Neues aus Weidenhag - Das Geheimnis des Forstes

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Weiler Gluckenhag, am Tag darauf

Rainald von Gugelforst seufzte. Seit nun schon einem Stundenglas war er damit beschäftigt der „Stabsbesprechung“ der Weidenhager zu lauschen…nun ja, er schüttelte den Kopf, es war wohl vielmehr ein Streitgespräch zwischen der Baronin und ihrem Bruder. Ein Streitgespräch, an welchem er sich bis jetzt fein rausgehalten hatte um ja nicht zwischen die Fronten zu geraten.

Auf der einen Seite stand Gwidûhenna von Gugelforst – eine Frau, die in ihrer Ausbildung am Grafenhof von Ochsenwasser, im ehemaligen Darpatien, nie das Waffenhandwerk erlernt hatte. Eine Frau, die Rainald bisher immer in Kleidern sah und nie in Stiefeln und Beinlingen, wie es an diesem Tage der Fall war.

Der Blick des Ritters blieb an der Baronin haften; sie war gekleidet in knapp geschnittene Beinlinge aus Wildleder. Darüber trug sie kniehohe Stiefel. Ergänzt wurde ihre Aufmachung an diesem Tag von einem weißen Leinenhemd und einer eng anliegenden, ledernen Weste. Rainald musste sich eingestehen, dass diese Kleidung seiner Base schmeichelte und vor allem ihre langen Beine und rahjagefällige Figur unterstrich. Auch die hüftlangen, rabenschwarzen Haare hatte Gwiduhenna zu einem dicken Zopf zusammengeflochten - darüber trug sie den Baronsreif Weidenhags. An ihrer Seite führte sie ein schlankes Kurzschwert – eine Waffe, die sie, und da war sich Rainald sicher, noch nie aus der Scheide zog.

Alles in allem also eine Aufmachung, die den unwissenden Beobachter wohl zu dem Gedanken verleitet hätte, dass es sich bei der Baronin um ein verzogenes Adelstöchterchen handelt, das auf der Suche nach Abenteuern einmal Krieg spielen möchte. Doch Rainald kannte Gwidûhenna. Alles was sie tat, machte sie aus Liebe zu ihren Schutzbefohlenen. Sie war nicht dumm und es wunderte ihn jedes Mal aufs Neue welchen Tatendrang und auch Mut sie auszustrahlen vermag.

Ihr gegenüber stand mahnend, mit erhobenem Zeigefinger, ihr Bruder Wilfred. Ein gestandener Recke und Sieger von Turnieren, der vor einiger Zeit auf Burg Olat gar den Blauenburger im Kampf mit den Einhandwaffen besiegt hatte. Er war das komplette Gegenteil seiner von Travia gesegneten Schwester; arrogant, jähzornig und impulsiv. Viele Familienmitglieder meinen gar, dass der Ritter und Waffenmeister der Baronie während seiner Knappschaft den einen oder anderen Wesenszug seiner Schwertmutter Yolanda Böcklin übernommen habe.

Die beiden Geschwister waren sich uneins darüber wie nun weiter vorgegangen werden sollte. Bereitwillig kam die Baronin dem Hilferuf ihres Vasallen nach. Sie mobilisierte alles an Waffenvolk, was sie entbehren konnte. Am Baronsitz sollte nur ihr Gemahl mit zwei Waffenknechten zurück bleiben. Hier in Gluckenhag angekommen fanden sie neben den Überresten des Dorfes auch den Junker von Wargentrutz mit seiner Lanze vor. Von ihm erfuhren sie, dass die Bewohner des Dorfes allem Anschein nach vor einer Gruppe marodierender Orks in den nahegelegenen Wald geflohen war.

Und genau hierin lag der sprichwörtliche Hund begraben. Während Gwidûhenna unter Zuhilfenahme der Fährtensucher die Suche im Wald eröffnen wollte, sprach sich Wilfred entschieden dagegen aus.

