Mädchenmörder in Urkentrutz

Mädchenmörder
Baronie Urkentrutz, Ende Efferd 1043

Das Wetter war genauso grau und trüb wie Lyssandras Stimmung. Die Nachricht von einem weiteren, vierten Mädchenmord hatte am Vortag die Bewohner des Junkergutes Schwarze Au erreicht. Nach dem Mord an einem jungen Mädchen aus Urkenfurt im Phex 1038, wurden einen Götterlauf später in allernächster Nähe zwei jungen Frauen geschändet und ermordet. Seit dem Peraine 1039 war dann kein Mord mehr geschehen. Die Menschen in der Baronie hatten die Morde aber nicht vergessen und fürchteten sich davor, ihre Töchter alleine aus dem Haus gehen zu lassen. Wie so oft trieben unerklärliche Morde die Phantasie an und so gab es bald wilde Gerüchte und kuriose Geschichten über blutsaugende Vampire und Werwölfe, die es auf Jungfrauen abgesehen hätten. Lyssandra glaubte solche Geschichten nicht. Sie hatte zwei der drei Mädchenleichen mit eigenen Augen gesehen und war sich sicher, dass man es mit einem menschlichen, wenn auch unmenschlich grausamen, Mörder zu tun hatte.

Die Hoffnung, dass der Mörder die Baronie verlassen habe oder geläutert zu einem zwölfgöttergefälligen Leben zurückgekehrt war, hatte sich am Vortag zerschlagen. Eine 19-Jährige war auf dem Weg zwischen dem Junkergut Schwarze Au und Oberwaldig tot aufgefunden worden. Alles deutete darauf hin, dass das „Monster von Urkentrutz“, wie die Baroniebewohner den Täter inzwischen nannten, wieder zugeschlagen hatte.

Tief beunruhigt hatte Lyssandras Vater, Theofried von Finsterborn, bereits beim ersten der Morde seiner Tochter den Auftrag gegeben, Erkundigungen einzuziehen, die zur Ergreifung des Täters führen sollten. Doch die Ermittlungen erwiesen sich ausnehmend schwierig. Denn Baronin Grimmwulf von Hartenau, die den Bewohnern ihrer Baronie zugesichert hatte, sich dieser Sache anzunehmen, schien entweder damit überfordert oder mit anderen Dingen so beschäftigt zu sein, dass außer ein paar Erkundigungen, die sie von einem Ritter ihrer persönlichen Leibwache hatte durchführen lassen, nichts geschehen war.

An diesem trüben, grauen Efferdmorgen nun begab sich Lyssandra gemeinsam mit ihrem Vater ins Dorf Schwarze Au, um sich die Mädchenleiche anzusehen und die Dorfbewohner über die Umstände zu befragen, unter denen Ilmentrud aufgefunden worden war. Da Theofried, schon 82 Winter zählend, seit einem schweren Sturz vom Pferd vor mehr als 10 Wintern nicht mehr in den Sattel stieg, hatte Lyssandra einen Spaziergang ins Dorf vorgeschlagen. So konnten sie sich auch gleich ein Bild von der Fundstelle machen. Der Bote, einer der Eigenhörigen des Junkers, hatte den Platz genau beschrieben. Und tatsächlich. Sie fanden die Stelle an der das Gebüsch, das den Weg begleitete, so niedergetreten war, dass unzweifelhaft war, dass dort das Verbrechen stattgefunden hatte. Blut war auf dem matschigen Grund kaum auszumachen und die Vielzahl an Fußspuren erschwerte eine genaue Analyse.

Theofrieds Blick ging den Urkenweg hinauf und hinab, dabei stütze er sich auf seinen Stock.
„Von wo der Mistkerl wohl gekommen ist?“, murmelte er.

Lyssandra zuckte die Achseln. Da gibt es leider mehrere Möglichkeiten. Er könnte aus Oberwaldig oder den Dörfern Jammerried und Stegelsche gekommen sein, ebenso wäre möglich, dass er aus Urken kam über den Weg aus Herzoglich Waldleuen. Naja, und wenn man es genau betrachtet, könnte er auch aus Bingenbrück in Kaiserlich Blaubinge in Richtung Schwarze Au gelaufen oder geritten sein oder umgekehrt aus Urkenfurt.

