Von Beonfirn nach Ognin

Von Beonfirn nach Ognin

Baronie Brachfelde, 4. Hesinde 1044

Der Himmel war grau und verhangen, als die Reisigen aus Urkentrutz dem Kloster von Beonfirn den Rücken kehrten. Es war an der Zeit weiterzureiten. Der kleine Begleittross der Baronin von Urkentrutz wurde wie immer von Waffenknecht Merthold und der Schildmaid Heidelind angeführt, ihnen folgten ebenfalls hoch zu Ross Lyssandra und der Schreiber Fromund Truchsess. Den Abschluss bildeten die Zofe der Baronin, Wigdis, und die beiden Mädchen, Eylin und Lyssandras neue Knappin Erlinde, die im Schlepptau noch drei Maultiere für das Gepäck mit sich führten. Dieses war in Beonfirn durch einen irdenen Krug mit dem berühmten Brachfelder Bärenbeiß ergänzt worden.

Auf dem „Olats Wall“ genannten Damm ging es direkt am Finsterbach entlang in Richtung Olat. Jenseits des Fialgralwas erstreckte sich das Nebelmoor. Die trübe Stimmung durch Kälte und Feuchtigkeit schlug den Reitern aufs Gemüt. Alles sah hier gleich aus. Nebel zog sich vom Moor bis über den Fluss und den Weg bis weit ins Land hinein. Dazu die verschneite Landschaft, ein Gemälde in Weiß und Grautönen. Aus dem Nebel heraus begann es zu schneien. Die winzigen aber zahlreichen Flocken wurden vom eisigen Firunsatem, der aus dem Nebelmoor herüberzog, über dem Land verteilt. Er biss und schnitt in die Gesichter der Reisigen. Die Reiter wechselten nun häufiger die Zügelhand, um die andere, inzwischen rot gewordene Hand, unter der Kleidung wärmen zu können. Zäh ging es voran. Dazu kam die indifferente Sicht, die dazu führte, dass man vollkommen das Zeitgefühl verlor. Nicht einmal der Ort Rabenbrück am jenseitigen Ufer des Finsterbachs war auszumachen, geschweige denn der Turm Idramun. Als einer der Türme von Olats Wacht sollte er die Sicherheit Weidens gegen die Orks sichern, die aus dem Nebelmoor heraus jederzeit wieder ihre Angriffe auf das Gebiet des Herzogtums führen konnten.

Lyssandra sorgte sich, dass sie Ognin nicht vor Einbruch der Nacht erreichen würden. Selbst bei Tageslicht war der Weg auf dem Damm nicht immer eindeutig auszumachen. Für die Pferde, Ponys und Maultiere konnte jeder Fehltritt über die Dammkrone hinaus zur tödlichen Falle werden. Wie sollte das erst bei Dunkelheit sein? Bei diesem Wetter waren die mehr als 30 Meilen nach Ognin fast nicht machbar, doch es gab auf dem Weg dorthin nichts, wo sie hätten einkehren können.

Das Licht wurde schon schwächer als die Pferde der beiden Reiter vor Lyssandra plötzlich scheuten. Vor allem die Schildmaid Heidelind hatte ihre Mühe damit ihr Ross vor dem Abrutschen von der Dammkrone zu bewahren. Man vermeinte einen Reiter zu erkennen, der ihnen in einiger Entfernung auf dem Damm entgegenkam. Merthold rief laut und vernehmlich: „He da! Wer seid Ihr?“

