Zu Gast in Gut Wiesenrath (Mädchenmorde 3)

20. Travia 1043, Pallingen

An der Seite von Gormla von Blautann brach Lyssandra an diesem Morgen von Burg Rotdorn auf. Während einige der urkentrutzer Ritter, wie auch ihr Vater und ihre jüngste Tochter Eylin noch einen weiteren Tag bleiben wollten, hatte Lyssandra sich zum vorzeitigen Aufbruch entschieden. Da traf es sich gut, dass Gormla ebenfalls bald zurück auf ihr Gut Natternhag wollte. Eine ihrer Gepürksküh war hochschwanger, die Geburt des Kalbs stand kurz bevor und die Tiernärrin hatte keine Ruhe mehr gefunden. Sie wollte an der Seite der Kalbenden sein, wenn die Wehen einsetzten.

Das Wetter schien umzuschlagen. Am Vortag hatte die Herbstsonne noch ordentlich gewärmt, an diesem Morgen aber blies ein schneidender Drachenodem die welken Blätter von den Bäumen. Diese umspielten die Fesseln von Lyssandras Warunkerstute und Gormlas Tobimora Falben als sich beide auf den Weg nach Urkenfurt machten.

Lyssandra mochte die exzentrische Ritterin von Gut Natternhag, dessen Weiden sich unweit des Blautanns erstreckten. Sie war der 45 Winter zählenden Brünetten schon einige Male begegnet und hatte den ein oder anderen ritterlichen Wettstreit bei verschiedenen Turnieren gegen sie ausgetragen. Gormla war eine ernstzunehmende Ritterin, kampferprobt und variantenreich in ihren Kampfmanövern. Lyssandra hatte jedes Mal den Kürzeren gezogen.

Eine Zeitlang plätscherte das Gespräch zwischen den beiden Frauen dahin. Zunächst ging es um die Pferdeauktion bei der Gormla eines ihrer Urkuzifohlen verkauft hatte. Sie war sehr zufrieden mit dem Erlös und vor allem mit der Aufmerksamkeit, die diese Eigenzüchtung ihres Gutes bei der Präsentation und dann auf der Auktion erlangt hatte. Auch Lyssandra hatte sich für das elegante und schnelle Kleinpferd interessiert. Das zweijährige Stutfohlen war eine Kreuzung aus Firnpony und Aranier. Es hatte die besten Anlagen von beiden, war also größer als ein Firnpony doch zierlich und schnell wie diese. Die kleine Stute war ein Dunkelfuchs mit hellbraunen Flecken an der Kruppe und der Schulter, die helle Mähne stand frech in alle Richtungen ab. Zunächst hatte die Ritterin der Schwarzen Au vorgehabt, das Stutfohlen für ihre Tochter Eylin zu kaufen. Als die Preise bei der Auktion dann aber den Rahmen sprengte, den sie sich gesetzt hatte, zog Lyssandra zurück. Das Kleinpferd ging an einen Ritter aus Baliho.

Gormla schwärmte von den Erfolgen, die sie und ihre wesentlich jüngere Lebensgefährtin Nihal bei der Zucht dieser neuen Pferderasse hatten und erzählte davon wie sie überhaupt dazu gekommen waren.
Nihal saba Mozon hatte Gormla bei einer der Schlachten kennengelernt, die sie an der Seite der Herzogin geschlagen hatte. Die gebürtige Aranierin aus Zorgan war als Reitersoldatin bei den Baburischen Reitern ausgebildet worden und hatte sich später als Söldnerin bei verschiedenen Heeren verdingt. Die Liebe zu den Tieren hatte die beiden Frauen einander nähergebracht und schließlich dazu geführt, dass Nihal den Reitersäbel und den Speer abgelegt und sich im kühlen Weiden niedergelassen hatte. Jeden Winter nutzte sie ihre phexischen Talente um durch die Lande zu reiten und nach weiteren Tierpaaren für den Hof ihrer Geliebten zu suchen. Gormla hatte es sich um Ziel gesetzt, seltenen, vom Aussterben bedrohten und exotischen Nutztieren eine Heimat zu bieten. Nihal unterstützte die Ritterin in diesem Bestreben nach Kräften.