Der Junker der Schwarzen Au nickte grimmig. „Viele Möglichkeiten, zu viele!“

Seine Tochter bestätigte. „Das war bei den vorangegangenen Morden auch das Problem. Der erste fand in der Nähe von Urkenfurt statt. Man fand man das Mädchen namens Demuth in einer Schonung an dem Weg, der den Blautann umgeht, um dann später auf den Alten Weg zum Rhodenstein zu treffen. Auch da gibt es mehrere Möglichkeiten, woher der Täter gekommen sein kann. Und bei den beiden, die 1039 geschändet und ermordet wurden, konnte auch nicht ausgemacht werden woher der Täter gekommen war. An solchen Verbindungswegen zwischen den Baronien muss man immer davon ausgehen, es mit jemandem zu tun zu haben, der nur auf der Durchreise ist. Was mir allerdings große Sorgen macht, ist, dass der Täter unsere schöne Gegend besonders häufig aufzusuchen scheint. Ein Glück, dass Minerva nun bei Oberon Uhlredder Knappin ist. Wobei…“, sie grübelte kurz, „wir können uns auch nicht sicher sein, dass der Mörder nicht aus Stegelsche oder Oberwaldig stammt. Dann ist sie genauso in Gefahr, wie wenn sie hier wäre. Das Ganze muss ein Ende haben!“

Theofried von Finsterborn nickte zur Bekräftigung. Auch ihm war es ein Gräuel, einen Mädchenmörder in der Nähe seiner Enkelinnen zu wissen. Denn neben der älteren, Minerva, die 16 Winter zählte, war da ja auch noch Eylin, die jüngste, die gerade mal 9 Winter alt war. Unerträglich war die Vorstellung, dass eine von ihnen das nächste Opfer sein könnte.

Sie suchten noch eine Weile die Umgebung ab. Nach einiger Zeit fanden sie Fußspuren, die vom Fundort der Mädchenleiche in ein angrenzendes, bereits abgeerntetes Feld führten. Dort waren die verbliebenen Strohhalme geknickt und in den besonders feuchten Bereichen konnte man sogar die Abdrücke großer, schwerer Stiefel erkennen. Ungläubig zeigte der Junker mit seinem Stock auf das Ausmaß der Fußspur.
„Sieh dir das an. Hast du jemals so große Fußabdrücke gesehen? Womit haben wir es hier zu tun? Ist das die Fußspur eines Menschen?“

Lyssandra beugte sich über die Fußspur. „Dieser Stiefelabdruck ist tatsächlich riesig. Aber hast du schon einen Ork oder Oger mit Stiefeln gesehen? Ich nicht!“

Sie suchten nach weiteren Fußabdrücken und konnten schließlich feststellen, dass der Geflohene in Richtung Nordosten gelaufen sein musste.
Wortkarg und jeder vor sich hin grübelnd wanderten Lyssandra und ihr Vater weiter ins Dorf Schwarze Au. Ilmentrud war im Haus ihrer Eltern, einem Freibauernehepaar, aufgebahrt. Der Hof lag am Rande der Ortschaft, nicht weit von der Fundstelle entfernt. Die Familie Weichselbaumer lebte von der Ernte und Verarbeitung des Schilfrohrs zu Reet, mit dem die Dächer der meisten Häuser gedeckt waren. Außerdem betrieben sie eine Korbflechterei. Ilmentrud war die älteste der fünf Töchter gewesen – und damit diejenige, die den Hof dereinst hätte übernehmen sollen, weshalb sie auch noch bei ihren Eltern lebte. Einen Sohn hatte Tsa der Familie nicht gegönnt.

