Nachricht für Grimmwulf (Mädchenmorde 2)

Eine Nachricht für Baronin Grimmwulf von Hartenau

 

  1. Travia 1043

Am frühen Morgen des 5. Travia setzte Lyssandra von Finsterborn vor dem Junkergut Schwarze Au den linken Fuß in den Steigbügel ihrer Warunkerstute Dardanella. Die hob den Kopf und spielte aufmerksam mit den Ohren. Mit einem gekonnten Schwung zirkelte die Ritterin das Bein über die Kruppe der Stute und ließ sich im Sattel nieder. Die Satteldecke zeigte das geteilte Wappen der Familie Finsterborn: oben ein goldener Brunnen auf schwarzem Grund, unten der Schwertarm auf weißem Grund.

Die Ritterin trug eine lederne Reiterbruche, eine langärmlige Tunika mit ledernen Unterarmschützern, eine dick gesteppte Lederweste, sowie ihren Dolch und das Langschwert gegürtet. Dazu hatte sie sich den Köcher und den Kompositbogen, den sie bei den Elfen von der Siedlung Salafaern im Ifirnstann unter der Anleitung von Carion Hirschläufer selbst angefertigt hatte, über die Schulter gehängt. Eine weiße Gugel sollte Hals und Kopf, ein schwarzer, wollener Reiterumhang den Köper vor der zunehmenden Kälte schützen.

Theofried von Finsterborn hielt das jüngste der drei Kinder seiner Ältesten an der Hand. Auch er war in den Farben der Familie gekleidet. Die kleine Eylin war gerade mal 8 Winter alt. Beide trugen bequeme Reisekleidung. Den Wappenrock und eine leichte Rüstung hatte der Junker eingepackt für die Hochzeit. Eylin trug ein einfaches wollendes Kleid und darüber einen Kapuzenmantel.

Der Reisewagen, der zur Aussteuer seiner verstorbenen Gemahlin gehört hatte, stand bereit. Leubrecht, der altgediente Schildknecht des Junkers von Finsterborn, öffnete den Wagenschlag und half erst Eylin und dann seinem Herrn beim Einsteigen. Dann stieg er ein wenig umständlich auf den Kutschbock. Die beiden Kutschpferde hoben die Köpfe und warteten auf das Signal sich in Bewegung zu setzen.

Lyssandra schob das Pergament mit ihren Notizen in die rechte Satteltasche und nickte ihrem Vater zum Abschied zu. Den Gutsverwalter ermahnte sie noch einmal: „Kunibert, gib Rapunzel nicht zu viel zu fressen! Sie wird zu dick!“

Die alte Jagdhündin hob den Kopf. Seit ihre Gelenke vom Alter steif geworden waren, schien das Fressen die einzig verbliebene Freude der treuen Jagdgefährtin zu sein. Man konnte ihr die ungünstige Mischung aus mangelnder Bewegung und zu vielen Leckereien langsam ansehen. Mit einem seufzenden Miepen legte Rapunzel den Kopf wieder auf die Vorderpfoten.

Dann nahm Lyssandra von Finsterborn die Zügel auf und wendete Dardanella nach links. Die Sonne kam gerade heraus. Sie würde die taufeuchten Wiesen wohl bald trocknen und dann mochte es ein freundlicher Tag werden. Vogelgezwitscher begleitete sie als sie die Warunkerstute über die Holzbrücke am Bingenbach auf den Urkenweg lenkte. Dieser würde sie in den Hauptort der Baronie, nach Urkenfurt bringen. Dem Klappern der Hufe folgte das Rollgeräusch der Radreifen der Reisekutsche in der Großvater und Enkelin saßen. Lyssandra blickte sich noch einmal um und winkte Leubrecht zum Abschied bevor sie antrabte. Nur ein halbes Stundenmaß später kam sie an eine Kreuzung. Links ging es über Urken bis in die Baronie Herzoglich Waldleuen und rechts konnte man in Richtung Oberwaldig reiten.

Hier begegnete die Ritterin einer Frau, die ein Schwein in einem Handkarren hinter sich herzog. Sie grüßte die Frau und fragte sie wohin sie des Wegs sei. Die Bäuerin erklärte, dass sie das Schwein ihrem Schwager brachte, der es mit seinen Schweinen zur Eichelmast treiben würde. Die Familie ihrer Schwester bewirtschaftete eine Hofstelle unweit der Kreuzung. Lyssandra nickte zufrieden.
„Sag, gute Frau, hast du von dem Mord an der jungen Ilmentrud gehört? Hast du eventuell in der vergangenen Woche jemanden gesehen, der ungewöhnlich groß war?“

Die Frau sah Lyssandra bedauernd an. „Ich habe davon gehört. So ein hübsches und liebes Kind. Oh bei Boron, eine Tragödie! Ich habe aber niemanden gesehen auf den diese Beschreibung passt. Aber ich frage auch noch einmal meine Schwester und den Schwager, Hohe Dame. Wenn ich etwas erfahre, das wichtig sein könnte, komme ich zum Gut Eures Vaters. Aves schütze Euren Weg!“

Mit einem freundlichen Kopfnicken und einem erwiderten Dank ritt die Ritterin weiter. Der Weg folgte dem Bingenbach. Zunächst sah sie vor allem Weiden und Äcker. Die meisten waren schon abgeerntet. Nur die Wurzelgemüse und der frostharte Kohl standen noch auf den Feldern. Eingefasst waren die Felder und Weiden zumeist von Wildhecken, deren Herbstlaub farbenfroh im warmen Licht der Praiosscheibe leuchteten und so einen bunten Kontrast zu den braunen und kahlen Äckern bildeten. In der Nähe des Bingenbaches führte so mancher kleine Graben, der die Felder trennte, Wasser. Diese Gräben entwässerten die zum Teil recht feuchten Böden in der Flussaue.