„Zu riskant“, meinte der Ritter, der den Wargenforst wohl besser kannte als die meisten der Anwesenden. Gwidûhenna hatte als Baronin das letzte Wort und hätte dem vorherrschenden Hickhack schon längst ein Ende bereiten können, doch lag ihr sehr viel am Wort und der Zustimmung ihres Bruders. Familie ging ihr über alles und obwohl es zwischen ihr und Wilfred des Öfteren lauter wurde, liebte sie ihren Bruder abgöttisch – mit all seinen Macken und Fehlern. Es war ihr sehr daran gelegen, dass sie gemeinsam und als Familie eine Entscheidung trafen.

Erst als sich der junge Junker Feyenhold Welkenstein in die Diskussion einmischte und meinte, dass er mit seinen ortskundigen Jägern den Suchtrupp führen werde schien die Stimmung ein wenig positiver zu werden. Dennoch meinte die Baronin kurz darauf, dass sie ihn begleiten werde. Angesprochen auf die vielen Gefahren, die dem mystischen Forst nachgesagt wurden, ließ sich die sonst so damenhafte und wohlerzogene Gwidûhenna zu einem leisen „Orkendreck“ mit darauffolgender wegwerfender Handbewegung hinreißen.

Wilfred, dem die Sicherung des Weilers mit den restlichen Truppen aufgetragen wurde sicherte dem Suchtrupp nur Herzschläge später ebenfalls seine Hilfe zu. Rainald konnte dabei nicht sagen, ob der Ritter mit dieser Tat seine Schwester zu schützen gedachte, oder ob er sich einfach nur die üble Nachrede ersparen wollte, die folgen würde sollte herauskommen, dass er den Forst scheute, seine Schwester aber nicht.

Nun lag es an Rainald und der barönlichen Dienstritterin Isdira Hartungen-Düsterfurt die Überreste des Weilers zu sichern und bei allem was er bisher über diesen düsteren Forst hören musste, war es ihm auch lieber…


Im Wargenforst, am nächsten Tag

"...die Herrin des Waldes duldet nur ihr eigenes Blut um sich..."
- geflügelter Ausspruch im praioswärtigen Teil Weidenhags

Feyenhold lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Seit sie den Forst betraten spürte er förmlich die Augen des Waldes auf sich ruhen. Auch seine Jäger schlichen mit zu ernsten Masken verkommenen Gesichtern durch das Unterholz – immer den Spuren der Dörfler und ihrer Verfolger nach. Einzig die Baronin ließ ihren Blick neugierig und unbekümmert über die Szenerie schweifen. Einmal bückte sie sich gar nach einem Einbeerenstrauch, riss eine Blüte ab und steckte sie sich in ihr rabenschwarzes Haar.

„Als Kind, als meine Mutter noch lebte, flochten wir uns manchmal die hübschen roten Einbeeren ins Haar“, sprach sie mit einem wehmütigen Lächeln auf den Lippen. Es war ein Satz dem niemand in der Gruppe Beachtung schenkte.

Ihr Bruder Wilfred stapfte Gwidûhenna genervt hinterher, doch konnte man in den Gesichtszügen des Ritters Sorge erkennen. Der Bruder der Baronin verwaltete das, den Wargenforst umfassende Junkergut Wargentrutz für einige Götterläufe. Er kannte die ganzen Geschichten um den Wald und auch die Menschen, die hierin verschwanden. Feyenhold atmete durch – wenigstens auf Wilfreds wachsamen Blick konnte er sich bei ihrem Vorhaben verlassen.

Feyenhold war sich dem Mythos, den seine Familie umgab bewusst. Er wusste, dass die Menschen Weidens den Namen Welkenstein mit zwei Dingen assoziierten; mit Elfen und dem Wargenforst, doch konnte er sich letzteres nie wirklich erklären. Weit fern des Forstes wurde er geboren und seine Mutter starb noch bevor sie ihn in die Geheimnisse ihrer Familie einweihen konnte.

Es sollten noch einige Stundengläser des Wanderns vergehen, bis sich die Gruppe zur ersten Pause entschloss. Auf einer kleinen Lichtung, die von gut einem Dutzend Einbeersträuchern gesäumt war ließ sich Feyenhold auf einem Baumstumpf nieder. Noch immer hatten sie keine Anzeichen auf den Verbleib der Bewohner Gluckenhags, oder der Schwarzpelze gefunden…

„…bei der Gütigen…“, es war der geschockte Ausruf der Baronin, der ihn gedanklich wieder ins hier und jetzt zurückholen sollte. Gwidûhenna stand neben einem der vielen Einbeerensträucher und hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund.

