Zwist im Hause Löwenhaupt - So sei es!

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So sei es!

Bärenburg in Trallop, Herzogtum Weiden
Mitte Travia 1041 BF

Walpurga ließ das eng beschriebene Büttenpapier sinken und warf ihrem Vetter einen irritierten Blick zu. Sie war nicht sicher, was sie vom Inhalt der Notiz halten sollte. Es fiel ihr schwer zu glauben, was sie da gerade gelesen hatte. Noch schwerer aber fiel ihr zu glauben, dass diese Übereinkunft tatsächlich von Emmeran ausgehandelt worden war. Das sah viel mehr nach seiner Gattin aus. Genau wie die Handschrift auf dem rein weißen Papier: schlanke Buchstaben mit elegant geschwungenen Bögen. Die Herzogin von Weiden runzelte die Stirn und reichte das Schreiben wortlos an ihren Kanzler weiter. Derweil huschte ihr Blick von Emmeran zu Yalagunde. Das stille Lächeln auf den Lippen der gebürtigen Garetierin verriet ihr alles, was sie wissen musste, um die Situation richtig einschätzen zu können.

„Schade, dass deine Mutter und dein Bruder sterben mussten, ehe es so weit kommen konnte“, meinte sie hernach an ihren Vetter gewandt.

Emmeran schnaubte verächtlich und hob die Schultern. Mehr Reaktion war ihm diese Bemerkung nicht wert, und Walpurga nahm es gelassen hin.

„Es wundert mich, dass du dich damit zufrieden gibst“, fügte sie an. „Das sieht ja tatsächlich so aus, als würdest du deinen Anverwandten in der einen oder anderen Sache ein bisschen entgegenkommen wollen? Wirst du auf deine alten Tage etwa doch noch milde?“

Emmeran schnaubte erneut, bekam die Zähne dann aber doch noch auseinander. „Spar dir die Sticheleien, Base“, brummte er. „Du kannst mir glauben, dass ich diesen dreisten Drecksack von einem Heeresfurz umgehauen und dann nur noch mit seiner Schwester gesprochen hätte, wenn es allein nach mir gegangen wäre. Aber mein Weib war ja unbedingt der Meinung, da...“

„Sein Weib ist der unbedingten Meinung, dass wir mit Selinde danach kaum noch hätten sprechen können“, fiel Yalagunde ihm ins Wort. „Sein Weib ist außerdem der Meinung, dass es gut verhandelt und alles aus der Sache herausgeholt hat, was herauszuholen war.“

Walpurga ließ den Blick zwischen Emmeran und Yalagunde hin und her gleiten. Ein Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln, doch sie verkniff es sich, denn sie wusste, dass der Graf es nicht leiden konnte, wenn die Diskussionen mit seiner verbal überlegenen Gattin bei Beobachtern Heiterkeit hervorriefen.

„Prüfen wir das“, meinte sie stattdessen schlicht. „Eberwulf, geh es Punkt für Punkt durch! Und du“, die Herzogin sah zu Gwynna hinüber, die sich bisher abseits gehalten hatte und so tat, als hätte sie mit dem Ganzen nichts zu tun, „komm her! Wenn mich nicht alles täuscht, ist überhaupt nur verhandelt worden, weil du deinen Einfluss geltend gemacht hast. Also hör gefälligst hin und mach uns drauf aufmerksam, wenn wir deiner Meinung nach etwas übersehen!“

„Selbstverständlich“, die herzogliche Beraterin trat einen Schritt näher und bedachte den versammelten Adel mit einem aufgeräumten Lächeln. „Ich helfe, wo ich kann.“

„Dann walte deines Amtes“, meinte Walpurga und machte eine sparsame Geste in Richtung Eberwulfs.

„Da hätten wir zuerst den Namen“, murmelte der Weißensteiner. „Die Perricumer sind bereit, das Löwenhaupt aufzugeben, möchten dafür aber so etwas wie einen ... nun ja ... Ersatz haben.“

„Ersatz? Was soll das heißen?“, hakte Walpurga nach.