Die Trauer im Haus der Freibauern war groß. Gernfruw, die Bäuerin, sah ihren Lehnsherrn verheult an, als der Junker und seine Tochter durch die niedrige Tür eintraten. Sie senkte zur Begrüßung den Kopf. Eingeschüchtert durch das grausame Unglück, das ihre älteste Schwester ereilt hatte, mieden die vier weiteren Mädchen den Blick der Neuankömmlinge und verdrückten sich in die hinterste Ecke der Guten Stube.
„Die Zwölfe zum Gruße, Gernfruw!“, begrüßte der Junker die Frau. „Mein Beileid! Möge deiner Tochter die Gnade Borons zuteilwerden.“

Lyssandra wollte sich der Beileidsbekundung anschließen, doch bevor sie etwas erwidern konnte, brach die arme Frau in Tränen aus.
„Euer Wohlgeboren, sie war doch noch so jung!“
Theofried und Lyssandra nickten mitfühlend.
„Eine Tragödie, Gernfruw, fürwahr!“, schloss die Tochter des Junkers sich an.
„Was ist das für eine Bestie, die so etwas zustande bringt?“ In einer Mischung aus Verzweiflung und Wut presste die einfache Frau diese Frage hervor. Sie drehte das tränennasse Gesicht Lyssandra zu. „Glaubt Ihr auch an die Gerüchte von Werwölfen und Vampiren?“
Diese schüttelte den Kopf. „Nein, Gernfruw, an solche Geschichten glaube ich nicht. Ich habe zwei der drei Opfer dieses Unholds mit eigenen Augen gesehen. Nichts deutete auf die Taten eines Vampirs oder Werwolfes hin. Beide Mädchen waren ebenso wie das aus Urkenfurt geschändet und erschlagen oder erwürgt worden. Keine Anzeichen von Reißzähnen oder Male von Blutsaugern. Ist es denn bei Ilmentrud anders?“
Die Bauer schüttelte den Kopf. „Nein, Hohe Frau, es war gewiss ein Lustmord. Wollt Ihr sie sehen?“
Lyssandra bejahte. Der Junker hingegen schüttelte den Kopf. Er wollte der Frau ersparen als Mann die Feststellung einer Schändung ihrer Tochter zu bestätigen. „Meine Tochter übernimmt das, Gernfruw. Ich wüsste gerne mehr darüber wann und wie man sie gefunden hat.“
Er zückte eine Wachstafel um sich Notizen zu machen.

Während Lyssandra in den ans Haus angrenzenden Schuppen ging, wo man die Tote aufgebahrt hatte, ließ sich Theofried von Finsterborn die Fundumstände schildern. Die Bauersfrau schilderte, dass sie ihre Tochter nur kurz geschickt hatte, um vom Hof der Tante, die bald hinter der Abzweigung nach Oberwaldig wohnte, ein paar Eier zu holen. Als sie nach mehr als zwei Wassermaß nicht zurückgekommen war, war Gernfruw selbst aufgebrochen sie zu suchen. Sie hatte vermutet, dass sich Ilmentrud bei den Nachbarn länger aufgehalten hatte, da sie mit dessen Tochter gut befreundet war. Bald war sie auf zwei aufgeregte Männer aus dem Dorf getroffen, die versuchten sie davon abzuhalten weiterzugehen. Die beiden hatten das geschändete und getötete Mädchen gefunden und schworen Stein auf Bein, dass sie kurz zuvor einen Riesen durch die Felder entlang des Weges hätten rennen sehen. Er schien sich direkt von dem Fundort der Mädchenleiche über die Felder davongemacht zu haben.

Theofried sah die Frau zweifelnd an. „Ein Riese? Das ist doch genauso haarsträubender Unsinn wie die Mär von den Vampiren und Werwölfen. Waren die Kerle nüchtern?“
Doch dann begann er zu grübeln. Konnte das die Erklärung für die besonders großen Stiefelabdrücke sein?
Gernfruw hob entschuldigend die Schultern. „Das haben sie gesagt. Sie schworen mir, der Kerl sei ein Riese gewesen.“
Stirnrunzelnd notierte der Junker die Aussage der Bauersfrau. „Wo kann ich diese beiden Männer finden? Ich würde sie gerne persönlich befragen. Hat sonst noch jemand was beobachtet oder gehört?“
„Nun, die Männer hatten wohl schon Ilmentruds Schreie gehört, aber bis sie aus dem Wald, in dem sie beim Holz holen waren, die Herkunft der Schreie herausfinden konnten, ist es zu spät gewesen.“
Sie schluchzte auf.
Theofried legte der Frau beruhigend die Hand auf die Schulter. Er versprach ihr, den Mörder ihrer Tochter zu finden und der Gerichtsbarkeit zu übergeben. Gernfruw schüttelte weinend den Kopf. „Bislang hat ihn niemand überführt und wenn es stimmt, dass er ein Riese ist, dann werdet Ihr ihn wohl auch nicht überwältigen können, mit Verlaub, Hochgeboren! Aber fragt im Dorf einmal nach Bernwart und Greinwulf, die haben Ilmentrud gefunden und den Mörder gesehen. Vielleicht können sie Euch mehr sagen.“
„Das mit dem Überwältigen lass mal meine Sorge sein, gute Frau!“ Der Junker grummelte ein wenig, notierte sich aber sogleich die Namen der Männer die Ilmentrud gefunden hatten.

