Neues aus Weidenhag - Vor der Baronin

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Dorf Weidenhag, am selben Abend

Hinter der tief hängenden Wolkendecke beendete das Mal des Praios gerade seine Wanderschaft über das Firnament und tauchte das Dorf Weidenhag in ein schmutzig-gelbes Zwielicht. Ein einzelner Reiter näherte sich von Praios kommend, den sogenannten Hagweg entlang, der wehrhaften Palisade.

Rainald von Gugelforst war ein einfacher Ritter. Sohn des ehemaligen gräflichen Dienstritters Waldemar von Gugelforst, nun weithin bekannt als "Ritter Gans", nachdem er in den Götterläufen nach der Schlacht um Ysilia in das Noviziat der Traviakirche eingetreten war und inzwischen die Weihe empfangen hatte. In eben jener Schlacht verlor Rainald auch seine Mutter Leufriede von Bingenbrück - die Tochter einer Edlenfamilie aus der Baronie Kaiserlich Blaubinge.

Rainalds Geschwister erfuhren ganz unterschiedliche Schicksale; während seine Schwester Alwen schon recht bald nach ihrem Ritterschlag gegen die Orks fiel, zog es seinen jüngeren Bruder Ademar ins Königreich Garetien. Seine Großtante Walpurga, durch Heirat die Altbaronin von Osenbrück im Waldstein´schen setzte sich schon früh dafür ein, dass Ademar seine Knappschaft am Hof in Osenbrück empfing. Sein Bruder sollte auch nach seiner Ausbildung in Garetien bleiben; inzwischen war er dort mit einer Frau aus gutem Haus verheiratet und durch diesen Traviabund gar Junker.

Rainald musste lächeln. Gerade Finyara, das Eheweib seines Bruders, ließ ihm den einen oder anderen kalten Schauer über den Rücken laufen. Sie war zwar ganz hübsch anzuschauen, strahlte aber durch ihre Zugeknöpftheit und Strenge eine ungemeine Kälte aus, was jedoch wiederrum sehr gut im Kontrast zu der offenen Herzlichkeit seines Bruders stand. Insgeheim hoffte Rainald jedoch, dass die Kinder Aralon und Lorindya mehr nach seinem Bruder als nach seiner Schwägerin kommen würden.

Gerade der letzte Besuch bei seinem Bruder vor einigen Monden ließ in ihm wieder den Wunsch nach einer eigenen Familie aufkommen. Seit beinahe 7 Götterläufen war er nun schon als fahrender Ritter unterwegs ohne sesshaft zu werden. Vielleicht war es auch jene, wieder neu entfachte Sehnsucht, die ihn seinen Weg zurück nach Weiden finden ließ und eben nicht an die Front in den Osten des Reiches.

Rainald ritt durch das Tor der Palisade und erwiderte den freundlichen Gruß der Wachmänner. Der Ritter ließ seinen Blick über den Hauptort der Baronie seiner Base schweifen. Es war nichts Besonderes – keine prachtvollen Häuser oder Tempel, wie er sie im ehemaligen Darpatien oder in Garetien gesehen hatte, aber dennoch nicht ganz ohne Charme. Die ihm begegnenden Menschen waren offen, freundlich und respektvoll, was, da war sich Rainald sicher, vor allem am Wappen lag, das auf seiner Brust prangte. Er wusste, dass die Baronsfamilie Gugelforst sehr hoch angesehen war.

Am Dorfplatz des beschaulichen Fleckens angekommen wandte er sein Pferd der sich hier erhebenden Bruchsteinmauer zu. Diese umgab den Baronssitz Hag, der sich innerhalb des Dorfes befand. Rainald kannte die Geschichte der Baronie. So wusste er auch, dass der Hag viel älter war als das Dorf, das ihn umgab. Fayris Welkenstein, die erste Baronin Weidenhags zu Zeiten Rohals des Weisen hatte dieses Rittergut in Auftrag gegeben um den Hagweg von einem hier eingesetzten Edlen vor Strauchdieben und Orks schützen zu lassen.