Lyssandra hörte aufmerksam zu, fragte immer wieder nach und beschloss nach einer Weile, dass sie Gormla unbedingt bald besuchen wollte, um dieses Refugium für Mensch und Tier mit eigenen Augen anzusehen.
Nach der Mittagsrast, die beide Frauen auf einem umgefallenen Baumstamm am Waldrand des Eibenhains einnahmen, kreisten die Gespräche um die Hochzeit und die Inthronisation der neuen Gräfin. Sie waren sich einig, dass Walderia in Griseldis eine würdige Nachfolgerin gefunden hatte.

Kurz der nach Mittagsrast der beiden Reisenden konnten diese hören, wie sich von hinten ein oder mehrere Reiter auf schweren Rössern nähern mussten. Und tatsächlich dort ritt ein Ritter mit einer Waffenmagd. Lyssandra musst nicht warten, dass er nah genug heran war, um das das Wappen auf seinem Rock zu erkennen. Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese ritt dort zügig voran. Sie hatte ihn noch auf Burg Rotdorn mit seiner Familie vermutet. Der Junker war mit seiner Gemahlin, seiner Schwester und dem alten Praioten, dem Bruder ihrer eigenen Schwertmutter, der Alt-Junkerin Algunde von Pandlaril-Wellenwiese dorthin gekommen. Im dem Gefolge der Markgräfin der Rommilyser Mark waren wohl Verwandte des alten Perval mitgezogen. So diente der Traviabund auch für ein traviagefälliges Treffen der Familie.

Die beiden Reiter aus Wiesenrath wurden langsamer, als sie erkannten wer dort vor ihnen ritt, und Gilborn rief freudig die beiden Ritterinnen aus Urkentrutz an. Den Junker verband nicht allein seine Knappenschaft bei Theofried, dem Vater Lyssandras, mit Urkentrutz und der Ritterin. Beide waren seit vielen Jahren befreundet. Mit einem Schulterzucken beantwortete der Junker auch freimütig den Grund seiner Heimreise. Der alte Perval hatte es sich in den Kopf gesetzt, einige Stücke aus seinem Besitz an seine Verwandten in der Rommilyser Mark zu verschenken. Wie sie nach reichlich Suchen festgestellt hatten, hatte er sie aber auf dem Gut belassen. So hatte er sich selbst entschieden, nach Wiesenrath zu reiten, um dann morgen wieder zur Burg zurückzukehren. Außerdem, wie er lachend feststellte, könnte er dann seinerseits ein Geschenk mitbringen. Seine Verwandtschaft hatte ihn mit einem Buch bedacht, nun wollte er sich gebührlich revanchieren.

Schon bald kamen sie auf das Land, welches zum Gut und Dorf Wiesenrath gehörte. Wiesenrath lag nahe der Grenze zu Urkentrutz und wurde im Süden von der Straße begrenzt. Dahinter lag der Eibenhain, der sich in Urkentrutz fortsetzte. Dort an den Ufern des Auenbachs siedelte die elfische Sippe der Einhornrufer. Die Lande nördlich der Straße und östlich der Grenze nach Urkentrutz waren von Peraine gesegnet, so wie ganz gräflich Pallingen. Hier grasten Rinder und der Ackerboden waren von guter Qualität. Als Gormla etwas zu den Rindern und dem Ansinnen ihrer Partnerin sagte, hatte sie im Junker einen sehr interessierten Gesprächspartner gewonnen. Allen voran für Rinder in all ihrer Vielfalt konnte der Pandlaril-Wellenwiese sich begeistern.
Ja, die Rinder waren ein gutes Thema. Gormla erzählte Gilborn von der kleinen Herde Haariger Gepirgsküh, die Gormla auf den Weiden ihres Gutes hielt.
„Sie stammen zwar eigentlich aus dem Bornland, machen sich aber auch bei uns in Weiden gut. Sind robust und gutmütig. Nihal schwärmt immer von den Rashduler Drehhörnern. Aber ich glaube, wir würden den Tieren nichts Gutes tun, sie aus dem praiosverwöhnten Dornenreich in das kühle Weiden zu versetzen. Was denkst du, Gilborn? Und welche Rinderrassen hältst du?“
Die Blautannerin hielt Ausschau ob sie auf den Weiden einige der Rinder erkennen konnte, die Gilborn von Pandlaril-Wellenwiese züchtete.

