Neues aus Weidenhag

Beitragsseiten

In und um den Wargenforst kommt es zu einer Reihe von Ereignissen, die die Anwohner als ein Erwachen  alter Mächte deuten.

Ort: um den Wargenforst, Junkergut Wargenforst, Baronie Weidenhag

Zeit: Ingerimm 1039 BF

Dramatis Personae:
Feyenhold von Welkenstein (Junker von Wargenforst)
Rainald von Gugelforst (Dienstritter der Baronin von Weidenhag)
Gwidûhenna von Gugelforst (Baronin von Weidenhag)
Wilfred von Gugelforst (Waffenmeister der Baronie)



Am Rande des Wargenforst, Baronie Weidenhag, Ingerimm 1039 BF

Im nahen Gebüsch zwitscherte ein Vogel. Der anwesende braunhaarige Waidmann nickte daraufhin und fuhr sich mit seiner Rechten durch den Schopf. Der Fink kündigt Regen an, dachte sich Yann während er instinktiv in den Himmel schaute. Nach einem kurzen prüfenden Blick legte sich der junge Jägersmann abermals auf die Lauer. Er liebte seinen jetzigen Standort, welcher stets gute Beute versprach – ein bisschen Regen würde da wohl nicht schaden.

Im mystischen Wargenforst gab es stets genug Jagdwild, doch trauten sich nur Toren tiefer in den Forst hinein als nötig. Zuviele Menschen sind schon spurlos im Wargenforst verschwunden und jene, die Tage oder Wochen später wieder gefunden wurden gingen meist ihres Verstandes verlustig und stammelten von einer goldhaarigen Elfenmaid. Unter den Jägern herrschte gar der Glaube, dass jene, die sich auf der Suche nach Jagdwild tief in den Forst wagen selbst zur Jagdbeute werden.

Yann schreckte auf als wenige Schritt vor ihm das Reisig auf dem Boden raschelte. Nur wenige Herzschläge darauf knackte ein Zweig, was nun auch seinen Freund den Finken in die Lüfte steigen ließ. Ein einzelner Rehbock war es, der sich an einem nahen Brombeerstrauch gütlich tat.

Der Jäger hob seinen Bogen, legte einen Pfeil ein und hielt den Atem an. Es war ein günstiger Schuss – direkt in die Keule. Yann lächelte. Allem Anschein nach war Firun ihm hold und er zerfetzte mit seinem Schuss eine Arterie seiner Beute, denn der Bock fiel nach kürzester Zeit. Dies war immer besser als ein Bauchschuss, der keine lebenswichtigen Organe verletzte und nur dazu führte, dass das Tier elendiglich verendete.

Yann betrat die Lichtung und legte seiner Jagdbeute eine Hand auf den Hals während er einige Worte des Dankes und auch der Entschuldigung murmelte. Erst jetzt bemerkte er ein seltsames Glimmen durch das Unterholz. Es scheint ganz aus der Richtung zu kommen in der sich der Weiler Gluckenhag am Rande des Wargenforsts befand.

„Bei den Göttern…“, murmelte der Waidmann und ließ dann sowohl seine Beute als auch seinen Bogen zurück als er, wie von einer Maraskantarantel gestochen aufsprang und davon lief…


Schenke Rosenhügel im Dorf Wargentrutz, eine Stunde später


>>Am Pfad meines Lebens ruht Deine Hand.
Dem Willen der Familien zuwider, in Ewigkeit verbunden.
Herrin Rahja öffne die Wunden, und heil' sie wieder.
Bis sich Unser beider Schicksale wirres Muster zeigt.

Jeden Morgen, fliehst Du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh Du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich rot-goldene Locken -
Deine Smaragdgrünen Augen von Tränen nass.


Dem Schrei meines Herzens nach folge ich in den dunkel´ Forst.
Um dein wunderbares Herz abermals aufzuspüren.
Durch Sehnsucht und Trauer, in Stein verwandelt.
Lass mich Deine Lippen küssend mit Leben erfüllen.

Jeden Morgen, fliehst du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh Du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich rot-goldene Locken -
Deine Smaragdgrünen Augen von Tränen nass.

Ich frage mich, ob du mein Schicksal bist.
Oder ob der Götter Launen uns zusammenführte.
Als wir uns trafen in der Dûren Schatten.
Wurdest du gezwungen, mich zu lieben?