„Ihnen schwebt etwas vor, das ihre Bande nach Weiden in irgendeiner Art verdeutlicht“, erklärte Yalagunde mit ruhiger Stimme. „Es geht darum, ihre Wurzeln weiterhin sichtbar zu machen, wenn ich das recht verstanden habe.“

„Als ob sie darauf etwas geben würden!“, donnerte Emmeran ungehalten. „Hat irgendwer von euch schon mal einen der beiden hier in Weiden gesehen, seit sie nicht mehr in die Windeln scheißen, hä? Nein?! Dachte ich mir. Das liegt daran, dass sie nie hier waren!“

Walpurga krauste die Nase und schüttelte den Kopf. „Mutet mir auch seltsam an“, meinte sie. „Aber wenn sie dafür auf unseren Namen verzichten: Sei es drum! Vorschläge?“

„Gruuzash? Nalgardis? Dragenfeld? Acheburg?“

Yalagunde verdrehte bei der Aufzählung ihres Gatten gequält die Augen, während sich Walpurga ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte. Emmeran hatte einige der gefährlichsten Orte Weidens benannt. Orte, die allesamt verflucht, hässlich oder doch wenigstens so ungastlich waren, dass kein Mensch freiwillig dort hin ging.

„Wie heißt noch gleich das Gut, das wir Wallbrord zugesprochen haben, als er seinerzeit nach Darpatien ging?“, fragte die Herzogin nach einer kurzen Pause.

„Pandlarilsforst“, gab Eberwulf ohne Zögern zur Antwort.

„Wer hält es jetzt?“

„Niemand. Es ist ... nun ja ... sozusagen nicht mehr vermittelbar“, erklärte der Kanzler stockend. „Nach seinem Tod fiel es heim und der letzte Ritter, dem ich es andienen wollte, ist lieber zurück in seine zugige Hütte nach Uhdenwald gegangen.“

„Hört, hört!“, Walpurga lachte leise. „Meine Weidener, stolz und stur wie eh und je.“

„Und beschränkt“, fügte Gwynna milde lächelnd an. „Klingt für mich, als wäre es an der Zeit, dem Gut einen neuen Namen zu geben. Ich setze mein Labor darauf, dass es dann von niemandem mehr abgelehnt wird. Es liegt gut und keiner deiner Weidener wird hernach begreifen, wer der Vorbesitzer war. Das ‚Pandlarilsforst‘ kannst du so ohne Schmerzen nach Perricum geben.“

„Nicht ganz ohne Schmerzen“, Walpurga strich sich mit einer nachdenklichen Geste übers Kinn. „Gerade du müsstest doch um die Bedeutung der Fee für die Mittnacht wissen. Und ausgerechnet den Namen dieses hehren Wesens sollen Wallbrords Kinder künftig tragen?“

„Wer ein bisschen Ahnung hat, wird den Namen mit Weiden in Verbindung bringen. Also ist kein Widerspruch zu erwarten“, meinte Gwynna leichthin. „Und du darfst mir glauben, dass die Fee nichts darauf gibt. Allzu derische Angelegenheiten haben sie noch nie interessiert. Sollten die beiden ihren guten Namen in den Dreck ziehen, können wir immer noch handeln.“

„Mit etwas Glück geben sie den nicht weiter“, mutmaßte Walpurga. „Geht ja nicht gerade leicht von der Zunge und ihnen bleibt immer noch das vom Berg ...“ Sie überlegte kurz und seufzte dann schwer. „Es sei beschlossen. Notier das, Eberwulf, und auch, dass wir einen neuen Namen für dieses Gut in der Stadtmark brauchen. Nächster Punkt, bitte!“

„Der Weidener Bär im Wappen des Jungen“, murmelte der Weißensteiner und schüttelte den Kopf. „Der ist ohnehin eine Anmaßung. Ihr habt ihn Wallbrord damals als persönliches Beizeichen gestattet. Das Recht, ein solches zu tragen, ist aber nicht vererbbar.“

„Da schau an!“, Walpurga schürzte die Lippen. „Und er hat den Nerv, darauf zu bestehen?“

„Nicht ganz“, Yalagunde schaltete sich nun wieder in das Gespräch ein. „Ich habe Selinde erklärt, auf was für einem schmalen Grat er sich bewegt. Und wie es scheint, würde er sich auch mit einem Bärenkopf zufrieden geben. Hier geht es wohl wieder darum, die Verbindung zu Weiden aufzuzeigen.“

Diesmal schnaubte Walpurga – und schaffte es nicht, zu verbergen, dass auch sie einen Hauch von Verachtung empfand: „Dafür, dass der junge Mann sich noch nie einen feuchten Kehricht um die Geschicke der Bärenlande geschert hat, hält er aber ganz schön krampfhaft an allem fest, was mit uns zu tun hat, hum?“