Währenddessen betrat Lyssandra die Scheune. In der Mitte des staubigen Raumes, in dem sich alle Materialien, die man zum Herstellen von Körben, Reetbündeln und -matten benötigte, stapelten, war auf einem Leiterwagen eine Person aufgebahrt. Bedeckt von einem einfachen grauen Leintuch, war Ilmentrud nicht zu erkennen.

Hinter der Aufgebahrten erblickte die Ritterin den Vater des Mädchens. Er saß auf einem Hocker und hatten den Kopf in die Hände gestützt. Als er Lyssandra hörte, sprang er auf. Auch sein Gesicht war gerötet vom Weinen. Weidebrecht Weichselbaumer begrüßte sie ehrerbietig mit einer Verbeugung. Lyssandra trat näher und kondolierte dem Mann. Er nickte dankbar. Unsicher, was sie sonst sagen sollte, machte die Ritterin eine Geste zu der aufgebahrten Ilmentrud hin.
„Darf ich sie mir ansehen?“
„Sicher“, erwiderte Weidebrecht. „Meine Frau hat sie extra noch nicht gewaschen, weil sie schon vermutet hat, dass Ihr und Euer Vater sie ansehen wollt.“ Er ließ Die Tochter des Junkers allein.

Erst als Lyssandra den Stoff vom Gesicht der Toten zog, erkannte sie das Mädchen wieder. Sie hatte Ilmentrud wohl schon das ein oder andere Mal auf den Dorffesten gesehen. Das zarte Gesicht war von hellbraunen Locken umgeben. Feenküsschen spielten rund um ihre kleine Stubsnase. Ihr Gesicht ließ sie fast noch wie ein Kind aussehen, der frauliche Körper aber verriet, dass das ein Trugschluss war. An der rechten Schläfe war das Haar blutverklebt und eine klaffende Wunde öffnete den Blick auf den zertrümmerten Schädelknochen. Eine stumpfe Waffe, vermutlich ein Feldstein, hatte den Schädel des Mädchens eingedrückt. Das Blut war an der Seite des Kopfes herabgelaufen. Die Augen hatte man ihr geschlossen, doch der Mund stand ein wenig offen. Die Lippen waren von den Schlägen aufgeplatzt. Ein Blick auf den Hals Ilmentruds offenbarte Würgemale und Kratzer. Genauso hatte die Leiche der Schäferin Assunta ausgesehen. Auch sie war gewürgt und erschlagen worden.

Schließlich schlug Lyssandra das Tuch gänzlich zur Seite. Das einfache Leinenkleid war verdreckt und zerrissen. Ilmentruds Brüste, hatte die Mutter wohl notdürftig mit dem in Fetzen hängenden Stoff bedeckt. Vorsichtig schob die Ritterin den Stoff beiseite. Auch hier zeigten sich Kratzer und blaue Flecken rund um die Brüste. Der Unterleib wies ebenfalls Blutergüsse und Schwellungen auf. Blutspuren zwischen den Schenkeln zeigten eindeutig die Male der Schändung.
Lyssandra betrachtete das arme Mädchen. Sie war zwar das bislang älteste Opfer, aber immer noch nicht viel älter als ihre Tochter Minerva. Vielleicht hatten die beiden früher sogar auf einem der Dorffeste miteinander gespielt, die während des Götterlaufs gefeiert wurden. Wut kroch in der Ritterin hoch. Was für ein abscheuliches Monster hatte die arme Ilmentrud und die anderen drei Mädchen so zugerichtet? Sorgfältig, fast liebevoll, deckte sie das tote Mädchen wieder zu. Sie sprach ein Gebet an den Unbarmherzigen, bat ihn und die milde Etilia, Ilmentrud sanft über das Nirgendmeer zu geleiten und ihr den Zugang zu den zwölfgöttlichen Paradiesen zu gewähren. Dann kehrte sie in die Stube zurück, wo ihr Vater mit den Eltern und den Schwestern der Getöteten beisammensaß und eifrig Notizen machte.