Der Nebel waberte wieder dichter vom Moor herüber und verschluckte den Reiter. Er war nicht mehr zu sehen. Der Waffenknecht machte Anstalten seine Nordmähne wieder anzutreiben, doch der Wallach gehorchte ihm nicht. Er schnaubte und riss den Kopf hoch. Ebenso die Nordmähne auf der Heidelind saß. Diese stieg sogar, so dass die Schildmaid sich am Sattelknauf festhalten musste und nur mit Mühe auf dem Pferderücken blieb. Ein Windstoß kam und riss den Nebel ein wenig auf. Nun konnte auch Lyssandra erkennen, was die beiden Pferde scheuen ließ. Etwa zwanzig Schritt entfernt war eine Gestalt auszunehmen, deren Anblick das Blut in den Adern gefrieren ließ. Auf einem Pferd, dessen faulendes Fleisch in Fetzen herunterhing und bei dem an den Vorderläufen die blanken Knochen zu sehen waren, saß ein kopfloser Reiter. Der Nebelritter!, schoss es Lyssandra durch den Kopf. Natürlich kannte sie die Schauergeschichten über den kopflosen Reiter im Nebelmoor. Yolanda hatte sogar eine Weise zu der Sage um den unseligen Ritter geschrieben und gesungen. Sie erinnerte nicht mehr alle Strophen, aber sie wusste noch, dass man den Geist nur besänftigen konnte, wenn man für jeden der Zwölfgötter eine Münze in den neben dem Damm dahinströmenden Fialgralwa warf. Die Gefahr, dass der Geist sie angriff, so wie es in der Sage hieß, und die Pferde scheu machte, so dass sie entweder in den Finsterbach oder in einen der Teiche und morastigen Tümpel auf der anderen Seite abrutschten, war groß. Die Baronin musste das verhindern. Zudem hatten sie keine Zeit zu verlieren, sie wollten schließlich noch Ognin erreichen. Also zog sie ihre Geldkatze hervor, erhob die Stimme und rief der Geistererscheinung zu: „Die Zwölfe zum Gruße, Fremder! Sieh hier in meiner Hand meine Geldkatze. Ich werde ihr jetzt 12 Münzen entnehmen und für jeden der Zwölfe eine dem Fialgralwa übergeben. Ist es das, was du von uns begehrst?“

Der Kopflose rührte sich nicht. Was hatte sie auch erwartet? Schließlich konnte er weder nicken noch antworten. Lyssandra schalt sich für die Erwartung, dass sie von dem Nebelritter eine Reaktion bekommen würde. Heidelind und Merthold hatten ihre Pferde inzwischen hinter die Warunkerstute ihrer Dienstherrin bugsiert. Die Urkentrutzerin war also für den Geist gut zu erkennen. Mit einer deutlichen Geste holte sie die erste Münze hervor. „Diese hier ist für den Götterfürsten, den Herrn Praios!“ Sie warf die Münze in den Fluss, man konnte das „Plopp“ des Eintauchens vernehmen.

Wieder keine Reaktion des Geisterritters.

„Diese Münze spenden wir unserer Herrin Rondra, der Sturmleuin!“

Ein weiteres „Plopp“ kündigte das Eintauchen der Münze an. Das Pferd des Nebelritters begann ungeduldig mit dem halb skelettierten Vorderhuf zu scharren. Es ging ihm offenbar nicht schnell genug.

„Nun, diese zwei Münzen“, sagte Lyssandra und hielt zwei Münzen zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe, „sind für die Herrinnen Travia und Peraine!“

Dieses Mal konnte man zwei Münzen eintauchen hören. Wieder griff die Baronin in die Geldkatze. „Lass uns die Herren Phex und Firun mit diesen beiden Münzen ehren!“

Plopp-plopp. Die Hälfte war geschafft. Der Nebelritter trieb sein faulendes Ross zwei Schritte nach vorne. Dardanella, die treue Warunkerstute hob angespannt den Kopf und drehte die Ohren nervös mal nach vorne, dann wieder nach hinten. Spannung ging durch ihren Körper, sie machte sich bereit, jeden Moment zu fliehen.