Gedankenverloren trabte Lyssandra vor sich hin. Anfangs begleitete der Bingenbach noch den Urkenweg, doch bald schwenkte der Weg gen Rahja ab und die grünen Wipfel der Bingenbacher Lohe kamen in Sicht. Je mehr sie sich dem Lohwald mit seinem Eichen, Eschen- und Buchenbestand näherte, desto häufiger konnte sie Bauern sehen, die ihre Tiere, vor allem Schweine, zur Mast in den lichten Hain trieben. Lyssandra wusste, dass die meisten von ihnen Eigenhörige ihres Vaters waren, dazu einige Freibauern. Je näher sie Urkenfurt kam, desto mehr Eigenhörige der Baronin machten sich auf den Weg in die Bingenbacher Lohe.

Die Bingenbacher Lohe lag inmitten der Heide- und Mooslandschaft von Urkentrutz. Entlang der Bäche breiteten sich Auwälder und Moos aus. Die Übergangszone zu den trockenen Heidelandschaften bildeten Streuobstwiesen, die es vor allem rund um die Schwarze Au und Jammerried am Eberbach reichlich gab.

Die Ritterin durchquerte den Hain und beobachtete die zufrieden nach Eicheln und Bucheckern wühlenden Schweine. Eine der Lichtungen war übersät von Herbstzeitlosen. Lyssandra genoss das Farbenspiel aus leuchtend-rotorangenen Buchenblättern und dem blassvioletten Bodenbewuchs. Sie liebte den Herbst.

Am Waldrand in Richtung Urkenfurt kam der einzige Weggasthof am Urkenweg zwischen dem Hauptort der Baronie und dem Junkergut und Dorf Schwarze Au in Sicht. Die „Seidelbast-Rast“ war ein einfacher Gasthof. Bei gutem Wetter saßen die Gäste auf einfachen, aus halbierten Stämmen gefertigten Bänken an rustikalen Tischen im Freien. In der kalten Jahreszeit oder auch bei Regen mussten sie es sich im engen Schankraum unter dem niedrigen Dach gemütlich machen. Um die Mittagszeit saßen bereits einige Gäste unter dem ausladenden Blätterdach einer uralten Hainbuche. Tritilda, die Wirtin des Gasthofes, hatte alle Hände voll zu tun. Dennoch hatte sie sich ihre Fröhlichkeit bewahrt. Sie winkte Lyssandra zu und lachte.
„Travia zum Gruße, Edle Dame!“

Die Ritterin sprang aus dem Sattel und führte ihre Stute zum Anbindeplatz für die Reittiere. Neben einem Esel und einem Maultier wirkte die Warunkerstute etwas deplatziert. Doch das edle Ross schien sich nicht an der Gesellschaft zu stören und begann sogleich friedlich zu grasen.

Lyssandra suchte nach einem freien Platz. Ganz am Rand eines Tisches sprang ein Mann auf und überließ der Adeligen seinen Platz. Der in fleckige und löchrige Kleidung gehüllte Endvierziger verbeugte sich. Die Ritterin erkannte einen der Eigenhörigen ihres Vaters, der sicherlich als Schweinehirte im Lohwald unterwegs war.
Sie grüßte ihn und dankte für den Platz. Wenig später erschien Tritilda und nahm die Bestellung auf.
„Bring mir bitte eine frische Schafsmilch und eines deiner großartigen Käsebrote!“

Tritilda und ihr Mann hielten Schafe und der Käse, den sie herstellten, schmeckte nach den besonderen Kräutern und Pflanzen der Heide, die sich jenseits des Urkenwegs nach Rahja hin ausbreitete.

Lyssandra war aber nicht nur wegen des Käses in der Weggaststätte eingekehrt. Sie wollte die Gelegenheit nutzen, die Rastenden nach dem Mädchenmörder zu befragen. Der erste, den sie ansprach war der Eigenhörige, der ihretwegen aufgestanden war. Sie winkte ihn zu sich.
„Thorolf, komm mal her!“

Folgsam aber mit einem deutlichen Respekt kam der Schweinehirte näher.
„Hohe Dame, wie kann ich helfen?“

„Du bist doch zur Zeit ständig hier in der Bingenbacher Lohe, oder? Ist dir da in den vergangenen Tagen ein ungewöhnlich großer Kerl aufgefallen?“

Der Scheinhirte sah sich hilfesuchend um als wolle er sich vergewissern, dass er der Ritterin antworten durfte.

„Nun, Hohe Dame, ich weiß nicht so recht. Wie meint ihr das?“

Lyssandra holte aus. Sie beschrieb den Mann anhand der Schilderungen, die sie in der letzten Zeit gesammelt hatte. Dann fragte sie erneut. „Hast du den gesehen?“

Thorolf stieg von einem Bein auf das andere. „Ne, glaube nicht“

Die Wirtin der Seidelbast-Rast, die soeben der kräftigen Frau zu ihrer Linken eine Pilzsuppe auftrug, wurde hellhörig.
„Was muss ich da hören? Du hast den doch auch gesehen, Thorolf! Ich weiß genau, dass du da warst als er mir das Brot aus der Küche geklaut hat. Firnmar hat noch versucht ihn aufzuhalten und hat prompt eine solche Maulschelle bekommen, dass er bis in die Tränke geflogen ist. Das hast du doch mitbekommen! Du doch auch Jette, oder nicht?“

Die wohlbeleibte Frau mit der Pilzsuppe nickte. „Klar habe ich das. Wo ist denn Firnmar? Der kann es doch am besten bezeugen. Der hat ihn aus nächster Nähe gesehen.“

Alle sahen sich suchend um. Doch der Kesselflicker, der seine Dienste in ganz Urkentrutz anbot, war offenbar schon weitergezogen. Achselzuckend tauchte Jette den Löffel wieder in die Suppe und pustete.