Inzwischen sah auch Lyssandra sich um. Sie war lang nicht hier gewesen. Dabei liebte sie das Gut. Wiesenrath sah fast ein wenig aus wie das Junkergut Schwarze Au. Der Turm und die Wirtschaftsgebäude, die Wiesen und Obstbäume, vieles erinnerte sie an das elterliche Gut. Nur mit Rindern hatte ihr Vater nicht so viel Erfahrung. Lyssandra hörte dem Gespräch ihrer Freunde zu. Vielleicht würde sie es einmal anders machen, wenn das Gut eines Tages ihr gehörte. Sollte sie auch auf die Rinderzucht setzen?

„Früher haben wir fast ausschließlich Bornländer Bunte gehalten oder Balihoer Bunte, wie sie oft genannt werden. Sowohl für die Meierei als auch wegen des Fleisches. Daneben züchten wir mittlerweile aber auch mehr Darpatrinder. Die Ochsen verkaufen wir dann als Zugtiere oder nutzen sie selbst. Sie sind kräftiger als die Bunten und bringen mehr Leistung.“ Der Junker deutete dabei auf einige Weiden, die sie passierten und auf den Tiere grasten. „Aus Liebhaberei halte ich auch eine kleine Herde Warunker Braune. Einen besonders gut geraten Bullen und zwei Kühe davon haben wir im letzten Sommer dem Dreischwesterorden gespendet, damit sie in Warunk wieder mehr davon züchten können.“

„Seit kurzem versuchen Walwige und ich uns auch daran, Abilachter Fleckvieh zu züchten. Sie geben gut Milch und wurden einst aus Bornländer Bunten gezüchtet. Auch wenn die Warunker Brauen für das Fleisch bekannter sind, möchte sie mit dem Fleckvieh kreuzen. Davon erhoffe ich mir eine besonders gut Milch.“
Erst entsann er sich der Aussage zu den Tieren des Südens. „Die Drehhörner? Imposante Tiere und ich erinnere mich noch an die Herden im Süden. Dort, wo es nicht so gebirgig ist, da haben sie vor allem auch die Gadangstiere oder besser Ochsen, die sie als Zugtiere schätzen. Doch ich fürchte, dass Du ganz recht hast. Es wäre nicht das rechte Land für sie.“

Schließlich erreichten sie das Gut und gleichnamige Dorf Wiesenrath. Der Karrenweg führte am Rand des Dorfes vorbei weiter nach Urkenfurt. Nördlich daran schloss der große Dorfplatz mit einem kleinen Teich an. Hier stand die große Wegraststätte und Schlachterei der Familie Knochenhauer. Auch der Zimmermann hatte dort seine Werkstatt, die gut davon lebte, sich um die Karren und Wagen zu kümmern, die den Weg nahmen. Etwas am Rande des Ortes stand der schmucke Perainetempel, der von einem Garten umgeben war, an den eine Wiese mit Obstbäumen anschloss. Auf einer leichten Erhebung abseits des Ortes fand sich das Gut des Junkers. Das Gut wurde von einem soliden Turm mit anschließendem Fachwerkhaus und kleinen Wirtschaftsgebäuden, dem Stall, Gesindehaus und kleinem Backhaus, aus Fachwerk gebildet und von einer stabilen Mauer mit einfachen Wehrgang umschlossen. Wie auch viele Häuser im Ort wurde das Gut nach seiner Zerstörung durch den Ork im Jahre 1026 BF wiederaufgebaut. Gut 150 Seelen lebten auf dem Land des Junkers.

Der Junker bog mit seinen Begleiterinnen zum Gut ein. Nach den Feierlichkeiten zum Traviabund war zumindest der Junker froh, es nun wieder etwas einfacher zu halten. Wie schon seine Großmutter, die Lyssandras Bruder Horatio eine strenge Lehrmeisterin gewesen war, so war auch Gilborn kein Freund von Verschwendung oder einem Leben auf dem großen Fuß. Auf Wiesenrath schätzte man die guten Dinge, doch alles hatte seine Zeit und das rechte Maß.

Als sie zum Gut abbogen, kamen die Erinnerungen wieder hoch. Die Familien waren schon lange befreundet, was dazu geführt hatte, dass Gilborn bei ihrem Vater Knappe gewesen war, zu fast derselben Zeit wie Horatio hatte seine Knappenschaft bei Algunde von Pandlaril-Wellenwiese absolviert hatte. Häufige gegenseitige Besuche hatten die Freundschaft der Familien gefestigt und so freute sich die Ritterin aus der Schwarzen Au ausgesprochen auf den Besuch. Ob sich wohl etwas verändert hatte?