„Sieh, hier habe ich noch weitere Münzen. Wir wollen die Junge Göttin Tsa und die weise Hesinde ehren!“

Plopp-plopp landeten erneut zwei Münzen im Finsterbach. Schnell warf Lyssandra die nächsten zwei Münzen hinterher, nachdem sie diese präsentiert hatte. „Für Ingerimm und die liebliche Rahja!“

Noch einen Schritt machte der Nebelritter. Nun war es um die Fassung der Warunkerstute geschehen. Sie begann rückwärts zu treten und stieß mit ihrem Hinterteil an die beiden Nordmähnen ihrer Begleiter. Unruhe kam auf. Die Baronin vernahm das Chaos, das hinter ihr begann. Hörte die entsetzten Rufe ihrer Tochter, der Knappin und der Magd. Lyssandra versuchte das auszublenden. Sie konzentrierte sich darauf ihre tänzelnde Stute auf dem Damm zu halten. Mit einer Hand an den Zügeln fingerte sie mit der letzten eine weitere Münze hervor. „Für Efferd!“ schrie sie dem Geist entgegen. „Oder soll ich sie lieber Fialgralwa spenden?“

Natürlich kam keine Reaktion und somit beeilte sich Lyssandra eine zwölfte Münze aus der Geldkatze zu befördern. Ein Glück, dass sie genügend Münzen eingesteckt hatte. Sie hielt sie hoch in die Luft, so dass der Nebelritter sehen konnte, dass es sich um einen Silbertaler handelte. „Und diesen letzten hier, den spende ich dem Herrn Boron, auf dass er dir endlich deine wohlverdiente ewige Ruhe schenken möge!“

Das satte „Plopp“, das die letzte der zwölf Münzen verursachte, war kaum verklungen, da waberte der Nebel erneut auf, schlug sich vom Nebelmoor auf den Damm und bis über den Finsterbach. Er verschluckte den Ritter.

Lyssandra atmete tief durch. Es schien so als habe die alte Sage ein Fünkchen Wahrheit transportiert. Sie blickte sich um. Hinter ihr war noch immer Chaos. Die Magd Wigdis, des Reitens noch ungeübt, war von ihrem Reittier gefallen. Das hatte sein Heil in der Flucht gesucht. Ihm nachgesetzt hatten Eylin und Erlinde, die das Pony für Wigdis einfingen. Fromund Truchsess, der Schreiber, war abgesessen und hatte Wigdis auf die Beine geholfen. Zum Glück war niemand vom Damm abgerutscht. Es dauerte eine Weile bis Wigdis wieder im Sattel saß und die Ordnung in der Truppe wiederhergestellt war, dann gab die Baronin das Zeichen, weiterzureiten. Widerstrebend setzten sich die Nordmähnen der beiden bewaffneten Begleiter an die Spitze. Schritt für Schritt wagten sie sich in den Nebel hinein. Erst nach einiger Zeit trauten sich alle Reisigen wieder entspannt durchzuatmen. Vom Nebelritter war nichts mehr zu sehen.

Dafür kroch nun die Dunkelheit ins Land. Nur noch mit Mühe konnte man den Weg auf der Dammkrone erkennen. Die Pferde trotteten erschöpft vor sich hin, als endlich in einiger Entfernung vor ihnen am Flussufer ein dunkler Felshügel aufragte, gekrönt von einem steinernen Turm, nach dem Lyssandra Ausschau gehalten hatten. Sie erinnerte sich nämlich, einmal tagsüber in der Gegend gewesen zu sein in ihrer Zeit als Knappin bei Accolon von Brachfelde. Um diesen Felsen, den die Einheimischen Ogniner Brocken nannten, rankte sich ein trauriges Gedicht, das ihr in Erinnerung geblieben war: Es handelte von dem Riesen Ognin, der auf der Suche nach einer Gefährtin von einer bösen Hexe ins Nebelmoor gelockt worden war. Er wurde schließlich zu Stein, als er sich am rettenden Flussufer zur Ruhe legte. Immerhin war der Alte Turm auf dem Hügel, einer der Türme von Olats Wacht, das Zeichen dafür, dass sie am Ziel waren. Denn dort, direkt am südlichen Ufer des Finsterbachs lag das Dorf Ognin. Die Wachen an der Palisade ließen die Reisigen ein und schon bald darauf konnten sie sich und ihren Pferden Ruhe gönnen. Da der Ritter zu Ognin, Galathan von Firunsgrund, mit einer Finsterborn den Traviabund geschlossen hatte, ließen sie es sich nicht nehmen, anzufragen, ob denn zumindest die Edlen der Reisigen auf dem Gutshof Quartier und Gastung bekommen könnten. Es dauerte nicht lang, dann bekamen die Baronin von Urkentrutz und ihre Begleiter die Kunde, dass sie im Gutshof hochwillkommen seien.

