Getreue Feinde - Gereizt

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Gereizt

Unterdessen folgte Lanzelind ihrer Schwertmutter schweigend aus dem Tempelgebäude. Anders als Alinja besaß sie nicht die Willenskraft, sich einen letzten sichernden Blick über die Schulter zu verkneifen, während sie sich vom Altar entfernte – und von dem hochgradig arroganten Schnösel, der noch immer davor stand. Zu unglaublich erschien ihr das, was sie sich im letzten halben Wassermaß hatte anhören müssen ... und was sie zu sehen bekommen hatte. Sichtbar erleichtert trat die mausgesichtige Novizin schließlich über die Schwelle des funkelniegelnagelneuen Tempels, schloss ihre Augen und holte ein paar Mal tief Luft. Den kurzen Moment der Einkehr beendete sie mit einem energischen Kopfschütteln und mühte sich dann, wieder zur Legatin aufzuschließen. Dabei schwankte ihr Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Zorn, Fassungslosigkeit und Verachtung.

Bedachte man, was sich gerade in den ach so ehrwürdigen Hallen des Saltheler Praiostempels abgespielt hatte, dann wirkte Hochwürden erstaunlich gelassen. Viel zu gelassen für Lanzelinds Geschmack. Wäre es nach ihr gegangen, dann hätten sie diesen eitlen Pfaffen ... hätten ihn ... ja ... ! Nunja ... . Sie räusperte sich unwillig und schüttelte abermals den Kopf. Unglaublich! Obwohl die junge Rauheneck selbst nicht gerade der allerbesten Kinderstube entstammte, war ihr sofort klar gewesen, dass das Betragen dieses speziellen Praioten weit über das normalerweise zu erwartende Maß an Unfreundlichkeit und Gedankenlosigkeit hinausging. Er war schlichtweg unverschämt gewesen.

Und dennoch ... Lanzelind war nun wieder an der Seite ihrer Schwertmutter, sie warf einen nachdenklichen Blick auf deren Gesicht ... und dennoch schien Alinja Leuenklinge von Norburg vollkommen ungerührt. Aus irgendeinem Grund hatte sie den aufgeblasenen Kerl nicht einmal auf das Maß zurechtgestutzt, das ihm eigentlich gebührt hätte. Warum auch immer. Sie würde es wohl nie verstehen... . Damit senkte die Novizin ihren Blick wieder und stapfte weiter schweigend neben der Prätorin des Balihoer Rondratempels einher.

Alinja warf Lanzelind einen Blick zu und lächelte. „Ich kann mir denken, was Du fühlst, Sktuigera, und ich kann es nachempfinden. Es mag schwer sein, das zu verstehen, aber nicht wir haben in diesem Tempel eine Niederlage erlitten. Wir wissen jetzt, womit wir es zu tun haben und können entsprechend vorgehen. Glaub’ mir, mein Bruder im Amte wird die Quittung bekommen und sie wird ihm nicht schmecken. Zuweilen ist es klüger, nachgiebig zu erscheinen, denn worauf es ankommt ist in diesem Fall das Ergebnis.“

Voller Zuneigung legte sie kurz eine Hand auf Lanzelinds Schulter. „Und ich finde, wir haben uns jetzt ein ordentliches Abendessen und einen Becher Honigwein verdient, eh?“

„Hum, natürlich. Wenn Ihr das sagt, wird es schon stimmen, Hochwürden.“ Lanzelind starrte nach wie vor verbissen geradeaus. Dennoch war es Alinja ein Leichtes, die steile Falte auszumachen, die sich auf der Stirn des Mädchens gebildet hatte, die halb trotzige, halb resignierte Energie zu deuten, mit der es einen Fuß vor den anderen setzte sowie das kaum merkliche Zucken seiner Mundwinkel. Nein, ihre Novizin war wahrlich keine Meisterin der Verstellung – und schließlich scheiterte sie gar in dem Bemühen ihren Ärger unkommentiert verrauchen zu lassen. Stattdessen hielt sie mitten in der Bewegung inne, wandte ihr Gesicht der Legatin zu und maß diese mit einem beinahe schon anklagenden Blick.

„Andererseits hat meine Großmutter stets gesagt: ‘Der Klügere gibt immer nur solange nach, bis er der Dümmere ist’. Das meint halt, dass der Klügere gerade weil er nachgegeben hat, irgendwann ganz plötzlich zum...„ , in eben jenem Moment schien der jungen Rauheneck mit einem Male bewusst zu werden, was sie da gerade sagte und sie riss erschrocken die Augen auf, „Oh je! Entschuldigt mich, Hochwürden. Ich bitte vielmals um Verzeihung. Ich wollte damit nicht andeuten, dass Ihr dumm seid. Das auf keinen Fall! Was ich sagen wollte war bloß, dass ... ich wollte sagen, dass... . Na ... dass ich hier die Dumme bin. Es tut mir sehr leid, Hochwürden. Ehrlich und aufrichtig Leid.“