„Ansehen“, presste Emmeran unwillig zwischen den Zähnen hervor. „Es geht ihm allein um das Ansehen. Wie seinem Vater dereinst schon. Sie haben keinen Anstand, keinen Stolz und keine Ehre, diese verfluchten, gernegroßen Drecksäcke!“

„Gleich wie“, Eberwulf ließ sich vom allgemeinen Missmut nicht mitreißen, sondern wahrte seine fast schon sprichwörtliche Contenance. „Der Bärenkopf, die Bärenpratzen und dergleichen sind nichts, worüber wir zu befinden haben. Wir können Herrn Ugdalf natürlich verbieten, den Weidener Bären in seinem Wappen zu führen, denn wie ich schon sagte: Das ist eine Anmaßung. Doch alles Weitere liegt in seiner freien Entscheidung.“

„Dann soll er seinen Kopf eben haben“, Walpurga winkte ab, wobei die Geste ein bisschen in Richtung Vertreibung eines lästigen Insekts geriet. „Nächster Punkt!“

„Das Löwenhaupt.“

„Pah!“, entfuhr es Emmeran.

„Ich habe den Blason eben nicht ganz verstanden, fürchte ich“, meinte Walpurga und versuchte ihn sich noch einmal in Erinnerung zu rufen. „Als ich das las, ist vor meinem inneren Auge eine gar fürchterliche Monstrosität mit zwei Köpfen entstanden ...“

„Hmhum“, Yalagunde nickte und kramte eine Pergamentrolle aus ihrer Gürteltasche hervor. „Wenn besagte Monstrosität ungefähr so aussah, wart Ihr nah an der Wahrheit dran, schätze ich.“ Sie entrollte den Bogen und hielt ihn so, dass Walpurga das Bild darauf erkennen konnte.

„Naja“, murmelte die Herzogin daraufhin. „Es sieht nicht ganz so schlimm aus wie das in meinem Kopf.“ Sie blickte nachdenklich auf das geteilte Wappen, dessen eine Seite den Löwenhaupter Löwen zeigte – allerdings ganz auf Grün und ganz in Silber. Die andere Seite wurde vom Löwenkopf der Bergs eingenommen – Rot auf Schwarz. „Ich würde denen ja vorschlagen, aus den zwei Löwen einen zu machen“, brummte sie dann. „Vorzugsweise den der Bergs. Mit denen haben sie doch keinen Hader?“ Sie sah Emmeran fragend an.

„Nein, mit den Bergs haben sie keine Probleme. Ich glaube nicht, dass die denen ihren Löwen nehmen wollen. Aber wahrscheinlich werden die Kinder dann wieder anfangen zu jammern, dass man so ja gar nicht mehr erkennt, wie nahe sie dem Herzogtum Weiden stehen.“ Er zog die Nase kraus und schürzte die Lippen. „Ich würd da jedenfalls meinen Arsch drauf verwetten.“

„Ein einzelner Löwenkopf wäre jedenfalls eine sauberere Lösung als das Durcheinander da.“ Eberwulf starrte wie gebannt auf das Pergament. Walpurga hätte schwören können, dass ihr Kanzler etwas Grün um die Nase geworden war, als er das Familienwappen erblickte, das Ugdalf und Selinde führten. „Neben der Form gibt es ja auch noch die Farben“, meinte er dann. „Wenn sie eine Verbindung zum Wappen der Löwenhaupts wünschen ... können sie auf den schwarzen Schildgrund ein gespaltenes Löwenhaupt in Silber und Rot stellen. Dann wäre beides miteinander verschmolzen.“

Walpurga neigte den Kopf zur Seite, während sie das Wappen nach den Angaben ihres Kanzlers im Kopf neu zusammensetzte. „Würde gehen“, meinte sie dann. „Notier das und sprich mit Norgrimm darüber. Er soll einen Entwurf beibringen, den wir dem Boten mitgeben können. Sonst noch was?

„Ja“, Yalagunde rollte ihr Pergament wieder zusammen, derweil sie sprach. „Die Kinder der beiden werden in ihren persönlichen Wappen künftig weder Bär noch Löwenkopf führen. Es geht nur um diese Generation. Das möchte ich noch einmal betonen.“

„Geschenkt“, Walpurga nickte. „Nächster Punkt!“

„Ein Schreiben, in dem Ihr klarstellt, dass die beiden sich persönlich nichts zuschulden kommen ließen und nicht aus der Familie verstoßen wurden“, brachte Eberwulf zögernd vor.