Ein Mann erschien und stellte sich als Ehrebor Gerdenwald, rechte Hand und Waffenknecht des Ritters Galathan vor. Auch die Urkentrutzerin stellte sich und ihre Begleiter vor und bat Ehrebor, ihr den Ort zu zeigen. Der Vertraute des Ogniner Ritters führte die Reisigen durch den kleinen, verwunschen wirkenden Ort. Die meisten Häuser waren klein und solide gebaut. Lyssandra, dass das Dorf während der vergangenen Orkenstürme zweimal komplett zerstört und wiederaufgebaut worden war. Weiter berichtete er, dass ein zwergischer Baumeister, Brodrosch, Sohn des Bengram, die soliden Hütten geplant hatte, bevor er verschleppt worden war und nun sein Leben, geistig zerrüttet, in der Obhut der Thêrbuniten zu Beonfirn fristete. Was der Finsterbornerin sofort auffiel, als sie die vielen, mit aufwändig geflochtenen Kräuter- und Trockenblumenkränzen geschmückten Türen sah, war die hohe Verehrung, die die Ewig Junge in diesem Dorf erfuhr. Ehrebor nickte bestätigend. Der Wiederaufbau nach der Zerstörung, den Ognin bereits zweimal erleben musste, so sagte er, bestärkte die Dorfbewohner in ihrer Hinwendung zur Allesspendenden. Der Waffenknecht zeigte der Baronin von Urkentrutz auch den „Blütenschrein“, welcher der Göttin Tsa gewidmet und mit schönen Schnitzereien verziert war. Neben der Jungen Göttin verehrte man den eisigen Firun mit einem weiteren Schrein.

Schließlich näherten sie sich dem einfachen, doch soliden Rittergut, das aus zwei Wirtschaftsgebäuden und einem zweistöckigen Wohnhaus bestand, den einzigen Steingebäuden im Dorf. Auch hier prangte ein schöner Kranz aus Trockenblumen und immergrünen Zweigen an der Tür. Eine Magd begrüßte sie und führte Lyssandra und ihre Begleiter hinein.

Nachdem man sich frischgemacht und die Reitkleidung gegen warme und repräsentable Kleider getauscht hatte, begab man sich in den Rittersaal. Während sich Galathan von Firunsgrund noch etwas distanziert im Hintergrund hielt, kam Lyssandra, die sich in ein nachtblaues, figurbetontes Kleid gewandet hatte, eine gutaussehende Blondine freudestrahlend entgegen. Die Frau trug ein mit hübschen Mustern besticktes, langärmliges Kleid, das ihre weiblichen Rundungen trefflich zur Geltung brachte. Sie mochte ein wenig jünger sein als die Baronin von Urkentrutz und diese musste zugeben, dass das dunkle Rot ihr äußerst gut stand.