Jeden Morgen, fliehst du aus meinen Träumen.
Mein lieblich´ Schatz, oh du Menschenbegehr.
Im Traum, seh' ich rot-goldene Locken -
Deine Smaragdgrünen Augen von Tränen nass.<<

(irdische Vorlage: Sharm, The Wolven Storm)


Der blonde Jüngling beendete sein Lied und legte seine Laute beiseite. Niemand sagte ein Wort, sodass nur das Knacken der Holzscheite im nahen Kamin zu hören war. Erst der Seufzer einer, den Barden anhimmelnden, jungen, rothaarigen Frau mit zahlreichen Feenküsschen im Gesicht, schien der sich bietenden Szenerie wieder etwas Leben einzuhauchen.

„Ach wie schön.“, wie auf ein Signal hin erhob sich nun Heidelinde, die alternde Frau des hiesigen Grobschmieds. „Ihr habt es wieder einmal geschafft uns alle aufs Tiefste zu bewegen, Herr, ich bin so frei Euch meinen Dank und meine…nein unser aller Hochachtung auszudrücken.“

Der Jüngling erhob sich und ließ nach einer tiefen Verbeugung seinen Blick über den Gastraum schweifen. Es kam nun Leben in die Versammelten. Wie beinahe jeden Tag war der Rosenhügel voller Menschen - Menschen aus dem Dorf, aber auch Auswärtige und Pilger. Wargentrutz hat in den vergangenen Götterläufen einen bescheidenen Aufschwung erlebt und dies war vor allem der nahen Rahja-Pilgerstätte zu verdanken.

Seine Baronin hatte sich sehr dafür eingesetzt diesen wieder mit neuem Leben zu erfüllen, womit sie die „Arbeit“ der Vorgänger ihres Hauses – einer der Traviakirche sehr nahe stehenden Familie – mehr oder weniger zunichte machte. Diese waren nach ihrer Belehnung ja weitestgehend darauf aus, diesen liberalen Ort in ihrer Baronie in der Bedeutungslosigkeit verschwinden zu lassen.

Nun war Wargentrutz wieder das, was es einst war. Ein Hain der Freundschaft, oder win´dir wie es die nahen Elfen des Dûrenwaldes nennen würden.

Der Blick des Jünglings blieb an einer dunkelhaarigen Schönheit mit leicht angespitzten Ohren haften, die frech mit einer Haarlocke spielte. Der Barde konnte sich freundliches Lächeln nicht verkneifen und neigte grüßend den Kopf. Die Schönheit war sichtlich erfreut über das Interesse und klimperte mit den Wimpern.

Nur wenige Herzschläge später öffnete sich die Tür in den Schankraum. Herein stürmte ein schmächtiger, braunhaariger Mann und die Anwesenden konnten Sorge in den eisblauen Augen des blonden Jünglings aufblitzen sehen.

„Euer Wohlgeboren…“, stammelte er nach Luft japsend an den Barden gerichtet. „Euer Wohlgeboren…Orks…Feuer in Gluckenhag.“

Der Angesprochene wirkte ruhig, spannte sich aber sichtlich und winkte mit einer einfachen Handbewegung eine blonde Frau im Kettenhemd heran. „Wigdins lass mir Pferd und Waffen vorbereiten. Schicke auch einen Boten zur Baronin…wir reiten nach Gluckenhag.“

Erst jetzt schienen viele der auswärtigen Anwesenden zu bemerken wer die Gesellschaft am heutigen Tage mit seinen Balladen und Geschichten unterhalten hatte. Es war Junker Feyenhold Welkenstein von Wargentrutz höchstselbst, der Herr dieser Lande und tragische Figur der eben gehörten Balladen…


Dorf Weidenhag, am selben Abend

Hinter der tief hängenden Wolkendecke beendete das Mal des Praios gerade seine Wanderschaft über das Firnament und tauchte das Dorf Weidenhag in ein schmutzig-gelbes Zwielicht. Ein einzelner Reiter näherte sich von Praios kommend, den sogenannten Hagweg entlang, der wehrhaften Palisade.

Rainald von Gugelforst war ein einfacher Ritter. Sohn des ehemaligen gräflichen Dienstritters Waldemar von Gugelforst, nun weithin bekannt als "Ritter Gans", nachdem er in den Götterläufen nach der Schlacht um Ysilia in das Noviziat der Traviakirche eingetreten war und inzwischen die Weihe empfangen hatte. In eben jener Schlacht verlor Rainald auch seine Mutter Leufriede von Bingenbrück - die Tochter einer Edlenfamilie aus der Baronie Kaiserlich Blaubinge.

