelagert wird. Das bedeutet auch für mich viel Verwaltungsarbeit rund um das Kloster. Gerade die Übernahme dieser Aufgaben war ein Wunsch von Mutter Amathe, die sich jahrelang um diese weltlichen Dinge kümmern musste, da Valaria von Dûrenwald ihren Verpflichtungen nicht nachkam. Nun, was soll ich sagen. Wir sind uns eben noch näher gekommen…“

Hilmtrud lächelte verlegen Perainor an. „So ist es. Hilmtrud ist eine großartige Frau, eine starke Vögtin, die die ihr übertragenen Aufgaben meisterhaft im Griff hat, eine hervorragende Medica und wichtige Stütze im klösterlichen Leben bei in der Behandlung von Kranken, dazu eine einfühlsame Zuhörerin und liebevolle Partnerin.“

„Pfff“, Elfwid verzog das Gesicht angesichts der in ihren Augen gefühlsduseligen Übertreibungen. „Es ehrt Euch, Bruder Perainor, dass ihr in meiner Hilmtrud Vorzüge zu finden vermögt, die ich so nicht kennenlernen durfte. Dass sie ihre Profession beherrscht, davon bin ich ausgegangen und das ist keines Lobes wert, sondern schlicht ihre Aufgabe und Pflicht.“

Sie machte eine kurze Pause und musterte ihre Tochter, deren Lippen sich ob der Aufführungen ihrer steinharten Frau Mama von einem verliebten Lächeln zu einem dünnen Strich gewandelt hatten. Dann fuhr sie fort.
„Was ist mit einem Bund? Einem Bund vor Travia oder meinetwegen vor Peraine? Dieses Kind sollte doch mit dem Segen der Zwölfe über Dere wandeln und es muss ja auch einen Platz in der Familie haben. Also geht es auf gar keinen Fall, dass dieses Kind ohne den zwölfgöttlichen Segen zur Welt kommt! Natürlich nur im engsten Familienkreise. Ich werde Firnwan unverzüglich in Kenntnis setzen. Eigentlich solltest du dich ihm gegenüber erklären müssen anstatt das feige mir zu überlassen. Doch ich fürchte den Guten trifft ohnehin der Schlag, wenn er diese rührselige Schmonzette hört.“

Tief atmend, die Augen zur Zimmerdecke erhoben, ließ Elfwid die Schultern sinken. Sie wirkte erschöpft.

Hilmtrud ergriff Perainors Hand und drückte sie. „Das wollen wir auch. Ich dachte, wir lassen uns von Mutter Amathe den Segen geben und natürlich wäre es schön, wenn wir Travias Segen auch erhalten könnten. Dazu müssten wir in einer der Nachbarbaronien Kontakt zu den dortigen Traviageweihten aufnehmen. Soweit ich weiß hat Mutter Amathe gute Kontakte nach Weidenhag und Waldleuen.“

Elfwid nickte. „Immerhin!“

Mit einem tiefen Atemzug nahm Hilmtrud allen Mut zusammen. „Wirst du uns die Ehre deiner Anwesenheit geben?“

Die Augenbrauen ihrer Mutter schnellten in die Höhe. „Wo denkst du hin? Ich habe diesen Ort seit Unzeiten nicht verlassen und gedenke nicht das für eine Reise zu einem Wehrkloster in Perainefelden zu ändern. Wie du doch weißt, habe ich mich seit dem Urteil über mich und die schwere Zeit danach doch sehr aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Ich habe keine Lust irgendjemanden aus meiner leidvollen Vergangenheit über den Weg zu laufen. Wir werden sehen wer sich findet, die Familie auf dieser doch wohl eher klein gehaltenen Feierlichkeit zu vertreten.“ Perainor antwortete als Erster. „Wir wollen es im engsten Kreise halten, nicht wahr?“

Hilmtrud nickte zwar, doch war ihrem Gesichtsausdruck anzusehen, dass sie sehr enttäuscht war, dass ihre Mutter bei diesem für sie so wichtigen Ereignis dabei sein wollte. Sie biss die Zähne aufeinander und hielt die Tränen nur mühsam zurück. Gerade jetzt wo sie in der Schwangerschaft ohnehin viel emotionaler war als sonst, tat eine solch rüde Zurückweisung doch weh.

„Ihr tut gut daran, das zu tun. Und zwar sobald wie möglich!“, bekräftigte die Schnewlin mit Nachdruck.

Perainor und HIlmtrud versicherten, sich zeitnah um einen Termin zu kümmern und die gesamte Familie per Boten davon zu informieren.
„Das wird sicher in den kommenden vier Wochen geschehen. Dann hast du auch noch ein wenig Zeit darüber nachzusinnen, wer von der Familie uns die Ehre seiner Anwesenheit gibt.“

Es schwang noch eine leise Hoffnung in den Worten der Medica mit, dass ihre Mutter es sich noch einmal überlegen und eventuell doch selbst an der Feier des Bundes teilnehmen würde.