„Den Gruß der Zwölfgötter für dich, werte Base!“, begrüßte Perchtrudis von Finsterborn die Verwandte. Sie breitete die Arme aus und drückte die Urkentrutzerin an ihre wogende Brust. Mit demselbem Schwung, wie sie die Umarmung vollzogen hatte, drehte sich die Edle um.
„Darf ich dir und deinen Begleitern meinen Gemahl vorstellen? Galathan, kommst du mal her, bitte?“

Nun trat auch der drahtige, hochgewachsene Mann nach vorne. Seine feinen Gesichtszüge ließen elfische Vorfahren vermuten, wie Lyssandra interessiert feststellte. Galathan von Firunsgrund trug sein glattes, schwarzes Haar schulterlang. Er musterte die Baronin mit einem nicht deutbaren, durchdringenden Blick aus seinen wachsamen, grünen Augen. Leise und mit angenehmer Stimme begrüßte er nun die Hochadelige aus dem südlichen Weiden.
„Die Zwölfe zum Gruße, Euer Hochgeboren, Travia vor! Es ist uns eine Ehre, Euch und die Eurigen als Gäste begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Ihr seid gut durch den Nebel gekommen?“ Trotz der freundlichen Worte zeigte Galathan nur ein bemühtes Lächeln, was Lyssandras Eindruck verstärkte, dass der Ritter sich in der Gesellschaft anderer Adliger nicht sonderlich wohl fühlen könnte. Ganz im Gegensatz zu seiner Gemahlin.

Nun war es an Lyssandra ihre Begleiter vorzustellen. Perchtrudis schien sogleich entzückt zu sein, dass die Baronin in Begleitung ihrer jüngsten Tochter und auch einer noch sehr unsicher wirkenden, jungen Knappin war.
„Das ist aber schön, Eylin, dass du so früh schon mit deiner Mutter reist und so wichtige Kontakte für dein späteres Leben knüpfst. Du wirst bestimmt viel von deiner werten Frau Mama lernen! Ich habe selbst zwei Söhne, Odalbrecht und Olberich, die momentan als Pagen auf Olats Feste dienen und im kommenden Götterlauf in den Knappendienst treten werden, so wie du Erlinde es gerade erst getan hast. Ich bin sehr stolz auf meine Zwillinge!“

Man konnte ihrem Strahlen ansehen, dass sie eine liebevolle Mutter war. Perchtrudis hakte sich bei Lyssandra ein und führte sie zur gedeckten Tafel.
„Was für ein Glück, dass ich gerade hier bin. Normalerweise lebe ich auch auf Olats Feste bei meinen Söhnen und unterstütze dort meinen Vater bei seiner Aufgabe als Kämmerer der Altgräfin Walderia. Permine, meine Zwillingsschwester, lebt auch dort. Sie ist Dienstritterin Walderias. Ich reise auch in den kommenden Tagen schon wieder ab. Hast du vor, meinem Vater auch einen Besuch abzustatten? Du musst mir überhaupt von deiner Reise erzählen. Wo wart ihr denn schon überall und wo soll es noch hingehen?“

Die Baronin ließ sich bereitwillig führen. Was Galathan schweigsam und zurückhaltend war, machte Perchtrudis an Temperament und Redseligkeit wett. Nachdem alle Platz an der Tafel gefunden und mit dem ersten Becher warmem Met angestoßen hatten, erzählte Lyssandra, dass sie auf ihrer Reise bisher in den Baronien Waldleuen, Schneehag und Brachfelde gewesen war. Sie erzählte von ihren Bemühungen um die Neugründung eines Thêrbunitenordenshauses und berichtete von ihrem Besuch in Chircin bei ihrem Schwertvater Accolon und seiner Gemahlin Yolanda, sowie bei deren Bruder Gamhain von Brachfelde auf der barönlichen Feste.

Als die Namen der Brachfelder Geschwister fielen, kam Perchtrudis ins Schwärmen. Sie erzählte, dass ihr Sohn Odalbrecht bei Rondrasil von Brachfelde Knappe werden würde und freute sich dann um so mehr zu hören, dass die junge Ritterin Mirya von Brachfelde mit den Beonitern nach Urkentrutz ziehen würde.
„Oh, was für eine tolle Neuigkeit. Da wird sich Olberich aber freuen, wenn ich ihm das erzähle. Er soll nämlich ab dem kommenden Götterlauf Ritterin Mirya als Knappe dienen. Dann wird er ja ganz in deiner Nähe sein! Was für eine Freude!“