Rainalds Geschwister erfuhren ganz unterschiedliche Schicksale; während seine Schwester Alwen schon recht bald nach ihrem Ritterschlag gegen die Orks fiel, zog es seinen jüngeren Bruder Ademar ins Königreich Garetien. Seine Großtante Walpurga, durch Heirat die Altbaronin von Osenbrück im Waldstein´schen setzte sich schon früh dafür ein, dass Ademar seine Knappschaft am Hof in Osenbrück empfing. Sein Bruder sollte auch nach seiner Ausbildung in Garetien bleiben; inzwischen war er dort mit einer Frau aus gutem Haus verheiratet und durch diesen Traviabund gar Junker.

Rainald musste lächeln. Gerade Finyara, das Eheweib seines Bruders, ließ ihm den einen oder anderen kalten Schauer über den Rücken laufen. Sie war zwar ganz hübsch anzuschauen, strahlte aber durch ihre Zugeknöpftheit und Strenge eine ungemeine Kälte aus, was jedoch wiederrum sehr gut im Kontrast zu der offenen Herzlichkeit seines Bruders stand. Insgeheim hoffte Rainald jedoch, dass die Kinder Aralon und Lorindya mehr nach seinem Bruder als nach seiner Schwägerin kommen würden.

Gerade der letzte Besuch bei seinem Bruder vor einigen Monden ließ in ihm wieder den Wunsch nach einer eigenen Familie aufkommen. Seit beinahe 7 Götterläufen war er nun schon als fahrender Ritter unterwegs ohne sesshaft zu werden. Vielleicht war es auch jene, wieder neu entfachte Sehnsucht, die ihn seinen Weg zurück nach Weiden finden ließ und eben nicht an die Front in den Osten des Reiches.

Rainald ritt durch das Tor der Palisade und erwiderte den freundlichen Gruß der Wachmänner. Der Ritter ließ seinen Blick über den Hauptort der Baronie seiner Base schweifen. Es war nichts Besonderes – keine prachtvollen Häuser oder Tempel, wie er sie im ehemaligen Darpatien oder in Garetien gesehen hatte, aber dennoch nicht ganz ohne Charme. Die ihm begegnenden Menschen waren offen, freundlich und respektvoll, was, da war sich Rainald sicher, vor allem am Wappen lag, das auf seiner Brust prangte. Er wusste, dass die Baronsfamilie Gugelforst sehr hoch angesehen war.

Am Dorfplatz des beschaulichen Fleckens angekommen wandte er sein Pferd der sich hier erhebenden Bruchsteinmauer zu. Diese umgab den Baronssitz Hag, der sich innerhalb des Dorfes befand. Rainald kannte die Geschichte der Baronie. So wusste er auch, dass der Hag viel älter war als das Dorf, das ihn umgab. Fayris Welkenstein, die erste Baronin Weidenhags zu Zeiten Rohals des Weisen hatte dieses Rittergut in Auftrag gegeben um den Hagweg von einem hier eingesetzten Edlen vor Strauchdieben und Orks schützen zu lassen.

Erst im Laufe der Jahre siedelten sich immer mehr Bauern und Viehzüchter im Schatten der schützenden Mauern des Gutes an. Zum Baronssitz wurde der Hag erst vor rund 50 Götterläufen erhoben. Seit dem herrscht die Familie Gugelforst hier quasi als Primus inter Pares. Denn auch wenn das Gut von einer Mauer umgeben ist, steht der Hag dem gemeinen Volk jederzeit offen – so befinden sich innerhalb der Mauern des Gutes sowohl die einzige Gaststätte des Dorfes, als auch die einzige Tempelanlage der Baronie. Gerade diese Umstände zeigen dem Unwissenden noch einmal die tiefe Verbundenheit der Familie zum gemeinen Volk und der Kirche der gütigen Eidmutter.

---

In der Stube war es halbdunkel. Vier Personen standen rund um einen schweren Eichentisch. Es waren Gwidûhenna von Gugelforst, die Baronin Weidenhags, gewanded in ein dunkelgünes Kleid und gerade damit beschäftigt mit ihrem rechten Zeigefinger mit einer Haarlocke zu spielen. Rainald kannte sie – durch dieses Gebaren brachte sie ihre Nervosität zum Ausdruck. Links neben ihr stand ihr Bruder Wilfred von Gugelforst, der Waffenmeister und Edle von Weidenhag. Er nickte anerkennend. Die Stiefel des Baronets waren wie immer auf Hochglanz poliert - und zwar so gründlich, dass sich das Licht der nahen Kerzen darin wiederspiegelte. Zur rechten der Baronin stand ihr Gemahl Gorfried von Sturmfels. Gorfried war ein großer Mann mit kurzen dunkelblonden Haaren, gepflegtem Vollbart und freundlichen Augen. Die vierte Person jedoch, eine junge, zierliche Frau, war ihm gänzlich unbekannt.