Einige Zeit später wanderten Lyssandra und ihr Vater weiter ins Dorf. In der Dorfschänke, die „Zur Schwarzen Au“ hieß, trafen sie, wie Gernfruw vermutet hatte, die beiden Holzfäller Bernwart und Greinwulf. Die beiden saßen mit zwei anderen Männern und einer Frau beim Met. Beim Näherkommen schon hörten sie, dass sich das Gespräch um den Mädchenmord drehte. Als die Männer des herannahenden Junkers und seiner Tochter gewahr wurden, rumpelten sie auf.

„Rondra zum Gruße, Wohlgeboren!“, rief der ältere der beiden Holzknechte. Sein graues Haar hing ungepflegt über das Kinn herab. Der zweite, dunkelblonde Mann, der etwa 40 Winter zählen mochte, stammelte ebenfalls einen Gruß. Nun erhoben sich auch die anderen am Tisch und boten Theofried von Finsterborn und seiner Tochter ihre Plätze auf der Bank an. Der Junker nickte dankend. Sie nahmen Platz.
Eilig kam die Schankmaid heran und fragte die hohen Gäste was sie trinken wollten und ob sie auch zu speisen gedächten. Theofried bestellte Met für sich und Lyssandra. Dann sah er von einem zum anderen.

„Ich habe gehört, dass ihr die bedauernswerte Ilmentrud gefunden habt und auch den Mörder gesehen habt. Ist das richtig? Darf ich euch um eure Namen bitten?“
Der Junker zückte die Wachstafel.
Dieses Mal war es der Jüngere, der zuerst den Mund aufmachte. „Ich bin der Bbbb…Bernwart.“
Der Ältere nannte seinen Namen. „Greinwulf ist mein Name. Ja, wir haben die arme Kleine gefunden. Ein Jammer!“
Nun meldete sich Bernwart wieder zu Wort. „E..e..ein R…R…R..Riese war´s!“
Greinwulf mischte sich ein. „Er stottert“, erklärte er knapp mit einer Kinnbewegung in Richtung Bernwart. „Aber er hat recht. Ein Mensch war das nicht. Ich mein … wir haben ihn ja laufen sehen.“
Die Augenbrauen des Junkers schnellten nach oben. „Wie? Ein Mensch war es nicht? Ja, was dann? Ein Ork? Oder ein Oger? Hat er schon einmal welche hier gesehen?“
Greinwulf nickte erst, dann schüttelte er energisch den Kopf. „Ne, nicht wie so´n Ork. Nicht so, aber einfach riesig, er hatte einen sehr langen Körper. So nach vorn gebeugt ist er gelaufen. Habt Ihr die Fußabdrücke gesehen?“
Theofried nickte. „Ja, die waren wirklich beeindruckend. Was könnt ihr mir über den Mann sonst erzählen? Wie weit war er schon entfernt als ihr an den Tatort kamt?“
Wieder war es der Ältere der antwortete. „Er war schon gut 50 Schritt entfernt. Er muss uns gehört haben, als wir durch den Wald gerannt sind. Wir haben die markerschütternden Schreie gehört und sind ohne Rücksicht durch das Unterholz gebrochen. Aber wir kamen zu spät.“
Das war leider Tatsache. Was wäre nur gewesen, wenn die beiden früher auf die Untat aufmerksam geworden wären? Aber es war müßig darüber nachzugrübeln.
„Aber aus dem Dorf war es sicher niemand? Ihr kanntet ihn nicht, oder?“
Beide Holzknechte schüttelten den Kopf. Bernwart beteuerte: „Nee, von uns hier war das k…k…keiner! D…d…das hätten wir gemerkt. Hier gibt es k…keine R…Riesen!“
Als die Schankmaid wiederkam, fragte der Junker der Schwarzen Au ob sie in den vergangenen Tagen einen überdurchschnittlich großen Mann beherbergt habe oder ob er zum Essen in der Schenke eingekehrt war. Gundi, wie man die junge Frau nannte, schüttelte ebenfalls den Kopf.
Auch die weiteren Gäste, die Lyssandra und ihr Vater nach und nach befragten, konnten keine dienlichen Hinweise auf den „Riesen“ geben. Enttäuscht und ratlos machten sich die beiden auf den Rückweg zum Gutshof.