Lyssandra freute sich mit ihrer Base. Nun war sie gespannt, die Söhne der Verwandten näher kennenzulernen und kam auf ihre Besuche bei verschiedenen Familienmitgliedern zu sprechen.
„Nun ich wollte gerne noch deinen Bruder Leoderich auf Gut Moosried besuchen, das wohl nicht weit von hier ist und auch deinem Vater auf Olats Burg meine Aufwartung machen.“

„Oh wie schön!“, flötete Perchtrudis. „Da begleite ich dich. Leoderich habe ich auch schon eine Weile nicht mehr gesehen. Ich denke, das letzte Familientreffen ist etwa einen Götterlauf her, nicht wahr, Galathan?“

Der Angesprochene nickte bestätigend und brummelte etwas Unverständliches.

Perchtrudis schien auch gar nicht mit einer Erwiderung zu rechnen. Sie plapperte weiter drauflos. „Da du die Beoniter ja für dich gewinnen willst, wirst du sicher auch Mutter Oleana in Beonsquell besuchen, nicht wahr? Warst du eigentlich auch bei Seola?“
Die Gemahlin des Ritters von Ognin verdrehte empört die Augen, als sie den Namen aussprach.

Auf diese Frage hatte Lyssandra schon gewartet. Sie umschiffte die Antwort zunächst, indem sie bestätigte, dass sie die Äbtissin von Beonsquell aufsuchen wolle und auch plane, Ritter Raul von Finsterborn auf Gut Korningen zu besuchen. Doch Perchtrudis ließ nicht locker.
„Von Seola hört man ja die haarsträubendsten Geschichten! Ich sage dir, sie ist eine Schande für die ganze Familie! Kümmert sich nicht um ihren Sohn! Hat sogar freiwillig darauf verzichtet, dass er ihren Namen trägt. Das muss man sich mal vorstellen! Das soll eine Finsterborn sein? Unfassbar. Aber du weißt ja, was man so munkelt. „Sie ist wohl mehr in ihrem gut gefüllten Weinkeller oder bei einem Humpen Bier anzutreffen als für die Sturmleuin Göttinnendienste abzuhalten.“

Lyssandra verstand. Auch sie hatte bereits Gerüchte darüber gehört, dass die Rondrageweihte der Trunksucht verfallen war. Ebenso maßlos und ungestüm wie ihre Liebesbeziehung zu Ritter Brin von Trutzkahn zu Eschenbach, aus der auch der gemeinsame Sohn Treuhardt stammte, war ihr Umgang mit alkoholischen Getränken. Seit sie auf dem Rhodenstein zur Schwertschwester geweiht und mit der Aufsicht über die Rondrakapelle „Eichenwacht“ in Mallaith betraut worden war, war es stiller um sie geworden. Es hieß, dass die Ritterin Elana von Funkenstreich zu Mallaith mit der störrischen und lasterhaften Rondradienerin gut umzugehen wusste. In der Familie Finsterborn aber war Seola das schwarze Schaf. Man mied sie und umging es nach Möglichkeit, ihren Namen auch nur auszusprechen.

„Tatsächlich haben wir kurz dort Rast gemacht und sind nach einem Gebet und einer Vesper weitergeritten“, erklärte die Baronin.

„Wo wir gerade beim Reisen sind, Lyssandra. Ich würde ja zu gerne meinen Olberich besuchen, wenn er in Urkentrutz seinen Knappendienst leistet. Dann könnte ich auch den Rest deiner Familie kennenlernen. Du hast doch noch einen Sohn und eine Tochter, nicht wahr? Deinen Bruder Horatio kenne ich ja schon. Er lebt ja nicht weit von hier, auf Dragentodt. Stell dir vor, er war sogar beim letzten Familientreffen zu Besuch auf Gut Moosried. Aber wir wollten ja von Tsafira sprechen. Ich bewundere sie so. Wie sie ihr Leben so selbstbestimmt führt, ganz nach den Prinzipien der Ewigjungen. Sie folgt einfach den Eingebungen der Jungen Göttin.“