Erst bei näherem Hinsehen konnte nun auch Feyenhold erkennen was die Baronin dermaßen erregt hatte. Der Strauch verdeckte die Leiche eines Orks, nein, vielmehr schien es ganz so als wäre der Strauch aus dem Leib des Schwarzpelzes gewachsen.

„Gharrachai…“, bemerkte nun Ritter Wilfred, der das Gehölz vom Leib des Orks entfernte. Die Leiche des Kriegers blickte ihnen mit vor Schreck geweiteten Augen entgegen. Auch die anderen Sträucher auf der Lichtung hatten den selben Ursprung – sie alle schienen aus den Leibern von toten Orkkriegern gewachsen zu sein.

„Hier scheint mächtige Magie am Werk gewesen zu sein.“, schlussfolgerte Feyenhold, was alle Umstehenden dazu verleitete ihre Talismane zu berühren, oder ein Schutzzeichen in die Luft zu schlagen. Die Baronin zog sich darauf mit angewidertem Gesichtsausdruck ihre Einbeerenblüte aus dem Haar, bevor sie sich sorgenvoll an den Junker wendete. „Was ist mit den Menschen Gluckenhags..? Ob sie dasselbe Schicksal…“, sie stockte.

Feyenhold hob unwissend die Schultern und als er sich von seiner Lehnsherrin abwandte fiel seine Aufmerksamkeit auf etwas gänzlich anderes. Unweit ihrer Gruppe schälte sich eine unbekannte Gestalt aus dem Unterholz. Es handelte sich hierbei um güldenhaarige elfische Schönheit mit großen eisblauen Augen.

„Sohn…mein Blut…“, Feyenhold fasste sich an den Kopf. Es schien ganz so, als entstünde ihre melodische Stimme tief in seinem Kopf. „…folge mir…mein Sohn…“

Der Junker blickte sich nach seinen Gefährten um, doch hatte es ganz den Anschein, als wäre er der Einzige, der die wunderschöne Elfenmaid erblicken konnte. Er fühlte keine Angst, sondern nur Neugier und Verbundenheit. So tat er wie es ihm geheißen ward und folgte ihr in den dunklen Forst.

Es dauerte nicht lange, da erreichten sie eine weitere Lichtung. Vor ihm, so weit der Blick im Walde reichte, türmten sich glatt behauene Granit- und Marmorblöcke mit stumpfen, von Wind und Wetter abgerundete Kanten, mit zur Unlesbarkeit verwitterten Mustern verziert und von Baumwurzeln zersprengt. Zwischen dem grün des Waldes glänzten weiße, zerbrochen Säulen und Bögen, die Reste der Ornatmente und steinernen Figuren waren von Efeu überwuchert.

„Ist...war das hier ein Schloss...?“, wollte Feyenhold wissen, doch erntete er für diese Frage nur einen mitleidigen Blick.

„…hier findest du wonach du suchst…mein Sohn…“, ihre Stimme entstand wieder in seinem Kopf. In ihrem melodischen Ton konnte Feyenhold das Zwitschern der Vögel des Waldes, das Plätschern des Dergels und den Wind in den Kronen der mächtigen Bäume hören.

„…Danke…“, der Junker wollte sich wieder zu seiner geheimnisvollen Begleiterin umwenden, doch war diese bereits verschwunden. Am Rande des Waldes sollte er nur einen prächtigen schwarzen Wolf erspähen, der ihn aus eisblauen Augen heraus musterte…

Es dauerte nicht lange bis Feyenhold die vermissten Menschen Gluckenhags fand – in der Sicherheit der Ruinen. 28 Köpfe konnte er zählen und niemand der Anwesenden konnten sich daran erinnern was genau ihnen hier geschehen war. Ein Mann soll jedoch fehlen – Ermenrich, der Älteste des Dorfes und jener Mann, der sie hierher geführt hatte. Er war und blieb spurlos verschwunden. Er sollte eine weitere Seele sein, die der Forst, oder vielleicht gar seine Herrin, nicht mehr herausgeben sollte...

-Ende-