„Stimmt es, dass er ein Riese ist?“, wollte Lyssandra von den Anwesenden wissen. Tritilda lachte hell auf. „Nee, das vielleicht nicht, aber ein großer Schlacks ist er.“

Jette ließ den Löffel wieder sinken. „Naja, ich finde den Vergleich nicht so schlecht. Also ich habe ihn ja mehr aus der Ferne gesehen, als er in den Wald abgehauen ist, aber er war schon echt riesig. Ewig lange Arme und Füße so lang wie die Läufe eines Feldhasen.“

Tritilda bestätigte die Aussage. „Und nicht nur das. Auch alles an seinem Gesicht war zu lang geraten. Die Nase, die Ohren, die Ohrläppchen. Sogar die Lippen schienen zu groß zu sein. Der Mund stand immer offen. Doch so lang und schmal er war, so viel Kraft hatte er auch. Ich sage dir, Firnmar flog förmlich mehrere Schritt durch die Luft bevor er in der Pferdetränke landete. Nicht wahr, Thorolf?“

Nun musterte die Ritterin erneut den Schweinehirten. Der nickte nur schweigend und blickte zu Boden.

„Sagte Firnmar nicht, dass er dem missratenen Spross unserer werten Baronin ähnlich sah?“ Tritilda sah Thorolf durchdringend an. Du hast das doch auch gehört, oder?“
Sie drehte sich zu Jette um. „Nicht wahr, Jette?“

Die suppelöffelnde Blondine nickte. Als sie heruntergeschluckt hatte bestätigte sie die Aussage. „Jo, so isses. Das hat Firnmar gesagt. Er hat aber auch gesagt, dass das´n Zufall sein kann. Schließlich hat niemand den Jungen mehr gesehen, seit er mit Mutter Marinad in ein Traviakloster ging. Das ist sicher auch schon mindestens zwei Götterläufe her.“

Lyssandra machte große Augen. „Verstehe ich euch richtig? Firnmar hat in dem „Riesen“ den Sohn unserer Baronin, Ingrold von Hartenau erkannt? Wie kam er auf diese Idee, kannte er ihn?“

Die Ritterin erinnerte sich den Erben der Baronie als kleines Kinde gesehen zu haben, als die Mutter ihn voll Stolz allen zeigte. Dann aber, vor allem in den vergangenen Götterläufen, war es ruhig um den Jungen geworden. Grimmwulf hielt ihn hinter den Burgmauern versteckt, weil er, wenn man den Gerüchten glauben durfte, schwachsinnig war. Dann hatte man plötzlich gehört, dass Ingrold mit der Traviageweihten Mutter Marinad die Baronie verlassen hatte. Etwa drei Götterläufe war das her. Umso mehr verwunderte es sie, dass der Kesselflicker Firnmar den Baronet wiedererkannt haben wollte.

Die Wirtin sammelte zwei leere Humpen ein und zuckte mit den Schultern. „Nun, Firnmar kommt ja viel rum. Hat gesagt, dass er auch schon auf Burg Urkenfurt Kessel geflickt hat und ihm dort auch begegnet ist. Damals bevor Mutter Marinad ihn fortgeschafft hat.“

Die Ritterin nickte. Als Kesselflicker kam Firnmar weit herum. Auch sie kannte den Mann, denn wie auf der Baronsburg hatte er auch auf Gut Schwarze Au schon seine Dienste angeboten und gute Arbeit geleistet. Das war eine wirklich interessante Neuigkeit. Darauf würde sie Grimmwulf ansprechen müssen. Die Baronin war ihr eine Antwort schuldig. Was hatte der Spross der Baronin von Urkentrutz mit den Mächenmorden zu tun, wo er doch angeblich als Novize „Traviahilf“ mit der Geweihten die Baronie verlassen hatte?

Lyssandra beendete ihre Mittagsmahlzeit und bedankte sich bei allen für die wertvollen Hinweise. Dann holte sie Dardanella und schwang sich in den Sattel. Ein letzter Gruß mit erhobener Hand und weiter ging es in Richtung Urkenfurt.

 

Der goldene Schimmer der Herbstsonne lag auf dem Finsterbachtal. Rotgolden schimmerten die Blätter auf dem sich ins Flusstal hinabschlängelnden Urkenweg. Der Fialgralwa hatte sich nicht überall so tief in die Landschaft geschnitten wie in der Langen Klamm. Im Bereich von Urkenfurt, wo die Bedingungen anders waren, hatte sich ein breiteres Tal gebildet. Der Weg hinab war sanfter, der Fluss bildete eine natürliche Furt, die vor etwas mehr als 35 Wintern durch eine Steinbrücke ersetzt hatte. Die ursprünglich nur jenseits des Fialgralwa liegende Siedlung zu Füßen des Burgbergs hatte sich nach dem Brückenschlag auch auf dem linken Ufer des Flusses ausgebreitet. Wenn man dem letzten Census Glauben schenken wollte, lebten an die 450 Einwohner in Urkenfurt. Womöglich waren es inzwischen noch mehr.

Die Ritterin lenkte ihre Stute über die Brücke und in die Ortschaft über der die gleichnamige Burg thronte. Die Menschen auf der Straße machten ihr respektvoll Platz. Lyssandra grüßte freundlich.