Eben jene junge Dame war die erste der vier, die seine Anwesenheit bemerkte, was gewissermaßen auf die Tatsache zurückzuführen war, dass sie in der Unterhaltung der Anwesenden wohl eher nur die Rolle der Zuschauerin innehatte.

„Herrin…“, sprach sie unsicher an die Baronin gewandt und von einem auf den anderen Herzschlag wurde die recht hitzige Diskussion am Tisch unterbrochen. Von den sich nun umwendenden Personen war es Gwidûhennas Gesicht, das sich als erstes aufhellte.

„Vetter, Euch schicken die Götter.“ Sprach sie als sie Rainald um den Hals fiel. Die Begrüßung der beiden Herren war etwas kühler und beschränkte sich auf einen wortlosen Rittergruß. Gerade Wilfred und Gorfried merkte man die Intensität der Unterhaltung an. Beide waren mit hochroten Köpfen sichtlich gezeichnet.

„Du musst mich entschuldigen, dass ich dich nicht so empfangen konnte wie es einem Familienmitglied gebühren würde.“ Als Rainald nichts erwiderte, fuhr Gwidûhenna fort. „Wir haben vor einem Stundenglas Meldung erhalten, dass ein Weiler nahe Wargentrutz überfallen wurde. Noch wissen wir nichts anderes, als dass es ein Feuer gegeben hatte und Orks gesehen wurden.“

Rainald hörte wie Wilfred tief Luft ein sog während er die Stirn runzelte. „Henna du weißt was wir besprochen haben? Wir wissen weder mit was genau noch mit wie viel wir es zu tun haben. Wer weiß waren es überhaupt Orks – dort unten beim Forst weiß man nie so genau. Wollten wir nicht erst auf Meldung der Späher warten?“ Gab der Bruder der Baronin zu bedenken.

„Mumpitz, wir werden morgen früh reiten.“ Entgegnete ihm die Baronin scharf. Kurz darauf wandte sie sich wieder Rainald zu.

„Ich weiß du bist gerade erst angekommen Vetter, aber du siehst, dass wir jeden Schwertarm gebrauchen könnten. Ich biete dir somit eine bezahlte Anstellung an, bis wir diese…Krise…gelöst haben. Für deine Unterkunft und Verpflegung werde ich sorgen…“

Rainald seufzte innerlich. Eigentlich hatte er seine Heimat und den Gedanken endlich sesshaft zu werden dem Krieg vorgezogen - deshalb war er gerade erst nach Weiden gekommen. Doch als Gugelforster stand die Familie ober dem eigenen Leben und somit konnte er unmöglich nein sagen…


Im Wargenforst, zur selben Zeit

Immer tiefer waren sie in den dunklen Forst vorgedrungen…gehetzt…wie das Jagdwild auf der Flucht vor der Meute. Er, Ermenrich war es, der sie in den Forst geführt hatte – obwohl er es hätte besser wissen müssen. Von Kindesbeinen an wurde ihnen anerzogen, dass sie sich dem Forst fernzuhalten haben. „Die Herrin des Waldes duldet nur ihr eigenes Blut um sich“, heißt es immer und er, Ermenrich, hatte nie so recht verstanden was dieser Satz genau bedeutete.

Die Gruppe hielt inne. Zu hören war nur Mirnhildes Schniefen und Seufzen. Es ist noch nicht lange her, dass sie bemerkt hatten, dass Lynde, ihre Jüngste, verloren gegangen war. Ihr Mann Edil legte ihr tröstend einen Arm auf die Schulter.

Doch Ermenrich konnte nicht umkehren, nicht jetzt, da die Orks noch hinter ihnen her waren. Unaufhaltsam trieb er die Gruppe tiefer und tiefer in den dunklen Forst hinein...


