Unheimliche Todesfälle in Dreiwalden

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Ort:
Kloster Etiliengrund, Baronie Schneehag

Dramatis personae:
Bishdaryan von Tikalen, Noionit aus dem Lieblichen Feld (Wolf-Ulrich Schnurr)
Boroni aus Etiliengrund: Coris Etiliane Fesslin, Liutperga, Abt Eslmo Esalmo de las Dardas (alle Sabine)
Baron Firan Böcklin von Buchsbart zu Schneehag nebst Gattin Adaque von Mersingen und seine Entourage: Hofgeweihter Firuntin, Weise Frau Malina (Kalli)

Ankunft in Etiliengrund

“Keine Eile. Der Herr wartet geduldig auf uns.” Diese Sentenz hätte über einem Itinerär-Bild ihrer Reise stehen können, die sich im Rahja 1041 BF ihrem Ende zuneigte.

Geruhsam und gleichmütig waren die Borongeweihten ihrem Ziel zugestrebt, das sich nun im Dunst des Sommernachmittags in der Ferne erhob: Das Wehrkloster Etiliengrund mit seinen kantigen Mauern.
Keine Eile. Ruhe und Geduld. Das waren Eigenschaften, die einer Boroni gut zu Gesicht sanden. Und doch freute sich Coris Fesslin, bald ihr Heim zu erreichen.

Zwar hatte sich Bishdaryan von Tikalen als überraschend guter Reiter erweisen. Doch der horasische Glaubensbruder hatte sein Ross selten angespornt, oft gerastet, sich Zeit für die Kümmernisse von Menschen genommen, denen sie auf ihrem Weg begegnet waren, und so die Reise in die Länge gezogen.
Abgesehen von der verlängerten Dauer, bis Coris in ihre Heimat zurückkehren würde, war das nicht unangenehm gewesen: Bishdaryans Gelassenheit und stille Freundlichkeit strahlten selbst auf seine Reisebegleiter ab, Coris Fesslin, Dienerin Golgaris, und Nazir Nocturnus Heldor, einen Diener Bishdariels, denen die Einkehr in Boron nicht fremd war. Der Noionit schien einen besonderen Weg des Schweigens zu beschreiten, einen Zugang zu stillen, beruhigenden Räumen, und von den Seelen aller einen Teil ihrer Last zu nehmen, denen er sich zuwandte.
Nur in Andeutungen hatte er kundgetan, wie er zum Glauben gefunden und was ihn nach seiner späten Weihe geprägt hatte. Vielleicht würde er in jenen Stunden in Etiliengrund, in denen zu sprechen erlaubt war, mehr über sich berichten.

Als die Reisegruppe um die nächste Wegbiegung gelangte, war das Wehrkloster mit dem dazugehörigen Finsterwachtturm schon viel näher gerückt. Dunkel und doch einladend erhob es sich auf dem Krähensattel.
Coris liebte die einsame Lage des Klosters auf einem Hochplateau. Steil fielen die Hänge zu drei Seiten hin ab. Dornige Schlehbüsche machten einen Zugang von diesen Seiten her nahezu unmöglich. Efferdwärts befand sich auf einigen Terrassen, die dem Fels abgerungen waren, der klostereigene Boronanger. Auch er war umgeben von Dornenhecken.
Die Boroni und ihr noionitischer Begleiter Bisdaryan erklommen den Krähensattel über den schmalen Weg, der sich auf der rahjaseitigen, flacher ansteigenden Bergflanke in Serpentinen aufwärts wand. Dieser erreichte das Plateau und gab den Blick auf das Wehrkloster Etiliengrund frei.
Der wuchtige Finsterwachtturm, den die Etiliengrunder liebevoll “Krähenbecher” nannten, und die Türme der inneren Mauer gaben dem Kloster sein wehrhaftes Aussehen. Die Türme wurden wie immer von den namensgebenden Krähen umflogen, die eigentlich Finsterkammdohlen waren, doch kannten die einfachen Leute, welche die Katen auf dem Weg zum Kloster bewohnten, den Unterschied nicht.

Coris beobachtete die eleganten Flugmanöver der schwarzen Vögel. Wie alle Boroni, die in Etiliengrund ausgebildet worden waren, besaß auch Coris die Gabe, aus diesen zu lesen und sie als Orakel zu deuten. Der freudig-beschwingte Flug und das spielerische Auf und Ab der Vögel waren eindeutig gute Omen. Es erwartete die Rückkehrer wohl keine schlechte Nachricht und der mitgebrachte Besuch war überaus willkommen.

Die blasse Dienerin Golgaris atmete auf. Sie zügelte ihre Nordmähne und drehte sich zu Bishdaryan um: “Siehst du dort die Finsterkammdohlen über den Zinnen des Klosters? Wir lesen aus ihren Flugmanövern. Der Dunkle Vater enthüllt uns so manche Botschaft über den Flug der Vögel.”