Der Weg zur Burg zweigte kurz hinter den letzten Häusern von Urkenfurt nach links ab. Von nun an ging es steiler bergan als auf der jenseitigen Flussseite.

 

Eine letzte Kehre musste durchritten werden, dann erreichte Lyssandra die Brücke, die den Graben vor dem Torturm überwand.

Der Torwächter erkannte das Wappen der Familie von Finsterborn. Er salutierte und fragte die Ritterin nach ihrem Wunsch.
Lyssandra grüßte und bat darum, die Baronin sprechen zu dürfen.
„Ich habe eine unerfreuliche Nachricht aus dem Dorf Schwarze Au, die Ihre Wohlgeboren unbedingt erfahren sollte.“

Mit einem Pfiff rief der Waffenknecht einen Stallknecht herbei. Lyssandra saß ab und übergab die Zügel an den Knecht.

„Wartet bitte hier, Hohe Dame, ich hole die Hausdame, die Euch zunächst eine Unterkunft geben wird. Dann informiere ich die Baronin.“

Die Ritterin dankte dem Mann, der sich sogleich entfernte. Lange war sie nicht mehr auf der Burg gewesen. Deshalb sah sie sich neugierig um. An das Torgebäude lehnte sich eine kleine, recht unscheinbare Kapelle für die Göttin Peraine, wie das Symbol der Ähre im Feld über dem Portal offenbarte. Ein großer Burghof bildete das Zentrum der Burganlage. Stall, Wirtschaftsgebäude und ein durchaus repräsentatives Hauptgebäude, das sich in die hinterste Ecke schmiegte, umrahmten den gekiesten Innenhof. Eine einfache aber solide Mauer umzog das Burgareal und sicherte es gegen den Hang, der zum Ort und zum Fluss steil abbrach.

Die Hausdame erschien. Die schlanke Mitvierzigerin, die ihre blonden Haare in einem strengen Knoten am Hinterkopf trug, stellte sich als Traugunde Plötzenbühler vor. Lyssandra nannte ihr ebenfalls ihren Namen und den Grund ihres Besuchs. Das Gesichtszüge der Hausdame entgleisten. Es schien für einen Augenblick als versagten die Kiefermuskeln ihren Dienst. Die spitze Kinnlade klappte hinunter, die blauen Augen blickten entsetzt. Dann binnen weniger Augenblicke versteinerte das Gesicht vollständig.
 „Wirklich eine schreckliche Sache, diese Mädchenmorde…“, sagte sie tonlos. „Nun, ich werde sehen, dass Ihr morgen früh eine Audienz bei Ihrer Hochgeboren erhalten könnt. Folgt mir bitte. Ich zeige Euch Euer Nachtquartier.“

Traugunde überquerte den Hof, führte Lyssandra an dem Stallgebäude vorbei, in das der Stallknecht ihre Stute geführt hatte, und öffnete die Tür des nebenstehenden Gästehauses. Die Ritterin folgte ihr in das Gebäude. Es ging eine schmale, hölzerne Stiege hinauf. Im Obergeschoss zeigten sich vier Türen. Die Hausdame öffnete die zweite davon und ließ Lyssandra ein. Die kleine Kammer war sauber und ordentlich. Ein Bett und ein Tischchen mit Waschschüssel und Wasserkrug waren die einzigen Einrichtungsgegenstände. Hinter der Tür waren zwei Haken angebracht für Mantel und Kleidungsstücke.

Plötzlich hatte es Traugunde Plötzenbühler eilig. Sie fragte eher beiläufig, ob die Ritterin noch etwas benötige und eröffnete ihr, dass es später zur Firunsstunde in der Stube im Erdgeschoss ein Abendessen geben würde. Als erwarte sie weder Wünsche noch Nachfragen, drehte die Hausdame sich wieder um und verließ den Gast.

Lyssandra trat an das kleine Fenster. Dieses gab den Blick in den Innenhof der Burg frei. Rechts von ihr war das Stallgebäude zu erahnen und das Burgtor mit einem kleinen, angebauten Türmchen. Gegenüber lagen ein größeres und ein kleineres Fachwerkhaus. Es war nicht klar, welche Funktion die Gebäude hatten. Um das Türmchen der Mauerbegrenzung im linken Eck erkennen zu können, musste sich die Ritterin aus dem Fenster lehnen. Das Hauptgebäude der Burg, ein mehrgeschossiger Palas mit einem schmalen Türmchen, das eine Wendeltreppe zu enthalten schien, dominierte die Südostecke der Burganlage. Eine Weile lang beobachtete Lyssandra das Treiben auf dem Burghof, sah die Hausdame eilig selbigen überqueren und das Hauptgebäude betreten und einige Bewaffnete zum Torturm laufen. Dann beschloss sie, sich zu waschen und auszuruhen bis es Zeit für das Abendessen wäre.

Den Abend verbrachte sie in Gesellschaft eines bornischen Handlungsreisenden namens Dulgjew Kerenkis und einer Uhdenwalder Bildhauerin, die sich Losiane rufen ließ. Beide hoffen, wie auch Lyssandra, auf eine Audienz bei der Baronin von Urkentrutz. Das einfache Abendmahl aus einem Linseneintopf mit Möhren sättigte ausreichend und das Bier schmeckte hervorragend. Sie unterhielten sich angeregt und jeder erzählte von seiner Mission. Spät fand die Weidener Ritterin in die ihr zugewiesene Kammer.

 

Entsprechend schwer fiel Lyssandra von Finsterborn das Aufstehen am nächsten Morgen. Das Stimmengewirr auf dem Hof ließ keinen Zweifel, dass der Tag bereits angebrochen war und das Leben auf der Burg erwachte. Laute Rufe, Befehle und das Klappern von hölzernen Übungswaffen, gefolgt von Ermahnungen des Ritters, der die beiden jungen Kämpfer bei ihren Waffenübungen überwachte.