In den kommenden Tagen verbrachte vor allem Lyssandra viel Zeit mit der Befragung der Menschen, die in und um das Dorf Schwarze Au wohnten. Sie notierte alle Aussagen und versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Ein paar der Dorfbewohner wollten einen jungen Mann gesehen haben, der ungewöhnlich groß gewesen sei. Er war wohl in den vergangenen Tagen in den Wäldern um das Dorf und am Bingenbach herumgestrichen. Eine Frau hatte ihn aus der Nähe gesehen. Er habe einen dümmlichen Gesichtsausdruck gehabt und auch sonst irgendwie „verschossen“ gewirkt. Alles an ihm wäre zu lang gewesen. Angefangen bei Nase und Ohren bis zu den Armen, die ihm fast bis zu den Knien herabgereicht hätten. Diese Aussage deckte sich mit der der beiden Holzknechte.


Am Abend des 4. Travia saßen Theofried von Finsterborn und seine Tochter im Schein zweier Kerzenständer an der langen Tafel im Rittersaal. Gemeinsam gingen sie alle Erkenntnisse durch, die sie zu allen Morden gesammelt hatten. Lyssandra hatte alle Wachstafeln mit Notizen auf der Rittertafel ausgebreitet. Die Kandelaber rechts und links sorgten für eine bessere Beleuchtung. Vier Zinnbecher standen auf dem Tisch. Für jedes Opfer eines.
„Also, gehen wir es nochmal durch.“ Sie legte einen Zeigefinger auf den ersten Zinnbecher. „Das erste Opfer, die schöne Demuth aus Urkenfurt. Da wissen wir nicht viel. Nur, dass sie auf dem Weg lief, der den Blautann umgeht und dann später auf den Alten Weg zum Rhodenstein trifft. Kannst du dich erinnern, dass der Ritter der Baronin, auch nicht viel herausgefunden hatte?“
Der Vater nickte. „Ich habe es hier notiert. Sie wurde wohl geschändet und erwürgt. Zeugen soll es keine gegeben haben. Im Fantholi stand, sie habe 20 Winter gezählt, aber die Leute vor Ort haben mir gesagt, dass sie viel jünger war – nämlich gerade einmal 14. Der Schreiber ist wohl mit den Zahlen durcheinandergeraten und hat am Ende bei keinem Mädchen das richtige Alter angegeben. Eine Schande, was da manchmal so Falsches verbreitet wird.“
Lyssandra schüttelte den Kopf. Es war in der Tat bestürzend, aber es würde sie nicht davon abhalten, es besser zu machen und die richtigen Fakten zusammenzutragen! Sie beugte sich erneut über die Notizen. „Ja, die Informationen, die wir zu dem Fall haben, sind dürftig. Hm, vielleicht sollte ich nach Urkenfurt reiten und selbst noch einmal nachforschen?“
Theofried von Finsterborn schien zu grübeln. „Hm, ja, lass noch einmal sehen, was wir von den anderen Mordfällen haben.“

Die 42 Winter zählende Ritterin tippte mit dem Finger auf den nächsten Zinnbecher. „Der hier steht für Eberhilde Osmetz. An sie erinnere ich mich noch sehr gut. Du kanntest sie auch, nicht wahr? Ein sehr hübsches Mädchen aus dem Dorf Schwarze Au. Sie wurde unweit der Abzweigung nach Eichweiler im Schnee gefunden. Ihr Blut hatte den jungfräulich-weißen Schnee, der in der Nacht zuvor gefallen war, rot gefärbt. Ein schrecklicher Anblick!“