Erst im Laufe der Jahre siedelten sich immer mehr Bauern und Viehzüchter im Schatten der schützenden Mauern des Gutes an. Zum Baronssitz wurde der Hag erst vor rund 50 Götterläufen erhoben. Seit dem herrscht die Familie Gugelforst hier quasi als Primus inter Pares. Denn auch wenn das Gut von einer Mauer umgeben ist, steht der Hag dem gemeinen Volk jederzeit offen – so befinden sich innerhalb der Mauern des Gutes sowohl die einzige Gaststätte des Dorfes, als auch die einzige Tempelanlage der Baronie. Gerade diese Umstände zeigen dem Unwissenden noch einmal die tiefe Verbundenheit der Familie zum gemeinen Volk und der Kirche der gütigen Eidmutter.

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In der Stube war es halbdunkel. Vier Personen standen rund um einen schweren Eichentisch. Es waren Gwidûhenna von Gugelforst, die Baronin Weidenhags, gewanded in ein dunkelgünes Kleid und gerade damit beschäftigt mit ihrem rechten Zeigefinger mit einer Haarlocke zu spielen. Rainald kannte sie – durch dieses Gebaren brachte sie ihre Nervosität zum Ausdruck. Links neben ihr stand ihr Bruder Wilfred von Gugelforst, der Waffenmeister und Edle von Weidenhag. Er nickte anerkennend. Die Stiefel des Baronets waren wie immer auf Hochglanz poliert - und zwar so gründlich, dass sich das Licht der nahen Kerzen darin wiederspiegelte. Zur rechten der Baronin stand ihr Gemahl Gorfried von Sturmfels. Gorfried war ein großer Mann mit kurzen dunkelblonden Haaren, gepflegtem Vollbart und freundlichen Augen. Die vierte Person jedoch, eine junge, zierliche Frau, war ihm gänzlich unbekannt.

Eben jene junge Dame war die erste der vier, die seine Anwesenheit bemerkte, was gewissermaßen auf die Tatsache zurückzuführen war, dass sie in der Unterhaltung der Anwesenden wohl eher nur die Rolle der Zuschauerin innehatte.

„Herrin…“, sprach sie unsicher an die Baronin gewandt und von einem auf den anderen Herzschlag wurde die recht hitzige Diskussion am Tisch unterbrochen. Von den sich nun umwendenden Personen war es Gwidûhennas Gesicht, das sich als erstes aufhellte.

„Vetter, Euch schicken die Götter.“ Sprach sie als sie Rainald um den Hals fiel. Die Begrüßung der beiden Herren war etwas kühler und beschränkte sich auf einen wortlosen Rittergruß. Gerade Wilfred und Gorfried merkte man die Intensität der Unterhaltung an. Beide waren mit hochroten Köpfen sichtlich gezeichnet.

„Du musst mich entschuldigen, dass ich dich nicht so empfangen konnte wie es einem Familienmitglied gebühren würde.“ Als Rainald nichts erwiderte, fuhr Gwidûhenna fort. „Wir haben vor einem Stundenglas Meldung erhalten, dass ein Weiler nahe Wargentrutz überfallen wurde. Noch wissen wir nichts anderes, als dass es ein Feuer gegeben hatte und Orks gesehen wurden.“

Rainald hörte wie Wilfred tief Luft ein sog während er die Stirn runzelte. „Henna du weißt was wir besprochen haben? Wir wissen weder mit was genau noch mit wie viel wir es zu tun haben. Wer weiß waren es überhaupt Orks – dort unten beim Forst weiß man nie so genau. Wollten wir nicht erst auf Meldung der Späher warten?“ Gab der Bruder der Baronin zu bedenken.

„Mumpitz, wir werden morgen früh reiten.“ Entgegnete ihm die Baronin scharf. Kurz darauf wandte sie sich wieder Rainald zu.

„Ich weiß du bist gerade erst angekommen Vetter, aber du siehst, dass wir jeden Schwertarm gebrauchen könnten. Ich biete dir somit eine bezahlte Anstellung an, bis wir diese…Krise…gelöst haben. Für deine Unterkunft und Verpflegung werde ich sorgen…“

Rainald seufzte innerlich. Eigentlich hatte er seine Heimat und den Gedanken endlich sesshaft zu werden dem Krieg vorgezogen - deshalb war er gerade erst nach Weiden gekommen. Doch als Gugelforster stand die Familie ober dem eigenen Leben und somit konnte er unmöglich nein sagen…