Lyssandra wusch sich und zog sich an. Als sie in die Stube kam, saßen Losiane und Dulgjew bereits am Tisch. Sie tranken heißen Kräutertee und löffelten einen Getreidebrei. Die Ritterin aus der Schwarzen Au begrüßte die beiden und setzte sich dazu. Sie griff zur Teekanne und goss sich das heiße Gebräu in den irdenen Becher. Dann häufte sie sich ein wenig Brei in die Schale, die für sie bereitstand. Die Bildhauerin schob ihr zwei Töpfchen hin. Das linke enthielt ein Obstkompott, vermutlich Apfel oder Birne. Das zweite eine schwarze Masse. Angewidert zog Lyssandra die Nase kraus.
„Was ist das?“, fragte sie Losiane.

„Schwarze Einbeerenmarmelade, eine Spezialität des Hauses. Die Hausherrin stellt sie angeblich selbst her. Aber Vorsicht! Zu viel davon macht süchtig!“

Die Ritterin aus der Schwarzen Au, tauchte ihren Löffel in die schwarze, zähflüssige Masse. Sie führte den Löffel vorsichtig an ihren Mund und tauchte die Zunge hinein. Die Einbeerenmarmelade schmeckte eigentümlich. Nach Wald und Erde, herb und würzig, aber auch ein wenig süß, jedoch eine schwere Süße. Nun leckte sie den Löffel ganz ab. Nach dem Schlucken breitete sich der besondere Geschmack der Marmelade im gesamten Mund- und Rachenraum aus. Lyssandra schob das Gefäß wieder weg und tauchte den Löffel in das Obstmus.
„Apfel?“

Dulgjew nickte.

Also süßte Lyssandra ihren Brei mit dem Apfelmus. Tatsächlich schmeckte das Frühstück sehr gut und kurz danach fühlte sie sich wach und munter. Die Bettschwere des Morgens war wie weggeblasen.
Sie hatte gerade die Schüssel von sich geschoben, als Traugunde Plötzenbühler erschien. Diese stellte sich neben den Tisch an dem die drei Gäste saßen.

„Ihre Hochgeboren hat folgende Reihenfolge für die Audienzen festgelegt. Herr Dulgjew Kerenkis, dann Ihre Wohlgeboren Lyssandra von Finsterborn und zuletzt Frau Losiane. Die Audienz beginnt zur Perainestunde. Ich hole Euch ab, wenn Ihr an der Reihe seid.“

Es dauerte. Lyssandra ging auf und ab. Sie war unruhig. Der Bornländer war pünktlich abgeholt worden. Konnte die Audienz des Händlers derartig lang dauern? Das Praiosmal, das an diesem Vormittag nur zaghaft hinter den Hochnebelwolken hervorschimmerte, näherte sich bereits seinem höchsten Punkt, als die Hausdame wieder erschien und Lyssandra bat, ihr zu folgen.

Es ging über den Hof. Die Knappen und Waffenknechte und Maiden hatten bereits ihre Übungen eingestellt. Ein wohlbeleibter Mann in Kittelschürze näherte sich dem Stall. Traugunde Plötzenbühler führte Lyssandra durch das Hauptportal und dann über eine hölzerne Treppe aufwärts. Im Vorraum vor dem Thronsaal ließ die strenge Blondine die Ritterin warten. An den Wänden standen mehrere hohe Lehnstühle mit hartem Polster. Lyssandra nahm Platz.

Wieder wurde die Geduld der Ritterin aus der Schwarzen Au auf eine harte Probe gestellt. Dann endlich öffnete Traugunde Plötzenbühler den rechten Flügel der mit Schnitzereien verzierten Eichenholztür und ließ Lyssandra ein. Sie schloss das Tor hinter ihr und führte sie zum Thronsessel am Ende des großen Raumes, dessen Holztäfelung vom Ruß der Holzfeuer und Fackeln dunkel geworden war. Über der Holztäfelung konnte man einfache Fresken erkennen, die Landschaften der Baronie zeigten.

Zwei Waffenknechte flankierten den wappengeschmückten Hochlehner, der der Baronin von Urkentrutz als repräsentativer Sitz diente. Weitere Hochlehner standen neben dem Thronsessel, allesamt unbesetzt. Die Baronin schien sie unter vier Augen sprechen zu wollen. Grimmwulf von Hartenau trug das weißblonde Haar zu einem dicken Zopf geflochten, der über ihre linke Schulter nach vorn fiel. Ihre graugrünen Augen blickten wach und interessiert. Aufrecht, mit geradem Rücken, saß sie auf dem gepolsterten Hochlehner und wartete auf die Vorstellung ihres Gastes.

„Hochgeboren, das ist Lyssandra von Finsterborn, Ritterin in der Schwarzen Au, älteste Tochter Eures Vasallen Junker Theofried von Finsterborn.“

Lyssandra schob den linken Fuß zurück und verbeugte sich elegant mit einem leichten Knicks, wie sie es in ihrer Zeit im Horasreich gelernt hatte.
„Die Zwölfe zum Gruße, Euer Hochgeboren!“

 

„Den Zwölfen zum Gruße, Wohlgeboren, Travia voran“, erwiderte die Baronin die Grußformel der Finsterbornerin und ließ sich danach erst einmal Zeit, ihren Gast vom Scheitel bis zur Sohle zu mustern. „Ist lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben, Wohlgeboren. Wann mag das wohl gewesen sein?“ Sie ging kurz in sich. „Ja, ich weiß. Ich meine, es war damals bei diesem unseligen Fest, bei dem die Gräfin eigentlich ihre Erbin vorstellen wollte, dann aber von der eigenen Schwester vergiftet wurde, weil die mit ihrer Wahl nicht zufrieden war. Irgendwie so. Wann war das noch gleich? 1038? Vor fünf Götterläufen also? Wie die Zeit verfliegt.“