Oh ja, der Junker erinnerte sich durchaus. Es war im Boron 1039 gewesen. Lyssandra hatte ihn zum Fundort der Leiche begleitet. Ein Blick genügte um zu erkennen, dass es sich um eine Schändung gehandelt hatte. Der Unterleib des Mädchens entblößt, Blut zwischen ihren Beinen. Dazu das Gesicht übersät von blauen Flecken und Platzwunden. Vom Täter keine Spur.
„Was für ein Jammer! Sie war wirklich ein ausgesprochen hübsches Mädchen, erst 16 Winter … und keine Zeugen! Aber erinnerst du dich, Lyssandra? Auch da gab es diese ungewöhnlich großen Stiefelabdrücke, die aus dem Wald gekommen waren und an anderer Stelle wieder hineingeführt hatten. Da waren wir uns sicher, dass die vom Mörder waren. Denn im Gegensatz zu den anderen Spuren derer, die sie gefunden hatten, führten diese hin und wieder weg vom Tatort. Wir können jetzt, anhand der Stiefelabdrücke sicher sagen, dass es sich um ein und denselben Mörder handelt.“

Lyssandras Augenbrauen hoben sich. „Richtig! Jetzt, wo du es sagst, erinnere ich mich! Das zeigt uns, dass es derselbe Mörder gewesen ist. Aber was war mit der dritten, mit der Schäferin Assunta?“
Ihr Finger sprang von dem Becher, der Eberhilde repräsentierte, zu dem der 17-jährigen Schäferin Assunta. Auch sie wurde in einem Wäldchen gefunden, in der Nähe der Siedlung Urken. Lyssandra hatte die Leiche nicht mit eigenen Augen gesehen, solange sie noch am Fundort lag, ähnlich wie bei Ilmentrud, doch wenig später, bevor sie auf dem Boronanger von Urken zur letzten Ruhe gebettet wurde. Ein Lustmord, wie bei den anderen Mädchen, war auch hier offensichtlich. Die hübsche Schäferin war ebenfalls geschlagen und gequält worden, bevor der Täter sie erwürgt hatte. Es war eindeutig, dass es sich um ein und denselben Täter handelte. Zu sehr glichen sich die Tatumstände.

„Wir haben den Tatort schon untersucht, aber da sie mitten in dem Wäldchen lag, dessen Boden dicht mit Brombeer- und Preiselbeersträuchern bedeckt war, gab es keine verwertbaren Fußspuren.“
Theofried nickte. „Ich war nicht dabei, aber ich bin mir sicher, dass du alles genau untersucht hast.“
Lyssandra wurde ein wenig rot. Sie hatte sich auch ein wenig auf den Mann verlassen, der sie gefunden hatte. Er war einer der Eigenhörigen des Junkers, der dort Feuerholz gesammelt hatte. Dieser hatte ihr den Platz gezeigt und auch auf die geknickten Äste hingewiesen, die zeigten, wo der Täter das Mädchen in den Wald geschleppt hatte. So wie es schien war er auf demselben Weg wieder auf den Weg zurückgelaufen.
„Nun, das war schwierig.“ Die Tochter des Junkers schilderte den dichten Bewuchs, der keine Fußspuren enthüllt hatte. Theofried von Finsterborn wirkte unzufrieden. „Außerdem war der Peraine 1039 extrem trocken“, gab Lyssandra zu bedenken. „Da hat der Täter keine Fußspuren hinterlassen.“
Der Junker der Schwarzen Au nickte wieder. „Das ist wahr.“ Er kratzte sich am Kopf. „Was machen wir nun?“