Das Gesinde war überrascht, den Junker vor der eigentlichen Zeit wieder begrüßen zu können. Es hatte die Gelegenheit unter Undra und ihrem Gemahl Waldfried genutzt, um alle Räume gründlich zu putzen, da die gesamte Familie der Pandlaril-Wellenwiese gen Burg Rotdorn gezogen war. Auch die beiden verbliebenen Streiter der ritterlichen Lanze hatten sich nicht dem Müßiggang hingegeben. Die junge Baerlinde saß vor dem Haupthaus und kümmerte sich um einige Waffen und Rüstungsteile, während Derwulf neben ihr saß und sich um die diversen Jagdwaffen und hilfreichen Utensilien kümmerte.

Die rothaarige Undra begrüßte den Junker und seine Gäste. Und schnell waren die Anweisungen gegeben, ihnen das Gästezimmer herzurichten und ein einfaches, aber gutes Mahl zu bereiten. Während sie aber noch draußen warteten, kam schon Waldfried, der Gemahl Undras und Koch des Gutes, mit der gemeinsamen Tochter Wiesgunna aus dem Haupthaus, um den Gästen mit Schmalz und Knoblauch bestrichenes Brot und dazu Apfelmost zu reichen.

Gormla und Lyssandra bedankten sich für die typische Weidener Begrüßung mit Knoblauchbrot und Most und genossen, hungrig mümmelnd, die lokale Spezialität. Lyssandra verwickelte dabei Undra und Waldfried in ein Gespräch. Natürlich fragten sie nach Horatio und Lyssandra erzählte bereitwillig, dass er noch immer bei den Rundhelmen diente und Vater von zwei entzückenden Söhnen war. Sie begrüßte auch Wiesgunna und fragte sie über weitere Bewohner des Gutes aus an die sie sich noch erinnerte.
„Sag, ist Baerlinde auch da? Ich habe sie noch gar nicht gesehen. Und wie heißt doch gleich euer Jagdmeister? Ich habe den Namen vergessen.“

Undra war nicht ohne stolz auf das Gut und seine Bewohnerinnen. „Hohe Dame, das freut mich zu hören, dass es dem jungen Herren so gut geht.“ Nun mischte sich auch der Junker wieder in das Gespräch ein. „Du kannst stolz auf Deinen Bruder sein. Großmutter war mit Lob immer sparsam. In Horatio hat sie immer einen guten Rundhelm gesehen. Auch Dreufang wäre stolz auf ihn gewesen.“ Gilborn erinnerte sich gerne an den Sohn Pervals, in dem er immer so etwas wie einen Onkel gesehen hatte.

„Baerlinde, Derwulf“, Gilborn rief die junge Waffenmagd und den beinahe stest gut gelaunten Jagdmeister herbei. „Hier sind die beiden“. Während die wohl 18 oder 19jährige Baerlinde respektvoll und doch nicht ohne Stolz, selbst eine Kämpferin zu sein, die Schwert und Schild trug, mit dem Schwertgruß grüßte, zog Ulfert seine Kopfbedeckung vom Kopf und verbeugte sich vor dem Gast aus Urkentrutz. „Baerlinde dient mir in meiner Lanze und hat ein wahres Talent mit der Klinge. Und ich bin mir sicher, Ulfert würde sich ebenso freuen, wie ich, wenn wir es bei Zeiten einrichten könnten, einmal wieder zu jagen.“ Der Wiesenrather wandte sich Gormla zu. „Eine Einladung die auch Euch und Eurer Gefährtin gilt.“  
„Oh ja, eine Jagd wäre ganz nach meinem Geschmack!“, antwortete Lyssandra. Im Stillen aber dachte sie, dass es wohl noch ein wenig dauern würde, bis sie wieder so viel Freizeit haben würde. Zuerst mussten die Mädchenmorde in Urkentrutz aufgeklärt werden.