Grimmwulf überlegte kurz, hob aber erneut an, bevor Lyssandra auch nur einen Ton über die Lippen bringen konnte: „Wie ist es Euch seither ergangen? Eurem Mann? Den Kindern?“

Die Baronin schien sich nicht mehr genau an sie zu erinnern, denn dann hätte sie wohl gewusst, dass Lyssandra 1038 schon verwitwet war. Doch das war ja nicht weiter verwunderlich. So oft hatten sie das Vergnügen ja nicht gehabt.
„Ja, das Fest ist damals gänzlich anders verlaufen als wir es uns alle gewünscht hatten“, erinnerte sich auch die Ritterin. „Seither sind tatsächlich schon fünf Götterlaufe ins Land gezogen – unglaublich, nicht wahr?“

Die Frage nach ihrem Mann und den Kindern kam Lyssandra sehr zupass, so konnte sie ganz unvergänglich nach dem Spross der Baronin fragen.
„Mein Gemahl, Wonnebolt Hundsöd, ist bereits vor neun Götterläufen in die zwölfgöttlichen Paradiese vorangegangen. Er starb bei einem Felssturz in der Langen Klamm, als er auf einer Erkundung für die Anlage eines neuen Steinbruchs für Baumaterial war. Seine jüngste Tochter hat er nicht mehr sehen dürfen, er wurde vor ihrer Geburt vom Unausweichlichen abberufen. Boron sei seiner Seele gnädig!“

Eine kurze Gedenkpause folgte, dann fuhr Lyssandra fort.

„Meine älteste Tochter, Minerva, ist inzwischen 16 Winter alt, sie dient als Knappin bei Ritter Oberon von Uhlredder. Theofried, mein Sohn, wird auch demnächst seine Knappenzeit beginnen und die jüngste, Eylin ist jetzt neun Winter alt und bei meinem Bruder Horatio als Pagin.“
Die Ritterin aus der Schwarzen Au zögerte einen kurzen Moment lang, dann platzierte sie ihre hintergründige Frage.
„Wie steht es mit Eurem Sohn, Hochgeboren? Schickte er sich nicht an, ein Diener der Gütigen Mutter zu werden? Hatte er nicht gar den Beinamen „Traviahilf“ angenommen?“

 

„Ingrold ist jetzt auch schon seit drei Götterläufen nicht mehr da“, meinte die Baronin und starrte kurz nachdenklich ins Leere. „Ein Geweihter wird er wohl nicht, dazu hätte die Ausbildung an sich schon viel früher beginnen sollen als mit 18 Lenzen und er ist ... nun ja ... . Mutter Marinad hat zuletzt davon gesprochen, dass er ein guter Akoluth werden könnte. Er hat sich den Prinzipien der Traviakirche stets verpflichtet gefühlt und die irdischen Diener der Eidmutter jederzeit mit dem allergrößten Respekt behandelt. Es gibt nichts, was ihm wichtiger ist als Heim und Herdfeuer und seine Familie.“

Ein sanftes Lächeln schlich sich auf die Züge der Baronin, die sonst meist ziemlich burschikos und ruppig wirkte. Der Moment währte aber nur kurz – und endete mit einem vernehmlichen Räuspern. Dann straffte sich Grimmwulf und sah Lyssandra prüfend an:

„Aber deshalb seid Ihr ja gar nicht hier, richtig? Nicht, um Euch mit mir über Eure oder meine Familie auszutauschen, sondern weil ihr mir schlimme Kunde überbringen wollt.“

„Richtig!“, bestätigte die Ritterin aus der Schwarzen Au. „Es gibt einen neuen Mädchenmord in der Schwarzen Au. Ganz in der Nähe des Dorfes, unweit der Kreuzung des Urkenwegs mit der Straße aus Waldleuen. Die Tatumstände deuten darauf hin, dass es sich erneut um den von den Urkentrutzern als „Monster“ bezeichneten Mörder, der bereits vor ein paar Jahren sein Unwesen in der Baronie getrieben hat.“

Lyssandra beobachtete Grimmwulfs Reaktion ganz genau.

 

Leider war die Miene der Baronin nicht besonders aufschlussreich und Lyssandra wurde schnell klar, woran das lag: Sie wusste schon Bescheid.

„Ja, das hat mir die gute Traugunde gestern Abend berichtet. Schreckliche Nachricht!“, meinte Grimmwulf. Dabei klang ihre Stimme gelassen, was Lyssandra wenigstens einen kleinen Rückschluss auf die Gemütslage ermöglichte. „Nachdem so lange nichts gewesen ist, erschreckt mich die Sache umso mehr. Ich dachte, es wäre hier nun Ruhe eingekehrt – und auf einmal gibt es doch wieder so eine Bluttat. Habt Ihr schon nähere Erkundigungen eingeholt, Wohlgeboren? Was könnt Ihr mir noch berichten?“

Die Ritterin aus der Schwarzen Au nickte. Sie holte das Pergament hervor und eröffnete der Baronin zunächst die Ergebnisse der Befragungen zum neuesten Mordfall. Die Gedanken, die ihr Vater und sie sich zu dem Täter gemacht hatten, behielt sie zunächst für sich.