Seine Tochter räusperte sich. „Fassen wir zusammen. Wir haben einen Täter mit großen Füßen, zumindest zwei der Tatorte weisen entsprechende Spuren auf. Dazu die Aussage der Holzknechte, die im Falle der armen Ilmentrud einen „Riesen“ gesehen haben wollen und dazu die Beobachtungen mehrerer Leute, die im Dorf und in den Wäldern drumherum einen sehr großen Mann gesehen hatten. Die Aussage der Frau aus dem Dorf, die einen „verschossenen“, sehr großen jungen Mann gesehen hat, der „dümmlich“ wirkte, finde ich besonders bemerkenswert. Alle Tatorte waren in der Nähe einer Straße oder eines Weges und meist in der Nähe eines Wäldchens oder in diesem. Wir haben es also mit jemanden zu tun, der viel unterwegs ist in Urkentrutz und vielleicht auch den Nachbarprovinzen. Er ist äußerst brutal, scheint aber keine Waffe zu tragen, denn alle Opfer wurden erschlagen oder erwürgt. Außerdem sind alle Taten Lustmorde gewesen.“
Theofried von Finsterborn nickte zustimmend. „So ist es. Eines hast du noch vergessen. Alle Taten fanden am helllichten Tag statt. Denn die Familien der Getöteten erzählten alle, dass die Mädchen am Tag unterwegs waren und spätestens bei Einbruch der Dunkelheit vermisst worden waren.“
Die Feder ins Tintenfass tauchend begann Lyssandra die Zusammenfassung der Ermittlungsergebnisse auf ein Pergament zu übertragen.
„Richtig, dass ist auch wichtig. Dreist, nicht wahr? Findest du nicht? Entweder derjenige fühlt sich sehr sicher oder er ist äußerst übermütig. Na ja, vielleicht auch nur brunftig wie ein Kronenhirsch.“
„Ehrlich gesagt glaube ich, dass alle drei Annahmen zutreffen“, grummelte der Junker.

Nachdem die Tinte getrocknet war, rollte Lyssandra das Pergament zusammen. „Hör zu, bevor wir einen Boten zur Baronin schicken und darauf warten, dass sie ihren komischen Ritter zu uns aussendet, übernehme ich das selbst. Du brichst doch sowieso morgen zur Burg Rotdorn zur Hochzeit der designierten Gräfin von Bärwalde, Griseldis von Pallingen, auf. Ich begleite dich nach Urkenfurt. Dort werde ich Grimmwulf von Hartenau über den erneuten Mordfall in der Nähe von Schwarze Au unterrichten und auf jeden Fall noch einmal auf eigene Faust Ermittlungen zu dem ersten Mordfall unternehmen. Vielleicht weiß die Baronin ja mehr als ihr Ritter uns mitgeteilt hat. Ich denke, es lohnt sich, sie zu fragen.“

Überrascht sah der Junker seine Tochter an. „Nun gut, wenn du das wirklich übernehmen möchtest?“
„Und ob ich will! Stell dir mal vor, Minerva oder Eylin könnten Opfer dieser Bestie werden! Ich werde alles daransetzen, dass der Kerl gehenkt wird!“
Energisch stemmte die Ritterin die Hände in die Seiten. Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine scharfe Falte, die keinen Zweifel aufkommen ließ, dass sie es ernst meinte.

Theofried von Finsterborn grinste. „Ich sehe schon, dass du dich nicht davon abbringen lassen wirst. Du weißt ja, dass ich nicht mehr lang im Sattel sitzen kann und die Fahrt mit dem Wagen eine Weile dauert. Was machen wir mit Eylin? Soll sie uns begleiten? Eine solche Hochzeit mit derart hochrangigen Gästen könnte doch interessant für sie sein. Du kommst doch auch zur Hochzeit, oder?“
Lyssandra dachte nach. „Nun, wenn es dich nicht stört, dass sie dir die Ohren vollplappern wird und du wahrscheinlich jede Menge Kinderlieder und -spiele ertragen musst, dann wird die Reise zumindest etwas kurzweiliger für dich. Ich nehme an, Eylin würde sich sehr freuen. Und auch wenn ich eigentlich hierbleiben und das Gut bewachen wollte, werden wir es nun wohl für diese Zeit deinem Gutsverwalter Kunibert Quendeltrost überlassen müssen. Da ich zu Pferd wesentlich schneller bin als ihr mit dem Wagen, reite ich schon voraus. Wir treffen uns dann in Urkenfurt.“

Zufrieden nickte Theofried. Es freute ihn sichtlich, dass seine Tochter und seine Enkelin ihn zur Hochzeit der Gräfin begleiten würden. Sogleich rief er den Gutsverwalter, um alles mit ihm zu besprechen.