Bishdaryan nickte im Sattel des geduldigen Warunkers, den er vor ihrer Abreise leichthin gekauft hatte: “Davon habe ich gehört, den Flug aber nie selbst zu lesen gelernt. In meinem Heimatkloster ist der Blick eher nach innen gerichtet. Du musst mir in den kommenden Wochen die Grundzüge dieser Kunst vermitteln, Schwester. Zeit wird sich finden.”

Gemeinsam ritten sie ein weiteres Stück auf das trutzige Gemäuer zu, den schweigenden Nazir hinter sich. Von der Seite musterte die junge Boroni den älteren Ordensmann in seiner schwarz-blauen Robe. Aufmerksam studierte dieser die Bauweise der Burg und drückte dann mit einen sanften Lächeln Zustimmung aus. Er schien folglich etwas von Befestigungstechnik zu verstehen, war aber gleichwohl neugierig, welche Ansätze man hier im hohen Weiden verfolgte. Denn, das hatte er während ihres Ritts berichtet, weiter nördlich als bis Darpatien war er zuvor noch nie gelangt.
Nur noch wenige Schritte trennten die drei vom äußeren Tor. Coris zügelte ihr braves Ross und stieg ab. Ihre Begleiter taten es ihr gleich. Sie merkte, wie Bishdaryan ihre Miene las: “Du fragst dich, was sich in der Zeit eurer Abwesenheit hier verändert haben mag?”, stellte er mehr fest als dass er fragte.

Wenn auch unerwartet, so überraschte es Coris nicht, dass Bishdaryan die Gabe besaß, in ihren Gedanken zu lesen. Die Jahre der inneren Einkehr in Boron hatten ihn wohl gestärkt darin, ohne Worte auszukommen und vieles aus den Gedanken seiner Glaubensbrüder und -schwestern zu erkennen. Doch zeigte diese Gabe durchaus, wie sehr der Ewige den Noioniten schätzte. Coris war beeindruckt.
“So ist es, Bruder Bishdaryan. Ich verlasse die Sicherheit der Klostermauern nur ungerne und sehne mich Nacht für Nacht danach, zurückzukehren. Der Lärm, die Unsicherheit und das umtriebige Leben außerhalb Etiliengrunds ängstigen mich. Heimkehr ist hingegen ein schönes Wort. Es trägt so viel in sich.”

Sie sah ihren Glaubensbruder an. Doch während sie scheinbar in seine Augen blickte, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie eigentlich durch ihn hindurch auf die Mauern und Dächer des Klosters blickte, vielleicht sogar noch durch diese hindurch auf die wilde, einsame Landschaft des Finsterkamms.
“Dazu kommt jedes Mal die Unsicherheit, ob der Unerbittliche nicht einen der Unseren zu sich berufen hat. Ich freue mich für jeden, der seinen Körper loslassen und seine Seele Golgari anvertrauen kann, auf dass sie den Flug über das Nirgendmeer antreten mag. Doch nimmt es mir dieses so innig vermisste Gefühl der Sicherheit. Nie kann man sicher sein, dass alles noch genauso ist, wie zu dem Zeitpunkt als man das Kloster verließ. Ich aber liebe die Sicherheit. Verstehst du, was ich meine?”

Bishdaryan schob seine Kapuze in den Nacken, musterte die aufragenden Mauern einen Moment lang: “Sicherheit… dafür ist ein Wehrkloster eine taugliche Metapher. Ja, das verstehe ich gut, wenngleich ich selbst nicht in Mauern und Türmen Geborgenheit verspüre. Doch du verlangst gewiss nicht allein nach körperlicher Sicherheit? Sind das Kloster, dein Heim und die Menschen darin auch ein geistiges Refugium, ein seelischer Ankerpunkt?”

So fragt ein Noionit, ein Seelsorger, dachte Coris und erwiderte: “Natürlich hast du recht, Bishdaryan. Genau darum geht es. Etiliengrund und seine Bewohner wurden mir zur Heimat, zum Anker meines Lebens, das vor meiner Übersiedelung hinter die Klostermauern von Unsicherheit und Verlust geprägt war. Doch davon erzähle ich dir ein anderes Mal.”
“Ich werde gerne davon hören”, sagte er. “Doch jetzt lass mich dir dies in Erinnerung rufen: Der sanfte Herr hat dir die Gabe geschenkt, im Vogelflug Vorzeichen für die Zukunft zu erkennen. Das bedeutet, dass du, auch wenn du fern dieses Orts reist oder weilst”, er wies auf mit einer Handbewegung auf das Kloster, “nicht allein auf deinen festen, tröstenden Glauben bauen kannst. Du darfst auch prophezeien, was vor dir liegt und jenen, die dir etwas bedeuten. Diese Möglichkeit, Sicherheit, nein: Voraussicht zu gewinnen, ist nur wenigen Menschen gegeben.”