Nach der kurzen Begrüßung führte Gilborn seine Gäste direkt in die gute Stube des Gutes. Hier fand sich eine große Tafel mit Stühlen. Am Kamin stand ein großer Sessel auf dem einige Fellen und eine dicke Decke lagen. Lyssandra wusste, dass dies der bevorzugte Platz des alten Pervals war. Einige Truhen standen an den Wänden der Stube und einige Erinnerungsstücke schmückten diese. Über dem Kamin selbst hing die alte Klinge Algundes, der Schwertmutter Horatios. Am auffälligsten war aber sicher einer kleiner, tulamidischer Teppich, der an einer Wand hing. Er zeigte verschiedene der Peraine gefällige Muster und Symbole. Ein Mitbringsel von der Pilgerfahrt, die Gilborn nach seiner Schwertleite unternommen hatte und die ihn neben Donnerbach, Rommilys, Perricum und Gareth auch nach Baburin und schließlich Anchopal geführt hatte. Die Finsterbornerin  wusste, dass Gilborn daneben eine kleine Sammlung von Erinnerungsstücken aus den Pilgerorten besaß, die er stolz hütete.  

Schnell war das Gästezimmer auch hergerichtet und die beiden Ritterinnen konnten es beziehen. Auch Wasser und zwei Messingschüssel zum Waschen waren von der guten Wiesgunna herbeigebracht.
Gemütlich war es auf dem Gut, ganz so wie zuhause in der Schwarzen Au. Lyssandra sah sich um. Viel hatte sich eigentlich nicht verändert seit sie das letzte Mal da gewesen war. Die Tafel wirkte sehr einladend und auch wenn sie in den vergangenen Tagen mehr als sonst mit kulinarischen Genüssen verwöhnt worden waren, meldete sich doch ein kleines Knurren in der Magengrube der Finsterbornerin. Sie schielte dezent darauf, was die bekanntermaßen gute Küche Waldfrieds zu bieten hatte.

Dieser ließ auch nicht lange auf sich warten. Seine Frau hatte den Tisch schon mit schlichten Schüssel aus gebrannten und lasierten Ton eingedeckt. Auch die Zinnlöffel lagen bereit, als er eine Schüssel mit einem dampfenden Eintopf brachte. Der Geruch kündete von einem kräftigen Rindereintopf Rindfleisch aus eigener Zucht. Mit Gemüse und etwas Graupen, die in Wiesenrath selbst hergestellt wurden. Dazu reicht Waldfried noch etwas Brot.

Ehe er sich daran machte, das Mahl zu eröffnen, sprach Gilborn ein kurzes Gebet. Eine Sitte die er von seiner Großmutter übernommen hatte und er schon allein deswegen nicht in Frage stellte.

„Herrin Travia, wir danken Dir für die Speisen.
Blicke auf uns hernieder und segne unser Mahl, auf dass wir gestärkt unserem Tagwerk nachgehen mögen.
Lasse unser Herdfeuer nie erlöschen, auf dass es unser Heim und uns stets wärme.“

Um dann mit einem ‚Wohlschmecken‘ das Mahl zu eröffnen.
„Wohlschmecken!“, erwiderten sowohl die Finsterbornerin als auch die Blautannerin.

Zunächst einmal herrschte gefräßiges Schweigen. Alle waren mit dem wohlschmeckenden aber ebenso heißen Rindereintopf so beschäftigt, dass Gespräche kaum zustande kamen. Gormla lobte das ausgesprochen schmackhafte Rindfleisch und fragte Gilborn ob das von Bornländer oder Balihoer Bunten stammte. Und auch Lyssandra hörte neugierig zu, welches Rind das Fleisch für den Eintopf gespendet hatte.
„Das war ein Warunker Brauner“, antwortete er bereitwillig. „Sie geben gutes Fleisch und Waldfried versteht sich auf das Schlachten. Sehr vielfältige Tiere.“