Verlegen senkte sie den Kopf und Alinja glaubte eigentlich, dass nichts mehr von ihr kommen würde, dass sie demütig ihrer Antwort harrte. Doch gerade als die Legatin tatsächlich zu einer Erwiderung ansetzen wollte, fuhr Lanzelind erneut auf. Sie suchte den Blick ihres Gegenübers und setzte ihre Rede mit bebender Stimme fort. „Aber was ist, wenn es hier außer Euch nur dumme Leute gibt? Was, wenn niemand versteht, dass es keine Niederlage war? Was wenn alle Euer Verhalten falsch einordnen? Und was, wenn die sich gar nicht für das Ergebnis interessieren, weil sie nicht weiter als bis zu ihrer eigenen Nasenspitze gucken können? Dann stehen wir morgen ziemlich blöd da. Denn dieser ... dieser Mann gehört ganz bestimmt nicht zu jenen, die verstehen und er wird seinen Sieg gewisslich feiern wollen.“

Trotzig schob die kleine Novizin ihr Kinn vor. „Naja, und was mich betrifft, so kann ich vor allem eines nicht verstehen: Warum nur tun sie so etwas? Warum tun sie es immer wieder? Warum halten sie sich nicht an die Regeln der Etikette und behandeln ihre Mitmenschen nicht mit dem gebührenden Respekt, wo sie doch andererseits mit so viel Eifer darauf pochen, dass ein jeder solche Dinge im Umgang mit ihnen tunlichst beachten sollte? Warum trampeln sie ohne Reue auf den Gefühlen und dem Stolz ihrer Mitmenschen herum? Ist es die Gewissheit allein dem Höchsten der Zwölfe zu dienen, die sie so überheblich macht? Und ist das schließlich auch der Grund, warum man ihnen so was immer wieder nachsieht?“

Lanzelind fuhr sich mit einer zornigen Geste über die Wange und wandte sich dann rasch von ihrer Schwertmutter ab. „Aber all diese Fragen sind am Ende gar nicht so wichtig...“, mit flinken Fingern zupfte sie ihren Wappenrock zurecht und straffte ihre Haltung, „Ich will im Grunde nur eines wissen, Hochwürden. Bitte sagt mir, dass ... wenn sie nicht gerade ein wichtigeres Ziel verfolgen würde, dann müsste eine Geweihte der Herrin Rondra sich solcherlei doch nicht gefallen lassen, oder? Auch von einem Diener des Götterfürsten nicht.“

Alinja starrte Lanzelind verblüfft an, blinzelte einmal, als Lanzelind schon längst wieder schwieg, und atmete langsam ein.

Diese hier war anders, schoss es ihr durch den Kopf, nicht so still und duldsam wie Fiana, die ertragen hatte, stumm und stoisch und bei der es sie viel Mühe gekostet hatte, in ihr nur einen Bruchteil der Lebendigkeit und des Stolzes zu wecken, der ihr soeben entgegen geschwappt war. Diese hier war mehr wie – die Hochgeweihte runzelte ungläubig die Stirn, als sie sich ihrer eigenen Ausbildung erinnerte und diesen eben entstandenen Gedanken bestätigt sah – mehr wie sie selbst einst gewesen war. Fiana war mehr wie die Frau, die sie jetzt war, doch Lanzelind, ähnelte einer jungen, temperamentvollen und stolzen Alinja. Dieser Gedanke lenkte sie für den Moment so ab, dass sie ihr Auge schloss, um Rondra für diese Erkenntnis zu danken und sich still daran zu erfreuen, dass die Wege der Herrin unergründlich und doch immer gut und richtig waren – und so schön, wenn man dies erkannte.

Als sie ihr Auge wieder öffnete, lächelte sie warm und nickte anerkennend. Dann aber richtete sie sich auf und sah sich um. In der Tür des Praios-Tempels war ein Bannstrahler erschienen und verächtlich kräuselte sich die Oberlippe der Schwertschwester als sich ihre Blicke kreuzten.

„Eine gute Rede, Tochter. Eine, die eine ausführliche Antwort verdient. Doch nicht hier, wo unerwünschte Ohren aufschnappen könnten, was nicht für sie gedacht ist. Unser Bruder im Tempel,…“, sie schmunzelte, "im Rondratempel, sollte ich präzisieren, hat mir ein Gasthaus genannt, in dem man gut speisen kann und seine Ruhe hat. Lass uns dort hingehen.“

Lanzelind folgte dem Blick ihrer Schwertmutter und rümpfte zum Ausdruck einer ähnlichen Verachtung ihre Nase. „Wird sicher besser sein, wenn wir das tun“, murmelte sie dann leise und schloss sich Alinja an, die eben im Begriff war den Praiostempel und all die verirrten Seelen, die er beherbergte, hinter sich zu lassen, um endlich zum angenehmen Teil des Tages überzugehen.