Weiler Gluckenhag, etwas später

Feyenhold sog tief die abendliche Luft ein. Das Mal des Herrn Praios war bereits hinter den Zacken des mächtigen Finsterkamms verschwunden und es wurde, trotz herrschender warmer Jahreszeit, kühl in den Landen der Baronie Weidenhag. Dass der Herr Efferd das Land mit seinen Gaben segnete tat hierbei sein Übriges hinzu, doch war es nicht das Wetter, das einen Schatten über die Stimmung vierköpfige Gruppe legte.

Nach der Meldung seines Jägers Yann gab Feyenhold sofort Befehl zum Aufbruch. Manch einer würde es als überstürzt erachten im Dämmerlicht und ohne die angeforderte Hilfe der Baronin zum Ort eines Überfalls zu reiten, doch der junge Welkensteiner fühlte sich seinen Schutzbefohlenen gegenüber in der Pflicht. Es war ihm klar, dass er nicht die Mittel hatte auch nur eine kleine Gruppe von Orks zu besiegen, aber vielleicht konnten sie dennoch irgendwie helfen.

Feyenhold schlug das Herz bis zum Hals als er sich der Palisade des Weilers näherte. Wie ruhig es war. Einzig das Glimmen und der Rauch von immer noch schwelenden Brandherden waren zu sehen. Was werde sie erwarten? Er wusste es nicht, doch malte er sich seit ihrem Aufbruch aus Wargentrutz die schrecklichsten Dinge aus. Ob es Überlebende gab? Feyenhold fürchtete sich davor ein Schlachtfeld vorzufinden.

Der junge Ritter war der erste, der durch die Pforte auf den Hof ritt, kurz darauf folgten seine drei Begleiter. Innerhalb der Palisade fanden sie die geschwärzten Überreste des Dorfes vor, doch kein Blut und keine Leichen. Feyenhold fiel ein Stein vom Herzen, obwohl das Fehlen von Leichen nicht unbedingt zu bedeuten hatte, dass es seinen Schutzbefohlenen gut ging.

Feyenhold streifte sich seine Kettenhaube ab, sodass sein blonder Schopf zum Vorschein kam und ließ sich eine Fackel geben. Wortlos gingen die vier über den düsteren Hof – das gedämpfte Licht der nahen Glutnester legte sich trügerisch über so manche Form und ließ die Hände des Ritters und seiner Gefährten einige Male zu ihren gegürteten Waffen zucken. Selbst wenn es hier nichts mehr zu holen gab und der Überfall nun schon einige Stundengläser lang zurück lag, konnte man sich nie in Sicherheit wiegen.

Eine Bewegung in den Schatten vor ihm erregte Feyenholds Aufmerksamkeit. Alarmiert zog er sein Langschwert, mit dem er jedoch nur leidlich umgehen konnte und tastete sich langsam in die Dunkelheit vor – dabei fiel sein Blick auf ein kleines, unförmiges Etwas vor ihm auf dem Boden. Es war eine kleine Puppe mit dunklen Haaren und einem Kleidchen. Feyenhold bückte sich danach, steckte sein Schwert weg, und setzte dann seinen Weg fort.

„Du kannst rauskommen. Wir tun dir nichts.“ Sprach der Junker als er an der Ecke angekommen war, wo er vorher die Bewegung wahrgenommen hatte. Es sollte nur einige Herzschläge lang dauern, bis ein kleines Mädchen hervorkam. Ihr Gesicht war verweint und ihre Augen waren voll Furcht.

„Wie heißt du denn, Kleine?“, wollte Feyenhold wissen, doch sollte er keine Antwort erhalten. Vielmehr blickte das kleine Mädchen auf die Puppe in seinen Händen.

„Ist das deine Puppe? Wie heißt sie denn.“ Er streckte ihr die Puppe entgegen. „Henna.“, antwortete sie mit piepsiger Stimme und drückte erleichtert die Puppe an ihre Brust.

„Das ist ja ein schöner Name.“, bemerkte Feyenhold. „Und wie heißt du?“

„Lynde...", kam es zögerlich.

"Schön, mein Name ist Feyenhold.", der Ritter lächelte.

"Weist du. Mein Papa hat mir die Puppe gemacht, nachdem wir einmal beim Baronssitz waren und ich die schöne Baronin sehen konnte. Papa sagte, dass ich wohl nie so ein schönes Kleid haben werde wie sie…dann schenkte er mir die Puppe…meine Henna…“. Feyenhold wunderte sich über die plötzliche Redseligkeit des Kindes, freute sich aber, dass das Eis nun gebrochen schien. Sie stoppte als er ihr ernst in die Augen blickte.

„Lynde…Dein Papa, wo ist er? Und was ist passiert?“, wollte der Junker nun wissen.