„Das ist richtig, Perchtrudis. Sie dient der Jungen Göttin, voll und ganz. Ob du sie aber in Urkentrutz vorfindest, wenn du Olberich dort besuchst, und hoffentlich auch mein Gast sein wirst, kann ich dir nicht versprechen. Sie ist so unstet wie die Göttin, der sie dient. Mir tut Saria, ihre Tochter manchmal leid. Sie ist etwa im Alter von Eylin und kennt kein wirkliches Zuhause. Immer ist sie mit der Mutter unterwegs, lebt mal hier mal da für ein paar Götterläufe und zieht dann weiter. Ich weiß nicht, ob das ein Leben für ein Kind ist… “

Die Verwandte nickte. Sie konnte heraushören, dass Lyssandra eher so ihre Schwierigkeiten mit der unsteten Lebensweise ihrer Schwester hatte. Perchtrudis hingegen, die wie die meisten Ogniner Tsa sehr verehrte, bewunderte die konsequente Lebensweise der Dienerin der Eidechse. Ja, vielleicht wünschte sie sich sogar manchmal ein klein wenig, auch so frei entscheiden zu können, was sie trieb und wo es sie hinzog.

Während des Abendessens bekam Lyssandra dann auch Gelegenheit sich ein wenig mit Galathan von Firunsgrund zu unterhalten. Sie fragte nach der Sicherheit hier an der nördlichen Grenze der Grafschaft, nach Orküberfällen und den Sicherheitsmaßnahmen vor Ort.

Galathan schien mit dieser Art von Fragen deutlich mehr anfangen zu können als mit dem „Geplauder“ über die seiner Ansicht nach unübersichtliche Verwandtschaft seiner Gemahlin. Der deutlich in sich gekehrte Ritter selbst stammte aus Herzoglich Weiden, wobei die Junkersfamilie von Firunsgrund bei weitem nicht so alt und weitverzweigt war wie die der Finsterborns. Und dass der Ritter Firuns Gebote hochhielt, war unschwer daran festzumachen, wie grimmig er vor dem Feind warnte, der jenseits des Nebelmoors finstere Pläne schmiedete, um abermals das Herzogtum anzugreifen. Irgendwie erinnerten Lyssandra Galathans düsteren Worte an den Baron von Schneehag. Sie wunderte sich, wie die fröhliche Perchtrudis es wohl mit dem zu allem entschlossenen Ritter von Olats Wacht aushalten konnte. Aber sie bemerkte auch, dass er ihr durchaus liebevolle Blicke schenkte und sehr aufmerksam war, um ihr zur Hand zu gehen oder Wein nachzuschenken. Und er schien Gefallen an Lyssandras klugen Fragen zu finden, so dass auch seine Anspannung ihr gegenüber allmählich nachließ. Das versöhnte die Baronin wieder mit seiner etwas gewöhnungsbedürftigen Art.

Es wurde ein kurzweiliger Abend, bei dem die Urkentrutzerin viel über den Familienzweig der Finsterborns erfuhr, den es in den Norden des Herzogtums, nach Brachfelde, nach Mittenberge und sogar in die Stadtmark Trallop verschlagen hatte. Sie versuchte sich alles so gut wie möglich zu merken. Ihre Base Perchtrudis kannte eine Unmenge an Geschichten rund um die verschiedenen Familienmitglieder, die sie wortreich und mit ausladenden Gesten den Reisenden aus Urkentrutz erzählte. Auch erhielt sie von Galathan einen guten Überblick über die Aufgaben und Herausforderungen von Olats Wacht und wie die gräflichen Ritter entlang des Finsterbachs ihren Dienst versahen. Kein Wunder, dass Lyssandra der Kopf brummte, als sie spät in der Nacht in Borons Arme sank.