Als schließlich wieder eine Schweigepause eingetreten war und der ein oder andere bereits seinen Löffel beiseitelegte, ergriff die Ritterin aus der schwarzen Au das Wort.
„Ich hoffe, ich verderbe dir nicht den Appetit, aber ich möchte noch auf eine sehr unappetitliche Angelegenheit zu sprechen kommen, Gilborn. Es geht um den neuerlichen Mädchenmord in Urkentrutz, genauer gesagt in der Nähe des Dorfes Schwarze Au und die damit erneut aufgeworfene Frage nach dem Mörder. Nachdem sich seit mehr als 3 Götterläufen keine Morde mehr ereignet hatten, wog sich die Bevölkerung von Urkentrutz in trügerischer Sicherheit, dass die Mordserie aus welchen Gründen auch immer, ein Ende hätte. Nun flammen die Diskussionen erneut auf. Du hast das sicher damals im Fantholi verfolgt, oder? 3 Mädchen im Alter zwischen 14 und 19 Götterläufen sind in der Baronie ermordet worden. Die erste in der Nähe von Urkenfurt 1038 BF, dann eine aus dem Dorf Schwarze Au im Boron 1039 und eine Schäferin im Peraine darauf in Urken. Kurz darauf endete die Mordserie. Dann atmete die Baronie auf. Es hatten ja schon Schauermärchen die Runde gemacht von Monstern, Vampiren und Werwölfen. Nun aber scheint derselbe Mörder erneut zugeschlagen zu haben. Allen Morden gemeinsam ist die Nähe zu einem Weg. Das könnte auf jemanden hinweisen, der viel unterwegs ist, ein Händler oder wandernder Geselle oder so. Außerdem hat die Person sehr große Füße, wie Fußspuren an den Tatorten beweisen. Zeugenaussagen bestätigen das. Die Zeugen gaben an, dass immer in der Zeit um die Morde ein ungewöhnlich großer, grobschlächtiger, junger Mann gesichtet wurde. Nun versuche ich die losen Fäden zu verknüpfen. Und dich frage ich, da dein Gut ja an einem der Verbindungswege von Urkentrutz mit Gräflich Pallingen liegt. Sind in eurer Baronie ähnlich Morde vorgefallen? Oder Vergewaltigungen an einem der Durchgangswege? Ich habe nichts gelesen im Fantholi, aber es kann ja sein, dass es eine vereinzelte Tat war und ihr deshalb nicht die Bedeutung geschenkt wurde und sie auch nicht im Zusammenhang mit den Morden in Urkentrutz gesehen wurde.“

„Wir haben von den Schandtaten gehört und Praios sei es gedankt, bei uns gab es so etwas nie.“ Er lehnte sich zurück und fuhr sich nachdenklich durch das Gesicht. „Bei einer solchen Beschreibung und dem Weg, da müsste so ein Kerl doch auffallen.“ Gilborn Blick wanderte zum Fenster auf den Gutshof und sann nach, ob er aussprechen sollte, was ihm in den Sinn kam. „Groß und grobschlächtig, da kommt mir sofort einer in den Sinn. Aber ich glaube nicht, dass er damit etwas zu tun haben könnte.“

Undra kam gerade herein, um zu schauen, ob auch alles so war, wie es sein sollte. „Undra, lass uns einen Augenblick allein und schaue, dass wir nicht gestört werden.“  Er wartete bis die Tür verschlossen war und sprach dann weiter. „Es soll keine Beschuldigung sein und wie gesagt, ich kann es mir nicht vorstellen. Bei Praios und Travia nein. Doch Du hast gefragt und ich will ehrlich zu Dir sein. Ich musste sofort an Ingrold von Hartenau denken, als Du die Beschreibung genannt hast. Es ist Götterläufe her, dass ich ihn sah. Damals war er schon ein Riese und muss seitdem noch gewachsen sein. Und er war von großer Kraft.“
Leise nickte die Ritterin aus der Schwarzen Au.

„Diesen Verdacht hat auch ein Kesselflicker geäußert, der den Baronet kurz nach dem letzten Mord in der Nähe des Weggasthofs „Seidelbast-Rast“ an der Bingenbacher Lohe gesehen hatte. Er scheint dort aus der Küche etwas gestohlen zu haben. Weitere Gäste erinnerten sich an den grobschlächtigen jungen Mann, kannten den Baronet aber nicht, was eine eindeutige Identifizierung erschwert. Grimmwulf, die ich mit dem indirekten Vorwurf konfrontierte, schien zwar zunächst sehr nachdenklich zu werden, dann aber wirkte sie erleichtert. Sie versicherte mir, dass Ingrold seit Anfang 1040 BF nicht mehr in der Baronie weilt. Die Traviageweihte Mutter Marinad hatte ihn damals aus der Baronie fort in einen Traviatempel außererhalb der Baronie verbracht.
„Gestohlen?“ Gilborn fand das irritierend, ging aber zunächst auf die Frage ein. „Ein Kloster oder ein Tempel? Ein Kloster haben wir allein Hohenweiden, das ist aber dem Götterfürsten und der Gütigen Göttin geweiht. Und Pallingen selbst gibt es ein Haus der Herrin Travia.“