Dann nahm sein Gesicht einen bedrückten Ausdruck an: “Mit jedem Menschen, der vor Boron treten darf, geht ein Stück Gewissheit und schöner Gewohnheit, das fühle auch ich. Umso mehr, wenn ein lieber Mensch unerwartet oder unter gewaltsamen Umständen seine letzte Reise antritt. Jedoch”, nun hellte sich seine Miene wieder auf, “die Trauer ist ebenso endlich wie es die Zeit der Trennung ist. Unendlich jedoch die paradiesische Freude für die Gläubigen. Und auch die Zeit auf Dere sollten wir genießen, wann immer es angebracht ist.”
Nun schaute er die Reisebegleiterin fast entschuldigend an: “Ich vermute, zur letztgenannten Einsicht hat beigetragen, dass ich eine zeitlang mit einer Dienerin der Eidechse reiste.”
Coris’ Augen waren groß vor Erstaunen.
“Ich half ihr, ihr Gedächtnis wiederzufinden”, sagte Bishdaryan. “Aber davon will ich dir an einem anderen Tag erzählen. Lange genug habe ich deine Heimkehr verzögert.” Er ließ dem Pferd die Zügel locker und dieses trabte in Richtung des Tores los.

Das hölzerne Doppeltor stand offen, und als Bishdaryan und Coris es passiert hatten, sahen sie zwei Akoluthen bei den an die Innenseite der Umfriedungsmauer lehnenden Schaf- und Ziegenställen stehen. Schweigend senkten die Laienbrüder zur Begrüßung ihr Haupt. Coris und Bishdaryan taten es ihnen gleich.

Auf dem Rücken ihrer Pferde durchquerten sie die Wiesen und Weiden, die zwischen dem äußeren und dem inneren Mauerring lagen. Vier Türme waren in den inneren Ring eingelassen. Einer davon war der Torturm, auf den beide nun zuhielten. Offenbar waren sie bereits erblickt worden, denn als die Reisenden sich der Tordurchfahrt näherten, wurden sie erwartet: Die vier Novizen der Klostergemeinschaft - Hogg, Nille, Richild und Boromundes - sowie die Etilianerin Irmingard erwarteten die weitgereiste Coris und den unbekannten Gast. Die schwarz-blaue Robe machte Letzteren für alle als Ordensbruder der Noioniten kenntlich.

Die ältere Etilianerin Irmingard, deren straff zurückgebundenen, schlohweißen Haare die spitze Nase deutlich hervortreten ließen, versammelte die Novizen und Novizinnen nach Größe geordnet wie die Orgelpfeifen um sich. Ihre schneidende Stimme fragte in die Runde der Räblein:  “Welchem Orden gehört der Mann an, der an Coris Seite reitet? Und wie begrüßen wir ihn folglich?”

Richild, die älteste der Novizen, kam allen zuvor und neigte ehrfürchtig das bezopfte Haupt.
“Boron und Noiona zum Gruße, Euer Gnaden!”
Der Chor der Kinderstimmen fiel in die Begrüßung mit ein und Irmingard wiederholte sie zu Bishdaryan gewandt. Coris schenkte sie ein borongefälliges Kopfnicken. Für sie war die junge Geweihte noch immer eine ihrer Zöglinge. Dass Coris mittlerweile geweiht war, schien die Dienerin Bishdariels nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Der Noionit schlug das Segenszeichen der Heiligen über das Novizengrüppchen. Seine reglose Miene ließ keinen Rückschluss darauf zu, ob er es schätzte, von ihnen gegrüßt zu werden, oder nicht. Dann stieg er in einer flüssigen Bewegung aus dem Sattel und  verbeugte sich vor der Etilienschwester, die ihm an Erfahrung und Verantwortlichkeit älter erschien.
Auch die junge Dienerin Golgaris erwiderte nun Irmingards schweigsamen Gruß. Dann saß sie gleichfalls ab. Ein Stallknecht kam heran, um die beiden Pferde in Empfang zu nehmen.

Coris wandte sich, von ihrem Pferd befreit, Irmingard und den Novizen zu.
“Ich darf euch Seine Gnaden Bisdaryan von Tikalen vorstellen. Er stammt aus dem Lieblichen Feld und ist Mitglied des Ordens der heiligen Noiona. Über sein Tätigkeitsfeld wird er euch später im Refektorium berichten. Nicht wahr, Bruder Bishdaryan?”