„Orks…“, sprach Lynde fast tonlos und von einen auf den anderen Moment war all die eben erst aufgekommene Freude und Erleichterung aus ihrem Gesicht verschwunden.

„Und weist du auch wo dein Papa und die Anderen hin sind?“ Feyenhold bemühte sich ruhig zu wirken um das Kind nicht noch mehr zu verängstigen.

„Ich habe meine Henna verloren, deshalb bin ich von Mama weg und zurück.“ Lynde begann zu weinen.

„Kleine es ist wichtig…wo sind deine Eltern und die anderen Bewohner des Dorfes hin? Verstecken sie sich? Es ist wichtig…“ Einige Zeit blickte das Mädchen vor sich auf den Boden, dann zeigte sie zum Waldrand.

„Der Wargenforst…“, murmelte Feyenhold und sein Gesicht war bleich geworden.



Weiler Gluckenhag, am Tag darauf

Rainald von Gugelforst seufzte. Seit nun schon einem Stundenglas war er damit beschäftigt der „Stabsbesprechung“ der Weidenhager zu lauschen…nun ja, er schüttelte den Kopf, es war wohl vielmehr ein Streitgespräch zwischen der Baronin und ihrem Bruder. Ein Streitgespräch, an welchem er sich bis jetzt fein rausgehalten hatte um ja nicht zwischen die Fronten zu geraten.

Auf der einen Seite stand Gwidûhenna von Gugelforst – eine Frau, die in ihrer Ausbildung am Grafenhof von Ochsenwasser, im ehemaligen Darpatien, nie das Waffenhandwerk erlernt hatte. Eine Frau, die Rainald bisher immer in Kleidern sah und nie in Stiefeln und Beinlingen, wie es an diesem Tage der Fall war.

Der Blick des Ritters blieb an der Baronin haften; sie war gekleidet in knapp geschnittene Beinlinge aus Wildleder. Darüber trug sie kniehohe Stiefel. Ergänzt wurde ihre Aufmachung an diesem Tag von einem weißen Leinenhemd und einer eng anliegenden, ledernen Weste. Rainald musste sich eingestehen, dass diese Kleidung seiner Base schmeichelte und vor allem ihre langen Beine und rahjagefällige Figur unterstrich. Auch die hüftlangen, rabenschwarzen Haare hatte Gwiduhenna zu einem dicken Zopf zusammengeflochten - darüber trug sie den Baronsreif Weidenhags. An ihrer Seite führte sie ein schlankes Kurzschwert – eine Waffe, die sie, und da war sich Rainald sicher, noch nie aus der Scheide zog.

Alles in allem also eine Aufmachung, die den unwissenden Beobachter wohl zu dem Gedanken verleitet hätte, dass es sich bei der Baronin um ein verzogenes Adelstöchterchen handelt, das auf der Suche nach Abenteuern einmal Krieg spielen möchte. Doch Rainald kannte Gwidûhenna. Alles was sie tat, machte sie aus Liebe zu ihren Schutzbefohlenen. Sie war nicht dumm und es wunderte ihn jedes Mal aufs Neue welchen Tatendrang und auch Mut sie auszustrahlen vermag.

Ihr gegenüber stand mahnend, mit erhobenem Zeigefinger, ihr Bruder Wilfred. Ein gestandener Recke und Sieger von Turnieren, der vor einiger Zeit auf Burg Olat gar den Blauenburger im Kampf mit den Einhandwaffen besiegt hatte. Er war das komplette Gegenteil seiner von Travia gesegneten Schwester; arrogant, jähzornig und impulsiv. Viele Familienmitglieder meinen gar, dass der Ritter und Waffenmeister der Baronie während seiner Knappschaft den einen oder anderen Wesenszug seiner Schwertmutter Yolanda Böcklin übernommen habe.

Die beiden Geschwister waren sich uneins darüber wie nun weiter vorgegangen werden sollte. Bereitwillig kam die Baronin dem Hilferuf ihres Vasallen nach. Sie mobilisierte alles an Waffenvolk, was sie entbehren konnte. Am Baronsitz sollte nur ihr Gemahl mit zwei Waffenknechten zurück bleiben. Hier in Gluckenhag angekommen fanden sie neben den Überresten des Dorfes auch den Junker von Wargentrutz mit seiner Lanze vor. Von ihm erfuhren sie, dass die Bewohner des Dorfes allem Anschein nach vor einer Gruppe marodierender Orks in den nahegelegenen Wald geflohen war.