Elfwid reagierte nicht wirklich darauf. Sie zog die Flasche mit dem „Perainetrutzer Klostertropfen“ zu sich und betrachtete das handgemalte Ettikett und die honigfarbene Flüssigkeit.
„Hm, machte sie. Löblich, dass ihr im Kloster so etwas herstellt. Ich nehme an ein Kräuterlikör?“

Der Geweihte nickte. „Aus den Kräutern unseres Klostergartens. Eine spezielle Mixtur unserer Tempelvorsteherin Mutter Amathe.“

Das Interesse der hageren Frau war geweckt. „Was ist denn so drin?“, wollte sie wissen.

Nun musste Perainor lächeln. „Leider ein Geheimnis, Hohe Dame.“

Die Herrin von Nimmerblick sah spitznasig auf und musterte den Geweihten der Gütigen. Es war offensichtlich, dass ihr eine zynische Bemerkung auf der Zunge brannte. „Hm, na dann kann ich nur hoffen, dass Ihr mich nicht vergiften wollt!“

Sie schob die Flasche wieder ein Stück von sich weg und zog das Päckchen aus grünem Tuch zu sich.
„Das wäre aber nicht nötig gewesen, Hilmtrud. Dennoch freue ich mich, dass du an deine alte Mutter gedacht hast.“ Sie löste die Verschnürung und entnahm dem Tuch das Kräuterkissen, drückte es, hielt es an die Nase und ließ sich über seine schlaffördernde Wirkung ebenso aufklären wie über die Wirkungen der Tees und des Kräuteröls.

„Über eine vielseitige und gut sortierte Klosterapotheke scheint ihr zu verfügen“, murmelte sie während sie an der Flasche mit dem Öl gegen Muskel- und Gelenkschmerzen roch. „Ich werde es gleich ausprobieren. Meine Knie könnten vermutlich einen Jahresvorrat an diesem Öl brauchen...“  Elfwid spielte auf den Pilgermarsch nach Reichsend an, den sie auf Knien hatte absolvieren müssen, um sich von der Schande reinzuwaschen, ihr Lehen im Stich gelassen zu haben, als ein Orkeinfall hunderte von Leben und verbrannte Güter und Dörfer gefordert hatte. „…und die kalte und zugige Luft hier auf Nimmerblick setzt auch meinen anderen Knochen zu. Naja, ich bin halt auch schon alt wie ein Drache. Wahrscheinlich ist da Hopfen und Malz oder würdet ihr sagen Conchinis und Wirselkraut verloren!“ Sie lachte hohl, dann wurde sie wieder ernst.
„Habt ihr schon einen Namen für den kleinen Schnewlin? Also ich meine, wir wissen ja noch nicht ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, ich dachte nur…“

Hilmtrud schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich bin sicher, dass mir Tsa oder die Gütige Göttin schon rechtzeitig einen entsprechenden Namen im Traum offenbaren wird. Was schlägst du denn vor?“

„Hm, ja also was Würdiges, das in die Familie passt. Also vielleicht sollte der Name wieder mit einem F beginnen, oder? So wie bei Firnwan, Firung, Fiya, Firla oder Farling. Wie findest du das?“

Eigentlich war klar, dass es keine Frage, sondern eine Aufforderung war, doch Hilmtrud tat als habe sie den Unterton nicht gehört.
„Ja, an etwas Würdiges hatten wir auch gedacht. Perainetreue, Perainiane, Perainepreis, Perainhilf, Perainian oder Perainorino wären meine Favoriten.”

Sogleich zog die Mutter die Nase kraus. „Das hätte ich mir denken können. Vergiss nicht, was du der Familie schuldig bist, Hilmtrud! Doch, so wenig wie du dich um die Familie scherst, wirst du dich wohl auch hier über alle Wünsche deiner Verwandten hinwegsetzten.“

Sie griff zum Kräuterlikör und entkorkte die Flasche. Dann goss sie das Pinnchen voll mit dem Perainetrutzer Klostertropfen“ und ließ ihn in einem Zug durch die Kehle rinnen.
„Hrrr, grrr… ahhh – gut!“, befand Elfwid. „Anfangs schmeckt er gewöhnungsbedürftig. Da ist was ganz durchdringendes drin. Wilder Knoblauch?“

Perainor lächelte. „Sehr gut! Das ist wahr und dazu auch eine gehörige Portion von Kurkumer Nelke. Über den Rest schweige ich mich aus. Ich kann Euch nur so viel verraten, dass es 12 Kräuter sind.“

Nun sah die vom Leben gezeichnete Veteranin zum ersten Mal mit einem milden Lächeln auf den Geweihten. „Vielleicht sollte ich doch darüber nachdenken, Euer Kloster einmal persönlich zu besuchen. Dann könnte ich mir in der Klosterapotheke ein spezielles Paket für meine Gesundheit zusammenstellen zu lassen.“

Hilmtrud horchte auf. Sollte das bedeuten, dass ihre Mutter doch noch überlegte ihrem Bund beizuwohnen?

Elfwid Schnewlin von Orkenwacht lehnte sich zurück und legte die dünnen Hände in den Schoß. „Ich bin müde. Bitte versteht, wenn ich jetzt Ruhe brauche. Wir sehen uns später, zum Abendessen.“