Lyssandra trank einen weiteren Schluck des Apfelmosts. Sie wirkte nachdenklich.
„Nein, sie sagte nicht wo, nur dass es ein Tempel ist. Möglich wäre Pallingen, aber auch Waldleuen ist prinzipiell möglich. Vielleicht sogar noch weiter weg. Ich weiß es leider nicht. Und der Verdacht, dass der Baronet etwas mit den Morden zu tun haben könnte reicht ja alleine auch nicht. Ich fürchte ohne stichhaltige Beweise kann ich sie nicht erneut mit dem Vorwurf konfrontieren. Deshalb will ich jetzt weitere Erkundigungen einziehen. Nur, dass ich jetzt auch gezielter nach dem Baronet fragen werde. Am Ende muss ich mich vielleicht an die neue Gräfin Griseldis wenden und sie um Intervention bitten. Es ist ja schon ein starkes Stück, seine Lehnsherrin damit zu konfrontieren, dass ihr Sohn womöglich ein Mädchenschänder ist. Wie würdest du vorgehen, Gilborn? Und wie siehst du das Gormla?“

„Äußerst dünnes Eis. Solch gewichtigen Anschuldigungen können nur vorgebracht werden, wenn Du Dir Deiner Sache sicher bist. Wäre es nicht der Baronet, dann würde ich es robuster angehen. Doch bei ihm?“ Er kratzte sich nachdenklich an der Stirn. „Ich bin ein begeisterter Jäger. Womöglich kann eine Falle mit einem, einem Köder die Lösung sein? Wenn Du weißt wo er ist, dann stelle sie. Das ist gewagt und besonders für“, er zögerte kurz, „für die junge Frau gefährlich. Doch das könnte Gewissheit bringen. Eines steht aber fest, wenn ich Dir helfen kann, dann werde ich es tun.“

Auch Gormla, die nachdenklich den Ausführungen der beiden zugehört hatte, meldete sich nun zu Wort.
„Ja, sehr riskant. Also jede der Varianten. Zunächst muss man feststellen wo der Baronet sich aufhält. Wie wäre es, wenn du, Gilborn, in Pallingen nachforschst. Vielleicht kannst du Grimmwulf sogar noch während der Feierlichkeiten in Pallingen danach fragen. Du kehrst ja morgen noch dorthin zurück, oder?“
Sie sah den Ritter an.
„Das will ich gerne tun und mich nach ihm erkundigen.“
Danach wandte die Blautannerin sich an die Ritterin aus der Schwarzen Au. „Und du könntest doch versuchen herauszufinden, ob der Baronet in Waldleuen ist, wenn Gilborn keine Aussage von Grimmwulf einholen kann.“

Lyssandra nickte. „Klar, ich wollte dort ohnehin nach ähnlichen Morden oder auffälligen Beobachtungen fragen. Urken, das nicht so weit von der Baroniegrenze entfernt ist, hatte ja auch einen Mädchenmord zu beklagen. Dort wollte ich noch Erkundigungen einziehen und die Siedler nach dem großen Schlacks fragen, der im Zusammenhang mit den Morden zu stehen scheint.“


„Das klingt nach einem guten Vorgehen. Ich werde auch meine Schwester fragen. Sie erfährt vom einfachen Volk so manches, was uns verborgen bleibt.“
„Hab Dank dafür, Gilborn!“ Er konnte wohl hören, dass der Dank von Herzen kam. Schließlich wollte Lyssandra dem schlimmen Treiben ein Ende setzten, brauchte dafür aber unbedingt noch mehr Informationen. Wenn Gilborn und seine Schwester dazu beitragen konnten umso besser.
Der Abend verlief noch sehr gemütlich. Sie plauderten über alte Zeiten bis spät in die Nacht.
Ein wenig übernächtigt verabschiedete man sich am kommenden Morgen. Gilborn machte sich auf den Weg zurück nach Pallingen, Gormla und Lyssandra ritten weiter nach Urkenfurt.