Und genau hierin lag der sprichwörtliche Hund begraben. Während Gwidûhenna unter Zuhilfenahme der Fährtensucher die Suche im Wald eröffnen wollte, sprach sich Wilfred entschieden dagegen aus.

„Zu riskant“, meinte der Ritter, der den Wargenforst wohl besser kannte als die meisten der Anwesenden. Gwidûhenna hatte als Baronin das letzte Wort und hätte dem vorherrschenden Hickhack schon längst ein Ende bereiten können, doch lag ihr sehr viel am Wort und der Zustimmung ihres Bruders. Familie ging ihr über alles und obwohl es zwischen ihr und Wilfred des Öfteren lauter wurde, liebte sie ihren Bruder abgöttisch – mit all seinen Macken und Fehlern. Es war ihr sehr daran gelegen, dass sie gemeinsam und als Familie eine Entscheidung trafen.

Erst als sich der junge Junker Feyenhold Welkenstein in die Diskussion einmischte und meinte, dass er mit seinen ortskundigen Jägern den Suchtrupp führen werde schien die Stimmung ein wenig positiver zu werden. Dennoch meinte die Baronin kurz darauf, dass sie ihn begleiten werde. Angesprochen auf die vielen Gefahren, die dem mystischen Forst nachgesagt wurden, ließ sich die sonst so damenhafte und wohlerzogene Gwidûhenna zu einem leisen „Orkendreck“ mit darauffolgender wegwerfender Handbewegung hinreißen.

Wilfred, dem die Sicherung des Weilers mit den restlichen Truppen aufgetragen wurde sicherte dem Suchtrupp nur Herzschläge später ebenfalls seine Hilfe zu. Rainald konnte dabei nicht sagen, ob der Ritter mit dieser Tat seine Schwester zu schützen gedachte, oder ob er sich einfach nur die üble Nachrede ersparen wollte, die folgen würde sollte herauskommen, dass er den Forst scheute, seine Schwester aber nicht.

Nun lag es an Rainald und der barönlichen Dienstritterin Isdira Hartungen-Düsterfurt die Überreste des Weilers zu sichern und bei allem was er bisher über diesen düsteren Forst hören musste, war es ihm auch lieber…


Im Wargenforst, am nächsten Tag

"...die Herrin des Waldes duldet nur ihr eigenes Blut um sich..."
- geflügelter Ausspruch im praioswärtigen Teil Weidenhags

Feyenhold lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Seit sie den Forst betraten spürte er förmlich die Augen des Waldes auf sich ruhen. Auch seine Jäger schlichen mit zu ernsten Masken verkommenen Gesichtern durch das Unterholz – immer den Spuren der Dörfler und ihrer Verfolger nach. Einzig die Baronin ließ ihren Blick neugierig und unbekümmert über die Szenerie schweifen. Einmal bückte sie sich gar nach einem Einbeerenstrauch, riss eine Blüte ab und steckte sie sich in ihr rabenschwarzes Haar.

„Als Kind, als meine Mutter noch lebte, flochten wir uns manchmal die hübschen roten Einbeeren ins Haar“, sprach sie mit einem wehmütigen Lächeln auf den Lippen. Es war ein Satz dem niemand in der Gruppe Beachtung schenkte.

Ihr Bruder Wilfred stapfte Gwidûhenna genervt hinterher, doch konnte man in den Gesichtszügen des Ritters Sorge erkennen. Der Bruder der Baronin verwaltete das, den Wargenforst umfassende Junkergut Wargentrutz für einige Götterläufe. Er kannte die ganzen Geschichten um den Wald und auch die Menschen, die hierin verschwanden. Feyenhold atmete durch – wenigstens auf Wilfreds wachsamen Blick konnte er sich bei ihrem Vorhaben verlassen.

Feyenhold war sich dem Mythos, den seine Familie umgab bewusst. Er wusste, dass die Menschen Weidens den Namen Welkenstein mit zwei Dingen assoziierten; mit Elfen und dem Wargenforst, doch konnte er sich letzteres nie wirklich erklären. Weit fern des Forstes wurde er geboren und seine Mutter starb noch bevor sie ihn in die Geheimnisse ihrer Familie einweihen konnte.