“Ich bin überzeugt, dass die Schwester um die Aufgaben meines Ordens weiß”, beschied er nachsichtig. “Und dazu zählt, mehr zuzuhören als über sich selbst zu sprechen. Gleichwohl werde ich gerne von meinem Heimatkloster berichten, so Tikalen von Interesse ist, und über die für den Glauben belangvollen Geschehnisse meiner Reisen.”
Die Unruhe am Torturm lockte einige der Bewohner Etiliengrunds hervor. Bald stand ein knappes Dutzend Akoluthen und Hilfskräfte des Klosters um Coris und ihren Begleiter herum. Die Miene der Dienerin Golgaris verfinsterte sich. Sie hatte nicht vor, die Vorstellung mehrfach zu wiederholen. Stattdessen blickte sie in die neugierigen Gesichter und erwiderte boronisch knapp: “Ihr werdet heute bei der Vesper im Refektorium Gelegenheit haben, unseren Gast kennenzulernen.” Der Geweihte aus dem Horasreich nickte.

Mit einer fortscheuchenden Geste zeigte Coris unmissverständlich, dass sie mit dem Gast alleine sein wollte: “Wenn es dir recht ist, Bishdaryan, zeige ich dir die Gästeunterkünfte und erläutere dir auf dem Weg dorthin ein wenig die Örtlichkeiten.” Er nickte erneut wortlos und billigte so ihre kaum verhüllte Freude über die Heimkehr.
Als sich die neugierigen Klosterbewohner mehr oder weniger zügig von dannen gemacht hatten, war der Blick auf den Borontempel des Klosters frei. Die Mitte des Langhauses war ihnen zugewandt. Kleine, erkerartige Anbauten rechts und links des überdachten seitlichen Eingangs zur Tempelhalle gliederten die Fassade. Die Westseite wurde vom wuchtigen Finsterwachtturm dominiert, der einerseits als Teil des Tempel fungierte, andererseits dem Schutz der Klostergemeinschaft diente. An die westliche Apsis angelehnt war der Anbau, der die Sakristei und die Räumlichkeiten des Abtes beherbergte.
“Dort ist die Sakristei und die Wohnung des Abtes Eslamo Etiliano de las Dardas. Die anderen Anbauten dienen den Geweihten und Novizen als Schlafstätten. Meine ist auf der Rückseite des Tempels. Hier links…” Sie wandte sich vom Langhaus weg zu der Innenseite der Klostermauer. “... sind die Gästekammern.”

Ein kleines Fachwerkgebäude war an die Innenseite der Mauer angelehnt worden. “Hospes Boronis” stand in geschwungenen Lettern auf dem Schild neben der Holztür. Über dem Schindeldach, das schräg in den Klosterhof abfiel, konnte man den gedeckten Umgang der inneren Wehrmauer erkennen. Den Abschluss dieser Klostermauer bildete ein Turm.
“Das dort ist der Etilianerturm. Schwester Irmingard und zwei Akoluthen sind in der Regel dort zu finden. Es gibt einen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, der zum Teil auch für den Unterricht der Novizen benutzt wird und im Obergeschoss einen Raum für die Akoluthen. Ganz oben residiert Irmingard.”

Coris bog zu dem kleinen Fachwerkhaus ab und öffnete die Tür. Von einem winzigen Vorraum gingen links und rechts Türen ab. Die Dienerin Golgaris öffnete die rechte davon. Die kleine Kammer dahinter bot nur wenig Komfort. Ein schmales Bett stand an der linken Wand, rechts ein filigranes Tischchen mit Waschschüssel und einem Stuhl. Über dem Tischchen ließ ein winziges Fenster, das mit einer Holzlade verschließbar war, Licht aus dem Innenhof des Klosters ein. Zwei Haken an der Wand boten Platz für den Reisemantel und eine Robe.
“Das ist deine Kammer, Bisdaryan.”

Der Noionit stellte sein Bündel auf die Bettstatt und lächelte seine Begleiterin dankbar an: “Vielen Dank, dass du mich selbst hierher geführt und nicht zuerst deinem verständlichen Drang gefolgt bist, als erstes deine Familie zu begrüßen. Ich will mich in diesem gastfreundlichen Raum einrichten, waschen und dann dem Herrn für unsere ruhige Reise danken. Bitte trage Abt Eslamo an, dass ich mich ihm vorstellen werde, sobald er es wünscht. Oder dies vor oder nach der abendlichen Vesper tun.”
Die Hände in die Ärmel steckend nickte Coris demütig. “Ich bin sicher, dass der Abt dich vor der Vesper sehen möchte. Wenn er bereit ist, werde ich dich abholen kommen. Auch ich werde zunächst dem Herrn für die glückliche Rückkehr und die angenehme Reise danken.”
Ohne weitere Worte verabschiedeten sie sich, um für eine Weile mit ihrem Gott ins stille Zwiegespräch zu treten.