„Das Mädchen war 19 Winter alt und hörte auf den Namen Ilmentrud Weichselbaumer. Sie war die älteste Tochter des Freibauernpaares Gernfruw und Weidebrecht Weichselbaumer. Das Mädchen ist das Opfer eines Lustmörders geworden. Ich habe ihren Körper gesehen, als er im Haus der Eltern aufgebahrt war. Der Täter hat sie geschlagen und gewürgt, sie geschändet und ihr letztlich den Schädel mit einem Feldstein eingeschlagen.“

Lyssandra ließ die Beschreibung der Gewalttat zunächst einmal wirken. Dann setzte sie ihren Bericht fort.

„Aufgefunden wurde sie am 27. Efferd nahe der Ortschaft Schwarze Au. Mein Vater und ich haben uns den Fundort angesehen. Wir konnten Fußspuren entdecken, die vom Tatort in ein angrenzendes Feld führten. Die Stiefelabdrücke waren ungewöhnlich groß. Mein Vater und ich kennen niemanden, der so große Füße hat. Und tatsächlich bestätigten uns wenig später zwei Männer, die bei der Waldarbeit die Schreie des Mädchens hörten und den Täter flüchten sahen, dass der Mann ungewöhnlich groß war. Sie bezeichneten ihn als „Riesen“. Bei meinen Nachforschungen befragte ich dann im Dorf einige Anwohner, die in den Tagen kurz vor dem Mord einen besonders großen, jungen Mann beobachtet haben wollen, der ihnen unbekannt war. Eine Frau die hatte diesen aus der Nähe gesehen. Er habe einen dümmlichen Gesichtsausdruck gehabt und sei auch sonst irgendwie „verschossen“ gewesen. Alles an ihm sei zu lang geraten. Angefangen bei Nase und Ohren bis zu den Armen, die ihm fast bis zu den Knien herabgereicht hätten. Ihre Aussage deckte sich mit der der beiden Holzknechte.“

Die Ritterin machte eine Pause und schloss dann mit den Ermittlungen in der Weggaststätte „Seidelbast-Rast“.

„Eine ähnliche Beobachtung machten die Wirtin und die Gäste des Weggasthauses „Seidelbast-Rast“ am Urkenweg in der Nähe der Bingenbacher Lohe. Auch sie haben in den Tagen nach dem Mord an Ilmentrud Weichselbaumer einen jungen Mann im Bereich der Bingenbacher Lohe gesehen, der ungewöhnlich groß und schlaksig wirkte.“

Die Vermutung, dass es sich bei dem gesichteten „Riesen“ um den missratenen Sohn Grimmwulfs, den Baronet handelte, hielt Lyssandra erst einmal zurück. Sie wollte sehen, wie die Baronin auf die bisherigen Ermittlungsergebnisse reagierte.

 

Und diesmal gab es auch tatsächlich etwas zu sehen. Als Lyssandra den Zustand des Opfers schilderte, wirkte Grimmwulf bestürzt und ein wenig ungläubig. Bei der Beschreibung des verdächtigen Mannes runzelte sie erst skeptisch die Stirn und schien dann ernsthaft irritiert. Sie unterbrach die Ritterin zwar nicht, aber es wirkte, als hätte sie es gern getan. Für einen Moment jedenfalls. Dann schienen ihre Gedanken abzuschweifen und Lyssandra war sich nicht sicher, ob die Baronin ihr überhaupt noch zuhörte.

In jedem Falle umklammerte Grimmwulf die geschwungenen Endstücke der Armlehnen ihres Throns zwischendurch dermaßen fest, dass die Knöchel ihrer Hände weiß hervortraten.  In ihren Augen spiegelte sich kurz vor Ende des Berichts immer noch Unglauben, dann aber glaubte Lyssandra plötzlich so etwas wie Erleichterung in den hellen Augen der Hartenauerin aufscheinen zu sehen.

„Hört, hört“, murmelte Grimmwulf leise, als sie ausgesprochen hatte. „Wahrlich schlechte Kunde, die Ihr da für mich habt. Allein, wir können aus Euren Beobachtungen nicht schließen, ob es sich um den gleichen Täter wie damals handelt, oder um einen anderen mit einer ähnlichen Störung – will ich meinen. Wenn so viele Leute den Verdächtigen gesehen haben, aber keiner ihn kannte, dann müssen wir wohl davon ausgehen, dass er nicht von hier kommt ...“

Lyssandra von Finsterborn hatte eine ausgesprochen gute Beobachtungsgabe. Sie nahm die Veränderung in der Haltung ihrer Gesprächspartnerin durchaus wahr und machte sich ihren Reim darauf.

„Fürwahr, Hochgeboren, es gibt keinen Beweis, wohl aber Hinweise darauf, dass es sich um denselben Täter handelt. Im Falle der ermordeten Eberhilde Osmetz, die ebenfalls in der Schwarzen Au gefunden wurde, haben mein Vater und ich damals auch auffällig große Fußspuren gefunden. Also das ist sicherlich eine Gemeinsamkeit. Aber ich gebe Euch recht, die anderen Fälle müssten noch einmal genau untersucht werden. Es ist durchaus möglich, dass es jemand ist, der sich öfter über die Straßen der Baronie bewegt. Damit könnte er auch aus einer der Nachbarbaronien stammen. Mit den Erkenntnissen, die wir jetzt haben, könnten wir gezielter in der Bevölkerung fragen und nach Hinweisen suchen.“

Die Ritterin war sich bewusst, dass die Beweislage dünn war und sie eigentlich keine Handhabe hatte, den Sohn der Baronin des Mordes an vier Mädchen zu verdächtigen, aber sie wollte dennoch einen Versuch wagen, Grimmwulf aus der Reserve zu locken. Ein kleiner Piks in Seite, da wo es wahrscheinlich wehtat, konnte ihr womöglich helfen, den Verdacht zu bestätigen oder zumindest die Sicherheit zu gewinnen, dass es sich lohnte, dort weiterzusuchen und nichts unversucht zu lassen.