Es sollten noch einige Stundengläser des Wanderns vergehen, bis sich die Gruppe zur ersten Pause entschloss. Auf einer kleinen Lichtung, die von gut einem Dutzend Einbeersträuchern gesäumt war ließ sich Feyenhold auf einem Baumstumpf nieder. Noch immer hatten sie keine Anzeichen auf den Verbleib der Bewohner Gluckenhags, oder der Schwarzpelze gefunden…

„…bei der Gütigen…“, es war der geschockte Ausruf der Baronin, der ihn gedanklich wieder ins hier und jetzt zurückholen sollte. Gwidûhenna stand neben einem der vielen Einbeerensträucher und hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund.

Erst bei näherem Hinsehen konnte nun auch Feyenhold erkennen was die Baronin dermaßen erregt hatte. Der Strauch verdeckte die Leiche eines Orks, nein, vielmehr schien es ganz so als wäre der Strauch aus dem Leib des Schwarzpelzes gewachsen.

„Gharrachai…“, bemerkte nun Ritter Wilfred, der das Gehölz vom Leib des Orks entfernte. Die Leiche des Kriegers blickte ihnen mit vor Schreck geweiteten Augen entgegen. Auch die anderen Sträucher auf der Lichtung hatten den selben Ursprung – sie alle schienen aus den Leibern von toten Orkkriegern gewachsen zu sein.

„Hier scheint mächtige Magie am Werk gewesen zu sein.“, schlussfolgerte Feyenhold, was alle Umstehenden dazu verleitete ihre Talismane zu berühren, oder ein Schutzzeichen in die Luft zu schlagen. Die Baronin zog sich darauf mit angewidertem Gesichtsausdruck ihre Einbeerenblüte aus dem Haar, bevor sie sich sorgenvoll an den Junker wendete. „Was ist mit den Menschen Gluckenhags..? Ob sie dasselbe Schicksal…“, sie stockte.

Feyenhold hob unwissend die Schultern und als er sich von seiner Lehnsherrin abwandte fiel seine Aufmerksamkeit auf etwas gänzlich anderes. Unweit ihrer Gruppe schälte sich eine unbekannte Gestalt aus dem Unterholz. Es handelte sich hierbei um güldenhaarige elfische Schönheit mit großen eisblauen Augen.

„Sohn…mein Blut…“, Feyenhold fasste sich an den Kopf. Es schien ganz so, als entstünde ihre melodische Stimme tief in seinem Kopf. „…folge mir…mein Sohn…“

Der Junker blickte sich nach seinen Gefährten um, doch hatte es ganz den Anschein, als wäre er der Einzige, der die wunderschöne Elfenmaid erblicken konnte. Er fühlte keine Angst, sondern nur Neugier und Verbundenheit. So tat er wie es ihm geheißen ward und folgte ihr in den dunklen Forst.

Es dauerte nicht lange, da erreichten sie eine weitere Lichtung. Vor ihm, so weit der Blick im Walde reichte, türmten sich glatt behauene Granit- und Marmorblöcke mit stumpfen, von Wind und Wetter abgerundete Kanten, mit zur Unlesbarkeit verwitterten Mustern verziert und von Baumwurzeln zersprengt. Zwischen dem grün des Waldes glänzten weiße, zerbrochen Säulen und Bögen, die Reste der Ornatmente und steinernen Figuren waren von Efeu überwuchert.

„Ist...war das hier ein Schloss...?“, wollte Feyenhold wissen, doch erntete er für diese Frage nur einen mitleidigen Blick.

„…hier findest du wonach du suchst…mein Sohn…“, ihre Stimme entstand wieder in seinem Kopf. In ihrem melodischen Ton konnte Feyenhold das Zwitschern der Vögel des Waldes, das Plätschern des Dergels und den Wind in den Kronen der mächtigen Bäume hören.

„…Danke…“, der Junker wollte sich wieder zu seiner geheimnisvollen Begleiterin umwenden, doch war diese bereits verschwunden. Am Rande des Waldes sollte er nur einen prächtigen schwarzen Wolf erspähen, der ihn aus eisblauen Augen heraus musterte…

Es dauerte nicht lange bis Feyenhold die vermissten Menschen Gluckenhags fand – in der Sicherheit der Ruinen. 28 Köpfe konnte er zählen und niemand der Anwesenden konnten sich daran erinnern was genau ihnen hier geschehen war. Ein Mann soll jedoch fehlen – Ermenrich, der Älteste des Dorfes und jener Mann, der sie hierher geführt hatte. Er war und blieb spurlos verschwunden. Er sollte eine weitere Seele sein, die der Forst, oder vielleicht gar seine Herrin, nicht mehr herausgeben sollte...

-Ende-