Walpurga sah, wie Gwynna den Mund öffnete und bedeutete ihr mit einem knappen Wink, dass sie die Klippe auch wahrgenommen hatte, die es zu umschiffen galt.

„Ich werde gern ein Schreiben aufsetzen lassen, aus dem hervorgeht, dass sich keiner dieser beiden Weiden gegenüber jemals etwas hat zuschulden kommen lassen, aber ich werde nicht bezeugen, dass ihr Ruf auch darüber hinaus ohne Makel ist. Ich wär ja schön blöd! Mir sind da letzthin Dinge zu Ohren gekommen ... Heidewitzka, kann ich nur sagen!“

„Reden wir nicht darüber!“, knurrte Emmeran leise. „Sonst muss ich mich aufregen.“

„Wir sollten in jedem Fall festhalten, dass sie freiwillig auf den Namen verzichten“, Eberwulf fuhr fort, als sei nichts gewesen. „Das dürfte nicht nur für sie wichtig, sondern auch für die Weidener von Interesse sein. Das eine oder andere Gemüt wird diese Nachricht womöglich ein wenig besänftigen.“

„Damit könntest du recht haben“, meinte Walpurga und nickte bedächtig. „Fein, formulier etwas aus, Eberwulf. Ich schau es mir an und erteile dem Ganzen meinen Segen. Wenn wir alles zusammen haben, schnüren wir ein Päckchen und schicken ... wen? Unser Herold wäre mir offen gesprochen zu viel des Guten. Vielleicht ... hum ...“

„Darüber können wir später beraten“, meinte Eberwulf, während er etwas auf das Pergament kritzelte, das er die ganze Zeit schon in der Mache hatte. „Wie gedenkt Ihr, die Kunde in der Mittnacht zu verbreiten, wenn ihr die unterschriebenen Dokumente gesiegelt habt, Euer Hoheit?“

„Auf allen Wegen, die mir zur Verfügung stehen“, Walpurga antwortete, ohne groß zu überlegen. „Briefe an die Kanzleien und Herolde der Nachbarprovinzen sowie an die Hohen der Mittnacht, Aushänge an den üblichen Stellen, Ausrufer in allen Städten und größeren Ortschaften und meinetwegen eine Bekanntmachung im Fantholi, wie seinerzeit bei der Sache mit Wallbrords Edlentitel. Ich will, dass es jeder erfährt. Ich will, dass die Weidener wissen: Wir haben diese Sache aus der Welt geschafft.“

Sie hielt kurz inne und richtete ihren Blick erst auf Yalagunde, dann auf Emmeran: „Und ihr beiden: Wisset, dass ich dankbar für den unschätzbaren Dienst bin, den ihr unserer Familie mit dieser Sache erwiesen habt.“ Vor ihrem inneren Auge flammte just in diesem Moment das Bild eines Arlans mit hochrotem Kopf und gerechtem Zorn in den Augen auf. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr“, fügte sie im Anbetracht dessen noch hinzu.

„War mir selbst ein Anliegen“, brummte Emmeran. „Wenn du dich erkenntlich zeigen willst: Sorge in all deinen Briefen, Aushängen und Bekanntmachungen dafür, dass die Leute auch erfahren, welche Stunde es geschlagen hat. Wenn sich das Lumpenpack nach Inkrafttreten der Vereinbarung weiter anmaßt, unseren guten Namen oder unser Löwenhaupt im Wappen zu führen, sollte jeder Weidener von Stand das Recht haben, sie zu fordern und für dieses Vergehen zur Rechenschaft zu ziehen.“

„So sei es!“, meinte Walpurga und nickte entschieden.

Zugleich schüttelte Yalagunde seufzend den Kopf: „Das wird nicht geschehen, schließlich geben sie uns ihr Wort darauf! Habt doch bitte ein wenig Vertrauen. Es ist nicht Wallbrord, es sind seine Kinder.“

Von den anderen unbemerkt wog Gwynna an ihrem Eckchen des Tisches nachdenklich den Kopf. „Die Zukunft wird es zeigen“, murmelte sie leise.