„Eine Aussage in der Seidelbast-Rast war jedoch durchaus spezifischer zur Person des möglichen Mörders. Ein Kesselflicker, der wohl auch bei Euch ab und an seine Dienste anbietet und viel in der Baronie herumkommt, meinte in der verdächtigen Person den Baronet wiedererkannt zu haben …“

Fest richtete Lyssandra den Blick auf die Augen der Baronin. Kein Wimpernschlag, kein Augenbrauenzucken, keine Veränderung der Gesichtsfarbe sollte ihr entgehen.

Die Baronin reagierte zunächst recht gelassen auf den Pikser. Oder vielmehr: fast schon beschwingt. Ein feines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und sie hob die Schultern, als sie zur Antwort ansetzte: „Mein Sohn lebt bereits seit mehreren Götterläufen nicht mehr hier. Davon hatten wir es doch gerade erst, Euer Wohlgeboren: Er befindet sich in der Obhut von Mutter Marinad und die betreut einen Tempel, der viele Tagesritte von hier entfernt liegt. Er kann kaum eben mal unbemerkt hier vorbeikommen, um Mädchen zu morden.“

Während sie sprach, erwiderte Grimmwulf Lyssandras Blick ohne eine Miene zu verziehen. Entweder war sie eine vortreffliche Schauspielerin, oder sie glaubte tatsächlich, was sie da sagte. Die Finsterbornerin vermutete Zweiteres, denn es gab zwar viele Geschichten über Grimmwulf, aber keine besagte, dass sie zum Lügen neigte. Vielmehr handelte es sich bei ihr um eine zwar ruppige, aber aufrechte Ritterin, der man bislang noch nie eine Schandtat nachgewiesen hatte.

„Ohnehin ist das ein ungeheuerlicher Vorwurf, den Ihr da gerade geäußert habt, und ich sehe Euch das nur das nach, weil die Beschreibung in einigen Punkten tatsächlich nach meinem Ingrold klingt“, fuhr die Hartenauerin fort. Mit einem Mal war da eine Schärfe in ihrer Stimme, die nichts Gutes ahnen ließ. Für ihre Verhältnisse hielt Grimmwulf den Zorn aber gut im Zaum. Sie wurde nicht laut, sondern verengte die blitzenden Augen nur ein wenig.

„Es gab da offenbar eine schlimme Verwechslung und ich werde das mit Meister Firnmar klären, wenn er das nächste Mal hier ist“, fügte sie noch an. „Da der Verdacht schon die Runde macht, muss er aber ausgeräumt werden – und ich gebe Euch recht: Dazu bedarf es weiterer Nachforschungen. Wie Ihr wisst, habe ich einen Ritter zur Untersuchung der Vorgänge abgestellt, als es die ersten Morde gab.  Er ist mit den Details vertraut wie niemand sonst und wird sich daher auch jetzt wieder kümmern. Gebt ihm einfach Eure Aufzeichnungen, dann wird alles seinen Lauf nehmen.“

Es war klar, dass die letzte Aufforderung einen Rausschmiss gleichkam. Und Lyssandra musste zugeben, dass es keinerlei Beweise für ihre indirekte Anschuldigung gab. Es war einfach ein Versuch gewesen, die Baronin, sollte sie ihren Sohn decken wollen, aus der Reserve zu locken. Doch wie es den Anschein hatte, war sie von der Unschuld ihres Sohnes vollkommen überzeugt. Der Kesselflicker hatte ja auch nur gemutmaßt und die Ähnlichkeit festgestellt. Es war tatsächlich vermessen, einzig auf der Aussage dieses Wandergesellen eine Mordanklage aufzubauen.

Dennoch traute sie dem damals recht planlos wirkenden Ritter nicht zu, die Ermittlungen so auszuführen, dass sie zur Ergreifung des Mörders führen würden. Sie würde also selbst weitere Befragungen durchführen müssen.

Also nickte Lyssandra. „Ich werde Eurem Ritter die Aufzeichnungen übergeben und hoffe, dass er den Mörder fasst und dieser im Namen des Götterfürsten der Gerichtsbarkeit anheimgestellt wird. Denn die Aussicht darauf, dass der Mädchenmörder weiter unsere schöne Baronie unsicher macht und womöglich auch bald meinen Töchtern auflauert, lässt mich fürwahr nicht mehr ruhig schlafen, Hochgeboren!“

Den letzten Satz hatte die Finsterbornerin noch einmal deutlich betont. Dann trat sie einen Schritt zurück und verbeugte sich formvollendet.
„Wir werden uns vermutlich bei der Hochzeit in Pallingen wiedersehen. Bis dahin, gehabt Euch wohl und möge Boron Euch ruhig schlafen lassen.“ Die letzte kleine Spitze hatte die Ritterin aus der Schwarzen Au sich nicht nehmen lassen. Sie wartete darauf von Grimmwulf entlassen zu werden.

Offenbar saß diese letzte Spitze, denn Lyssandra sah, wie Empörung in Grimmwulfs Augen aufflammte – und noch etwas anderes, das sie auf die Schnelle aber nicht wirklich zuordnen konnte. Die Baronin straffte sich und verzog die Lippen zu einem kühlen Lächeln.

„Gehabt Euch wohl, Lyssandra von Finsterborn“, erwiderte sie dann knapp. „Möge die Gütige Mutter Euch stets beschirmen – und auch Eure Töchter.“

Damit war die Ritterin tatsächlich entlassen.